40 Jahre Olympia-Geiseldrama "Ich wusste sofort, dass alle tot waren"

40 Jahre Olympia-Geiseldrama: "Ich wusste sofort, dass alle tot waren" Fotos
Esther Roth

Sechs Jahre hatte Esther Schachamorov für diesen Traum gekämpft: Als erste Israelin schaffte es die Sprinterin 1972 bei Olympischen Spielen bis ins Halbfinale. Dann nahmen palästinensische Terroristen elf ihrer Teamkollegen als Geiseln - und die junge Frau stand vor der Entscheidung ihres Lebens. Von

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Am schlimmsten war für Esther Schachamorov der Gedanke, dass er nun da unten lag, im kalten Frachtraum der israelischen El-Al-Maschine, während sie hier oben saß, in einem bequemen Sitz neben den anderen Flugpassagieren.

Unten die Toten. Oben die Überlebenden. Sie reisten in demselben Flugzeug nach Israel zurück.

Esther Schachamorov gehörte zu den Überlebenden der Geiselnahme bei den Olympischen Spielen in München 1972, die nach einer dilettantischen Befreiungsaktion in einem Blutbad geendet hatte. Für sie war es die bitterste Heimreise in ihrem Leben. Denn unter den Toten war ihr Coach Amitzur Schapira. Der Mann, der sechs Jahre zuvor ihr Talent entdeckt hatte. Der sie zur besten israelischen Leichtathletin und zu einer der schnellsten Hürdenläuferinnen der Welt gemacht hatte. Der Mann, von dem sie sagt, er sei wie ein Vater für sie gewesen.

Gedemütigt vor laufenden Kameras

Voller Träume waren die beiden wenige Tage zuvor gemeinsam nach München geflogen. Jetzt kehrten sie getrennt zurück, und als die Maschine am Ben-Gurion-Flughafen bei Tel Aviv landete, versank ein ganzes Land in Trauer und Apathie.

Zehntausende erwarteten die Maschine und begleiteten die Särge zu den verschiedenen Friedhöfen in ganz Israel. Elf Teilnehmer der Olympiamannschaft hatten die Entführung durch das palästinensische Terrorkommando Schwarzer September nicht überlebt. Die Toten waren zwar nicht die ersten israelischen Terroropfer im Ausland. Doch nie zuvor war Israel dermaßen paralysiert und gedemütigt worden.

Fast vierzig Jahre ist das nun her, doch Esther Roth, wie die Sprinterin heute heißt, teilt die Welt immer noch ein in die Zeit vor und nach München 1972. Derzeit ist sie wieder eine gefragte Gesprächspartnerin. Die ARD etwa zeigt am Sonntag, 22. Juli, kurz vor Beginn der Olympischen Spiele in London, ein detailliert rekonstruiertes Doku-Drama der tragischen Ereignisse: "Vom Traum zum Terror - München '72" - ein Protokoll geplatzter Träume und folgenschwerer Pannen, produziert von SPIEGEL TV.

Ein friedliches, weltoffenes Deutschland

Wenn Roth über die Zeit vor der Geiselnahme redet, dann klingt das so, als könne sie selbst nicht fassen, wie naiv sie damals war. Und mit ihr die Sicherheitskräfte. "Uns wurde lediglich geraten, vorsichtig zu sein, wenn wir Post bekämen. Darin könnte sich etwas Explosives befinden", erinnert sie sich im Interview mit einestages. "Und wir sollten aufpassen, wenn wir etwas Merkwürdiges in den öffentlichen Mülleimern sahen. Das war alles."

Angst hatte sie zu keiner Zeit. Der Leiter der israelischen Olympiamannschaft sah die Situation hingegen realistischer. Er beschwerte sich darüber, dass einige seiner Athleten in Appartements im ersten Stock untergebracht waren. Ein paar Etagen höher wäre es doch wesentlich sicherer. Der Einwand wurde ignoriert.

36 Jahre, nachdem die Nazis die Olympischen Spiele in Berlin als martialische Propagandaplattform für ihren Größenwahn missbraucht hatten, wollte sich Deutschland besonders weltoffen, friedlich und fröhlich präsentieren. Ohne waffenstarrende Polizisten. Das gelang. Esther Schachamorov fühlte sich wohl in München. Sie war schon zuvor auf Wettkämpfen in der Bundesrepublik gewesen, trainierte mit deutschen Athletinnen und konnte Sätze wie "Auf die Plätze, fertig, los!" rufen.

Fotos von 1972 zeigen eine dunkelhaarige Zwanzigjährige, die, anders als viele ihrer Konkurrentinnen, immerzu unbeschwert zu lächeln schien. "Es war eine wundervolle Atmosphäre", erinnert sie sich. "Für mich war es ein Traum, in München zu sein." Ein Traum, für den sie mit ihrem Coach Amitzur Schapira jahrelang gearbeitet hatte.

"Das ist der glücklichste Tag in meinem Leben!"

Nun erntete sie die Früchte dieser Arbeit - und schrieb Geschichte. Im Halbfinale des Hundertmeterlaufs landete sie zwar auf dem undankbaren fünften Platz und verfehlte das Finale nur um vier Tausendstel. Doch mit 11.45 Sekunden hatte sie in der Vorrunde einen neuen israelischen Rekord aufgestellt, der bis heute Bestand hat. Und gleichzeitig entfachte sie eine beispiellose Begeisterung in ihrer Heimat.

"Viele Israelis haben sich damals extra einen Fernseher gekauft, um mich zu sehen", erzählt sie. "Die Straßen waren leer und die Knesset unterbrach sogar ihre Sitzungen, damit die Leute meinen Wettkampf sehen konnten." Sie sahen, wie Schachamorov am 4. September 1972 auch in ihrer Paradedisziplin Hürdenlauf mit persönlicher Bestzeit das Halbfinale erreichte. Wie schon beim Hundertmeterlauf war das noch keiner israelischen Olympionikin gelungen.

"Ein großartiger Moment", erinnert sie sich. "Mein Coach Amitzur fühlte sich wie auf Wolke sieben und sagte mir: 'Das ist der glücklichste Tag in meinem Leben!'" Die ganze Mannschaft feierte an diesem Abend ausgelassen, besuchte gemeinsam ein Musical, trug ihre Heldin auf den Schultern. Dann, am nächsten Morgen, begann der Alptraum.

Augenzeugen wider Willen

Am 5. September um 4.10 Uhr waren acht Männer des Terrorkommandos Schwarzer September in das olympische Dorf eingedrungen und hatten im Männertrakt elf Israelis als Geiseln genommen, von denen eine beim Fluchtversuch erschossen wurde. Die Attentäter verlangten die Freilassung von 236 in Israel inhaftierten Palästinensern sowie die Entlassung der RAF-Terroristen Ulrike Meinhof und Andreas Baader aus deutscher Haft.

Schachamorov selbst wohnte nur 200 Meter vom Ort der Entführung entfernt im Frauentrakt der Mannschaft. Morgens wurde sie von deutschen Sicherheitsbeamten geweckt und mit dem Rest ihres Teams in den sicheren Keller eines Verwaltungsgebäudes gebracht. Im Notquartier stellte sie entsetzt fest: Ihr Trainer Schapira war nicht da.

Wider Willen wurde die Rumpf-Mannschaft Augenzeuge des Geiseldramas. Sie sah im Fernsehen die Bilder von den Entführern, die sich in Strumpfmaske auf dem Balkon des besetzten Apartments zeigten. Erfuhren von den lähmenden Verhandlungen. Und wussten, dass sich die israelische Regierung niemals Forderungen von Terroristen beugen würde.

Laufen für den entführten Freund

Die Athleten waren verängstigt, gereizt, trotzig. Einige wollten am liebsten selbst zu den Waffen greifen. Und alle waren sich einig: Esther Schachamorov solle am nächsten Tag ihr Halbfinale antreten. Aus Prinzip. Um zu beweisen, dass Israel keine Angst hat.

Doch die junge Frau fühlte sich überfordert. Wie sollte sie in so einer Situation laufen können? Am Abend brachte man die Israelis aus dem Keller in ein Hochhaus mit großen Fenstern. Als um 22 Uhr die Entführer die gefesselten Geiseln in zwei Helikopter brachten, spähte Schachamorov angestrengt nach draußen. Sie erkannte ihre Teamkollegen, die mit gesenkten Köpfen zu den Hubschraubern gebracht wurden. Nur ihren Trainer konnte sie nicht sehen. War er schon tot?

Trotz der nagenden Ungewissheit versprach Schachamorov ihrem Teamchef, am nächsten Tag anzutreten. Der Mannschaftsarzt gab ihr zwei Schlaftabletten, noch heute erinnert sie sich an ihre Träume. Wilde Träume, in denen sie rannte, so schnell wie noch nie. Für ihren Trainer. Doch als sie am nächsten Morgen aufwachte, blickte sie in traurige Gesichter. "Ohne dass jemand nur ein Wort sprach, wusste ich sofort, dass er und alle anderen tot waren. Es war der schlimmste Tag in meinem Leben."

Und das bis dahin schlimmste Desaster deutscher Sicherheitsbehörden. Als Crewmitglieder verkleidete Polizisten hatten die Terroristen überwältigen sollen, sobald die Entführer an Bord der zur Flucht bereitgestellten Lufthansa-Maschine stiegen. Ein Harakiri-Kommando, dass der Einsatzleiter kurzfristig abbrach, weil er es für wahnwitzig hielt. So blieben nur fünf Scharfschützen - für acht Geiselnehmer. Und die Schützen waren nur mit Sturm- statt den notwendigen Präzisionsgewehren ausgerüstet. Zudem fehlten ihnen Nachtsichtgeräte.

"The games must go on!"

Der Befreiungsversuch mündete in einer stundenlangen, unkontrollierten Schießerei, an deren Ende die Terroristen die Geiseln töteten. Auch fünf der Attentäter und ein deutscher Polizist starben. Die Welt erstarrte im Schock. Die Spiele wurden unterbrochen, eine Trauerfeier abgehalten, doch dann erklärt der Präsident des Olympischen Komitees: "The games must go on!"

Die Israelis reisten ab, Schachamorovs Startblock blieb beim Halbfinale leer. Damals konnte die Athletin die Entscheidung nicht verstehen. Empört unterstellte sie dem Komitee, die Spiele nur fortgeführt zu haben, weil Israel ein unbedeutendes Land ohne Ölvorkommen sei. Heute sieht sie das anders: "Wenn man nur einmal nachgibt, haben die Terroristen gewonnen. Dann gibt es irgendwann kein Olympia mehr."

Damals wollte sie sogar alles hinwerfen und nie wieder einen Wettkampf laufen. Sie konnte sich keinen anderen Trainer als Amitzur Schapira vorstellen. Doch dann heiratete sie, und ihr Ehemann Peter Roth coachte sie fortan. Esther Roth lief, sie gewann drei Goldmedaillen bei den Asienspielen 1974, flog trotz des Alptraums von München zu etlichen Wettkämpfen nach Deutschland, erreichte 1976 in Montreal als erste Israelin ein olympisches Finale.

Und wann immer sie jemand fragte, erzählte Esther Roth die Geschichte von Amitzur Schapira - jenem Mann, dem sie ihre sportliche Karriere verdankte und den sie fortan davor bewahren wollte, vergessen zu werden.

Im Fernsehen:

"Vom Traum zum Terror - München '72", Sonntag (22. Juli 2012), 21.45 Uhr, ARD

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    Seite 1    
1.
René Astheimer 22.07.2012
Kann dieser Schwachsinn, der alle 4 Jahre immer wieder recyclt wird, nicht mal aufhören! Klar, war damals scheiße...aber es war DAMALS vor !!!40!!! JAHREN!!!
2.
Jan Cooner 22.07.2012
Der Mann, der nach dem Attentat sagte: "The Games must go on!" hieß Avery Brundage. Er hatte 36 Jahre zuvor zuwege gebracht, dass die USA trotz der Vorbehalte gegenüber Adolf Nazis Rassenpolitik an den Olympischen Spielen in Berlin teilnahmen. Brundage war bekennender Hitler-Verehrer. Ironie des Schicksals: Nazi-Deutschland starb am 8. Mai 1945. Avery Brundage am 8. Mai 1975 - in Garmisch-Partenkirchen.
3.
Deter Roosu 22.07.2012
Ich sehe dem derzeitigen Staat Israel äußerst kritisch gegenüber; im Klartext: ich halte ihn für einen faschistischen Staat, denn wer sich selbst noch immer als "auserwählt" hinstellt, steht außerhalb der Völkergemeinschaft. Und wer - wie aktuell - anderen Staaten einfach mal so Krieg androht, ist für mich ein verbrecherischer Staat. München allerdings hätte so nicht passieren müssen, wenn sich Deutschland nicht typisch bürokratisch verhalten hätte. Was der Artikel verschweigt, ist ein ganz wichtiges Faktum: Israel hatte angeboten, perfekt Deutsch sprechende Spezialisten (vergleichbar der später auf Grund von München geschaffenen GSG 9) mit der Befreiung zu beauftragen. Die deutsche Bürokratie lehnte das ab, weil es sich um eine "Hoheitsfrage" handle! Noch bescheuerter gings wohl kaum! Sich in solchen Situationen auf "hoheitliche" Formalien zurückzuziehen, war (und ist noch immer!) typisch deutsch. Wahrscheinlich hätte ein Großteil der Sportler überlebt, vielleicht sogar alle, wenn nicht deutsche "Schreibtischtäter" um ihre "hoheitliche Kompetenz" gefürchtet hätten. Die Israelis hatten damals schon Anti-Terroreinheiten, die durchaus erfolgreich waren (später z.B. in Uganda). Sich in solchen nun mal nicht alltäglichen Situationen auf "Hoheitsrechte" zu berufen, zeugt von der Unfähigkeit der deutschen Bürokraten; aber genau DAS erleben wir ja Tag für Tag auf allen Gebieten unsres täglichen Lebens. Gehandelt wird nur "nach Vorschrift", nicht nach dem gesunden Menschenverstand! P.S.: Alle KZs waren übrigens "gesetzeskonform", was kaum jemand weiß. Die Staats-"Hoheit" muss also durchaus nicht immer richtig sein - auch wenn sie "von oben" kommt. Man muss endlich wieder lernen, dass es manchmal notwendig ist, ein Gesetz zu missachten, wenn es um höhere Werte geht - wie eben damals in München um Menschenleben. Einen schönen Tag noch und hoffentlich bleibt uns Vergleichbares in Zukunft erspart!
4.
Mario Urban 22.07.2012
Sehr interessanter und gut geschriebener Artikel, mit einer klitzekleinen Ausnahme: Harakiri ist ein ritueller Selbstmord, der die Ehre wiederherstellen soll; wenn ein Krieger Selbstmord begeht, um damit einen Feind zu töten, nennt man das so weit ich weiß "Kamikaze".
5.
Ray Henkel 23.07.2012
>Kann dieser Schwachsinn, der alle 4 Jahre immer wieder recyclt wird, nicht mal aufhören! Klar, war damals scheiße...aber es war DAMALS vor !!!40!!! JAHREN!!! Na dann aber schnell zurück als Einzeller in die Weltmeere, denn absolut jede völkerrechtliche, menschliche oder technische Entwicklung basiert auf Ereignissen die bedeutend älter als 40 Jahre sind.
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