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Klarsfeld-Skandal Klatsche für den Kanzler

Klarsfeld-Skandal: Klatsche für den Kanzler Fotos
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Mit einem Schlag weltberühmt: Am 2. April 1968 ohrfeigte die Studentin Beate Klarsfeld CDU-Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger wegen dessen NS-Vergangenheit. Jetzt aufgetauchte Dokumente beweisen: Aus Angst vor der Kritikerin bat Bonn das FBI, Klarsfeld beim Kanzlerbesuch in Washington in Schutzhaft zu nehmen. Von Axel Frohn

Am 7. November 1968 wurde Beate Auguste Klarsfeld, geborene Künzel, mit einem Schlag weltberühmt. Aus einem Pulk von Autogrammjägern heraus schlug die mit dem Sohn eines französischen Auschwitz-Opfers verheiratete 29-Jährige beim Bundesparteitag der CDU in Berlin Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger von hinten mit dem Handrücken aufs Auge - zum Beweis, so Klarsfeld, "dass ein Teil des deutschen Volkes sich dagegen auflehnt, dass ein Nazi an der Spitze der Bundesregierung steht".

Der CDU-Kanzler, NSDAP-Mitglied Nr. 2633930 und von 1943 an Vizechef der Rundfunkpropaganda im Auswärtigem Amt, reagierte zunächst ritterlich: Er "stelle nicht gern Strafantrag gegen eine Frau", so Kiesinger, auch "wenn sie eine körperliche Attacke auf mich unternimmt". Erst auf das Drängen seiner Entorurage, Klarsfeld - die seit Kiesingers Amtsantritt 1966 dessen NS-Vergangenheit anprangerte - zu verklagen, erstattete er Anzeige. Noch am gleichen Tag verdonnerte ein Amtsrichter Klarsfeld zu einem Jahr Haft, später reduziert auf vier Monate mit Bewährung.

Die Kanzler-Klatsche machte weltweit Furore. Klarsfeld wurde zu einer Ikone der Achtundsechziger-Bewegung; linke Studenten feierten sie, der Schriftsteller Heinrich Böll schickte rote Rosen. Bei Kiesinger und seinem Apparat dagegen - das belegen FBI-Akten, die in den USA freigegeben worden sind - löste der Vorfall alte Reflexe aus, die zum demokratisch geläuterten Rechtsstaat Bundesrepublik so wenig passten wie die Parteimitgliedschaft des Regierungschefs.

Grobe Worte für den großen Staatsmann

Kiesinger suchte im Vorfeld der im Herbst 1969 anstehenden Bundestagswahl das Rampenlicht auf der Weltbühne. Ein Auftritt im Weißen Haus sollte den Unionspolitiker als Staatsmann in Aktion zeigen und für Wählerstimmen sorgen.

Höchsten Alarm löste im Kanzleramt daher die über diplomatische Kanäle empfangene Nachricht aus, auch Beate Klarsfeld wolle zum Zeitpunkt der geplanten Kanzlervisite in die USA fahren. Dort beabsichtige sie, den "Chef einer befreundeten Regierung und die US-Regierung durch eine grobe verbale Attacke bloßzustellen", wie die US-Botschaft aufgeregt ans State Department kabelte. Die jüdische Gemeinde in den USA sei durch Klarsfeld "bereits mobilisiert".

Am 10. Januar 1969 meldete sich daraufhin im Bonner Verbindungsbüro der US-Bundespolizei FBI ein Herr der Bonner Sicherungsgruppe des Bundeskriminalamtes (BKA), zuständig für den Personenschutz und mithin von der Maulschelle für Kiesinger schwer blamiert.

Das Ansinnen des Beamten war durchaus unzweideutig: "Er erkundigte sich", drahtete der FBI-Resident nach Washington, "ob Klarsfeld, falls sie tatsächlich in die USA reist, während sich auch Kiesinger dort aufhält, nicht inhaftiert werden könnte, um sie an einem weiteren Angriff auf den Kanzler zu hindern." Einen Satz Fahndungsfotos ließ der Deutsche gleich da - offenbar war es ernst mit dem Plan, eine Regierungskritikerin nach Gestapo-Manier in Schutzhaft zu nehmen.

Heikle Bitte

Mit deren Methoden kannte sich die Sicherungsgruppe bestens aus. Paul Dickopf, ab 1965 BKA-Chef und "Vater der Sicherungsgruppe", hatte seine Erfahrung als SS-Untersturmführer eingebracht und die Bodyguard-Truppe nach dem Vorbild der NS-"Führerschutzkommandos" geformt. Ihr langjähriger Chef, Dr. Ernst Brückner, hatte als NS-Staatsanwalt vor 1945 laut Dienstzeugnis "unbedingt die Gewähr" geboten, "dass er sich stets für den nationalsozialistischen Staat einsetzen wird". Und der frühere SS-Obersturmführer Dr. Josef "Sepp" Ochs war, bevor er zum leitenden Mitarbeiter der Sicherungsgruppe avancierte, im Reichskriminalpolizeiamt für die Einweisung in Konzentrationslager durch Vorbeugehaftbefehle zuständig gewesen.

Doch die Sicherheitsfanatiker mit der langen Erfahrung blitzten bei den Amis ab - der Kollege vom FBI stellte klar, "dass in den USA nichts gegen diese Person unternommen werden kann, sofern sie keinen Gesetzesbruch begeht, der einen Arrest rechtfertigen würde".

Schließlich schaltete sich, kurz vor seinem Abflug, der offenbar nervös gewordene Regierungschef selbst ein. "Bundeskanzler Kiesinger hat darauf hingewiesen", telegrafierte die Bonner US-Botschaft am 27. Juli 1969 vertraulich ans State Department, "dass Beate Klarsfeld (...) während seines bevorstehenden USA-Besuchs vom 5. bis 9. August ebenfalls eine Reise in die Vereinigten Staaten planen könnte."

Name auf der Warnliste

Es folgte eine heikle Bitte, von der sich im offiziellen Protokoll der deutschen Seite von dem Treffen kein einziges Wort findet: Der Bundeskanzler habe deshalb "seiner Hoffnung Ausdruck gegeben, dass Frau Klarsfeld daran gehindert werden kann, während der Zeit seines Besuchs in die USA einzureisen, um der Möglichkeit eines unerfreulichen Zwischenfalls vorzubeugen".

Angesichts der Intervention von höchster politischer Stelle lenkte der gerade erst in Bonn eingetroffene US-Botschafter Kenneth Rush ein: Um eine Beeinträchtigung der deutsch-amerikanischen Beziehungen und der "konstruktiven Aspekte" der Kanzlervisite zu vermeiden, plädierte er dafür, Klarsfelds US-Visum zu widerrufen.

Doch daheim im State Department sah man auch dafür keine Handhabe. Immerhin sagten die Amerikaner zu, Klarsfelds Namen auf die Warnliste der Einreisebehörde zu setzen. Das FBI werde sie beschatten und "sicherstellen, dass sie nicht an den Kanzler herankommt"; man sei "zuversichtlich", jeden Versuch einer "physischen Konfrontation mit Kiesinger" verhindern zu können. Nicht garantieren lasse sich allerdings, dass Klarsfeld keinen "Tumult anzettelt oder an einer friedlichen Demonstration teilnimmt".

Aus Gründen, an die sich Klarsfeld nicht mehr erinnert, fuhr sie letzten Endes nicht nach Washington. Ihre Festnahme in Amerika, ist sich die heute 69-Jährige jedoch sicher, wäre für Kiesinger zum Bumerang geworden: "Wenn ich verhaftet wurde, dann wuchs die Resonanz enorm."

So aber konnte Kiesinger sich im Glanze Washingtons ungestört als Weltpolitiker in Szene setzen - und gewann sieben Wochen nach seiner Rückkehr bei der Bundestagswahl die meisten Stimmen.

Die Kanzlerschaft verlor er dennoch: Statt der Großen Koalition aus Union und SPD regierten fortan Sozialdemokraten und FDP unter Willy Brandt.

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1. Hat sich so viel seitdem geändert?
Ulrich Chilian, 14.05.2015
Auch über 70 Jahre nach Ende des Nazi-Regimes kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die geistigen Erben jener Nazis, die noch in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Ämter und Würden in der Legislative, Jurikative und Exekutive inne hatten, auch heute genau diese Ämter innehaben! Angesichts der sabotagehaften "Ermittlungspannen" anlässlich der NSU-Mordserie drängt sich dieser Eindruck zwanghaft auf! Auch die Vertuschungs- und Verztögerungsaktionen bei dem Versuch, Licht in das Dunkel zu bringen, machen ganz klar: Da sind jede Menge Nazi-Sympathisanten bei Verfassungsschutz, Polizei und Justiz! Deutschland mag zwar seine Vergangenheit aufgearbeitet haben - für die Gegenwart aber , die braun durchsetzte, braucht es leider noch viele Klarsfelds!
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