40 Jahre Numerus clausus Tür zu, die Studenten kommen!

40 Jahre Numerus clausus: Tür zu, die Studenten kommen! Fotos
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Vor 40 Jahren zogen die bundesdeutschen Unis die Notbremse: Weil die Hörsäle überquollen, erfanden sie den Numerus clausus. Eine Mammutbehörde namens ZVS verfrachtete fortan Studienanfänger an irgendwelche Hochschulorte - vor der ZVS-Pförtnerloge spielen sich seither zuverlässig zweimal im Jahr menschliche Dramen ab. Von

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Am 27. März 1968 machte sich Peter Fischer-Appelt aus Bonn auf den Weg in die alte Universitätsstadt Marburg. Dort wollte der damals 35-Jährige für den Vorsitz der Bundesassistentenkonferenz kandidieren, einer neugegründeten Interessenvertretung von Nachwuchswissenschaftlern. Und so kam es, dass Fischer-Appelt den Startschuss für genau das verpasste, was ihn sein künftiges Berufsleben lang beschäftigen sollte.

Daheim in Bonn nämlich, im Hauptquartier der Westdeutschen Rektorenkonferenz, einem schmucklosen Sechziger-Jahre-Zweckbau an der Bad Godesberger Ahrstraße, hatten sich zur gleichen Zeit vor inzwischen 40 Jahren die Universitätsvertreter der alten Bundesrepublik versammelt. Ein Mammut-Problem trieb sie um: der Massenansturm auf die wenigen Studienplätze. Im Fach Medizin etwa lag die Zahl der Interessenten längst weit über der Anzahl der zur Verfügung stehenden Plätze. Immer wieder mussten Bewerber abgewiesen werden - worauf die Studierwilligen mit Mehrfach-Bewerbungen bei verschiedenen Unis reagierten und so für noch größere Probleme sorgten. Bis weit ins Semester hinein war bisweilen nicht klar, welcher Bewerber denn nun welchen Studienplatz an welcher Universität annehmen würde.

Juristisch ungesichertes Terrain

Die Zauberformel, die alles regeln sollte lautete "Numerus clausus", abgekürzt NC: Nur die Bewerber mit den besten Abi-Durchschnittsnoten, so de Beschluss der Rektoren, sollten einen Studienplatz bekommen. Für Verwaltung und Koordination übernahm die "Zentrale Registrierstelle für die Vergabe von Studienplätzen" (ZRS) - doch die zersplitterte Hochschullandschaft mit abweichenden Zulassungsregelungen allerorten überforderte die Behörde bald.

Auch juristisch stand der Numerus clausus auf durchaus wackeligen Beinen: 31 im NC-Verfahren an der Universität München abgewiesene Bewerber klagten vor dem Verwaltungsgericht auf Zulassung zum Medizinstudium. "Wer in Deutschland Arzt werden will, muss studieren, Zugangsbeschränkungen zum Studium schränken also auch die Freiheit der Berufswahl ein", fasste die "Zeit" die Argumentation der Kläger zusammen und räsonierte über die "Krankheit der galoppierenden Zulassungsbeschränkungen" an Deutschlands Medizin-Fakultäten. Hier zeige sich "die Folge von zwanzig Jahren verfehlter Bildungspolitik".


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Der Theologe Peter Fischer-Appelt hatte es zwischenzeitlich zum Professor gebracht und wurde 1970 Präsident der Universität Hamburg. Als solcher war er auch Mitglied der Rektorenkonferenz - und dort Beauftragter für den Numerus clausus. "Ich wollte den NC für möglichst viele Fächer abwenden, insbesondere für die Psychologie", erinnert er sich an sein damaliges Ziel. Der Plan des Präsidenten: Die Überlast an Bewerbern in Psychologie sollte nicht durch einen NC reduziert, sondern durch die gleichmäßige Verteilung der Studenten auf alle Hochschulen abgefangen werden. "Wir mussten doch Mechanismen entwickeln, mit denen wir die geburtenstarken Jahrgänge aus den sechziger Jahren durch das Bildungssystem bringen konnten", blickt Peter Fischer-Appelt im Gespräch mit einestages zurück. In Medizin und Zahnmedizin allerdings blieb es beim umstrittenen neuen Auswahlverfahren.

Ein Fall für Karlsruhe

Der Streit um den NC schaffte es schließlich bis vors Bundesverfassungsgericht. Am 18. Juli 1972 urteilten die Karlsruher Juristen, dass die in Artikel 12 des Grundgesetzes garantierte Berufsfreiheit ("Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen") auch für die Studienfachwahl gelten müsse. Daraus leiteten die Richter ein Recht auf Zulassung zum Hochschulstudium ab. Zwar gestatteten sie den Universitäten Auswahlverfahren wie den Numerus clausus - aber eben nur dann, wenn prinzipiell jeder irgendwann die Chance habe, sein Wunschfach zu belegen. Und Zulassungsbeschränkungen seien auch nur zulässig, wenn es im entsprechenden Fach tatsächlich "Kapazitätsengpässe" gebe. Im Übrigen müssten die Studienplätze nach einem bundesweit einheitlichen Verfahren vergeben werden.

Um dem Urteil gerecht zu werden, schlossen die Bundesländer einen Staatsvertrag zur Gründung einer "Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen" (ZVS). Generationen von Studenten sollten die Dortmunder Behörde als erste und letzte Instanz für ihren Studienwunsch kennen lernen, viele schmähten sie wegen der bundesweiten Verteilung von Studienanfängern als "Kinderlandverschickung". Doch eine Alternative zum ZVS-Verfahren gab es kaum, seit sich die Bildungsminister Ende der siebziger Jahre darauf geeinigt hatten, die weiter steigenden Studentenzahlen einfach zu ignorieren. Sie setzen stattdessen auf die "Untertunnelung des Studentenbergs" - ein Versuch, sich um eine adäquate Ausstattung der Unis herumzumogeln, der bis heute anhält.

Und auch der Numerus clausus hat überlebt, allen Anfeindungen zum Trotz: In den Fächern Biologie, Medizin, Zahnmedizin, Pharmazie und Psychologie werden die Studienplätze auch im kommenden Sommersemester 2008 über die ZVS vergeben. Über jede fünfte Zulassung zum Studium entscheidet dabei der Abi-Durchschnitt. 60 Prozent der Plätze vergeben die Hochschulen selber, häufig ebenfalls nach Zeugnisnoten, und weitere 20 Prozent gehen an Bewerber, die ausreichend lange auf ihren Studienplatz gewartet haben. Damit wird sichergestellt, dass die Vorgabe der Verfassungsrichter erfüllt wird, dass theoretisch jeder jedes Fach belegen kann - er muss halt nur ausreichend Geduld mitbringen.

Katastrophen-Tourismus in die Sonnenstraße

Vorbei sind allerdings die Zeiten, in denen sich zweimal im Jahr in der Dortmunder Sonnenstraße bizarre Szenen abspielten. Immer dann nämlich, wenn am 15. Januar und 15. Juli die Bewerbungsfristen für das nächste Semester abliefen, drängten sich in der ZVS-Zentrale all die Studienbewerber, die ihren Antrag offenbar nur unter Zeitdruck fertig zu stellen vermögen. Auch an Feiertagen und Wochenenden hatte die ZVS dann bis Punkt 24 Uhr geöffnet. "Die letzten kamen immer gegen Viertel vor Zwölf und fingen dann erst an, die Formulare auszufüllen", erinnert sich Bernhard Scheer, langjähriger Pressesprecher der ZVS. Entscheidend war der pünktlich abgestempelte Antrag. Manche hatten die Anmeldefrist schlicht vergessen, andere bis zur buchstäblich letzten Sekunde mit sich gehadert, ob sie nun Biologie in Berlin, Architektur in Aachen oder doch lieber Medizin in Magdeburg studieren sollten. Und nicht wenige kamen Hunderte von Kilometern im Kleinwagen durch die Nacht gebrettert, obwohl sie den Antrag eigentlich auch hätten faxen können.

Wenn der Pförtner dann Punkt Mitternacht den Schlüssel im Schloss herum gedreht hatte, wurden aus den kleinen Dramen vor der Deadline die großen Tragödien danach. "Bitte, bitte, bitte!" Der Pförtner im Glaskasten schüttelte dann den Kopf und zeigte stoisch auf den Briefkasten: Leerung am nächsten Tag. Keine Ausrede ließ er gelten - nicht die " total beschissene Ausschilderung zur ZVS", nicht "die kollektive Ahnungslosigkeit der Dortmunder Taxifahrer". Draußen feierten derweil die gerade noch zur rechten Zeit Gekommenen mit den Schaulustigen, die das Schicksal der Zu-Spät-Kommer gut gelaunt mit ihren Digitalkameras dokumentierten. Vorbei: Den NC gibt es noch immer, die Bewerbungen jedoch laufen zum allergrößten Teil längst digital in Dortmund ein.

Und Peter Fischer-Appelt? Der ist zwar längst pensioniert, verfolgt die Debatte um Zulassungsbeschränkungen aber immer noch mit größtem Interesse. Und wundert sich manchmal, dass die Bildungspolitiker auch vierzig Jahre nach dem Numerus-clausus-Beschluss immer noch kein Weg gefunden haben, die Überlastung der Hochschulen zu bewältigen. "Überfüllung, zeitliche Überbeanspruchung der Dozenten, Massenbetrieb und mangelhafte Ausbildung - von diesen Symptomen des Bildungsnotstandes sind beide, Hochschullehrer wie Studenten, betroffen", hatte die "Zeit" 1968 festgestellt. Ein Satz, der verdächtig nach einer Beschreibung der Hörsaal-Zustände von heute klingt.


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