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Pariser Mai "Und plötzlich rollt die Rebellion"

40 Jahre Pariser Mai: "Und plötzlich rollt die Rebellion" Fotos
AP

Brennende Barrikaden, eingesperrte Fabrikdirektoren, Präsident De Gaulle geflohen: Im Mai 1968 stand Frankreich am Rand der Revolution. Neben Daniel Cohn-Bendit war Alain Geismar einer der Anfüher der rebellierenden Studenten. Auf einestages erinnert er sich an vier Wochen, in denen alles möglich schien.


Der Physiker Alain Geismar, geboren 1939, engagierte sich Anfang der sechziger Jahre gegen den Algerienkrieg und war Vorsitzender des Verbandes der Uni-Assistenten. Nach 1968 gehörte er zu den Führern der maoistischen "Proletarischen Linken" und wurde nach deren Verbot 1970 zu 18 Monaten Haft verurteilt. Als Universitätslehrer rehabilitiert, arbeitete er ab 1991 im Kabinett des damaligen sozialistischen Erziehungsministers Lionel Jospin. Heute ist Geismar Dozent am Institut für Politische Studien in Paris und zählt zu den Beratern des Pariser Bürgermeisters Bertrand Delanoe.

Es ist der 3. Mai 1968. Ich sitze im Auto und fahre raus an die Universität von Nanterre, dem Ableger der Pariser Sorbonne. Seit März demonstrieren hier die Studenten. Ihre Forderungen nach ungehindertem Zugang zu den Mädchen-Wohnheimen sind längst grundsätzlicher geworden - es geht um Mitsprache, Beteiligung an Entscheidungen, radikale Reformen für eine andere, moderne Universität. Nach wochenlangen Protesten, gestörten Vorlesungen und abgebrochenen Seminaren hat der Rektor mit Blick auf die bevorstehenden Prüfungen entnervt die Uni dichtgemacht.

Gegen 15 Uhr nachmittags haben die Verbände des Lehrkörpers eine Versammlung angesetzt; ich bin als Vertreter der Assistenten-Gewerkschaft dabei. Die Polizei hat das Gelände abgeriegelt; Ausweiskontrolle, die Studenten sollen draußenbleiben. Wir treffen uns in einem Auditorium, ich moderiere die Debatte: Stellen wir uns auf die Seite des Direktors oder plädieren wir für die Studenten? Per Handzeichen entscheiden wir uns für die Wiedereröffnung des Campus und fordern einen Dialog. Vergebens, unsere Delegation wird nicht mal bei der Uni-Leitung vorgelassen.

Eine Stunde später bin ich zurück im Gewerkschaftsbüro in der Rue Monsieur Le Prince, nur Schritte entfernt von der Sorbonne. Hier haben sich die ausgesperrten Studenten aus Nanterre versammelt, die im Jahr zuvor noch am Pariser Stammsitz den Seminaren folgten. Und was passiert? Auch den Rektor der Sorbonne packt angesichts des Massenandrangs protestierender Studiker die Angst. Ein Rückruf bei Kulturminister Alain Peyrefitte, und auch der Gebäudekomplex an der Rue de l'Université wird abgesperrt. Die Studenten samt ihrer überraschten Führer Daniel Cohn-Bendit und Jean Sauvageot werden abgeführt und in die wartenden Polizeiwagen gesperrt.

Prügel für Passanten

Es knistert. Vor der Uni drängen sich die Studenten, die noch haben fliehen können. Dazu stoßen weitere, die die Festnahmen beobachtet haben. Plötzlich umdrängen die Jungendlichen - Aktentasche unter Arm, mit Schlips, Weste und Jackett, so wie man damals zur Vorlesung erschien - die Polizeiautos "Lasst unsere Kameraden frei", skandieren sie und beginnen, an den Autotüren zu zerren. Die Wagen schwanken, Glas splittert. Dann werden die ersten Baumgitter losgerissen, die ersten Pflastersteine fliegen. Die Studenten sind in der Überzahl, aber die Polizisten sind bewaffnet, schlagen auf die Studenten ein. Auf den Terrassen der Straßencafés werden die Tische umgerissen, unbeteiligte Passanten beziehen Prügel.

Mich verblüfft das spontane Spektakel. Wenn früher bei Kundgebungen gegen den Algerienkrieg die gefürchtete Bereitschaftspolizei CRS erschien, setzen sich die Demonstranten schnell ab. Hier legen sich nun brave Studiker mit den Ordnungshütern an. Und die Situation eskaliert. Bald ziehen Schwaden von Tränengas über den Boulevard Saint Michel, die Scharmützel mit der Polizei dehnen sich aus zwischen dem Jardin de Luxembourg bis hinunter zum Seine-Ufer.

Mir wird klar, dass dies hier kein Geplänkel ist, sondern ein echter Showdown. Für den nächsten Tag rufe ich zum Streik auf - ich, ganz allein für meine Gewerkschaft. In den frühen Morgenstunden des 4. Mai kommen die Studentenführer frei. Jetzt treffe ich zum ersten Mal auf Daniel Cohn-Bendit. Weil er als Deutscher von Ausweisung bedroht ist, biete ich ihm Unterschlupf in unserem Büro an. Beim anschließenden Palaver schließen sich alle Gruppen dem Streikaufruf an: Der Protest wird zur breiten Bewegung.

Der lange Weg zum großen Knall

Was genau geschieht an diesen schicksalsschweren Maitagen in Paris? Eine zufällige Entladung? Eine historische Aberration? Ich glaube nein. Was damals beginnt und als "Mai 68" zur Chiffre wird, war kein revolutionärer Urknall, sondern gehört in den Kontext weltweiter Strömungen, die - bezogen auf Frankreich- in der Zeitspanne zwischen 1963 und 1973 wirkten.

Erinnern wir uns: Nach den Jahren der Zerwürfnisse schaut das Land 1968 nach innen, auf Ungleichheiten und gesellschaftliche Verwerfungen. Im Winter 1967 streiken die Textilarbeiter in Lyon; als die Rezeptgebühr erhöht werden soll, bricht in Le Mans offener Aufruhr aus, der brutal niedergeknüppelt wird, und während eines Tarifstreits in Caen bauen junge Metallarbeiter erstmals Barrikaden. Erst drei Jahre zuvor ist der blutige Algerienkrieg mit der Unabhängigkeit der französischen Kolonie beendet worden.

Und die Wurzeln des Mai 68 reichen noch weiter zurück: Nach Streiks in den Kohlegruben Nordfrankreichs 1963 hatte Präsident Charles de Gaulle die Region unter militärische Kuratel gestellt; die Kumpel hatten ihren Ausstand dennoch fortgesetzt. Im gleichen Jahr findet das Festival von "Salut les copains" statt, ein frühes französisches Woodstock, bei dem sich bei amerikanischer Musik rund 100.000 Jugendliche aus dem Bürgertum uns aus den Arbeitervorstädten verbrüdern. Damals wird auch die Messe in Latein abgeschafft und der Sozialist Francois Mitterrand fordert in seinem Wahlprogramm das Recht auf Verhütungsmittel.

Ein rothaarige Deutscher, der große Töne spuckt

Auch an den Hochschulen rumort es. Die Universitäten befinden sich in einem hoffnungslosen Zustand. Selbst bei den Naturwissenschaftlern wird nach Methoden aus dem 19. Jahrhundert gelehrt. Die Vorlesungen sind überfüllt, die Baby-Boomer drängen sich in den Hörsälen wie auf den Bänken einer Grundschule. Statt zu reformieren, geht der Staat auf Sparkurs; die Hürden zur Hochschule werden höher gelegt. Aufstieg über Bildung wird jetzt schwerer, während die Professoren auf ihren Elite-Status pochen. Der Unmut bekommt weitere Nahrung durch den weltweiten Protest gegen den Vietnam-Krieg. Die anti-amerikanische Welle schwappt aus Deutschland nach Frankreich und addiert sich mit der Unzufriedenheit über die Lage an den Hochschulen zur kritischen Masse.

Und dann gibt es in Nanterre diesen rothaarigen Deutschen, der aus der Studentengewerkschaft ausschert und seinen eigenen Verein aufmacht. Daniel Cohn-Bendit organisiert phantasievolle Proteste wie rüde Störungen - und plötzlich rollt die Rebellion. Zunächst finde ich, dass Cohn-Bendit mit seiner "Bewegung des 22. März" ganz schön große Töne spuckt. Ich befürchte, dass er damit die Universitätslehrer vergraulen werde - doch schließlich prangern auch prominente Professoren, sogar Nobelpreisträger, die Übergriffe der Polizei und die Rechtsbeugungen der Justiz an.

Nachdem viele der Verhafteten im Schnellverfahren verurteilt worden sind, rufen wir für den 6. Mai zu einer weiteren Kundgebung auf. Handzettel und Plakate, hergestellt von den Kommilitonen der Kunsthochschule "Beaux Arts" bringen über Nacht die Nachricht unter die Leute. 20.000 Demonstranten versammeln sich rund um die von Polizei abgeriegelte Sorbonne. Es folgen erneute Zusammenstöße, und die Fotos knüppelnder Polizisten bringen die Öffentlichkeit auf die Seite der Studenten. Dem staatlichen Fernsehen ist es untersagt über die "Ereignisse" zu berichten, aber die Zeitungen sorgen dafür, dass die Proteste binnen einer Woche auf ganz Frankreich übergreifen.

Die Nacht der Barrikaden

Den Wendepunkt bringt der 10. Mai. Vielleicht 30.000 Studenten ziehen an diesem Abend vom Place Denfert-Rochereau am Friedhof Montparnasse los, vorbei an der von Polizei abgeschirmten Universität und dann wieder den Boulevard Saint Michel herauf. Zwischen Pantheon und dem Jardin de Luxembourg kommt der Zug ins Stocken. Die Studenten beginnen, das Quartier Latin zu besetzen - eine symbolische Antwort auf die Schließung der Sorbonne. Es gibt kleine Reibereien mit der Polizei und irgendwann in den frühen Abendstunden werden die ersten Steine aus dem Pflaster gerissen.

Es wird die Nacht der Barrikaden. Gleichzeitig gibt es Kontakte mit der Staatsmacht. Ich stehe mitten im Gewühl, als mich ein Reporter von Radio Luxemburg (RTL) in seinen Ü-Wagen ruft; nur die privaten Sender berichten von vor Ort. "Ich habe den Vertreter des Ministers hier am Telefon, er möchte mit Ihnen sprechen", sagt der RTL-Mann. Ich trage die Forderungen der Demonstranten vor: Freilassung der Verhafteten, Wiedereröffnung der Sorbonne, Demokratisierung der Uni.

Unsere Debatte geht live über den Äther - und Frankreich hört. Auch die Studenten stehen auf den Straßen, die kleinen Transistorradios am Ohr. Allerdings hört auch der Erziehungsminister mit und lässt das Gespräch abbrechen; die Verhandlungen bleiben ergebnislos. Die ganze Nacht tobt der Straßenkampf rund um die Barrikaden aus umgestürzten Bäumen und brennenden Autos. Studenten werfen Steine, die Bereitschaftspolizei reagiert mit Tränengas, knüppelt auf die Demonstranten ein und verfolgt sie bis in die Wohnhäuser des Quartier Latin, wo Anwohner den Flüchtenden die Türen öffnen.

Hysterische Krisenstimmung

Die Eskalation der Gewalt bringt die Wende. De Gaulles Premierminister Georges Pompidou geht in einer Fernsehansprache am 11. Mai auf die Forderungen der Studenten ein. Nach langem Zögern haben sich zuvor auch die Gewerkschaften mit der Rebellion solidarisiert; für den 13. Mai habe ich mit ihrer Unterstützung zu einer Großkundgebung und zum Generalstreik aufgerufen. Nun plötzlich entdeckt auch die Opposition die Studentenbewegung: Francois Mitterrand, Mendès France von den Sozialisten, die Promis der KP - alle erheben Anspruch auf den Platz in der ersten Reihe. Schließlich wird der Zug von Cohn-Bendit und den Gewerkschaftern angeführt; am Abend herrscht Festtagsstimmung rund um die wieder eröffnete Sorbonne.

Tatsächlich aber haben die Studenten die Initiative abgegeben - fortan findet der Kampf in den Fabriken statt. Für die Kommunisten geht es um den Anspruch auf Führung der Arbeiterklasse, die den Kadern zu entgleiten droht. Bei den Renault-Autowerken wird gestreikt ohne Anweisung der Gewerkschaft - ein Alptraum. Kein Wunder, dass die Genossen den Studenten, die vor den Fabriktoren erscheinen, den Zutritt verweigern - linke Studenten, ausgesperrt von den linken Gewerkschaftsbossen.

Die Produktion ruht, Werke werden besetzt, Direktoren eingesperrt: Bis zur zweiten Mai-Hälfte sind landesweit rund 10 Millionen Arbeiter im Streik. Züge und Nahverkehr verkehren nur sporadisch, Müll türmt sich bald zu Bergen, die Versorgung mit Benzin wird knapp, vorübergehend gibt es einen Run auf die Supermärkte. Manchmal herrscht fast hysterische Krisenstimmung.

Der Präsident ist unauffindbar

Dann verschwindet am 29. Mai De Gaulle. Fast 24 Stunden lang bleibt unklar, wo sich der Präsident aufhält - Frankreich hält den Atem an. Später stellt sich heraus, dass er per Hubschrauber nach Baden-Baden geflogen ist, um sich mit französischen Militärs zu treffen - offenbar wird er von der Vision verfolgt es gelte einen Staatsstreich zu vereiteln. Jetzt greift Angst um sich, die Angst vor dem Vakuum, vor dem Unbekannten, vor der Anarchie. Als De Gaulle einen Tag später wieder in Paris auftaucht, wird seine Rückkehr wie die eines Retters erlebt. Die Franzosen wollten inzwischen nur noch eines: Die Rückkehr zur Ordnung.

Jetzt geht es Schlag auf Schlag: "Ich werde mich nicht zurückziehen", sagt der Präsident und kündigt per Radioansprache Neuwahlen an. Zugleich formiert sich, organisiert von den Gaullisten, die aus dem ganzen Land ihre Anhänger herangekarrt haben, ein Demonstrationszug zwischen Triumpfbogen und Place de la Concorde: Eine halbe Million Menschen - der Aufmarsch der schweigenden Mehrheit. Die politische Initiative liegt von diesem Zeitpunkt bei der Rechten, auch wenn sich die Streiks sich noch zwei, drei Wochen hinziehen. Die vier wilden Wochen des Mai 68 gingen unter in der "blaue Welle" des Rechtsrucks, der sich in der absoluten Mehrheit für die Gaullisten bei der Parlamentswahl Ende Juni manifestierte.

Was bleibt? Die Ereignisse von 68 in ihrer ganz eigenen französischen Konfiguration spiegeln die Hoffnungen der Protestbewegungen, die sich damals auf der ganzen Welt wiederfanden. Doch der Pariser Mai hat auch die Arbeiterbewegung mit sich gerissen - was bis dahin im Westen undenkbar erschien. Vor allem hat die Bewegung eine Bresche in das autoritäre Denken gerissen und ist so tief in die französische Gesellschaft eingesickert, dass es mir grotesk erscheint, wenn manche heute das Erbe des Mai 68 zerstören wollen. In Wahrheit haben die Ideen und die Konsequenzen dieser Zeit unser aller Leben bestimmt.

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