40 Jahre Prager Frühling Schüsse aus dem Radio

40 Jahre Prager Frühling: Schüsse aus dem Radio Fotos
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Plötzlich sah er Panzer vor sich: Auf dem Weg in den Urlaub wurde Frantisek Cerny am 21. August 1968 vom sowjetischen Einmarsch in die Tschechoslowakei überrascht. Das Ende des "Prager Frühlings" brachte dem Journalisten Berufsverbot ein - und bereitete ihn für den Job als Botschafter in Berlin vor. Von Thorsten Herdickerhoff

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Die Bremsen kreischen, der Zug hält nachts auf offener Strecke, irgendwo in Ungarn. Stille dringt in die Abteile. Frantisek Cerny öffnet ein Fenster, um zu rauchen - und blickt auf graugrünen Stahl. Nur eine Armlänge vor ihm entfernt stehen Panzer, in einer langen Reihe, die im Dunkeln verschwindet. Es ist ein Militärzug, beladen mit schwerem Kriegsgerät und Soldaten. Auch die Soldaten rauchen. Cerny fragt sie durchs Fenster scherzhaft auf Russisch: "Na Pragu?", nach Prag? Die Antwort: "Da, na Pragu" - ja, nach Prag.

Es ist die Nacht vom 20. auf den 21. August 1968. Um 23 Uhr überschreiten Truppen des Warschauer Pakts die Grenze der Tschechoslowakei und stoßen in Richtung Prag vor. Über 500.000 Soldaten, 7500 Panzer, 2000 schwere Geschütze und 1000 Flugzeuge sollen die Reformbewegung, die das sozialistische "Bruderland" seit Jahresanfang erfasst hat, beenden und es zurück unter die Knute der Sowjetunion zwingen. Die Streitmacht ist etwa so groß wie die, mit der die Rote Armee 1945 in die Tschechoslowakei eingerückt war, um Hitlers Truppen zu vertreiben. Innerhalb von 36 Stunden ist das kleine Land vollständig besetzt.

Frantisek Cerny steht am Zugfenster und denkt nichts Böses - noch nicht. Ein weiteres Manöver, vermutet der gebürtige Prager. Es ist Urlaubszeit, und er fährt mit Familie und Freunden ans Schwarze Meer. Sein Zug setzt sich in Bewegung, die Panzer hinter ihm werden eins mit der schwarzen Nacht.

Fünf gegen einen

Von den tschechoslowakischen Freunden seien sie um Hilfe gebeten worden, behaupten die Sowjets zur Rechtfertigung der Invasion - aber von diesen Freunden ist im Land nichts zu spüren. Die moskauhörigen Verschwörer in den Reihen der tschechoslowakischen KP haben kaum Anhänger. Vehement stellt sich dagegen die legitime Prager Regierung unter dem Reformkommunisten Alexander Dubcek gegen den Einmarsch, die Bevölkerung solidarisiert sich mit ihr und leistet vehement Widerstand gegen die Besatzungstruppen aus der Sowjetunion, Polen, Ungarn und Bulgarien.

Auch zwei Divisionen der Nationalen Volksarmee der DDR stehen bereit zum Zuschlagen. Doch Moskau lässt sie nicht mitmarschieren, aus Angst vor der fatalen Symbolik, die deutsche Truppen auf tschechischem Boden genau 30 Jahre nach dem Einmarsch von Hitlers Wehrmacht dort heraufbeschwören würde. Doch die Truppen von SED-Chef Walter Ulbricht, der eine treibende Kraft der Fünfer-Allianz gegen den "Prager Frühling" ist, unterstützten logistisch die Invasion, bei der etwa einhundert Menschen getötet werden.

Frantisek Cerny ist derweil mit Frau und Tochter in seinem bulgarischen Urlaubsort angekommen, dem malerischen Fischerdorf Nessebar am Schwarzen Meer. Um ihn herum glitzert das Wasser in der Sommersonne. Cerny schaltet das Radio ein, sucht die Station, für die er selber als Journalist arbeitet - und wird Ohrenzeuge eines atemberaubenden Dramas. Aus dem Gerät schallt eine verzweifelte Stimme, die die Hörer bittet, nicht zu den Waffen zu greifen. Im Hintergrund knattern Maschinengewehre, sind bedrohlich laut Explosionen von Granaten zu hören. Sind das zerspringende Fensterscheiben, die dort klirren? Cerny ist entgeistert.

Protestdemonstration am Badestrand

Am Morgen des 21. August strömen in Prag Tausende Menschen zum Rundfunkgebäude. Sie bauen Barrikaden, stellen Laster und Busse quer, bilden selbst lebende Mauern. Mit ihren Mänteln und Jacken versuchen sie, die Sehschlitze der russischen Panzer zu verdecken, werfen selbstgebastelte Brandsätze auf die Tanks. Ein Munitionslaster explodiert vor dem Rundfunkgebäude, und dicker Qualm füllt die Straßenschlucht, in der Skelette ausgebrannter Busse liegen, Trümmer und Schutt überall. Schließlich dringen Soldaten in das Gebäude ein und besetzen es. Dennoch sendet der freie tschechoslowakische Rundfunk vorerst weiter - Techniker und Redakteure haben bereits Untergrundstudios eingerichtet, im ganzen Land, und senden ihre Hilferufe an die ganze Welt bis ans Schwarze Meer.

Der bulgarische Wirt versucht die Familie Černý zu beruhigen, vergeblich. Die Aufregung ist riesig, auch unter den anderen Urlaubern. Sie treffen sich in der nahe gelegenen Stadt für eine unwirklich anmutende Prozession: Mehrere hundert Tschechoslowaken ziehen mit Plakaten durch den bulgarischen Badeort Sonnenstrand bei Burgas und demonstrieren für ihre Rechte, für ihre Freiheit und für ihren Hoffnungsträger: " Dubcek, Dubcek" schallt es durch den hochsommerlichen Ferienort. Die beherrschende Frage unter den aufgebrachten Demonstranten lautet: Soll ich ins Exil gehen? Auch Frantisek Cerny diskutiert darüber mit seiner Frau und mit seinen Freunden.

Dabei hatten sie sich so wohl gefühlt in Prag, seit sich die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei offen vom Stalinismus abgewandt hatte. Am 5. Januar 1968 hatte Alexander Dubcek seinen im Amt erstarrten Vorgänger Antonín Novotný an der Spitze der Partei abgelöst. Im März war die Zensur abgeschafft worden. Die Kommunistische Partei demokratisierte sich und gestand ihren Untertanen das Recht auf freie Selbstentfaltung zu - einmalig im kommunistischen Machtbereich. Die Bürger nutzten die neue Freiheit, organisierten sich in Clubs und Vereinen, traten öffentlich für ihre Bürgerrechte ein. Bis Mitte April 1968 waren die meisten wichtigen Position in Staat und Gesellschaft mit Reformern besetzt, der Sozialismus bekam langsam ein menschliches Gesicht.

Rückkehr ins Ungewisse

Auch Frantisek Cerny genoss die neuen Freiheiten, privat und vor allem beruflich. Als Redakteur beim deutschsprachigen Dienst des tschechoslowakischen Auslandssenders pflegte er viele Kontakte nach Westdeutschland. Noch kurz vor dem 21. August hatte er am Telefon mit seinem Kollegen Axel Buchholz vom Saarländischen Rundfunk für dessen Sendung gesprochen. Der Westen fürchtete da bereits eine Invasion der Sowjets, doch Cerny konnte sich das nicht vorstellen. "Die Sowjets sind sicher irritiert von dem, was bei uns passiert, aber sie haben jetzt keine Macht mehr", sagte er zuversichtlich. Und einmarschieren, nein, sie könnten nicht vor der ganzen Welt in ein Bruderland einmarschieren, in dem alles funktioniere und das der beste Verbündete der Sowjets sei. Buchholz war skeptischer: "Na ja, hoffentlich haben Sie recht." Dann war Cerny in den Urlaub gefahren, guten Mutes.

Jetzt will er den Urlaub sofort abbrechen und versucht verzweifelt, Rückfahrkarten zu bekommen. Er will zurück nach Haus - erst einmal jedenfalls. Andere sind unsicher, denken an Emigration. Schließlich ergattert Cerny die nötigen Billets. Die Fahrt geht über Österreich - ungewöhnlich. Mit seiner Frau diskutiert er die Option, sich in den Westen abzusetzen. Die beiden reden über die Eltern daheim. Sie können die Gefahren in Prag schlecht einschätzen. Schließlich entscheiden sie: Frau und Tochter steigen in Wien aus.

Cerny selbst fährt zurück nach Prag, allein. Vorbei an schwarzen, ausgebrannten Häusern begibt er sich zum Rundfunkgebäude. Er wird von Soldaten kontrolliert, aber darf passieren. In der Redaktion begrüßen ihn seine Kollegen mit großem Hallo. Aber als Journalisten sind sie jetzt zum Nichtstun verdammt. So spielen sie erst einmal Karten und diskutieren ansonsten die Lage. Dubcek und seine Mannschaft sind inzwischen nach Moskau geflogen und dort zum Einlenken gezwungen worden. In der "Moskauer Erklärung", haben sie praktisch alle Reformen des "Prager Frühlings" zurückgenommen. Haben Dubcek und die anderen, in die wir so viel Vertrauen gesetzt haben, richtig gehandelt in Moskau? - Was hätten sie schon groß machen können? - Wir haben es den Sowjets jedenfalls richtig vermasselt! Die Stimmung ist relativ gut, der tschechoslowakische David fühlt sich als moralischer Sieger gegen Goliath, auch weil die Sowjets die meisten Reformkommunisten vorerst im Amt lassen.

Überwintern als Nachtwächter, Heizer, Straßenfeger

Zwei Wochen später schreibt Cerny seiner Frau in Wien von seinem Entschluss, zu bleiben. Er meint, in Prag immer noch etwas tun zu können. Sie kommt mit der Tochter heim. Doch der Plan der Sowjets geht auf, die Erneuerer müssen ihre eigenen Reformen abwickeln. Anfang September wird die Pressefreiheit wieder kassiert und das Demonstrationsrecht eingeschränkt. Und dann werden die Ex-Reformer zügig ausgebootet: Am 17. April 1969 muss Dubcek als Erster Sekretär der Kommunistischen Partei zurücktreten. Sein Nachfolger Gustav Husak führt mit eiserner Hand die "Normalisierung" durch und regiert die CSSR bis 1989 20 Jahre lang als eines der dogmatischsten und repressivsten Regime Osteuropas.

Kurz nach dem Rücktritt Dubcek wird Frantisek Cerny in die Direktion des Rundfunks zitiert. Er soll unterschreiben, einer "allgemeinen Psychose anheim gefallen" zu sein und erklären, dass er künftig "konstruktiv am Aufbau des Sozialismus mitwirken" wird. Er lehnt ab. Und wie all die anderen Intellektuellen, die den Prager Frühling gedacht und gemacht hatten und nicht bereit sind, ihren Idealen abzuschwören, erhält er Berufsverbot. Wie der Schriftsteller Vaclav Havel, dessen Stücke nicht mehr gespielt werden, wie der Journalist Jiri Dienstbier, der als Nachtwächter und Heizer arbeitet, oder wie der Autor Ivan Klíma, der Straßen kehrt, schlägt sich Cerny mit einem schlechtbezahlten Job als Deutschlehrer an einer kleinen Sprachschule durch.

Damit kann niemand reich werden - aber integer bleiben. Und wie Havel, der 1993 Staatspräsident wird, und Dienstbier, der nach dem Ende des Kommunismus das Außenministerium übernimmt, wird Frantisek Cerny für seine Integrität schließlich belohnt: Nach der "samtenen Revolution" holen ihn seine Freunde Havel und Dienstbier in ihr Team, von 1998 bis 2001 vertritt Cerny die tschechische Republik als Botschafter in Berlin. Heute lebt Frantisek Cerny wieder in seiner Heimatstadt Prag, direkt am Ufer der Moldau. "Der Prager Frühling spielt die wichtigste Rolle in meinem Leben", sagt der heute 76-Jährige und strahlt, als wenn das alles nicht 40 Jahre her wäre: "In der Zeit haben sich ständig neue Horizonte geöffnet."


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