"Seite-drei-Girl"-Jubiläum Nackte Tatsachen! Blankes Entsetzen!

Erst fielen die Hüllen, dann brachen alle Dämme: 1970 sorgte die Boulevardzeitung "Sun" mit einem nackten Mädchen für Aufruhr in Großbritannien. Der Tabubruch machte ein Gelegenheitsmodel berühmt, einen Verleger reich - und stürzte manches Seite-drei-Girl ins Unglück.

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Larry Lamb riskierte seine Karriere, aber er wollte unbedingt die Sex-Bombe zünden. Die "Sun", dessen Chefredakteur Lamb war, feierte an diesem 17. November 1970 ihren ersten Geburtstag, und der Chef hatte sich ein besonderes Geschenk ausgedacht: Das Foto einer Frau, platziert auf der dritten Seite. Die Frau hatte lange, blonde Haare und die Arme über den Schultern verschränkt. Das Foto wurde zum explosivsten Präsent der englischen Pressegeschichte. Denn die Frau war nackt.

Larry Lambs Entscheidung im Jahr 1970 sorgte für Aufruhr in Großbritannien und machte das 22-jährige Gelegenheitsmodel Stefanie Rahn über Nacht berühmt. Der Zeitung, die das erste nackte Seite-drei-Girl druckte, brachte sie Millionengewinne. Und der Coup veränderte erst die britische und dann die europäische Boulevardpresse für immer. Dabei wäre möglicherweise alles anders gekommen, wenn jemand auf den Chef aufgepasst hätte.

Die "Sun" gehört zum Imperium des australischen Medienmoguls Rupert Murdoch. Er hat das Blatt 1969 gekauft und Kritiker werfen der Boulevardzeitung seither nicht nur regelmäßig vor, Politik zu machen - sondern auch "besessen vom Thema Sex" zu sein. Das Blatt druckt Auszüge aus erotischen Büchern und bebildert Texte mit Vorliebe anzüglich. Auch die Models auf der Seite drei sind spärlich bekleidet, aber nie nackt.

Ein Anruf, der das Leben verändert

Für Larry Lamb, den Murdoch zur "Sun" geholt hat, haben die Seite-drei-Girls zu viel an. Er will die Auflage steigern und fasst einen Plan, der im besten Fall die "Sun" reich machen und im schlimmsten Fall seinen Job kosten könnte. Zur selben Zeit hat Stefanie Rahn Bilder für eine Modelagentur aufgenommen, die die Bilder an die Zeitung schickt. Die in Südafrika geborene Blondine ahnt nicht, was für Folgen das haben könnte. Dann bekommt sie einen Anruf. Ein Foto von ihr werde in der "Sun" erscheinen.

Murdoch ist außer Landes, und pünktlich zum ersten Geburtstag hat Larry Lamb über den Kopf des Bosses hinweg ernst gemacht. Rahn ist peinlich berührt. "Ich war zu verlegen, mir die Zeitung zu kaufen und mir das Foto anzuschauen", sagt sie später. Sie habe damals mit einem Schauspieler zusammengelebt, "und ich befürchtete, es könnte ihm gar nicht gefallen, seine Freundin oben ohne in einer Zeitung zu sehen". Als Murdoch am nächsten Tag die dritte Seite der "Sun" aufschlägt, soll er rasend vor Wut sein.

Ein Jahr später hat das Boulevardblatt seine Auflage von 1,5 Millionen auf 2,1 Millionen gesteigert - und ist für Murdoch zu einer Gelddruckmaschine geworden, mit der er den Ausbau seines Imperiums finanziert. Die Dinge fügen sich, Lamb hat alles richtig gemacht. Stefanie Rahn modelt ab 1973 regelmäßig für die "Sun" und nimmt den Geburtsnamen ihrer Mutter an. Sie heißt jetzt Stefanie Marrian. "Für mich öffneten sich viele Türen", wird sie Jahre später in einem Interview mit dem Blatt, das sie berühmt machte, erklären - neben Filmproduktionsfirmen ist angeblich auch der deutsche Playboy Gunter Sachs an der Blondine interessiert.

"Manchmal wünsche ich mir, ich hätte es nicht getan"

Der Erfolg der "Sun" alarmiert die Konkurrenz. Sowohl "Daily Mail" als auch "Daily Star" ziehen ihren Erotikmodels die Sachen aus. Kritiker bezeichnen den neuen Trend als sexistisch, doch noch sind die Nackten kein tägliches Element in den Boulevardzeitungen, sondern erscheinen nur unregelmäßig. Erst als die "Sun" fünf Jahre später das nackte Model täglich bringt, beginnt die große Empörung. Und sie findet nicht nur öffentlich statt. Rupert Murdoch muss angeblich in der eigenen Familie einen Spießrutenlauf absolvieren.

Die Labour-Politikerin Clare Short will Mitte der Achtziger die Seite drei per Gesetz verbieten lassen, scheitert aber an mangelnder Unterstützung. Rebekah Wade, stellvertretende Chefredakteurin in den neunziger Jahren, ätzt gegen die Seite drei. Die nackten Frauen würden jüngere Leserinnen abstoßen statt sie an die Zeitung zu binden.

Und selbst Larry Lamb bekennt später: "Ich habe dazu beigetragen, dass der Begriff 'Seite drei' in den allgemeinen Sprachgebrauch aufgenommen wurde. Aber manchmal wünsche ich mir, ich hätte das nicht getan." Aber warum wollte ausgerechnet der Mann, der die Mauer einriss, sie später am liebsten wieder aufbauen?

Wo doch ein Bild auf Seite drei Tausenden vorher unbekannten Frauen zu einer (bescheidenen) Karriere verhalf? Und wurde nicht Samantha Fox zum bekanntesten Pin-up Großbritanniens, bis Katie Price sie ablöste? Die BBC-Dokumentation "Die nackte Wahrheit" rechnete außerdem aus, dass ein durchschnittlich erfolgreiches Page-3-Model auf ein Jahreseinkommen von 30.000 bis 40.000 britischen Pfund kommen konnte.

Der Fluch der Seite drei

Vielleicht dachte Larry Lamb aber an berühmte Models wie Jilly Johnson, die an Magersucht erkrankte und an Drogen fast zugrunde ging. Oder an die junge Kirsten Imrie, die erst im Starhimmel schwebte und sich dann so hoch verschuldete, dass sie ihr Haus verlor und auf der Straße leben musste. Ein Bild auf der Seite drei konnte ein Leben verändern - aber nicht jede Frau konnte damit umgehen. Eine Dokumentation des Regisseurs Julian Jones über die barbusige Institution der Briten heißt nicht umsonst "Der Fluch der Seite drei".

Der Film erscheint 2003, im gleichen Jahr wird die Altersgrenze der Models per Gerichtsbeschluss auf 18 heraufgesetzt. Fast drei Dekaden lang hatten sich 16-Jährige für die Seite drei ausziehen dürfen. 1999 waren bei der "Sun" schon Frauen mit Silikonimplantaten von der dritten Seite verbannt worden. Diesmal war es aber nicht die Justiz, die die Entscheidung fällte, sondern die Leser des Boulevardblattes selbst.

2003 scheint sogar das Ende der Seite-drei-Nacktheit in Sicht. Rebekah Wade wird Chefredakteurin - die erste Frau, die in der Geschichte des Blatts diesen Posten übernimmt. Doch aus der ehemaligen Kritikerin wird in der neuen Position eine Verteidigerin. Sie nennt Seite-drei-Models "intelligente Frauen junge Frauen, die in der 'Sun' aus freien Stücken erscheinen und weil sie den Job lieben". Als Clare Short 2004 einen neuen Versuch unternimmt, die Seite drei verbieten zu lassen, montiert die "Sun" den Kopf der Politikerin auf einen Modelkörper und nennt sie "dick und neidisch".

Heute feiert die "Sun" wieder zwei Geburtstage, den 41. der Zeitung und den der Seite drei, die nur ein Jahr jünger ist. Und auch diesmal gratuliert Stefanie Marrian - sie bedankt sich in einem Interview für das, was die "Sun" für sie getan habe. Marrian ist jetzt 62 und lebt zurückgezogen im Norden von London in einem Appartmenthaus. Die Frau, die so viele Männer anzog, ist überzeugte Feministin und hat nie geheiratet. Seit 21 Jahren lebt sie im Zölibat.



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