"Sesamstraße" Meuchelmord am Krümelmonster

1969 ging die "Sesamstraße" in den USA auf Sendung. Bald waren Ernie und Bert auch in Deutschland Kult, zum Schrecken hiesiger Pädagogen. Peter Röders, Ur-Samson und Bödefeld-Erfinder, erlebte, wie Erziehungsfanatiker aus dem bissigen Original einen zahnlosen Abklatsch machten.

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Die Höhle des Bären gleicht einem Gruselkabinett. Froschgrüne Schaumstoff-Fratzen ohne Nasen, Latex-Körper mit verstümmelten Gliedmaßen, herrenlose Riesen-Tatzen - und mittendrin ein gutgelaunter Mensch mit weißem Schnauzer: Peter Röders, Deutschlands erstes Samson-Innenleben, Bödefeld-Erfinder und wohl bekanntester Puppenbauer der Republik. Uiuiuiuiuiui!

Wer nach ihm sucht, muss sich an den äußersten Nordrand des Landes vortasten, vorbei an Schafherden und Heidewiesen, Seenplatten und Steckrüben-Ständen. In dem 830-Seelen-Dorf Idstedt, unweit der dänischen Grenze, haust der Herr der Puppen in einem efeuberankten Friesenhaus, zusammen mit Frau und Kind, Hund und Katze, Chamäleons und Barschen - und einem riesigen Heer von knallbunten Schaumstoff-Fabelwesen, darunter Rudi Rabe, der Drache Tabaluga, das Schaf Chili, Hein Daddel, das RTL-Karlchen. Seine Babys eben, die Babys aus dem Fabula-Puppentheater von Peter und Claudia Röders. Nur von Samson keine Spur - außer einem tennisballgroßen Originalauge.

Sechs Jahre lang, zwischen 1978 und 1984, steckte er im Zottelpelz des 2,10 Meter hohen Gutmensch-Bären, eine schweißtreibende Aufgabe: "Ich stand den ganzen Tag über im eigenen Saft", sagt Röder. Auf seinen Schultern lastete eine mehr als 20 Kilo schwere Masse aus Rattan, Fischbein, Nessel und Synthetikpelz. Ein kleiner Monitor im Bauchraum sorgte dafür, dass der Bär wenigstens ein bisschen etwas von dem sah, was die anderen machten.

Weg mit dem Ghetto-Flair, weg mit Bibo und Oskar

"Die anderen", das waren sein Wecker sammelnder Konterpart, der nervig-flatterige Plüschvogel Tiffy, sowie Lilo Pulver und Henning Venske, die Eltern in der Ur-Familie der deutschen Sesamstraße, angetreten im Jahr 1978, um die deutschen Kinder über den Verlust von Tollpatsch-Bibo und Griesgram-Oskar, Gordon, Susanne und all die anderen Charaktere aus der alten Sesamstraße hinwegzutrösten.

Die waren vor 40 Jahren, am 10. November 1969, erstmals im US-Fernsehen auf den Plan getreten. Im Nu hatte sich die geniale Anarcho-Combo aus schlechtgelaunten, schlürfenden, zeternden Monster-Viechern in die Herzen einer ganzen Nation gequatscht, gezankt, gesungen. All das irgendwo in einem amerikanischen Vorort, mitten in einer von Mülltonnen gesäumten, rumpeligen Straße. Die "Sesame Street", wie sie im Original hieß, war ein Exportschlager, dazu auserkoren, die Kids rund um den Globus zu verzaubern.

In Deutschland war dies jedoch nur in seiner vermeintlich pädagogisch-korrekten Light-Version erlaubt: Nach anfänglicher Euphorie - eine synchronisierte Fassung der US-"Sesamstraße" wurde am 1. August 1972 erstmals im deutschen Fernsehen ausgestrahlt - rebellierte hierzulande eine Allianz aus Eltern, Wissenschaftlern und Erziehern. So diagnostizierte Beispielsweise Harald Hohenacker, seiner Zeit Leiter der Projektgruppe Erziehungswissenschaft und musische Programme beim Bayrischen Rundfunk der Sendung "unerträgliche Inhalte und Haltungen." Der Tenor der aufgebrachten Erziehungsexperten: Weg mit dem Ghetto-Flair, weg mit den Farbigen, weg mit Bibo und Oskar. Die Ur-Sesamstraße muss sterben, eine deutsche Version muss her. Und mit ihr: deutsche Puppen, Made in USA. Wie der biederbrave Samson eben. Und die neunmalkluge Tiffy - Spiegel der deutschen Volksseele, zumindest in den Augen der Amerikaner, die die deutschen Puppen kreierten.

"Liebe, nette Figuren, bei denen aber das Salz in der Suppe fehlte", seufzt Peter Röders - obwohl er Samson seine Berühmtheit zu verdanken hat. Ein NDR-Team fahndete damals fieberhaft nach den Innenleben für Samson und Tiffy und stieß auf den einstigen Heilpädagogen und Puppenspieler sowie dessen damalige Frau Kerstin Siebmann-Röders.

Schwarzer Punkt, Schnuffeltuch, Uiuiuiuiuiui

Mehrfach flog das Samson-Tiffy-Ehepaar zur Kostümprobe nach New York, ins Atelier von Puppenbildner und Bibo-Bauer Kermit Love. Ein Freak mit schlohweißem Wallebart, der im Auftrag des großen Muppet-Vaters Jim Henson unter anderem die deutschen Sesamstraßen-Figuren baute. "Die konnten es einfach", sagt Röders über die Weg weisende Arbeit seiner mittlerweile verstorbenen Vorbilder.

"Wild durcheinander wirbelnde Figuren mit großem Klappmaul, schnell, liebevoll, aggressiv, so etwas gab es in Deutschland bis dahin nicht", so Röder. Als die Ur-Sesamstraße an den Start ging, hätten hierzulande vor allem Kasperle-Puppen und Marionetten die Kinder zum Lachen gebracht - statisch, lahm und ungelenk im Vergleich zu den bunten US-Monstern.

Klar, dass die Amerikaner auch den Samson bauten. Die Seele allerdings hat Röders dem Bären eingehaucht, im NDR-Studio in Hamburg-Wandsbek. Einzige Vorgaben von NDR-Redakteur Jürgen Weitzel: Samson sagt ständig Uiuiuiuiuiui und trägt ein Schnuffeltuch mit sich herum. "Ein grässlicher Lappen, niemals wusste ich, wo der gerade war", sagt Röders und erinnert sich mit sichtlichem Grausen an all die Hängematten-Szenen: "ein Wahnsinn, mit dem Riesenkostüm wieder raus zu kommen."

"Oberpädagogisch, kreuzlangweilig und unspielbar"

Ansonsten jedoch liebte Röders seinen Bären-Dienst - zumindest die ersten zwei Jahre. Von Schauspieler Henning Venske angestachelt, habe man improvisiert bis zum Geht-Nicht-Mehr. Und sei die Stimmung mal ausnahmsweise im Keller gewesen, "dann hat sich Redakteur Norbert Schulze Junior ans Klavier gesetzt, alle haben kurz abgerockt und dann wurde weitergedreht".

Mit der Zeit jedoch habe sich der ums Kindeswohl besorgte pädagogische Beirat immer mehr in die Arbeit der Sesamstraßen-Familie eingemischt - von nun an war Schluss mit lustig. "Jedes Wort wurde auf die Goldwaage gelegt, alle Spitzen gekappt, bis nichts mehr übrig war", sagt Röder. "Oberpädagogisch, kreuzlangweilig und unspielbar" seien die Texte geworden - irgendwann habe er sich ins dunkle Innenleben des Samson zurückgezogen und nur noch abgelesen, eine Taschenlampe in der Hand - und die Passion von einst in der Garderobe.

1984 dann warf der Ur-Samson Röders seinen Pelz für immer ab - nicht ohne der Sesamstraße jedoch eine kleine Sensation hinterlassen zu haben: Herr von Bödefeld, notorischer Nörgler, Siezer und Unsympath, ist seine Kreation - in der riesigen Idstedter Scheune erblickte er das Licht der Welt.

Gegenentwurf zur lieben deutschen Sesamstraßen-Gang

Die einzige in Deutschland gebaute Puppe, die es jemals schaffte, vor den gestrengen Sesamstraßen-Gralshütern des CTW in New York zu bestehen: Hier thront sie, in luftiger Höhe, wie sich dies für Adelige geziemt, erhaben über all die anderen Puppen. Stolz nimmt Röders den pinkfarbenen Querulanten mit dem bekifften Blick - "So war die Zeit damals" - vom Ständer und streichelt mit seinen Fingern zärtlich über die Federhaare.

Die Deutschen können halt keine Puppen bauen, habe eine NDR-Redakteurin mal am Set gestichelt - ein Ausspruch, der Röders so sehr wurmte, dass er sich in sein Atelier einschloss und nächtelang an einer eigenen Kreation feilte. "Zwei Jahre hat es gedauert, bis der NDR den unfreundlichen Egozentriker bei den Sesamstraßen-Machern in den USA durchgeboxt hatte", erinnert sich Röders und freut sich - noch immer.

Warum gerade dieser arrogante Schnösel? Er habe einen Gegenspieler schaffen wollen zur lieben deutschen Sesamstraßen-Gang, einen Antihelden. Einen, der in der frecheren US-Sesamstraße vermutlich ein langes Leben gehabt hätte.

Hierzulande flog Bödefeld jedoch schon 1988, nach rund fünf Lebensjahren, wieder raus aus dem Big-Brother-Puppenkarrussell. Um Platz zu machen für den niedlichen Oskar-Abklatsch Rumpel. Abgestellt auf dem platten Lande, im Schleswig-Holsteinischen, zwischen ramponierten Puppenkörpern und Schaumstoffschnipseln - so hat sich die adeligste aller Puppen ihren Lebensabend sicher nicht vorgestellt. Sein Schöpfer mit dem weißen Schnauzer kommt damit klar. Schließlich hat er eine große Puppen-Familie.



insgesamt 5 Beiträge
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Ralf Bülow, 10.11.2009
1.
Hallo Leute: Erinnert sich noch jemand an die Original-Folgen der "Sesame Street", die im Sommer 1972 nachmittags & unsynchronisiert vom WDR ausgestrahlt wurden, d.h. Monate vor dem Start der westdeutschen Folgen? Ein kleines bisschen Anarchie war also doch noch möglich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.
Eleonore Aarsen, 11.11.2009
2.
Unsynchronisiert?? Echt? Ich erinnere mich nur, dass die Originalepisoden (synchronisiert) doch eine Zeit lang liefen, denn ich habe die verdeutschte Lilo-Pulver Version nie gekannt. So schnell haben die das nicht ersetzt. Naja, vielleicht hatten sie ja recht, denn ich bin jetzt Amerikanisch--wahrscheinlich hat die Ghetto-Szene ja was in mir ausgeloest. Immerhin durften wir Anfang der 70er noch Kindheiten haben, bevor alles ueber-paedagogiert wurde. Sind sogar mit echten Kerzen zum St. Martin! :)
Alex Regh, 11.11.2009
3.
Für mich, Jahrgang '67, hatte sich mit der Entfernung von insbesondere Oscar die Sesamstraße damals erledigt. Die deutsche Version fand ich einfach nur "doof".
Sylvia Götting, 11.11.2009
4.
Aber sicher, Ralf Bülow, erinnere ich mich daran; bei mir war's auf N3. Das war immer ein Highlight, weil nicht synchroninfiziert. Und die Originale waren 1 Stunde lang. Angesichts der verdeutschten Lilo-Pulver-Version frage ich mich doch, wer hier die Prüden und Konservativen sind - die Amis oder die Deutschen. Zitat von Ralf Bülow: "Ein kleines bisschen Anarchie war also doch noch möglich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen." - Der WDR war schon immer etwas mutiger - siehe "Ein Herz und eine Seele".
Volker Zippelius, 12.11.2009
5.
In den Niederlanden ist die SESAMSTRAAT auch sehr beliebt. Glücklicherweise nicht so sehr der Anarchie beraubt wie hier. So gibt es von Anfang an den Grantler Meneer Aart, der hier eine Legende ist. Und Oskar war hier nie weg! Und der Vampir Graaf Tel (zählt immer..) hat einen deutschen Akzent. Im Vergleich mit der deutschen Sesamstraße also viel witziger, mitreißender und aufmüpfiger.
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