40 Jahre Weltraumlabor "Skylab" Das Traumschiff

40 Jahre Weltraumlabor "Skylab": Das Traumschiff Fotos

Schöner wohnen im All: Dusche, Bibliothek und zum Essen Hummer mit Blick auf die ferne Erde. 1973 schossen die Amerikaner die modernste Raumstation der Welt in den Erdorbit, um Hunderte Experimente durchzuführen. Doch wenige Jahre später sollte das fliegende Labor die Menschheit in Panik versetzen. Von

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Richtig gemütlich sollte es für die US-Astronauten sein, 435 Kilometer von der Erde entfernt, mitten im schwarzen, lebensfeindlichen Weltraum. Eine Raumstation, so groß wie ein Reihenhaus, 30 Meter lang, zweigeschossig, 350 Kubikmeter Wohnraum.

So viel Luxus hatte es noch nie gegeben, zumindest nicht im All: Eine Dusche mit Spezialvorhängen, die das unkontrollierte Herumschwirren schwereloser Wassertropfen verhindern sollten. Hängende Schlafsäcke, ein sich per Vakuumsog säuberndes WC, eine Bibliothek mit immerhin 36 Büchern, eine Dartscheibe. Und dann erst der dreieckige Esstisch, an dem sich die Astronauten festschnallen und beim Dinner durch ein Bullauge auf den blauen Erdball schauen konnten. Dazu etwas Hummer? Oder doch lieber das Filet Mignon? Exklusive Tiefkühlkost, die nicht mehr aus Tuben kam, sondern in kleinen Mulden eines Spezialtabletts aufgewärmt und verzehrt wurde.

"Es war", sagte der Astronaut Jack Lousma später, "als ob man in der Wildnis plötzlich auf eine wohnliche Hütte trifft." Der "Guardian" adelte die Raumstation gar zum "Hotel im All".

"Eine himmlische Arche Noah"

Die Amerikaner hatten 1969 den ersten Mann auf den Mond gebracht. Nun, im Mai 1973, wollten sie offenbar die Zivilisation ins All schießen: Nie zuvor hatten Weltraumreisende so viel Bewegungsfreiheit und Komfort gehabt, wie sie es in der 294 Millionen Dollar teuren Raumstation "Skylab" haben würden. "Die imposanteste Raummaschine, die je gebaut wurde", jubelte die "Washington Post". Und ein christliches Magazin titelte beseelt: "Eine himmlische Arche Noah."

Tatsächlich sollte die All-Arche helfen, neue Welten zu erschließen: Hunderte wissenschaftliche Experimente waren an Bord der Station geplant, Multispektralkameras würden die Erde nach unbekannten Bodenschätzen oder Zeichen von Umweltverschmutzung absuchen. Die Raumfahrt sollte endlich konkreten Nutzen bringen - vielleicht sogar der ganzen Menschheit zugutekommen.

Es dauerte eine Minute und drei Sekunden, bis dieser Traum erschüttert wurde.

Als am 14. Mai 1973 eine Saturn-V-Rakete "Skylab" ins All schoss, löste sich 63 Sekunden später die Aluminiumhaut, die die Station vor Hitze und Meteoriten schützen sollte. 530 Sekunden später brach eines der sechs Solarmodule ab; ein weiteres konnte nicht ausgefahren werden, nachdem das "Himmelslabor" seine Erdumlaufbahn erreicht hatte.

Damit begann eine fatale Kettenreaktion: Die Stromversorgung brach zeitweilig zusammen, dabei hatte die Nasa zuvor vollmundig von den 469 Batterien des "Skylab" und dem "besonders raffinierten Energiesystem" geschwärmt. Gleichzeitig heizte sich die Station ohne ihr Wärmeschild auf bis zu 65 Grad auf. Sauna statt wohltemperiertes Weltraum-Hotel: Die drei Astronauten, die nach dem "Skylab"-Start mit einer "Apollo"-Kapsel zur Station fliegen sollten, mussten zunächst auf der Erde bleiben.

"Es ist verfrüht, dem 'Skylab'-Programm Nachrufe zu widmen", hieß es am 15. Mai trotzig seitens der Flugleitung. Nicht zum ersten Mal mussten die Nasa-Ingenieure in größter Eile improvisieren: Ein ganzes Team an Konstrukteuren bastelte mit Angelruten an dem Prototypen für einen etwa zwölf Meter langen und vier Meter breiten Sonnenschutz, den die Astronauten vor die beschädigte Außenhülle spannen sollten.

Es lag also an Charles Conrad, Joseph Kerwin und Paul Weitz, die Mission vor einem frühen Debakel zu bewahren. Am 25. Mai dockten die Astronauten mit ihrer "Apollo"-Kapsel an die beschädigte Weltraumstation. "Ein Klima wie in der Wüste", meldete Paul Weitz, "es riecht nach heißem Metall". Weitz hatte als Erster "Skylab" betreten - zunächst mit Gasmaske, denn durch die Hitze hätten sich giftige Gase bilden können. Doch nach einer Messung gab er Entwarnung. Auch sonst schien alles in Ordnung. Lediglich eine einsame Schraube segelte durch die Station.

"Wir fühlen uns pudelwohl!"

Als den Männern wenig später das Manöver mit dem improvisierten Sonnenschirm gelang, sank die Temperatur innerhalb kurzer Zeit um zehn Grad - und die Stimmung an Bord stieg: "Wir fühlen uns pudelwohl", vermeldete Kommandant Charles Conrad in einer Fernsehübertragung einem erleichterten Millionenpublikum in den USA.

28 Tage wollte die dreiköpfige Crew in dem Himmelslabor forschen, noch im selben Jahr sollten zwei weitere Teams sogar jeweils 56 Tage im All bleiben. Mit diesen neuen Rekorden wollten die USA auch eine kleine Niederlage ausbügeln. Denn bereits 1971 hatte die Sowjetunion mit "Saljut 1" die erste Raumstation der Welt ins All geschossen. 23 Tage war "Saljut" bemannt gewesen. Für einen Propagandatriumph hatte die Mission dennoch nicht getaugt, da ihre Besatzung bei der Rückkehr in der "Sojus"-Kapsel gestorben war.

Mit "Skylab" begann also der bis dahin größte wissenschaftliche Feldversuch im All. Zunächst wollte man wissen, was ein Langzeitaufenthalt in der Schwerelosigkeit überhaupt mit dem menschlichen Körper machte: Würden die dauerschwebenden Astronauten wie Seefahrer unter Übelkeit und Brechreiz leiden? Ließ die Leistung des Herzmuskels und des Kreislaufs wegen der fehlenden Erdanziehung in einem lebensbedrohlichen Maße nach?

Wilde Experimente

Mit Joseph Kerwin war deshalb erstmals ein ausgebildeter Arzt im All. Regelmäßig nahm er seinen Kollegen Blut ab und kontrollierte mögliche Störungen des Gleichgewichtsorgans im Ohr. Auf einem Trimm-dich-Rad mussten sich die Männer fit halten und gelegentlich in eine Art Tonne steigen, in der ein niedriger Luftdruck erzeugt wurde: Dadurch erweitern sich die Blutgefäße - mehr Arbeit für Herz und Kreislauf.

Neben den Experimenten am eigenen Körper betrieben die drei Raumfahrer einen wilden Mix an Grundlagenforschung in Chemie, Physik und Biologie: Wachsen Kristalle im Vakuum? Lassen sich dort also extrem reine Rohstoffe züchten? Kann die Schwerelosigkeit Körper in idealer Kugelgestalt formen, etwa einen Tropfen Eisen, der wieder erstarrt?

Die schrägsten Fragen waren erlaubt: Schon Monate vor dem "Skylab"-Start hatte die Schüler eines ganzen Landes sich den Kopf über besonders originelle Experimente zermartert, die sie bei der Nasa einreichen konnten. 19 von insgesamt 3400 Vorschlägen sollten schließlich tatsächlich im "Skylab" erprobt werden. Darunter war auch das Experiment mit der Nummer ED 52, eingereicht vom 17-jährigen Julius Miles aus Massachusetts: Wie bauen Spinnen eigentlich in der Schwerelosigkeit ihr Netz?

Spinnen-Star aus dem All

Zur Klärung flogen die beiden Kreuzspinnen Anita und Arabella mit ins All. "Wie rasend", so hieß es später im "Skylab"-Logbuch, habe Arabella in allen Ecken ihres Plastikkäfigs unkontrolliert Fäden gezogen. Erst nach drei Tagen habe sie wieder ein normales Netz gesponnen - offenbar orientierten sich die Tiere also beim Netzbau zunächst an der Erdanziehung, vermutete der Nasa-Abschlussbericht später.

Während Spinne Anita das Abenteuer All nicht überlebte, wurde Arabella zu einer Art Volksheldin, als sie (aufgepäppelt mit ein paar Brocken Filet Mignon) am 22. Juni 1973 mit den drei Astronauten wieder in die USA zurückkehrte. Die anfangs verloren geglaubte Mission war in einen Erfolg gemündet.

Die beiden "Skylab"-Mannschaften, die den Pionieren noch im selben Jahr folgten und mit 59 und 84 Tagen jeweils neue Langzeit-Rekorde im All aufstellten, wurden jedoch weit weniger gefeiert: Denn je routinierter die Astronauten im "Skylab" arbeiteten, desto weniger interessierten sich die Menschen für sie. Erst als im August 1973 zwei Steuerdüsen der "Apollo"-Fähre versagten und die Rückkehr zur Erde kurzfristig gefährdet schien, sorgte die Raumstation wieder für Schlagzeilen.

Rückkehr zur Erde

Dabei hätte es weit Erstaunlicheres zu berichten gegeben: In Spezialöfen ließen die Astronauten Metalle und Kristalle schmelzen und wieder erkalten. Mit Hilfe des Vakuums konnten sie so Werkstoffe in weit höherer Reinheit als auf der Erde herstellen. Außerdem hielten die hochmodernen Kameras der "Skylab" nicht nur detailliert eine gewaltige Sonneneruption fest. Auf der Erde konnten sogar Heuschreckenschwärme in Afrika, die Luftverschmutzung über dem Ruhrgebiet und unterseeische Gebirgsketten identifiziert werden. Mit Hilfe von "Skylab"-Bildern fanden Wissenschaftler in Nevada eine riesige Kupfer-Lagerstätte und bis dahin unbekannte Wasservorkommen in Argentinien.

Trotzdem blieb es lange stumm um "Skylab". Erst ihr Todeskampf hievte die Raumstation wieder auf die Titelseiten. 1979 - das Himmelslabor war längst veraltet und seit fünf Jahren unbenutzt - raste "Skylab" Richtung Erde. Der drohende Absturz kam vier Jahre früher als von der Nasa berechnet und versetzte so manchen in Angst und Schrecken.

Besorgte Bürger baten US-Präsident Carter, das mehr als 80 Tonnen schwere Ding lieber abzuschießen oder mit riesigen Ballons zurück ins All zu tragen. Ein findiger Unternehmer bot "Skylab"-Überlebenspakete an. Dazu gehörten ein Schutzhelm und ein Schadensersatzformular für die Nasa.

Gefahr für Mainz?

Da der Trümmerregen nahezu überall heruntergehen konnte, bildete auch die Bundesregierung in Bonn einen Krisenstab. Die "Süddeutsche Zeitung" sah "ein Haus" auf die Erde zufliegen und der "SPIEGEL" titelte gar: "Skylab stürzt zur Erde: Gefahr für Mainz?"

Am Ende konnten nicht nur die Mainzer durchatmen. Die einst modernste Raumstation der Welt ging über Australien nieder, verletzte dort niemanden und geriet nach der Aufregung endgültig in Vergessenheit.

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1.
Markus Szczypiorski 14.05.2013
"Doch wenige Jahre später sollte das fliegende Labor die Menschheit in Panik versetzen" Sollte es vielleicht. Hat es aber nicht. Oder werden hier alte SPIEGEL-Schlagzeilen schon als Beleg genommen?
2.
Tilman Disselkamp 14.05.2013
"[...]und geriet nach der Aufregung endgültig in Vergessenheit." Nicht ganz: "Die Behörden der australischen Gemeinde Esperance Shire schickten der NASA einen Bußgeldbescheid über 400 Dollar, wegen unerlaubter Abfallentsorgung. Die NASA lehnte eine Bezahlung ab, erst 2009 wurde der ausstehende Betrag von einer US-Radiostation beglichen." (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Skylab )
3.
Mathias Völlinger 14.05.2013
>"Doch wenige Jahre später sollte das fliegende Labor die Menschheit in Panik versetzen" Sollte es vielleicht. Hat es aber nicht. Oder werden hier alte SPIEGEL-Schlagzeilen schon als Beleg genommen? Jo, kann mich noch erinnern, dass zu der Zeit da mal ein wirkliches Problem war: Der dann doch "glimpflich" verlaufene Absturz eines sowjetischen "Kosmos"-Satelliten über Kanada mit ziemlich viel Plutonium drin...
4.
Karsten Koop 15.05.2013
Schwerelosigkeit und Vakuum sind nicht dasselbe (haben eigentlich gar nichts miteinander zu tun). Im Artikel wird das mindestens zweimal verwechselt.
5.
Karsten Koop 15.05.2013
Ergänzend zum Thema Absturz: Mit Ende des Apollo-Programms gab es keine Möglichkeit mehr, zu der Station zu fliegen. Deswegen war der Plan, diese auf eine höhere Umlaufbahn zu bringen, so dass sie bis etwa 1983 die Erde unbemannt umrunden könnte, während das Space Shuttle in Betrieb genommen wurde (geplant für 1979), mit dem dann die Station wieder in Betrieb genommen werden könnte. Allerdings kam die Station schon 1979 herunter, und der erste Space-Shuttle-Flug fand erst 1981 statt.
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