40 Jahre "Tatort" "Mit Krimis hatte ich nie was am Hut!"

40 Jahre "Tatort": "Mit Krimis hatte ich nie was am Hut!" Fotos
NDR/Scharlau

Jeden Sonntagabend sehen Millionen Deutsche den "Tatort". Gunther Witte verpasst auch mal einen. Der Mann, der die Krimireihe vor 40 Jahren erfand, geht lieber in die Oper. Ein Hausbesuch beim Vater der TV-Verbrecherjagd, der sich noch heute über miese Folgen ärgert - und über einen wütenden Politiker amüsiert. Von

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"Kennen Sie 'Die Konsequenz'? Den Film habe ich 1977 zusammen mit Wolfgang Petersen gemacht. Der erste schwule Kuss im deutschen Fernsehen, ein Riesending war das! Warum interessiert sich nie einer auch mal dafür?" Kerzengerade Haltung, wacher Blick, die Hände ordentlich in den Schoß gelegt: Da sitzt er, Gunther Witte, der Urvater von Schimanski, Haferkamp und Co., in seiner Berliner Wohnung - und will eigentlich gar nicht über sein Baby reden.

Statt Henning Mankell und Agatha Christie bevölkern Thomas Mann und Friedrich Schiller die Bücherregale. Den kleinen Flatscreen flankieren keine Tatort-DVD-Boxen, sondern zwei schwarze Porzellankatzen. Ein winziges Indiz weist darauf hin, dass hier der oberste Täter der Nation leben könnte: Auf dem Couchtisch liegt, unter einem Stapel Opern- und Theaterbroschüren begraben, die Kopie der "Spargelzeit"-Folge mit Wittes aktuellen Lieblingsermittlern Axel Prahl und Jan Josef Liefers.

"Habe ich verpasst, weil ich zum Essen eingeladen war", sagt der 75-Jährige. Wie bitte? Der "Tatort"-Erfinder lauert nicht jeden Sonntagabend ab 20.15 Uhr vor dem Bildschirm? Tut er nicht - nicht mehr. Seit seinem Ausstieg als Fernsehspielchef beim WDR 1998 hat sich Witte sukzessiv vom Ort der Tat entfernt, um zu seinen Wurzeln zurückzukehren. Weg vom TV und hin zur alten Bühnenleidenschaft, weg von Köln und hin nach Berlin. Dorthin, wo einst alles begann.

"Es geschah in Berlin"

Ostfernsehen mochte er nicht, Westfernsehen gab's nicht, also hörte der in Riga geborene, 1939 von Adolf Hitler "heim ins Reich" geholte Gunther Witte als Teenager in Oberschöneweide Radio. Für zwei Rias-Sendungen ließ er alles andere sausen: Die eine war die wöchentliche Hitparade, die andere "Es geschah in Berlin" - eine am Samstagabend ausgestrahlte Krimi-Doku, die reale, in der Stadt verübte Kapitalverbrechen spannend aufbereitete. An einem kühlen Herbsttag im Jahr 1969 kam sie ihm plötzlich in den Sinn, die Hörfunkreihe, die seine Jugend geprägt hatte.

Witte, mittlerweile Dramaturg beim WDR, stand mitten im Kölner Stadtwald, sein damaliger Chef Günther Rohrbach hatte ihn und einen Kollegen zum Spaziergang zitiert. Während der Kollege die Aufgabe erhielt, eine Familienserie zu entwickeln, rief Rohrbach dem jungen Witte zu: "Heben Sie mir den 'Kommissar' aus dem Sattel!" 1969 hatte das ZDF Herbert Reineckers "Kommissar" auf die Deutschen losgelassen - und damit die ARD mächtig unter Druck gesetzt.

"Da müssen wir gegenhalten!", donnerte Rohrbach und brummte Witte den Auftrag auf, eine ARD-Krimiserie zu entwickeln. "Ich bekam einen fürchterlichen Schreck, mit Krimis hatte ich nie was am Hut!", erinnert sich Witte, der an der Humboldt-Universität Theaterwissenschaften studiert und sich nach seiner Flucht in den Westen 1961 nur deshalb beim Fernsehen beworben hatte, weil er sicher war, als DDR-Dramaturg keine Chance an den bundesrepublikanischen Bühnen zu haben. "Von Fernsehen wusste ich so gut wie nichts", sagt er. Doch dann fiel Witte zu seinem und aller Deutschen Glück die Rias-Sendung ein.

"Schließlich hat schon Brecht geklaut!"

"Den Titel konnte ich nicht nehmen, dafür aber die Kernidee - schließlich hat schon Brecht geklaut", sagt Witte und lacht. Der Dramaturg übertrug das Format auf das Fernsehen und machte aus der Not der föderalen ARD-Struktur eine Tugend: Die Morde, so seine Idee, sollten sich überall dort ereignen, wo das Erste seine Sender sitzen hat. "Denn erstens hätte unser Etat beim WDR niemals für eine eigene Serie gereicht, und zweitens konnten wir so die Schönheit jeder einzelnen Region zeigen", sagt der hagere, leise Mann.

Sein Konzept indes - ein Kommissar pro Sender, größtmöglicher Regionalitäts- sowie Realitätsbezug - kam bei den ARD-Oberen überhaupt nicht gut an. "Eisiges Schweigen" habe er in der Koordinationssitzung der Fernsehspielchefs geerntet, erinnert sich Witte: "Die sagten einfach gar nichts, damit war das Thema gestorben." Ein Vierteljahr später präsentierte Witte seine Idee erneut - und plötzlich reagierten alle begeistert. Vielleicht, weil ihnen das ZDF immer mehr Zuschauer wegnahm, Witte weiß es nicht mehr. Jedenfalls konnte es nun gar nicht schnell genug gehen, binnen zweier Monate sollte die Serie starten.

"Unter enormem Zeitdruck wühlte jeder Sender in seinen Schubladen und schaute, was schon fertig produziert vorlag", erinnert er sich. Als erster wurde der NDR fündig und zauberte mit dem Kommissar Trimmel den Auftaktfilm zur neuen ARD-Krimiserie aus dem Hut. Am 29. November 1970 kutschierte der beleibte Zigarrenraucher mit dem "Taxi nach Leipzig" - und der "Tatort" war geboren.

"Ich bin eher der Thanner-Typ"

Witte, fortan nationaler "Tatort"-Koordinator, akzeptierte den Trimmel-Krimi, ebenso wie er die anderen bundesweiten Produktionen hinnehmen musste - auch wenn ihm das manchmal überhaupt nicht schmeckte. Der Süddeutsche Rundfunk etwa habe in seiner Zeitnot 1971 einen Tatort vorgelegt, der ursprünglich als Dokumentarfilm über Mannheim konzipiert war. "Irgendwann tapste dann plötzlich ein Kommissar durchs Bild, grässlich war das", erinnert sich Witte.

Auch mit den ersten WDR-"Tatorten" konnte sich Witte nicht anfreunden, "Zollfahnder Kressin war nicht mal Kommissar, ein James-Bond-Verschnitt - und der Plot glich einem deutschen Märchen, völlig realitätsfern", klagt er. Wehren konnte sich der "Tatort"-Erfinder jedoch nicht. Er habe weder ein Vetorecht gehabt noch den Sendern irgendetwas vorschreiben können. "Jeder machte, was er wollte, ein bisschen wie in der EU", so Witte. Ein Blick auf die kleine, tadellos aufgeräumte Wohnung im Berliner Hansaviertel genügt, um zu wissen, wie schwer ihm das öffentlich-rechtliche "Tatort"-Chaos gefallen sein muss.

Doch Witte überwand sich, ließ sein Krimi-Kind in alle Himmelsrichtungen losstapfen und begnügte sich damit, das Schlimmste abzuwenden. Dass drei "Tatorte" hintereinander im Drogenmilieu spielten etwa oder der Mörder immer der unauffällige Nachbar war. Dazu las er haufenweise Drehbücher in seinem Kölner Büro, "eine Stunde pro Drehbuch, das musste reichen", sagt er. So zog sich der "Tatort"-Erfinder, mittlerweile zum Fernsehspielchef beim WDR aufgestiegen, auf die Rolle des leise und bedacht im Hintergrund agierenden Kontrollfreaks zurück. Und glich darin aufs Haar jenem Mann, dem er sich beim Tatort stets am nächsten gefühlt hat: Christian Thanner, dem farblosen Korrektiv des hemdsärmelig-prolligen Superbullen Horst Schimanski. "Schimi ist mein allerliebster Kommissar - aber ich bin eher der Thanner-Typ", sagt Witte und zwinkert schelmisch hinter seiner Brille hervor.

"Banditenfilm aus Montevideo mit Bordelleinlage"

An den Trubel, der ausbrach, als die ARD 1981 Schmuddelkommissar Schimanski auf die Bösen dieser Welt losließ, erinnert er sich gern. "Da war der Teufel los! Lokalpolitiker, Gewerkschaften, Polizei, alle lehnten sie sich gegen Schimi auf, sie sahen den Ruf Duisburgs und der Ordnungshüter beschädigt. Und die "Bild"-Zeitung zählte, wie oft Schimmi pro 'Tatort' 'Scheiße' brüllt", so Witte. Schließlich habe der damalige Oberbürgermeister Duisburgs, Josef Krings, ein Machtwort gesprochen und Schimanski durchgeboxt - "ich habe ihn neulich auf einer Podiumsdiskussion getroffen und mich dafür bedankt", sagt Witte.

Denn mit seiner lederbejackten Protesthaltung spiegelte Schimi ebenso die bundesrepublikanische Realität wie dies der biedere Bullettenfan Haferkamp aus Essen oder der Dackelliebhaber Melchior Veigl aus München vermochten. "Ohne es zu wollen, haben wir mit dem 'Tatort' ein Panorama deutscher Befindlichkeiten kreiert", sagt Witte. Dass die nicht immer allen passten, hat den Serien-Erfinder stets amüsiert. Besonders gut gefiel ihm das Telex, das Franz Josef Strauß der ARD einst aus New York schickte. Als "Banditenfilm aus Montevideo mit Bordelleinlage" verfluchte der CSU-Politiker darin die SFB-Folge "Tod im U-Bahnschacht" von 1975 - "wir haben uns köstlich amüsiert", so Witte.

Auch weil er sich der Gunst der Zuschauer sicher sein konnte, die die Krimi-Offensive der ARD mit Traumquoten von bis zu 76 Prozent honorierten. In seiner Mordsversessenheit verziehen die Deutschen selbst die gruseligsten "Tatorte", zu denen Witte etwa "Der gelbe Unterrock" oder "Mit nackten Füßen" (beide von 1980) zählt: "Die Drehbücher waren so miserabel, dass wir die Folgen im Giftschrank einschlossen und nicht mehr wiederholten."

"Mich überlebt der 'Tatort' auf jeden Fall!"

Warum die Zuschauer auch nach richtig miesen Folgen immer wieder einschalten? Der "Tatort"-Erfinder erklärt es mit "Magie" und dem Konzept der "Unendlichkeit". "Derrick hört auf, wenn der Schauspieler krank ist - der Tatort erfindet sich mit jeder Generation neu", sagt Witte. Und findet, dass es an der Zeit ist, nun endlich über andere Dinge zu sprechen. Den "Rosenkavalier" etwa - 50-mal hat er die Oper seines Lieblingskomponisten Richard Strauss bereits gesehen.

Oder aber die "Lindenstraße". "Ich habe gegen etliche Bedenkenträger durchgesetzt, dass der Geißendörfer die Serie auch drehen darf. Sie wäre ohne mich nie realisiert worden - könnte man doch auch mal erwähnen", ruft Witte. Auch über seine bislang einzige TV-Rolle in Joseph Roths "Geschichte von der 1002. Nacht" ("Ich saß in einem Puff, trug eine Brille mit Goldrand und sagte stundenlang nichts!") ist bislang nicht berichtet worden - stattdessen reduziert man ihn stets auf den "Tatort".

Der oberste Täter der Nation als Opfer seiner eigenen Erfindung? "Ein bisschen vielleicht", sagt der Serienerfinder und schmunzelt. Die genialen Geister, die Witte vor 40 Jahren rief - er wird sie nicht mehr los. Wie lange sie ihr TV-Unwesen noch treiben werden? "Mich überlebt der 'Tatort' auf jeden Fall", sagt Witte.

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1.
Peter Rotter 10.11.2010
Früher waren die Tatort-Krimis an den Sonntgabenden meistens Höhepunkte des wöchentlichen TV-Programms. Das ist leider vorbei, schade. Man will doch nur spannende Unterhaltung sehen u. nicht unglaubwürdige Geschichten, in denen meist weibliche Komissarinnen, die dann auch noch mit uninteressanten Details aus ihrem Privatleben langweilen, im genialen Alleingang die Täter ermitteln. Kriminalbeamte die ich kenne, schütteln über die unrealistische Darstellung ihrer Ermittlungsarbeit, die bei Mordfällen stets im personalstarken Team erfolgt , den Kopf. Die FS-Macher sollten bei ihren Produktionen mehr Fachleute zu Rate ziehen.
2.
Bodo von Bitz 11.11.2010
Von wegen "Giftschrank": Bei Bild 22 steht am Schluß: "neben "Der gelbe Unterrock" waren dies etwa "Mit nackten Füßen" (HR) sowie "Drei Schlingen" (WDR) - landeten im sogenannten Giftschrank und wurden nicht mehr wiederholt." ? Schtimpt nicht, denn zumindest "Drei Schlingen" lief mehrfach; zuletzt ausweislich des Aufnahmetermins auf meiner Festplatte (von der WDR Website bestätigt) am 24. März 2010 auf WDR-Fernsehen. Zudem ist auf der Website www.tatort-fundus.de zu lesen: "Nach der Wiederholung und Ausstrahlung der Originalfassung im Mai 2003 wird Drei Schlingen dennoch zukünftig nur noch in geänderter Fassung gesendet. Nach Angaben der damaligen WDR-Redakteurin Helga Poche wurde "ein klitzkleiner Schnitt gemacht worden, kaum sichtbar, quasi nur zwei Fotos wurden getilgt, denn es handelte sich nie um eine ganze Szene, sondern nur um Fotos, die schnell durchgeblättert werden." Die Haferkamp-Folge kann und wird demnach wieder wiederholt werden; zählt nicht mehr zu den "verbotenen Früchten". "
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