Fernsehshow "Wünsch dir was" Deutschlands erstes "Nipplegate"

Schluss mit Langeweile! Eine radikal neue Show riss 1969 Deutschlands Fernsehzuschauer von den Sofas: "Wünsch dir was". Mit Elementen von "Big Brother", Ekelshows und Polit-Talk nahm die Sendung das Publikum im Sturm - und sorgte für den ersten Sex-Skandal der deutschen TV-Unterhaltung.

ZDF/ Georg Meyer-Hanno

Von Bernhard Blank


Wie eine Bombe schlug 1969 eine neue Fernsehsendung beim gelangweilten Fernsehpublikum ein: "Wünsch dir was". Bis dahin hatten Gentleman-Showmaster im dreiteiligen Anzug wie Hans-Jochen Kulenkampff mit charmantem Geplauder dafür gesorgt, dass die unruhigen sechziger Jahre, die die aktuelle Berichterstattung prägten, nicht auch noch in die Abendunterhaltung eindrangen. Und wagte "Kuli" einmal, die Ostpolitik von Willy Brandt zu loben, konnte er sich heftiger Proteste der christdemokratischen Bundestagsfraktionen sicher sein. So etwas hatte im Unterhaltungsprogramm nichts zu suchen. Still und stilvoll wurde die Tradition der Rateshows gepflegt, bei denen traumhafte Sach- und Geldpreise zu gewinnen waren. Doch die Familien vor dem Fernseher träumten Ende der Sechziger nicht mehr vom großen Geld, sie hatten bereits einen gewissen Wohlstand erreicht. Sie langweilten sich.

Da überraschte "Wünsch dir was" am 7. Dezember 1969 die Zuschauer in der BRD, Österreich und der Schweiz mit einem neuen, frechen Format. Ein junges Ehepaar erschien auf der Bühne der Wiener Stadthalle: Dietmar Schönherr und Vivi Bach. Schönherr, dessen Filmlaufbahn schon 1944 in "Junge Adler" als Hitlerjunge begonnen hatte, war dem deutschen Publikum auch als rebellischer Kommandant Cliff Allister McLane der "Raumpatrouille Orion" bekannt. Der Tiroler hatte außerdem als Synchronsprecher James Deans Teenagerdramen für das deutsche Publikum gesprochen. Vivi Bach, meist im kurzen Minirock oder in bunten Hosenanzügen zeigte, dass sich die Anschaffung eines der neuen Farbfernsehgeräte wirklich lohnte. In den Illustrierten oft als "dänische Bardot", als Verkörperung skandinavischer Erotik gefeiert, hatte Bach zuvor mit Schönherr zu recht vergessene Heimat- und Abenteuerfilme wie "Liebesspiel im Schnee" und "Blonde Fracht für Sansibar" gedreht.

Symbole der Gleichberechtigung

Schönherr hatte die Sendung stets fest im Griff, doch seine Partnerin Bach beschränkte sich keineswegs auf die Rolle der hübsch lächelnden Assistentin, auf welche Frauen in TV-Shows bis dahinbeschränkt gewesen waren. Als Co-Moderatorin führte sie mit ihm durch die Sendung - ein modernes, gleichberechtigtes und attraktives Ehepaar, Vorboten des gesellschaftlichen Fortschritts der siebziger Jahre. Hinter den beiden stand ein Autorenteam junger Kreativer, das den linken Zeitgeist inhaliert hatte - darunter solche bekannten Namen wie André Heller, Kuno Knöbl, und Helmuth Dimko.

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Fernsehshow "Wünsch dir was": Deutschlands erstes "Nipplegate"

Den von ihnen erfundenen Spielen hatten sich nicht Weltmeister des Wissens zu stellen wie bei den sonst üblichen Rateshows, sondern drei Durchschnittsfamilien: Vater und Mutter mit einem ungefähr 14-jährigen Sohn und einer etwa 17-jährigen Tochter, ausgewählt vom deutschen, österreichischen und Schweizer Fernsehen, wurden vom Moderatorenpaar auf der Bühne begrüßt. Während an den Universitäten die 68er-Generation die Familie als "kleinste Zelle" im Staat mit Verve bekämpfte, hatten in der neuen Show die Zellengenossen gemeinsam gegen die Konkurrenz aus den anderen Ländern zu bestehen.

Panoptikum des modernen Familienlebens

Dabei waren es keine trägen Frage-Antwort-Spiele, die dem Publikum vorgesetzt wurden, sondern ein Panoptikum des modernen Familienlebens, vorgeführt durch gruppendynamische Übungen, die das Innerste des Familienlebens nach außen kehren sollten. Vor der Kamera diskutierten die eingeladenen Sippen über die gestellten Probleme, etwa: Durfte der Sohn lange Haare wie die Beatles tragen oder nicht? Oder die Familienmitglieder mussten erraten, welche Lebenswünsche der anderen durch die Zwänge des Familienlebens nicht in Erfüllung gingen.

Elementen von "Big Brother" vorgreifend, wurden interne Familienberatungen heimlich gefilmt und dann auf offener Bühne vorgeführt. In Diskussionsrunden mit eingeladenen Gästen kamen die großen gesellschaftlichen Fragen der Zeit auf den Tisch: Mit der umstrittenen Autorin Esther Vilar etwa, ob ihr Frauenbild noch aktuell sei; mit Pädagogen, ob Gewalt in der Erziehung wirklich sein müsse, mit Unterrichtsministern aus der Bundesrepublik, der Schweiz und Österreich, ob die Schule den Kindern überhaupt etwas bringe, oder ob das Leben in einer Hippie-Kommune mit freier Liebe dem traditionellen Familienleben nicht vorzuziehen sei.

Drehen Sie das Licht auf!

Bei der Ermittlung der Rundensieger setzte die Show auf die Mitwirkung des Publikums zuhause vor den Fernsehschirmen. Auf ein Zeichen der Moderatoren hin eilten die Zuseher zu den Lichtschaltern, um beim sogenannten Lichttest alle Glühbirnen in der Wohnung aufzudrehen. Anhand des im Umspannwerk gemessenen Anstiegs des Stromverbrauchs wurden die Rundensieger ermittelt. Zugleich bot die Samstagabendshow etwas, was vorher undenkbar war: Provokation. Familienväter mussten bei den Showspielen entsetzt mit ansehen, wie die Familienkarossen von Rennfahrern zu Schrott gefahren wurden.

Lange, bevor die heutigen Ekelshows entstanden, mussten 17-jährige Mädchen Münzen aus einem mit einer Boaschlange besetzten Glaskasten fischen, ganze Familien wurden bei einem inszenierten Autounfall in einem Wasserbassin versenkt - wobei schon mal die Froschmänner eingreifen mussten, um eine panisch werdende Mutter vor dem Ertrinken zu retten. Zur Erholung traten im Showprogramm aber nicht nur die unvermeidlichen Stars der frühen siebziger Jahre wie Udo Jürgens oder die Les Humphries Singers auf. Neben ihnen wurde auch Platz gemacht für Liedermacher wie den Wiener Universalkünstler Arik Brauer, der singend gegen die gemütlich vor dem Fernseher sitzenden Zuschauer polemisierte, die ihren Kaffee tranken, während die "Faschisterei" ihre Todesopfer forderte. Lieder über mit Bauchschuss verreckende Staatsfeinde, wie von der Polit-Combo "Die Schmetterlinge" vorgetragen, sah man seither im öffentlich-rechtlichen Familienprogramm am Samstagabend eher selten.

Deutschlands erstes Nipplegate

Der unverkennbare Hang zur Provokation führte auch zu einem Ereignis, mit dem "Wünsch dir was" in die Fernsehannalen einging: das ersten "Nipplegate". Anders als bei Janet Jacksons legendärer Selbstentblößung im US-Fernsehen 2004 führte jedoch 1970 keine "Garderoben-Dysfunktion" 1970 zur Entblößung einer weiblichen Brust vor laufenden Kameras, sondern eines der Spiele. Als "kritischer Beitrag zur Sex-Welle" wurden die Familien gleich in der ersten Spielrunde gefragt, ob ihre Töchter auch oben ohne in der Show auftreten würden. Die drei Familien weigerten sich. Im letzten Spiel der Show, das zum Skandal führen sollte, hatten Vater, Mutter und Bruder zu erraten, welches der fünf von Mannequins vorgeführten Kleidermodelle die 17-jährige Tochter wählen wurde. Die Tochter der deutschen Familie entschied sich für ein Modell mit transparenter Bluse - welche alles darunter Liegende nur allzu deutlich offenbarte, als die Kandidatin bei der Auflösung die Bühne betrat.

Und der Skandal brach los. Morddrohungen gegen die Verantwortlichen gingen ein, Bombendrohungen gehörten fortan zum Begleitprogramm der Show. Der katholische Familienverband in Wien verlangte für die nächste Sendung eine Abstimmung per Lichttest über die "Obszönität" des Dargebotenen. Das Spiel aber gewann die Familie der halbenthüllten Dame - ihre Angehörigen hatten alle auf das richtige Modell getippt. Ganz gemäß dem Titel der Sendung wurden sie nicht mit einem Geldpreis abgespeist, bei "Wünsch dir was" gab es wirklich etwas zu wünschen: eine Reise nach Amerika, ein Segelboot, alles, was der Konsumgesellschaft der frühen siebziger Jahre begehrenswert erschien.

Wegen "Abnutzungserscheinungen", so die verantwortlichen, war 1972 nach drei Jahren und 24 Sendungen Schluss für "Wünsch dir was". Tatsächlich wollten die Unterhaltungschefs des deutschsprachigen Fernsehens ihr Programm nach zahlreichen Aufregungen und Zuschauerprotesten wieder in ruhigeres Fahrwasser steuern. Die "Bastelstunde für Black Panther", wie der Generalintendant des österreichischen Fernsehens die Show bezeichnete, entsprach doch nicht so ganz dem Geschmack seiner deutschen und Schweizer Kollegen. Gelobt von "Konkret", dem Zentralorgan des "undogmatischen Linksextremismus", und geehrt mit der Goldenen Kamera der Programmzeitschrift "Hörzu" aus dem konservativen Springer-Verlag, blieb "Wünsch dir was" eine Fußnote der Fernsehgeschichte - von der sich Elemente auch noch heute im Programm wiederfinden.

insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Bernd Irmler, 28.04.2009
1.
Das erste mal, als eine junge Frau eine durchsichtige Bluse in einer Fernsehshow trug, war nicht bei "Wünsch-Dir-Was", sondern bei der Lou-Van-Bourg-Show "Der Goldene Schuss" in Wien. Die Kandidatin kam aus Wiesbaden. Leider schlecht recherchiert, Berhard Blank...
Martin Bitdinger, 30.04.2009
2.
@Bernd Irmler Haben Sie da einen Beleg/Link dazu ? Ich kenne auch nur den Fall der Wünsch-Dir-Was-Kandidatin. Lou musste die Sendung ja bereits 1967 abgeben und durchsichtige Blusen kamen tatsächlich erst Anfang der 70er Jahre auf. Leider schlecht recherchiert, Bernd Irmler... ;-)
Peter Braun, 02.05.2009
3.
Und nicht zu vergessen, die Sitzgelegenheiten der Kandidatenfamilien - auf Abbildungen 5 und 9 besonder gut einsehbar - wurden "Familienschnecke" genannt, von Vivi Bach mit ihrer etwas hoch angelegten Stimme grundsätzlich als "Familiensnäkke" ausgesprochen.
Bernd Irmler, 13.07.2009
4.
Sehr gehrter Herr Braun, Ihr Hinweis zur "Familienschnecke" ist Unsinn, denn auf dem SW-Foto mit der jungen Dame mit durchsichtiger Bluse sieht man keine "Familienschnecke". Interessant auch, dass alle anderen Fotos farbig sind, aber das mit der jungen Dame in SW. Das betreffende SW-Foto war damals in der BILD zu sehen. Im übrigen kann ich Ihnen versichern, dass ich die betreffende junge Dame sehr gut kannte. Sie liegen mit Ihren Vermutungen leider völlig daneben. Lou van Bourgs letzte Sendung war übrigens 1977.
ralf kauffmann, 18.03.2013
5.
Die Szene mit der durchsichtigen Bluse ist aus "Wünsch Dir was". Ich(Jahrgang 57) kann mich noch gut daran erinnern,was war das für ein Aufruhr damals
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