ZDF-Hitparade Schlager, Sternchen, Einschaltquoten

Hossa! Hossa! Es war ein kalter Samstagabend, als am 18. Januar 1969 um 18.45 Uhr Dieter Thomas Heck die erste "Zett-Dee-Eff Hit-pa-ra-de" anmoderierte. Fortan hatte der Schlager seine Heimat im Berliner Union-Studio. Dort durften die Fans sogar mit ihren Stars schmusen - vor der Kamera.


"Hier ist Berlin! Das Zweite Deutsche Fernsehen präsentiert Ihnen Ausgabe Nummer eins der Hit-pa-ra-de!". Der Satz von Moderator Dieter Thomas Heck war der Beginn einer bundesdeutschen TV-Legende ohne Beispiel. Als am 18. Januar 1969 um 18.45 Uhr, vor genau 40 Jahren, die erste ZDF-Hitparade über die Bildschirme flimmerte, galt das Format als gewagtes Experiment. Vorsichtshalber wurde nicht, wie sonst bei Musikshows, live gesendet - die Fernsehverantwortlichen fürchteten sich vor einem Flop.

So erlebte Moderator Heck mit seinem Team die Ausstrahlung vor dem Bildschirm anstatt vor der Kamera. Ob der Mainzer Sender die bunte Schlagershow, gestartet knapp 18 Monate nach dem Beginn des Farbfernsehens, wiederholen würde, stand in den Sternen. Schließlich hatte die Konkurrenz von der ARD das Konzept zuvor abgelehnt, und das damals noch junge ZDF (1963 gegründet) betrachtete die Hitparade als wagemutiges Experiment.

Dabei war das Rezept des Regisseurs Truck Branss ebenso simpel wie narrensicher: Man nehme den eloquenten Radiomoderator einer beliebten Hitparadensendung, stelle ihn vor eine Kamera und lasse ihn dort mit kecken Sprüchen bekannte Sangeskünstler und aufstrebende Schlagersternchen präsentieren - im Grunde genau das also, was er im Rundfunk auch schon tat. Nicht zu hässlich und nicht zu schön sollte der Showmaster sein, in Szene gesetzt in einer sachlich-funktionellen Studioumgebung ohne den gewohnten, blumigen Requisitenschnickschack der damaligen Zeit. Nicht das Drumherum sollte optisch im Mittelpunkt stehen, sondern die Stargäste.

Zu Schlager-Fans erzogen

Dieter Thomas Heck war exakt der richtige Typ für diesen Job: leutseligen Vertretercharme verbreitend, mit modischer Silberrandbrille und Koteletten wie Badezimmerteppiche. Heck war bereits mit seiner Radiosendung "Die Deutsche Schlagerparade" im Saarländischen Rundfunk erfolgreich - und wie vom Radio gewohnt brüllte er nun mit mächtigem Bariton in Richtung der Fernsehkamera: "Am Mikrofon ist Ihr Dieter Thomas Heck". Das Donnergrollen aus der Moderatorenkehle schaffte es prompt in die Zeitungsausgaben des folgenden Tages: "Der Moderator schrie - die Sänger flüsterten!", lautete eine Schlagzeile. Trotzdem: Ein Fernsehphänomen war geboren - es sollte 31 Jahre lang andauern.

Wie keine andere Sendung der damals noch rein öffentlich-rechtlichen Fernsehlandschaft prägte die "Zett-De-Eff Hitparade" über Jahrzehnte den Musikgeschmack von Millionen in Ost- wie in Westdeutschland. Sie passte perfekt in eine Zeit, in der die Deutschen sich nur zu gerne durch Friede-Freude-Eierkuchen-Geträller von RAF-Terrorismus und Kaltem Krieg ablenken ließen. Nicht zuletzt durch die monatliche Hitparade mit Dieter Thomas Heck wurden die siebziger Jahre zum Jahrzehnt des deutschen Schlagers - niemand, der diese Zeit mitmachte, blieb davon verschont. Den ganzen Monat fieberten junge und alte Schlagerfans dem Pflichtprogramm am Samstagabend entgegen. Oft war das der einzige Abend, an dem die ganze Familie zusammen vor dem Fernseher saß, an dem die Kinder länger aufbleiben durften und vor dem Zubettgehen schnell noch zu Schlagerfans erzogen wurden.

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Schlager am Samstagabend: "Und nun, die Zett-Dee-Eff Hit-pa-ra-de!"

Die Sendung begann mit einem großen 360-Grad-Rundumschwenk der Kamera, die dem Zuschauer das Gefühl gab, mit im Studio dabei zu sein. Und wer tatsächlich einmal eine Sendung live als Zuschauer im TV-Studio der Berliner Union-Film mitmachte, konnte leicht erleben, dass einer der Schlagerstars trällernd durch das Publikum flanierte und bei ihm verweilte. Hüpf - schon saß Chris Roberts auf dem Schoß irgendeiner jungen Dame im Publikum, während die Kameras das Bild vom Star und seinem Fan auf Tuchfühlung in Millionen deutsche Wohnstuben beamten.

"Reiner, fah' ab!

Auch das gehörte zum Konzept: Die Interpreten wurden angehalten, die Studiogäste mit in den Auftritt einzubeziehen. Ja, sie wurden sogar im Publikum plaziert und verfolgten mit ihnen gemeinsam die Sendung. Jeder sollte sich wiederfinden, und so hoffte auch der Zuschauer vor dem Bildschirm insgeheim, dass als nächstes Heino durch seine Wohnzimmertür treten und "Schwarzbraun ist die Haselnuss" trällern würde.

Währenddessen verstand es Regisseur Branss, die Stars perfekt ins rechte Licht zu rücken. Für den Zuschauer unsichtbar, war er der eigentliche Herrscher der Hitparade. Der immer modisch gekleideten Sängerin Gitte Haenning etwa machte er einmal Vorhaltungen über ihre Kleidung und schickte sie prompt in die nächste Boutique. Die Künstlerin allerdings blieb standhaft und trat in dem Kostüm auf, mit dem sie gekommen war.

Übrigens war die Sendung nicht nur ein Spiegel der neuesten Trends in Musik und Mode, sondern setzte auch auf die neuesten Errungenschaften der Technik. Wie kein anderer nutzte Regisseur Branss die Technik für seine Inszenierung: Stimmungsvolle Beleuchtung und rasante Kamerafahrten durch das Studio, ein Echo im Abspann und eigens für die Sendung konzipierte Leuchtbänder, auf denen der Hitparaden-Schriftzug durch das Bild wanderte. So war es nur gerecht, dass nahezu jeder Bundesbürger Reiner kannte, den Tontechniker der ZDF-Hitparade. Ab 1971 startete dieser jeweils die Backgroundmusik jedes Titels vom Band, zu der die Interpreten dann live sangen. Der obligatorische Ruf "Reiner, fah' ab!" des Moderators Heck für den Abspann am Ende jeder Sendung erlangte so etwas wie Kultstatus und wurde zum geflügelten Wort. Der arme Tontechniker selbst wurde fortan bei jedem Kneipenbesuch mit Hecks Spruch begrüßt.

Musik für 20 Millionen

In nahezu jede Sendung war irgendwann ein kurzer Exkurs in die Welt der Technik eingebaut - eher ungewöhnlich für eine Schlagerparade. Während der blaue Qualm aus Hecks Zigarette sich im Scheinwerferlicht über dem Mischpult kräuselte, erklärte er im besten Oberlehrertonfall, warum die Mikrofone auf einmal keine Kabel mehr hatten und wie sie per Funk zum Mischpult sendeten. Irgendwann sendete die Hitparade sogar in Stereo.

Für Technikbegeisterte wie den Autor dieser Zeilen steigerte das nur noch die Begeisterung für die ZDF-Hitparade - schon Kinder im zarten Alter hockten mit Kassettenrekorder bewaffnet vor dem Bildschirm und spielten Reiner von der Bandmaschine. Hatte Heck nicht eben ausführlich, ja mehrfach, die Funktion der Knöpfe auf der großen Bandmaschine erklärt? Gehörte man dadurch jetzt nicht auch irgendwie zum Team? Doch da war die Sendung schon wieder vorbei, und Quasselstrippe Heck riss, während der Abspann über den Schirm raste, in irrem Stakkato die Liste der Mitarbeiter herunter. Hecksche Zungenbrecher wie "Bildschnitt Hannelore Lipschitz" oder "Szenenbild Joachim Czerczenga" sind bis heute unvergesslich.

Über Jahre, ja Jahrzehnte war die ZDF-Hitparade die deutsche Unterhaltungssendung schlechthin. Die Einschaltquoten zur Hochzeit in den Siebzigern - pro Sendung bis zu 20 Millionen Zuschauern - werden heute nur noch selten erzielt. Mochten die Quoten die Beliebtheit der Sendung eindrücklich dokumentieren - für viele allerdings war die Hitparade nur eine Plattform für zweit- und drittklassige Schnulzensänger. Viele Sternchen von damals sind tatsächlich längst verglüht - doch nicht wenige Interpreten aus jener Zeit füllen heutzutage noch immer die Konzerthallen. Für viele war die ZDF-Hitparade das Sprungbrett zur großen Karriere: Howard Carpendale, Jürgen Drews oder Bernhard Brink etwa haben bis heute treue Fans.

Todesstoß vom Ex-Moderator

Von denen wurden manche allerdings gerade geboren, als zu Beginn der achtziger Jahre die Hitparade das Erfolgsgleis verließ. Regisseur Truck Branss hatte 1979 die Regie an Pit Weirich abgegeben, einen ZDF-Kameramann mit Hitparadenerfahrung. Konzepte wurden geändert, mit Abstimmungsverfahren experimentiert, Sendeplätze verlegt - nichts half. Dann kam auch noch die "Neue Deutsche Welle" mit der Moderator Heck, ein leidenschaftlicher Anhänger des deutschen Schlagers, rein gar nichts anfangen konnte. Als es Trio, Fräulein Menke und Codo-Düse-Sauseschritt gar auf die ersten Plätze in seiner Parade schafften, gab Heck Ende 1984 nach 16 Jahren und 183 Hitparaden-Folgen die Moderation der Sendung ab. Fortan wurde sie von Victor Worms präsentiert, einem bis dahin weitgehend unbekannten Gesicht.

Bald war die Hitparade nur noch ein Schatten ihrer selbst. Moderatorenwechsel und konzeptionelle Änderungen und Sendeplatzwechsel forderten ihren Tribut. Ende der achtziger Jahre war so gut wie nichts mehr beim alten. Es wurde Englisch gesungen, Titel mussten lediglich einen - wie auch immer definierten - "Bezug zu Deutschland" haben. Sogar Live-Singen wurde durch Vollplayback ersetzt. Viele der ehemals treuen Zuschauer rächten sich mit Desinteresse, die Einschaltquoten gingen langsam aber stetig in den Keller. 1990 übergab Moderator Worms die ehemalige Erfolgssendung an Uwe Hübner.

Im Dezember 1998 wurde Worms dann Unterhaltungschef des ZDF auf dem Mainzer Lerchenberg - und versetzte seiner alten Show den Todesstoß: Nach 31 Jahren und 368 Folgen flimmerte am 16. Dezember 2000 die letzte ZDF-Hitparade über die deutschen Bildschirme. Von den ehemals 20 Millionen Zuschauern der siebziger Jahre war zum Schluss nur noch eine Million übriggeblieben. Der harte Kern der deutschen Schlagerfans allerdings trauerte der legendären Show, mit der sie gemeinsam alt geworden waren, lautstark hinterher. Auf zahlreichen Abschiedspartys überall im Land wurden noch einmal die alten Evergreens geträllert, die im deutschen Fernsehen gerade ihre Heimat verloren hatten.



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Seite 1
Rüdiger Bloemeke, 19.01.2009
1.
War da nicht noch etwas? Gab es nicht immer wieder Manipulationsvorwürfe gegen die Heck-Hitparade, über die auch der SPIEGEL in den 70er Jahren berichtete? Und war nicht gerade deshalb Manuela mit dem ZDF in einen Rechtsstreit verwickelt?
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