40 Jahre zentrale Studienplatzvergabe "Liebe Sachbearbeiterin! Was machen Sie heute Abend?"

40 Jahre zentrale Studienplatzvergabe: "Liebe Sachbearbeiterin! Was machen Sie heute Abend?" Fotos

Diese Behörde spielte mit Studenten Schicksal: Seit 1973 bestimmte die ZVS die Vergabe von Studienplätzen - und schickte manche in die Walachei. Nicht alle wollten das kampflos über sich ergehen lassen. einestages zeigt die rührendsten, schrägsten und verzweifeltsten Schreiben an die zentrale Vergabestelle. Von

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Die Hamburger Jazzband ist verzweifelt. Schon wieder hat ihnen die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS), einen begnadeten Pianisten weggenommen. So sehen sie es zumindest die Musiker und schreiben 1978 einen langen Beschwerdebrief an die Dortmunder Behörde:

"Ihre willkürliche und unqualifizierte Vergabe von Studienplätzen haben wir langsam satt. Nach mühseliger Suche fanden wir im letzten Herbst endlich einen Oldtime-Pianisten, der von Ihnen im Mai zum Medizinstudium nach Berlin 'wegcomputert' wurde. Nach noch mühseligerer Suche fanden wir einen zweiten Pianisten, der auf Ihre Order hin im Herbst in Berlin Verfahrenstechnik studieren soll. Während nun allmählich in Berlin eine Pianistenschwemme grassiert, gähnt in Hamburg Leere."

Abschließend forderten sie die ZVS noch auf, künftig bitte neben Pianisten auch Klarinettisten und Posaunisten nach Hamburg zu schicken - nur neue Trompeter brauche die Hansestadt derzeit überhaupt nicht.


"Wo zur Hölle ist Osnabrück?" Lesen Sie hier, welche Erfahrungen einestages-Leser mit der ZVS machten.

So augenzwinkernd konnten längst nicht alle Deutschen mit der ZVS umgehen, die am 1. Mai 1973 ihre Arbeit aufnahm. ZVS - das war neben der GEZ die vielleicht unbeliebteste Institution Deutschlands. Doch anders als bei der Gebühreneinzugszentrale ging es bei der ZVS nicht ums schnöde Geld, sondern um viel mehr: Die Behörde spielte mit ihrer komplizierten Vergabe von Studienplätzen für Generationen von jungen Deutschen schlicht Schicksal.

Wer etwa nach Berlin wollte, kam vielleicht ins verschlafene Bielefeld, wer davon träumte, im sonnenreichen Süden zu studieren, fand sich plötzlich im verregneten Norden wieder. Die ZVS trennte frisch verliebte Paare jäh und stürzte manch einen jungen Menschen in eine echte Lebenskrise. An unbeliebten Unis wie Gießen oder Greifswald gründeten selbsternannte "ZVS-Opfer" Stammtische und warteten semesterlang nur darauf, endlich über Tauschbörsen für Studienplätze wieder weg zu kommen.

Dabei entpuppte sich im Nachhinein der vermeintliche Schicksalsschlag für einige als echter Glücksgriff: Auf einen Aufruf von einestages meldeten sich etliche Leser, die ihren anfangs so verhassten Studienort später nicht mehr verlassen wollten oder dort gar die Liebe ihres Lebens fanden. Einige schrieben der ZVS Jahre später lange Briefe, um sich für "die wunderschöne Beziehung, die es ohne die ZVS nie gegeben hätte" zu bedanken und der Behörde "weiterhin ein glückliches Händchen bei der Vergabe von Studienplätzen" zu wünschen.

Dramen in Dortmund

Und dennoch: Jahrzehntelang hatte die Behörde in der Öffentlichkeit einen schlechten Leumund als vermeintliches Bürokratiemonster. Dabei geriet fast völlig in Vergessenheit, dass die Institution anfangs von einigen Journalisten regelrecht herbeigeschrieben worden war.

Grund dafür war, dass in der Bundesrepublik ab Mitte der sechziger Jahre der Mangel an Studienplätzen eklatant zugenommen hatte. Die Hochschulen vergaben daraufhin die begehrten Plätze nach unterschiedlichen Kriterien, meist aber allein auf Grundlage des Numerus clausus. Das empfanden nicht nur angehende Studenten als ungerecht: Diese Praxis verstieß gegen den Grundgesetzartikel über die freie Berufswahl, stellte das Bundesverfassungsgericht im Juli 1972 fest. Die Fokussierung allein auf den Numerus clausus sei "am Rande des verfassungsrechtlich Hinnehmbaren".

Wenn also Studienplätze fehlten, so die Forderung aus Karlsruhe, müssen die verfügbaren Plätze wenigstens für alle nach denselben Bedingungen vergeben werden. Eine zentrale Behörde war damit notwendig geworden. Nur neun Monate nach dem Urteil nahm die ZVS in Dortmund ihre Arbeit auf - und wurde schnell in den Medien berühmt.

Überzeugungsarbeit mit Zierfischen und Rottweilern

Denn zweimal im Jahr, am 15. Januar und am 15. Juli, spielten sich in der Dortmunder Sonnenstraße 171 regelmäßig menschliche Dramen ab, die ebenso regelmäßig etliche Kamerateams anzogen: An diesen beiden Stichtagen mussten bis 24 Uhr die Anträge für das kommende Semester abgegeben werden. Da bei der ZVS nicht der Poststempel, sondern allein das Eingangsdatum zählte, fuhren jedes Jahr Hunderte angehende Studenten aus ganz Deutschland lieber persönlich nach Dortmund, um ihre Anträge abzugeben. Einige änderten noch in letzter Minute ihre gewünschten Studienorte, andere verzweifelten an den langen Formularen und manch einer kam tränenüberströmt ein paar Minuten zu spät.

Viele beruhigte es nicht einmal, ihre Unterlagen fristgerecht eingereicht zu haben. Und so gingen auch Hunderte persönliche Briefe und Postkarten bei der ZVS ein, um die Sachbearbeiter umzustimmen oder zu überzeugen - mit mitunter bizarren Argumenten und fadenscheinigen Gutachten.

Ob Zierfische, Schlafstörungen, Rottweiler oder das Recht auf Beischlaf - einestages hat in seiner Bildergalerie einige der schrägsten, skurrilsten und rührendsten Briefe gesammelt, die in den letzten vier Jahrzehnten bei der ZVS eingegangen sind.

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1.
Jürgen Wenzel 02.05.2013
Kinderlandverschickung mit gutem Ende Ob die ganze Verwaltung rund um die knappen Studienplätze sinnvoll war, sei dahingestellt. Da gab es bessere Lösungsvorschläge. Aber persönlich bin ich der ZVS dankbar, dass mein Wunschstudienort um 600 km verfehlt wurde. Ich musste mich auf einmal in einer fremden Stadt und in einer fremden Mentalität zurechtfinden und meinen Weg finden. Und das tat meiner Entwicklung unglaublich gut. Außerdem boten sich über Erasmus weitere Möglichkeiten, die mir keine andere Uni geboten hätte. Ohne das Glücksspiel der ZVS wäre alles anders - möglicherweise langweiliger - verlaufen.
2.
manfred kaese 02.05.2013
zu traurig, dass die Hintergründe ier verschwunden sind.. Das BVerfG hate damals entschieden, dass ein NUMERUSCLAUSUS aussnamsweise als Kriterium der Studiumsplatzbe legitim ist, wenns gar nicht anders geht. Quelle sollte sowoh interessant als auch zu finden sein:); die Bundesländer haben daraus gemacht "numerus clausus geht immer"und seidem ist da eine ganz eigene Eigendynamik zuwerke; nur die Grundlage des Urteils damals..NC ausnahmsweise, wenns gar ncht anders geht.. voll in die Tonne... zu den Migrationskids..
3.
Markus Szczypiorski 02.05.2013
"So augenzwinkernd konnten längst nicht alle Deutschen mit der ZVS umgehen, die am 1. Mai 1973 ihre Arbeit aufnahm" Nein, vor allem die Ostdeutschen nicht. Dort wurden nämlich nicht nur die Studienorte, sondern auch die Arbeitsplätze nach Studienende vorgeschrieben. Männliche Bewerber mussten außerdem, um Bewerbungspluspunkte zu verdienen, am besten auch noch drei Jahre Wehrdienst geleistet haben. Da wirken die Mätzchen der satten Westdeutschen schon etwas befremdlich. Augenzwinker.
4.
Katrin McClean 02.05.2013
>Nein, vor allem die Ostdeutschen nicht. Dort wurden nämlich nicht nur die Studienorte, sondern auch die Arbeitsplätze nach Studienende vorgeschrieben. In welcher DDR waren Sie denn? Üblich war vor allem, dass man an der Uni oder Hochschule studierte, an der man sich beworben hat. Die Studienplätze waren begrenzt, da ihre Anzahl dem voraussichtlichen Bedarf von Fachkräften entsprechen sollte. So konnte jedem Absolventen am Ende ein Arbeitsplatz garantiert werden. Für mich als Restriktion nachvollziehbarer als ein hirnrissiger Regulierungswahn, der niemandem was nützt.
5.
Markus Szczypiorski 14.05.2013
Sicherlich, Frau McClean. Mir ging es aber darum, dass im Artikel aus typisch westdeutscher Perspektive so getan wird, als seien alle deutschen Studienanfänger seinerzeit von der Einrichtung der ZVS irgendwie betroffen gewesen. Die ostdeutschen nämlich ganz sicher nicht.
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