40. Todestag Ho Tschi-minh Onkel Hos Gespür für die Revolution

40. Todestag Ho Tschi-minh: Onkel Hos Gespür für die Revolution Fotos
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Auf dem Höhepunkt des Vietnamkriegs starb vor 40 Jahren Ho Tschi-minh - Guerillaführer, Asket, Jugendidol. Hos Kämpfer lehrten die US-Armee das Fürchten, linke Studenten im Westen verehrten den schmächtigen Revolutionär als eine Mischung aus Che Guevara und Gandhi. Von Michael Sontheimer. Von

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Es war der Schlachtruf unserer Generation: "Ho, Ho, Ho Tschi-minh!" Das klang kämpferisch. Der Rhythmus stimmte. Wir fassten uns unter den Armen und stürmten die Straßen West-Berlins entlang. Die Schaulustigen am Straßenrand wollten uns "rüber" schicken, in den Osten, "ins Arbeitslager" oder am besten gleich "vergasen". Ein paar tausend Studenten, Schüler und Lehrlinge marschierten dennoch mit roten Fahnen von Neukölln bis zum Kurfürstendamm. Unser Protest galt dem Krieg der Amerikaner in Südostasien, unsere Solidarität dem Volk der Vietnamesen, unsere Bewunderung ihrem Anführer, eben jenem Ho Tschi-minh.

Wir waren nicht die einzigen, die Ende der sechziger Jahre diesen alten Herrn mit weißem Haar und schütterem Ziegenbart hochleben ließen. Vom kalifornischen Berkely über Paris nach Rom träumten junge Radikale von einer Revolution. Wir trugen Bilder von Karl Marx, Che Guevara und Mao Zedong vor uns her - und die von Ho Tschi-minh.

Der hagere Mann war seit 1954 der Präsident der Demokratischen Republik Vietnam, des kommunistischen Staats im Norden des geteilten Landes, der einen verzweifelten Kampf gegen die Amerikaner führte. Wir sympathisierten mit dem David, den schmächtigen Asiaten mit ihren Kalaschnikows, und hassten den Goliath, der mit Napalm, Flächenbombardements und hochgiftigen Entlaubungsmitteln hunderttausende Zivilisten umbrachte und ein Land zerstörte. Über den Menschen Ho Tschi-minh ("Der die Erleuchtung bringt") wussten wir nicht viel.

Der Mann mit den 50 Namen

Das war kein Wunder: Über Jahrzehnte führte der Revolutionär insgesamt an die 50 Tarnnamen, um sich der Überwachung durch Polizisten und Geheimdienstler zu entziehen. Das konspirative Gebaren behielt er sein Leben lang bei. Als der amerikanische Journalist Bernard Fall ihn 1962 nach biografischen Details fragte, antwortete Ho Tschi-minh: "Ein alter Mann behält seine kleinen Geheimnisse gern für sich." Nach wie vor ist es schwer, über ihn Genaueres in Erfahrung zu bringen.

Höchstwahrscheinlich wurde Ho Tschi-minh als Nguyen Soinh-cung am 19. Mai 1890 in einem Dorf namens Kim Lien in Zentralvietnam als Sohn eines Lehrers geboren. Als Schüler - jetzt hieß er Nguyen Tat-tanh - dolmetschte er in Hué bei einem Konflikt zwischen vietnamesischen Bauern und französischen Besatzern. Nachdem französische Soldaten die Demonstration zusammengeschossen hatten, wurde er von der Schule verwiesen.

Der junge Mann ging nach Saigon und verdingte sich auf einem Schiff. In London und New York hielt er sich als Küchengehilfe und Kellner notdürftig über Wasser. In Paris wurde er politisch aktiv und versuchte bei Linken kritisches Bewusstsein über die Ausplünderung der französischen Kolonien in Indochina zu schaffen. Er gehörte 1920 zu den Gründungsmitgliedern der Kommunistischen Partei Frankreichs.

Als sich Onkel Ho und Teddy Thälmann trafen

Da das Schicksal seiner Landsleute bei den Franzosen nicht auf sonderliches Interesse stieß, reiste Nguyen Ai-quoc ("der das Vaterland liebt") - so nannte er sich inzwischen - nach Moskau und avancierte zum kommunistischen Funktionär. In der UdSSR traf er Genossen aus aller Welt, unter anderem den Deutschen Ernst Thälmann, den später von den Nazis ermordeten Chef der KPD.

Im Februar 1930 gelang es dem späteren Ho Tschi-minh in Hongkong, ein paar Dutzend zerstrittene Genossen in der Kommunistischen Partei Vietnams (KPV) zu vereinen. Doch er wurde verhaftet und entkam nur knapp der Auslieferung an die Franzosen, die ihn gerne hinrichten wollten. Allerdings wurde Ende 1932 sein Tod gemeldet; in kommunistischen Zeitungen rund um den Globus erschienen bereits Nachrufe.

Erst 1941 konnte der Mann mit den multiplen Identitäten in seine Heimat zurückkehren, wo er versteckt in einer Felsgrotte nahe der chinesischen Grenze lebte. Noch im gleichen Jahr gründete er die "Liga für die Unabhängigkeit Vietnams", kurz Viet Minh, um sein Land von japanischen Besatzern und französischen Kolonialherren zu befreien. Als im August 1943 ein angeblich blinder Mann am Stock das geheime Hauptquartier der Viet Minh verließ, nannte dieser sich nun Ho Tschi-minh. Doch auch Ho wurde bald als Spion verhaftet und schmachtete, mit eisernen Hals- und Fußfesseln arretiert, in einem südchinesischen Kerker. In seinem Tagebuch notierte er: "Im Spätherbst, ohne Decke, ohne Kissen liegend, und krumm, die Beine an den Leib gepresst, schlafe ich nicht ein." Er war schon 52 Jahre alt, bekam die Krätze, erkrankte schwer, aber überlebte 13 Monate Haft.

Ende April 1945 traf Ho Tschi-minh in einem Dorf unweit der chinesisch-vietnamesischen Grenze den US-Major Archimedes Patti vom Office of Strategic Services (OSS), einem Vorläufer der CIA. Der Zweck des Treffens: Möglichkeiten der Zusammenarbeit gegen die japanischen Besatzungstruppen in Vietnam zwischen Amerikanern und den kommunistischen Rebellen des Viet Minh. Ho, ein starker Raucher, qualmte freudig die Chesterfield-Zigaretten des US-Agenten. Der amerikanische Emissär wiederum fand den schmalen Kerl in den Strohsandalen durchaus sympathisch. Jedenfalls hatte er den Eindruck, es weniger mit einem dogmatischen Kommunisten, als mit einem glühenden Nationalisten zu tun zu haben.

Als Viet Minh und CIA gemeinsame Sache machten

Und so machten Ho und der US-Geheimdienst tatsächlich gemeinsame Sache. Im Juli 1945 sprang eine kleine OSS-Truppe mit Fallschirmen in den Bergen nordwestlich von Hanoi ab, um Ho und seinen Genossen unter die Arme zu greifen. Die US-Agenten brachten den Vietnamesen ein paar Maschinengewehre mit und bildeten rund zweihundert Kämpfer der "bewaffneten Propagandaeinheit" der Viet Minh aus.

Einen Monat nach dem US-Besuch im Dschungel reiste Ho inkognito nach Hanoi. Seine Mission: Einen unabhängigen Staat ausrufen. Tagelang brütete er über dem Text, der das Schicksal seines Landes ändern sollte. Am 2. September 1945 verlas Ho vor fast einer Million begeisterten Menschen die Unabhängigkeitserklärung. Ihr erster Satz lautete "Alle Menschen sind gleich geschaffen" - die gleichen Worte, mit denen die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 beginnt.

Doch die amerikanisch-vietnamesische Freundschaft währte nur kurz. US-Präsident Harry Truman und die Briten unterstützten Frankreich bei dem, sein Kolonialreich in Indochina wieder unter Kontrolle zu bekommen. Ho Tschi-minh musste mit seinen Genossen wieder in den Dschungel flüchten und den Guerillakrieg gegen die fremden Herren aufnehmen.

Entscheidende Bruderhilfe aus dem Norden

Den Viet Minh gelang es, Teile Nordvietnams unter Kontrolle zu bringen. Aber innerhalb der eigenen Reihen kam es nun zu Säuberungen. Trotzkisten und andere angebliche Abweichler wurden liquidiert, Großgrundbesitzer und deren Familien drangsaliert. "Manche Funktionäre benutzen dieselben Methoden zur Unterdrückung der Massen wie die Imperialisten, Kapitalisten und Feudalisten", empörte sich Ho. "Diese Methoden sind barbarisch."

Ho Tschi-minh und seine Genossen orientierten sich stark an den chinesischen Kommunisten, von denen sie im Krieg gegen die Franzosen massiv mit Waffen unterstützt wurden. Ohne die Bruderhilfe aus dem Norden hätten sie 1954 niemals ihren triumphalen Sieg gegen die Franzosen in der Schlacht von Dien Bien Phu erringen können.

Zwei Faktoren aber machten den vietnamesischen Kommunismus um einiges humaner als den chinesischen. Zum einen zwang der Krieg gegen die Franzosen und später gegen Südvietnamesen und Amerikaner Ho Tschi-minh dazu, seine Leute zusammenzuhalten und nicht ständig Säuberungen durchzuführen. Zum anderen war Ho eher ein moderater als ein fanatischer Mann. Die nihilistische, teilweise zynische Radikalität des "Großen Vorsitzenden" Mao Zedong war ihm fremd.

Das Holzhaus im Palastgarten

Ab 1964 unterstützte dann auch die UdSSR die Nordvietnamesen bei ihrem Kampf - und Ho Tschi-minh konnte nun die beiden kommunistischen Weltmächte gegeneinander ausspielen. Schlau beschwor er die Einheit des sozialistischen Lagers und konnte so aus Moskau wie aus Peking immer mehr Militär- und Wirtschaftshilfe einsammeln.

Während die UdSSR und China sich für Ho Tschi-minhs Sache eher aus imperialen und strategischen Gründen engagierten, war für Ho die nationale Unabhängigkeit seines Landes ein Lebensthema. Bis heute schätzen deshalb die meisten Vietnamesen, auch die jungen, "Bac Ho", Onkel Ho, als Vater der Nation.

Anders als Mao, der sich reihenweise Bauernmädchen als Konkubinen hielt, führte Ho ein asketisches Leben, das eher an das bescheidene Auftreten des indischen Freiheitshelden Mahatma Gandhi erinnerte. So hatte sich Ho im Garten hinter dem Präsidentenpalast ein traditionelles Holzhaus zusammenzimmern lassen, in dem er bis zu seinem Tod am 2. September 1969 lebte.

Als Ho Tschi-minh starb, war der Krieg gegen die Amerikaner noch nicht entschieden. Als dann am 30. April 1975 die nordvietnamesischen Truppen die südvietnamesische Hauptstadt Saigon besetzt hatten, flatterte an einem Panzer ein Banner: "Du bist immer mit uns marschiert, Onkel Ho."

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1.
Diep Anh Do 03.09.2009
Ich bin immer wieder erstaunt, daß Spiegel immer noch nicht schafft, den Namen von Ho Chi Minh richtig zu schreiben. Sehr wahrscheinlich kamen alle Artikeln bisher von einem Sinologen, weil diese Schreibweise Ho Tschi Minh auf vietnamesisch überhaupt nicht gibt! Ich finde, man soll bei den Namen schon das Original verwenden.
2.
Steffen Wittenburg 04.09.2009
@Diep Anh Do Ich hatte diese Schreibweise bereits vor ca. 2 Jahren einmal reklamiert - es hat nichts genutzt. Fairerweise sollte man aber sagen, dass man in Viet Nam auch nicht gerade zimperlich ist, beim Verunstalten von auslaendischen Personen- oder Staedtenamen. Wenn ich in den beliebten Vietnamesischen Fernsehrateshows die Namen unserer Deutschen Dichterfuersten und Komponisten bis zur Unkenntlichkeit entstellt sehe, dreht sich mir auch der Magen um. Gruesse aus Ho Chi Minh Stadt
3.
Michael Sontheimer 22.03.2010
Ich finde diese Schreibweise auch absurd und altmodisch-deutsch, aber Ho wird beim SPIEGEL so geschrieben - wobei ich nicht weiss, wer dieses Gesetz erlassen hat.
4.
Burkhard von Grafenstein 27.03.2010
Man liest von ca. 1 Million Säuberungstoten, die dem so lieben Onkel Ho zugerechnet werden. Wie gut, dass die 68er nie vollständig die Macht in Deutschland übernehmen konnten.
5.
thuy Tran 09.10.2012
Der Preis für diesen Sieg ist ,Viet Nam entwickelt sich jetzt zu einem autonomes Gebiet von China wie Tibet . Selbst die Vertreter der Regierung macht daraus kein Geheimnis mehr . http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Schwarzbuch_des_Kommunismus
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