45 Jahre Super 8 Flimmern für den Fortschritt

45 Jahre Super 8: Flimmern für den Fortschritt Fotos

Berti Vogts tat es, Willy Brandt auch: In den siebziger Jahren war Super-8-Filmen Hobby für Millionen Menschen. Aber der Schmalfilm-Boom war zugleich ein Wirtschaftskrimi - mit fiesen Tricks bekämpften sich der US-Konzern Kodak und Japans Elektronikriese Fuji. Am Ende unterlag der Bessere. Von Jürgen Lossau Von Jürgen Lossau

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Es war hoher Besuch, der an diesem kalten Januartag im Jahr 1978 den Verkaufsraum des Fotohauses Henseler in Bergisch Gladbach betrat. Fußballweltmeister Berti Vogts erschien im alteingesessenen Fachgeschäft, um sich bei Inhaber Reginald Weiß persönlich sein neues Spielzeug abzuholen: eine Super-8-Tonfilmkamera, dem Promi-Status des Nationalspielers angemessen mit einem gravierten Namensschild versehen. Warum er sich das nicht ganz billige Hightech-Gerät leiste? "Mich begeistert das Filmen, weil es ein Stück Leben festhält", gab Vogts zu Protokoll, "ein Stück Leben, das ohne Kamera und Film schnell in Vergessenheit geraten würde."

Wie wahr. Die warmen Farbtöne. Das leicht hüpfende Bild. Das Surren des Projektors. Die unvermeidlichen Fussel im Bildfenster. Mit keinem anderen Medium ist der naive Schlaghosen-Charme der siebziger Jahre so authentisch eingefangen worden wie mit Super 8. Dank des genialen Schmalfilmformats aus dem Hause Kodak wurden die Deutschen lange vor Anbruch des digitalen Zeitalters zu einem Volk von Filmamateuren. Berti Vogts tat es, Franz Beckenbauer tat es, Theo Lingen und Rudolf Augstein machten es auch: Filmen mit Super 8 war in den Siebzigern der absolute Renner. 1970 gingen in der Bundesrepublik zehn Millionen Super-8-Filme über die Ladentheken, zehn Jahre später waren es fast 20 Millionen.

Möglich gemacht hatte den Boom eine simple Erfindung: der Film in der Kassette, dessen Entwicklung 1959 begann und den Kodak 1964 auf den Markt brachte. Den ersten 8-Millimeter-Film für Amateure hatte der US-Konzern bereits 1932 in den Handel gebracht, aber das Filmen war ganz schön fummelig: Wer einen Film in seine Kamera laden wollte, musste sich mit der offenen Spule erstmal in möglichst tiefen Schatten verkriechen, um das empfindliche Material nicht unfreiwillig zu belichten. Und nach kurzen 7,5 Metern, die binnen 90 Sekunden belichtet waren, musste der 16 Millimeter breite Film gewendet werden. Jetzt konnte man noch einmal 90 Sekunden verkurbeln, ehe der Streifen ans Entwicklungslabor ging.

Alltagsgeschichte in gelben Posttütchen

Etwas Simpleres musste her: Super 8. Jetzt war der Film in einer lichtdichten Kassette und hatte 15 Meter am Stück; die Bildfläche war um die Hälfte größer. Kodak bewarb seine Erfindung in ganzseitigen Anzeigen mit den Slogan "Oder lieben Sie Probleme?". Ab Mitte der Siebziger gab es Kodaks Super 8 sogar mit Tonspur. Eine technische Meisterleistung - leider mit einem kleinen Schönheitsfehler: Weil Bild und Ton an unterschiedlichen Stellen des Materials aufgezeichnet wurden, konnte man den Film im Grunde nicht schneiden. Die Kunden waren dennoch begeistert, Werbeträger wie Franz Beckenbauer ("Meine Kinder sollen Stars meiner Live-Sound-Farbfilme sein!") taten ein Übriges zur Popularisierung des Schmalspurtonfilms. "Es hat sich gezeigt, dass der Filmverbrauch bei Tonfilmkameras um bis zu 100 Prozent größer ist als bei Stummfilmkameras", begeisterte sich Otto Brems, damals Verkaufsleiter von Kodak Deutschland.


Deutschland auf Super 8: Die Republik von der Rolle

Video 1: Deutschland in Fahrt

Video 2: Deutschland reist, Teil 1

Video 3: Deutschland reist, Teil 2

Video 4: Deutschland singt und tanzt


So nahm der Super-8-Boom seinen Lauf. Zeitungen zeigten Prominente beim Filmen mit schicken Handkameras: FDP-Mann Walter Scheel etwa, oder Rut Brandt, die Kanzlergatten Willy gemeinsam mit Wildtieren auf Zelluloid bannte. Volksschauspieler Willy Millowitsch zeigte, wie er seine Schmalfilme Zuhause vertonte - nämlich mit Hilfe eines in den Projektor integrierten Kassettenrecorders, der synchron mit dem Film lief. Ob Urlaub, Familienfeiern, Betriebsfeste - der Alltag der Republik wurde von ihren Bewohnern fortan auch in bewegten Bildern festgehalten. Wenn nach etwa einer Woche die charakteristischen gelben Kodak-Filmtütchen per Post vom Entwickeln zurückkamen, war die Abendbeschäftigung gesichert: In stundenlanger Kleinarbeit wurden die kurzen Filmrollen am Esstisch per Klebepresse aneinander gekettet. Über das "Wie" konnten Amateurfilmer stundenlang fachsimpeln - "nass" mit Kitt oder "trocken" mit Tesa-Streifen, lautete eine Glaubensfrage.

Dass Kodak, der gelbe Riese aus Rochester, über Jahrzehnte bei den Amateurfilmern eine faktische Monopolstellung hatte, war 1959 noch nicht abzusehen gewesen. In diesem Jahr nämlich begann ein Konsortium unter der Führung von Fuji, der grünen Filmmarke aus Tokio, einen Ersatz für den unpraktischen 8-Millimeter-Spulenfilm auszutüfteln. Auch die japanischen Konzerne Canon, Konica und Yashica beteiligten sich, dann kamen noch Agfa, Bell & Howell und Kodak dazu. Das Ziel der Konzernstrategen: rechtzeitig zu den Olympischen Spielen von Tokio im Oktober 1964 eine praktische Einwegkassette als gemeinsamen Standard auf den Markt zu bringen.

Vergeblicher Volltreffer

Doch Anfang 1964 verließ Kodak urplötzlich die Gruppe und kündigte im April handstreichartig sein eigenes Format an: Super 8. Um den Anschluss nicht zu verlieren, gaben die Firmen um Fuji ihre eigenen Pläne auf und schwenkten auf das neue Kodak-Filmformat um. Das allerdings packten sie in eine eigene, mit Kodak-Kameras nicht kompatible Kassette, Single 8 genannt. Das Single-8-System war der US-Technik weit überlegen: Die Filme ließen sich beliebig vor- und zurückspulen, Doppelbelichtungen und Überblendungen waren möglich. Die Super-8-Kassetten hingegen hatten nebeneinander angeordnete Spulen, die den Film über komplizierte Umlenkrollen schicken. Auch Fujis Polyesterfilm - reißfest, temperaturbeständig, anschmiegsam - war weitaus fortschrittlicher als Kodaks altmodisches Azetat.

Kurzum: Fuji hatte einen Volltreffer gelandet. Das fanden auch die Kamerahersteller Canon, Elmo, Yashica und Konica - sie entschieden sich, Kameras für das Single-8-System zu bauen. In Deutschland schloss sich 1965 Agfa dem Single-8-Lager an. Doch weil die Leverkusener die Polyester-Technologie nicht beherrschten und deshalb dickeren Azetatfilm in ihre Kassetten steckten, passten nur zehn Meter Film hinein. Damit war Agfa chancenlos und wechselte bald zu Super 8.


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In Japan immerhin wurde Single 8 Marktführer, aber außerhalb des Landes gab es bestenfalls Achtungserfolge. Über die Jahre wandten sich alle Kamerahersteller von Single 8 ab und Super 8 zu. Nur Fuji blieb der eigenen Erfindung treu. "Wir hatten das bessere System, aber Kodak hatte die weltweite Marktmacht", sagt Shigeo Mizukawa, früherer Designer von Fuji-Kameras. Den Single-8-Film "Fujichrome" gibt es heute noch zu kaufen - allerdings nur in Japan.

Eine ruckelnde, körnige, irgendwie heimelige Welt

Kodak sonnte sich anderthalb Jahrzehnte im Glanz des Super-8-Coups. Aber 1981 nahm die Zahl der verkauften Filme ab, und das, obwohl Video noch längst nicht marktreif war. 1990 konnten in Westdeutschland nur noch eine Million Super-8-Filme an den Mann gebracht werden, und heute verkaufen sich gerade noch 300.000 Kassetten im Jahr - weltweit. Vom Mainstream-Freizeitspaß ist Super 8 in die Nische gerutscht, es gilt als Kultformat für Skater-Filme, Musik-Clips und Experimentalfilmer.

Und es ist ein Zeitspeicher. Kistenweise schlummern alte Super-8-Spulen in deutschen Kellern, daneben oft ein altmodisch wirkender Projektor. Wer es schafft, ihn anzuwerfen und die alten Streifen einzufädeln - der geht auf eine nostalgische Zeitreise, in eine ruckelnde und körnige, aber irgendwie heimelige Welt von Gestern.

Jürgen Lossau ist Chefredakteur von schmalfilm, der Zeitschrift für Freunde von Super 8 und 16 Millimeter. Das Magazin erscheint im 62. Jahrgang und ist die weltweit einzige Zeitschrift, die sich exklusiv diesem Themengebiet widmet.

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1.
Sven Hader 13.12.2009
Zur Aussage "Möglich gemacht hatte den Boom eine simple Erfindung: der Film in der Kassette, dessen Entwicklung 1959 begann und den Kodak 1964 auf den Markt brachte." Die deutsche Firma Agfa hatte bereits 1928 für die 16-mm-Schmalfilmkamera Movex 16 eine sehr einfach zu handhabende Metallkassette für 16mm-Film entwickelt (sie enthielt 12m Film und kostete ca. 10 RM). Im Jahre 1937 folgte dann eine Metallkassette mit Normal-8-Film für die Schmalfilmkamera Movex 8 (sie enthielt 10m Film und kostete ca. 5 RM). Für das Nachfolgemodell Movex 8L wurde diese Filmkassette bis nach dem Krieg produziert. Deshalb ist fraglich, ob bei der Kodak-Filmkassette wirklich von einer "Erfindung" gesprochen werden kann. Kodak hatte allerdings durch die Schwächung von Agfa nach Kriegsende eine deutlich bessere Ausgangsposition zur Vermarktung dieser "Neuheit".
2.
Winfried Send 13.12.2009
Das mag ja bei Kodak so gewesen sein, daß man bis 1964 nach 7,5 m Film die Spule umdrehen musste. Bei Agfa war das schon ab 1937 nicht nötig. Da hat man die Movex Kassette in die Kamera gelegt, das Federwerk aufgezogen und man konnte losfilmen. Die Kassetten waren aufgebaut mit Spulen nebeneinander wie die erwähnten Single-8 Kassetten. Warum auch immer, die Movex Kassetten sind irgendwann in den 50er Jahren vom Markt verschwunden.
3.
Karsten Qualmann 13.12.2009
In den Kommentar zu Foto #10(Fröhliches Fummeln) hat sich ein kleiner Fehler eingeschlichen. Der junge Mann überspielt seine Filme nicht auf VHS - im Hintergrund ist deutlich ein Sony Betamax Videorekorder des Typs SL-C5(oder C7) zu sehen. Wieder ein überlegenes System, welches sich nicht durchsetzen konnte.
4.
Manfred vom Hoevel 14.12.2009
50 Jahre? Wer kann da nicht rechnen? Zur Photokina im Jahr 1964 stellte Kodak das Super 8 Format vor - und seither sind 45 Jahre vergangen. Gleichfalls fragwürdig ist der Tenor des Berichtes, dass mit Super 8 das Amateurtfilmen erst los ging. Es gab auch zuvor schon eine Vierzahl von 8mm-Schmalfilmern, welche über die erforderliche Feinmotorik zur Handhabung der Doppelacht-Spulen verfügten und ihre Kamera binnen Sekunden geladen hatten.
5.
Bettina Struntz 11.01.2010
Die 50 Jahre sind genauso falsch wie der Hinweis, "Schmalfilm" sei die "weltweit einzige Zeitschrift, die sich exklusiv diesem Themengebiet widmet". In Deutschland gibt es z.B. die "Cine 8-16" (die ich persönlich lieber lese), in Frankreich "CinéScopie" und "Ciné 9,5". Und für Filmsammler gibt's in England "Film for the Collector" und in Amerika "The Reel Image".
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