Kult-Comic "Asterix" Gaststars in Gallien

Hoppla! Wer liegt denn da unterm Hinkelstein? Asterix und Obelix sind Popstars - doch sie sind nicht die einzigen Berühmtheiten in dem französischen Comic-Hit. Immer wieder tauchten in "Asterix" auch prominente Schauspieler und Sportler, Rocklegenden und Politiker auf. einestages zeigt die witzigsten Nasen.

Egmont-Verlag

Auf den Tag genau lässt sich die Geburt von Asterix heute nicht mehr rekonstruieren. Ein Abend im Juli oder August 1959 soll es gewesen sein. 50 Jahre später erinnert sich Albert Uderzo in seiner Autobiografie nur noch daran, dass es "sehr heiß" war.

Der Legende nach saßen der Zeichner und sein Texter René Goscinny in Uderzos Sozialbauwohnung in Bobigny, einer kleinen Stadt einige Kilometer östlich von Paris. Zusammen mit Freunden hatten sie just das Comic-Magazin "Pilote" gegründet. Für das Heft, dessen Erstausgabe im Herbst des Jahres erscheinen sollte, wurde noch eine weitere Comic-Serie gebraucht. Der ursprüngliche Plan, die Fabeln um Reineke Fuchs umzusetzen (Uderzo liebte Tiere), war daran gescheitert, dass ein ähnliches Projekt bereits bei einem Konkurrenzmagazin lief. Jetzt drängte die Zeit, Ersatz musste her.

Goscinny und Uderzo zerbrachen sich die Köpfe. Es war ein Brainstorming, bei dem "reichlich Pastis" getrunken und "wahnsinnig viel geraucht" wurde, wie sich Uderzo erinnert. Schritt für Schritt durchforsteten sie die französische Geschichte nach einem Thema, das es im Comic noch nicht gab. Bis sie bei den Galliern und der römischen Besatzung in vorchristlicher Zeit landeten. Doch das, was in der Folge daraus entstand, war alles andere als ein Historien-Comic. Eher ein Politikum.

Titelheld oder kleiner Gnom?

Als Ausgangspunkt für das Abenteuer wählten Goscinny und Uderzo die Küste der Bretagne. Zum einen, weil Uderzo die Gegend vertraut war. Zum anderen, weil Goscinny einen Handlungsort am Meer brauchte, so dass er seine Figuren leichter auf Reisen schicken konnte. Doch nicht in allem waren sich die Künstler so einig. Uderzo wollte einen Titelhelden, wie er damals in Comics angesagt war: groß, adrett, charmant. Hergé, der Gottvater des europäischen Comics, hatte dieses Muster in den dreißiger Jahren mit seinem Reporter Tim aus der Comic-Serie "Tim & Struppi" vorgegeben. Auch der Hotelpage Spirou aus "Spirou und Fantasio" war nach diesem Ideal gestaltet, ebenso wie der junge Privatdetektiv in der erfolgreichen Heftreihe "Ein Fall für Jeff Jordan".

Goscinny aber drängte in eine ganz andere Richtung. Er wollte ein kleines Männlein mit einem markanten, vollkommen unmodischen Bart. Passend dazu sollte der kämpferische Gnom nach dem unauffälligsten aller Schriftzeichen benannt werden - dem Asterisk, dem Sternchen (*) mit dem Multiplikationen, Pflichtfelder in Formularen oder Fußnoten gekennzeichnet werden. Goscinny hatte außerdem zur Bedingung gemacht, dass es keinen Hund à la Struppi als lustigen Begleiter des Helden geben sollte. Hinterrücks führte Uderzo diesen fünf Jahre später trotzdem ein. Beharrlich zeichnete er das Hündchen Idefix im Album "Tour de France" in jede Seite. Bis Goscinny kapitulierte. Zum Glück - denn die Leser liebten die Figur.

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Promis zu Besuch in Gallien: Helden gezeichnet

Aber so weit war man in jener Nacht, in der "Asterix" erfunden wurde, noch lange nicht. Der erste Auftritt des kleinen Galliers am 29. Oktober 1959 war nur zwei Seiten lang - die ersten zwei Seiten der Geschichte "Asterix der Gallier". Man sah den Seiten den Zeitdruck an, unter dem sie entstanden waren. Noch wirken die Figuren ungelenk, deutlich mangelte es an den detailreichen Hintergründen. Es wird klar, dass Uderzo noch nicht warm war mit den knubbelnasigen Dorfbewohnern. Ihm fehlte der klassische Held. Im Vergleich zu den zeitgleich entstandenen Comics "Umpah-Pah" und "Mick Tanguy" mit ihren großen, stämmigen Hauptfiguren war "Asterix" deutlich schlechter gezeichnet.

Asterix und Obelix im Alltagswahnsinn

Doch dass Uderzo erst in die Serie hineinwachsen musste, erwies sich als Glücksfall. "Asterix" flog zunächst deutlich unter dem Radar von Lesern und Kritik. Zeit für Goscinny, seine subversiven Erzählstrategien auszubauen. Denn "Asterix" sollte nie einfach nur ein Historien-Comic sein.

Schon die Entscheidung, nur 15 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg einen Comic über ein besetztes Frankreich zu machen, war ein hochaktuelles Politikum. Mit der dritten Geschichte, "Asterix & die Goten", reizte Goscinny erstmals das politische Potential bis zum Äußersten aus. Die Erzählung handelte von der Teilung Ost- und Westdeutschlands.

Auch der ganz normale Wahnsinn des Alltags fand sich in den Geschichten wieder. Auf ihren Reisen begegnen Asterix und Obelix neuzeitlichen Phänomenen wie Straßenbau, Staus und Streiks, der furchtbar lauten Beatmusik ("Asterix und die Normannen") oder dem Problem des Dopings ("Asterix bei den olympischen Spielen"). Das Album "Die Trabantenstadt" schildert eine moderne Neubauschlafburg, ganz ähnlich den Sozialbauten in Bobigny, wo die Serie erdacht worden war.

Gaststars in Gallien

Die Grenze zwischen Historie und Gegenwart durchbrach "Asterix" auch zeichnerisch. Bereits im zweiten Band "Die goldene Sichel" (in der deutschen Zählung die Nummer fünf) tauchte die erste jener vielen Karikaturen auf, die zum Markenzeichen der Serie werden sollten. Der Präfekt der Stadt Lutetia, Gracchus Überdrus, trug klar erkennbar die Züge des Schauspielers Charles Laughton.

Von da an hatte sich Uderzo warmgezeichnet. In den Folgejahren schlichen sich mehrere Dutzend bekannte Gesichter unter die Gallier. Sowohl in Frankreich prominente (wie der Schauspieler Bernard Blier) als auch internationale Stars. Hollywood bot Uderzos Stift einen überreichen Fundus von Vorbildern: das Komikerduo Laurel und Hardy, Kirk Douglas, Sean Connery. Etwas versteckter gab es auch Anspielungen auf Politiker. Ob hinter dem breiten Bart des britischen Häuptlings Sebigbos aus "Asterix bei den Briten" wirklich Winston Churchill steckt, darüber mag man streiten. Doch der unbestrittene Höhepunkt ist der "Auftritt" von Jaques Chirac in dem Album "Asterix und Latraviata" - als Lautmalerei. "Tschack Tschirack" macht es, als Obelix einige Römer verhaut.

So wurde "Asterix" mit viel Wortwitz, Zeitgeist und schlauen Seitenhieben doch noch zum Erfolg. Hatte das erste Album noch eine bescheidene Startauflage von 6000 Exemplaren, durchbrach die verkaufte Auflage des achten Heftes 1966 innerhalb weniger Tage die Millionengrenze. In der französischen Umbruchstimmung der sechziger Jahre sprach der vielschichtige, politische und satirische "Asterix" nicht mehr nur ein kindliches Publikum an. Als erster französischer Comic überhaupt hatte er auch massenhaft erwachsene Leser.

Dass nicht allein Kinder Comics lesen, ist in Frankreich heute Normalität. Es ist das Ergebnis jener heißen Nacht in Bobigny und maßgeblich Uderzo und Goscinny zu verdanken, die das Medium Comic mit "Asterix" auf unnachahmlich witzige Art reifen ließen. Und das trotz Obelix' fester Überzeugung: "Kein Mensch hat uns je gelesen", nölt Asterix' fülliger Kompagnon in dem Album "Der Seher", "und uns wird auch keiner lesen!!!"



insgesamt 11 Beiträge
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Jan Sieckmann, 03.10.2013
1.
Jacques Chirac tauche also nur als Lautmalerei auf? Natürlich nicht nur. Schaut bitte noch einmal in die Hefte - ich verrate jetzt einmal nicht, welcher Band den damaligen Premierminister als eine zentrale Figur hat.
Thomas Beckmann, 03.10.2013
2.
Vergessen wurde Destructivus der Zwietrachtsäher aka Richard Nixon in Streit um Asterix
Clemens Rosenberg, 17.07.2014
3. Oh je
Zitat: "Doch der unbestrittene Höhepunkt ist der "Auftritt" von Jaques Chirac in dem Album "Asterix und Latraviata" - als Lautmalerei. "Tschack Tschirack" macht es, als Obelix einige Römer verhaut." Lieber SPON-Autor, in dem ansonsten ordentlich geschriebenen Artikel verraten Sie in diesem Satz große Unkenntnis. Unter Asterix-Fans gilt das Latraviata-Album mit ihren aufdringlichen und misslungenen Wortspielen ("es rauschen die Westerwellen") als zweitschlimmster Tiefpunkt der berüchtigten Asterix-Spätphase nach Goscinnys Tod, nochmals unterboten allenfalls durch das Nachfolgealbum "Gallien in Gefahr". Ferner tritt Jacques Chirac in einer "Hauptrolle" in "Obelix & Co." auf.
daniel lamar, 10.12.2014
4. seit Goscinnys Tod
haben die Comics viel verloren. "La Traviata" und "Gallien in Gefahr" haben auch mich sehr enttäuscht. Es gibt allerdings auch ein Gegenbeispiel: "Asterix im Morgenland" meiner Meinung nach einer der besten Asterix-Comics überhaupt, entstand auch erst nach Goscinnys Tod.
Oliver Mühlhan, 04.09.2015
5. Die Goten und Chirac
1. Asterix und die Goten handelt eigentliche weniger von der Teilung Ost- und Westdeutschlands. Das nur am Rande und zwar im Rahmen des Fazits, dass mit den Goten/Deutschen nur auszukommen sein, wenn sie untereinader heftig zerstritten und geteilt sein, eine Strategei mit der Gallien/FR jahrhundertelang gut gefahren ist. Kernthema sind die Goten als brachiales und millitaristiches Volk. Uderzo hat später selbst gesagt, dass er das heute nicht mehr so darstellen würde, es sicher auch ein Folge des Krieges. 2. Hat mal einer überprüft ob es die Chirac-Lautmalerei auch im französischen Original gibt? Gerade der Band wimmelt nämlich von Übersetzungsgags die eher an B.Spencer-T.Hill - Synkronisationen erinnern.
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