50 Jahre "Ben Hur" Superlativ auf Sandalen

Schuften wie auf der Galeere: Vor 50 Jahren feierte "Ben Hur" Premiere. Doch der Weg zum legendären Historienepos war hart. Der Regisseur trieb die Filmcrew mit seinem Perfektionismus in den Wahnsinn, der Produzent bezahlte die wohl stressigsten Dreharbeiten der Filmgeschichte gar mit seinem Leben.

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Von Sibel Sen


Neun Kämpfer preschen durch die Arena. Neun Runden lang nehmen die Streitwagen es mit engen Kurven und der Konkurrenz auf, Kopf an Kopf, auf Leben und Tod. Achsen brechen, Männer sterben, Pferde scheuen, und Peitschen knallen. Unter den Augen der tausendköpfigen Masse tragen der Römer Messala und sein früher Jugendfreund Judah Ben Hur ihren finalen Kampf um Gerechtigkeit und die Freiheit des Glaubens aus: Es sind die vielleicht wichtigsten neun Minuten des Farbfilmkinos.

Dabei wurde das Filmepos "Ben Hur" Anfang der fünfziger Jahre vor allem aus einem Grund konzipiert: Es sollte den maroden Filmgiganten Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) sanieren, das Studio brauchte dringend einen Kassenschlager. Die Story um den fiktiven jüdische Fürsten Judah Ben Hur, der zur Beginn des 1. Jahrhundert nach Christus als Zeitgenosse Jesu Christi in Jerusalem lebt, schien dafür wie geschaffen. Die Romanvorlage von Lew Wallace selbst war seit 1880 ein Dauerbrenner - nach der Bibel das meistgedruckte Buch des 19. Jahrhunderts. Ein adaptiertes Bühnenstück lief 20 Jahre ohne Unterbrechung am Broadway. Keine Frage: Diese Geschichte brachte Geld.

1925 hatte die Verfilmung des Stoffes um den jüdischen Prinzen Ben Hur schon einmal Geld in die MGM-Kassen gespült. Unter der Regie von Fred Niblo war mit "Ben Hur" einer der teuersten und aufwendigsten Produktionen der Stummfilmzeit entstanden. Allein der Dreh des Wagenrennens bedeutete für etliche Pferde und - unbestätigten, aber hartnäckigen Gerüchten zufolge - auch mindestens einen Komparsen den Tod. Doch das Spektakel wurde ein Riesenerfolg. Und so engagierte MGM 30 Jahre später für die Remake-Rettungsaktion kurzerhand einen Mann, der schon 1925 dabei und für Spitzenleistung stets zu haben war: Der ehemalige Regieassistenten William Wyler sollte bei der Neufassung nun Regie führen. Hollywood nannte ihn zu diesem Zeitpunkt bereits "90-Take-Wyler", weil er in seinem Drang nach Perfektion einzelne Einstellungen scheinbar endlos wiederholen ließ.

40.000 Tonnen Mittelmeersand, 50.000 Statisten

Und diesen Hang zum Superlativ lebte der Regisseur auch beim neuen "Ben Hur"-Projekt hemmungslos aus. Mehr als 15 Millionen Dollar verschlangen die Dreharbeiten, nie zuvor war ein Film so teuer. Insgesamt 300 Sets ließ Wyler ausstatten, eine Million Requisiten verwenden, 50 Galeeren bauen, 78 Pferde trainieren und 40.000 Tonnen Mittelmeersand ankarren. Die Liste der für die Story notwendigen Protagonisten schwoll auf stolze 45 an, fast 400 Figuren erhielten Sprechrollen, und rund 50.000 Statisten sollten das Treiben der Antike realistisch abbilden.

Fünf Jahre Vorbereitung benötigte das epochale Spektakel, dessen Drehverhältnis mit 263:1 mehr als verschwenderisch war: Für einen Meter des endgültigen Ergebnisses ließ Wyler 263 Meter Film belichten. Zum Vergleich: Bei aufwendigen Produktionen ist ein Drehverhältnis von 20:1 die Regel. Mit Miklos Rosza hatte er zudem einen der bedeutendsten Filmkomponisten seiner Zeit verpflichtet, der mehr als ein Jahr an den richtigen Tönen fürs Monumentale arbeitete. Roszas Musik war dem Regisseur am Ende derart heilig, dass er den Schnitt der Notenfolge anpasste.

Wylers unbedingter Perfektionismus bestimmte jederzeit die Dreharbeiten. Allein für das legendäre Wagenrennen, das Filmgeschichte schrieb, opferte der Regisseur ein Achtel des Budgets. Ein Jahr lang hatte er die Szene vorbereitet, fünf Wochen ließ er sie drehen und die Schauspieler vorher endlose Trainings absolvieren. Wyler hatte nur für das Wagenrennen spezielle Kameras anfertigen lassen und verwendete erstmals in der Kinogeschichte intensiv die (seit 1933 existierende) Bluescreen-Technik.

Herzinfarkt am Filmset

Manchmal trieb die Detailverliebtheit des Regisseurs aber auch groteske Blüten: Weil er keine zwei Hauptdarsteller mit der gleichen Augenfarbe duldete, musste Messala-Mime Stephen Boyd schwarze Kontaktlinsen tragen. Die juckten und piesackten Boyd zwar enorm, doch der Regisseur kannte kein Erbarmen, einzig der Held des Films durfte blaue Augen haben.

Es sollte schlicht alles so perfekt und authentisch wie nur möglich sein: das Alte Rom, die Rennwagen, die Kostüme. Nachdem die üppige Kulisse stand, soll Wyler der Legende nach eine Historikerin angeheuert haben, um sie die historische Authentizität des gigantischen Projekts beurteilen zu lassen. Auf Wylers Frage: "Was soll ich machen, damit es noch echter wird?" soll die Expertin knapp und vernichtend geantwortet haben: "Man müsste alles verbrennen!"

Zum Niederbrennen fehlten freilich Zeit und Geld: Als das Set schon fertig war, castete Wyler noch Darsteller. Die "Ben-Hur"-Legende Charlton Heston war allerdings nicht seine erste Wahl. Vor Hestons Zusage hatte er bereits die gesamte A-Riege Hollywoods abgeklappert: Der Atheist Burt Lancaster lehnte ab, weil er christliche Moral nicht so plakativ darstellen wollte. Rock Hudson hätte die Rolle zwar angenommen, aber sein Agent warnte den schwulen Schauspieler vor einer möglichen homosexuellen Auslegung der Figur. Paul Newman schlug das Projekt aus, weil er nicht "die Beine" für ein dreieinhalbstündiges Schaulaufen in Tunika und Sandalette zu haben glaubte, und auch Marlon Brando und Kirk Douglas sagten Wyler ab. Nicht minder schwer war die Suche nach dem richtigen Messala. Ein Making-of zeigt Probeaufnahmen mit einem sehr jungen Leslie Nielsen, der später mit Filmen wie "Die nackte Kanone" zum Comedy-Weltstar wurde.

Fast zur Katastrophe führte die Frage nach dem richtigen Drehbuch: Am Ende lagen Wyler 40 verschiedene Fassungen vor, und er begann zu drehen, ohne sich für eine Version entschieden zu haben. Weil die Produktion ebenso chaotisch verlief, erlag der 54-jährige Produzent Sam Zimbalist kurz vor Fertigstellung des monumentalen Klassikers einem Herzinfarkt. Ärzte führten seinen Tod auf den extremen Stress am Set zurück. Einige Wochen zuvor hatte bereits ein Assistent einen schweren Herzanfall erlitten.

Elf Oscars für das Mammutwerk

Am Ende sollte das gigantische Projekt trotz allem ein Erfolg werden. Die Einspielergebnisse übertrafen die Produktionskosten um das Fünffache - MGM war saniert und gerettet, der Auftrag somit erfüllt. Fünf Monate nach der Premiere durchbrach "Ben Hur" bei der 32. Verleihung der Academy Awards alle Oscar-Schallmauern. Nie zuvor hatte ein Film so viele Auszeichnungen bekommen wie "Ben Hur" 1960: Elf Trophäen konnte das Team bei zwölf Nominierungen mit nach Hause nehmen, darunter die Preise für den besten Film, die beste Regie und den besten Hauptdarsteller. Den zwölften Oscar für das beste adaptierte Drehbuch hätte "Ben Hur" möglicherweise auch bekommen und wäre damit noch heute ungefochtene Spitze bei den Oscars, hätte es nicht ein massives Gerangel um die Kreditierung in dieser Kategorie gegeben. Animositäten zwischen den verschiedenen Autoren und dem Produktionsteam machten die Vergabe unmöglich.

Erst 40 Jahre später zogen andere Werke mit dem Jahrhundertepos gleich: 1998 gewann "Titanic" bei 14facher Nominierung ebenfalls elf Awards, und nur sechs Jahre später errang auch der finale Teil der "Herr der Ringe"-Trilogie elf der begehrten Filmtrophäen. Zur Verteidigung des ehemaligen Spitzenreiters "Ben Hur" sei gesagt, dass sowohl das Schiffsunglück als auch die Rettung von Mittelerde je einen Preis erhielten, der seinerzeit noch nicht existierte: 1960 wurden weder der beste Tonschnitt noch das beste Make-up prämiert.

Dem Monumentalfilm war dank Wyler 1959 ein Quantensprung gelungen. In den fünfziger und sechziger Jahren erlebt das Genre seine Goldene Epoche: Die Geschichten von Cleopatra, Spartacus und Co. füllen die Kinosäle. Dann starb der Sandalenfilm. Erst im Jahr 2000 gelang Ridley Scott mit "Gladiator" eine Wiederbelebung. "Troja", "Alexander der Große", "Die Passion Christi" und der Krieg der 300 Spartaner folgten. Freilich ohne Skandale, Tote und intrigante Schreiber wie im Alten Rom, äh Hollywood.

insgesamt 3 Beiträge
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Albert Müller, 18.11.2009
1.
Netter Artikel, jedoch sind zwei Angaben ungenau. 1. Wyler "verpflichtete" nicht den Komponisten Miklós Rózsa - dieser war zu der Zeit nämlich Vertragskomponist bei MGM, ihm wurde der Film deshalb zugeteilt. 2. Das Wagenrennen hat nicht Wyler selbst inszeniert, wie im Artikel zumindest angedeutet wird - es wurde vom 2nd Unit Regisseur Andrew V. Marton in Szene gesetzt.
Andrew Widdel, 18.11.2009
2.
Gladiator war übrigens nicht der erste Monumentalfilm der dadurch wieder in Mode kam. Das war 1995 ganz eindeutig Braveheart. Dieser Film steht auch noch in den Bewertungen der besten Filme aller Zeiten (imdb.com) vor Gladiator.
Hardy Voss, 30.08.2016
3. Wie bereits
von einem Mitforisten erwähnt, wurde das Wagenrennen - welches ja hauptsächlich den Film berühmt machte - nicht von Wyler gedreht. Es kam sogar zwischen ihm und der 2.Unit zu schweren Auseinandersetzungen, weil Wyler den Ruhm für sich beanspruchte. Yakima Cannutt, der Stuntman John Waynes, war damals am Dreh des Wagenrennen auch maßgeblich beteiligt.
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