Jugendfotopreis-Highlights Zeigt her eure Welten!

Deutscher Jugendfotopreis: Zeigt her eure Welten! Fotos
Hanns-Jörg Anders /Deutscher Jugendfotopreis/DHM

Nackte im See, Alte am Strand oder eine verzweifelte Mutter: Seit 1961 reichen junge Deutsche ihre selbstgeknipsten Lieblingsbilder beim Jugendfotopreis ein. Das Ergebnis: ein einzigartiges Erinnerungsalbum jugendlichen Lebensgefühls. einestages zeigt die spannendsten Fotos aus fünf Jahrzehnten Fotowettbewerb. Von

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Die junge Frau mit dem auftoupierten Haar hat sich schick gemacht für den Rummelplatz. In schwarzen Pumps und Minirock sitzt sie in der Gondel eines Karussells, artig hört sie mit überschlagenen Beinen dem Monolog des schwarz gekleideten Backenbartträgers zu, der sich neben ihr aufgebaut hat. Der Schnappschuss dieses zaghaften Flirts stammt von 1964.

Vier Jahre später, im Rebellionsjahr 1968, kommen sich die deutschen Turteltäubchen schon näher. Mit Sonnenbrille und wallendem Haar sitzen die beiden Hippies auf einem chromblitzenden NSU-Motorrad und brausen in Richtung Freiheit davon. 2002 sind alle Hüllen gefallen. Nackt liegen zwei Teenager auf einer großen, grünen Matratze und halten sich eng umschlungen: vertraut, intim, schutzlos.

Die drei Fotos stammen aus ganz unterschiedlichen deutschen Epochen - und kreisen doch um das immer gleiche Thema: Zweisamkeit, Liebe, Sex. Um was auch sonst? Schließlich stand jedes Mal ein junger Mensch hinter der Kamera. 1964 drückte Werner Kohn auf den Auslöser, 1968 war es Jürgen Hebestreit und 2002 Friedemann Hoerner.

Die Drei gehören zu den rund 2500 Preisträgern in der Geschichte des Deutschen Jugendfotopreises, der in diesem Jahr zum 50. Mal verliehen wird. 1961 hatte das damalige Bundesministerium für Familien- und Jugendfragen den Foto-Wettbewerb erstmals ausgelobt, seither haben Jahr für Jahr Tausende junge Deutsche zwischen fünf und 25 Jahren ihre besten Aufnahmen eingereicht. Entstanden ist so ein gigantischer Bilderschatz, ein rund 10.000 Bilder umfassendes Erinnerungsalbum Deutschlands.

Unverstellt, intuitiv, schonungslos

Die gewaltige Fotosammlung, die ab 2012 für jedermann online abrufbar sein wird, bietet einen ebenso bunten wie berührenden Querschnitt jugendlichen Lebensgefühls - in Ost und West. Denn seit 2009 sind auch die Ergebnisse der "Leistungsvergleiche der Kinder- und Jugendfotogruppen" im Besitz des Museums. Der Wettbewerb war ab 1970 vom DDR-Kulturbund parallel zum westdeutschen Jugendfotopreis veranstaltet worden.

Was bewegte die Kinder des Wirtschaftswunders, was jene der "Petting statt Pershing"-Ära? Wie reagierten die Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf Mauerbau oder Mondlandung, wie auf das erste Retortenbaby, die Frauenbewegung oder Kurt Cobains Tod? Die etwa 750 prämierten Arbeiten, die das Deutsche Historische Museum in Berlin in der jetzt eröffneten Ausstellung "Für immer jung. 50 Jahre Deutscher Jugendfotopreis" zeigt, geben Antworten.

Wer die Bilderflut durchstöbert, stellt schnell fest: Das Leben mag sich in den vergangenen 50 Jahren immer weiter beschleunigt haben - der Blick der Teens und Twens auf die Welt um sie herum hingegen ist nahezu unverändert geblieben. Es ist jene unverstellte, suchend-intuitive, oftmals unsichere und gleichzeitig schonungslose Perspektive, die die Fotos so besonders macht.

"Meine Mutti, zurück aus der Zukunft"

Zum Beispiel die 1993 von einem 17-Jährigen geschossene Aufnahme eines jungen Mädchens in schwarzer Unterwäsche, dessen Rumpf in Paketschnur gewickelt ist. "Ist mein Körper zu dick, zu dünn - oder gerade richtig? Was muss ich tun, um anzukommen?", scheint das verzweifelt blickende Mädchen zu fragen. Oder die im Jahr 2000 prämierte Aufnahme eines 14-Jährigen von seiner Mutter in der Küche: Die in ihrer Überforderung tragikomisch wirkende Frau trägt nicht nur eine weiße, mit der Steckdose verbundene Elektro-Trockenhaube auf dem Kopf, sondern versucht gleichzeitig, den Abwasch zu bewältigen.

"Meine Mutti, zurück aus der Zukunft, direkt in die Küche gebimpt", hat der Junge sein Bild unbeholfen genannt. Von dem Frauenproblem, Mutterdasein, Schönheit, Haushalt und eventuell gar Beruf zu vereinen, wird er noch nichts gehört haben - intuitiv erfasst hat er es trotzdem.

Kaum eine Ausstellung von Profifotografen hat wohl bislang Bilder gezeigt, die so hautnah Gefühle transportieren wie diese von Kindern und Jugendlichen - zumeist Amateuren - aufgenommenen Fotos. "Ähnlich wie Künstler haben junge Menschen ein sehr feines Gespür für emotionale Konflikte oder gesellschaftliche Probleme", sagt auch Jan Schmolling, stellvertretender Leiter des Kinder- und Jugendfilmzentrums in Deutschland (KJF), das den Deutschen Jugendfotopreis veranstaltet.

Zeitgeist per Rollei oder Ritsch-Ratsch

Schmolling, der selbst als Jugendlicher Ende der siebziger Jahre für seine Aufnahmen des Pariser Stadtteils "La Défense" mit dem Preis ausgezeichnet wurde, ist seit 1991 für dessen Konzeption und Durchführung zuständig. Hunderttausende Fotos sind im Lauf der Jahre durch seine Hände gegangen, immer wieder ist es der gleiche, so Schmolling, "suchende, dokumentierende Blick" der Jugend, der ihn so fasziniert.

Egal ob in der Adenauer-Ära mit der alten Rollei, in den siebziger Jahren mit der Ritsch-Ratsch-Kamera oder im neuen Jahrtausend mit dem Fotohandy geschossen: Zu allen Zeiten scheinen jungen Menschen ähnliche Themen besonders am Herzen zu liegen. Außer den Grundkonstanten Zweisamkeit, Liebe, Körper kreisen die eingereichten Arbeiten um Freunde, Familie und Freizeit, aber auch um Umweltzerstörung, Auflehnung, Protest.

Besonders unter die Haut gehen die Fotos rund um Tschernobyl und Waldsterben aus den achtziger Jahren - weil aus ihnen die ehrliche Betroffenheit der unmittelbar betroffenen, jungen Generation spricht. Auch politische Umwälzungen haben zu allen Zeiten die Befindlichkeit der jungen Menschen geprägt - ob der Deutschland-Besuch des strahlenden US-Präsidenten John F. Kennedy im Jahr 1963 oder der Mauerfall 1989.

Vom Preisträger zum Starfotografen

Von all diesen historisch-dokumentarischen Bildern sticht eines besonders ins Auge: Es stammt aus dem Jahr 1968 und zeigt einen blutüberströmten jungen Tschechoslowaken im weißen Hemd, der eine gigantische Fahne in der Hand schwingt und gegen die brutale Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Truppen des Warschauer Pakts protestiert.

Aufgenommen hat den Schnappschuss Volker Krämer. Der damals 25-Jährige war zu Besuch bei seiner Großmutter in Prag, tappte per Zufall mitten ins Weltgeschehen - und drückte auf den Auslöser.

Seine packenden Aufnahmen begeisterten den Artdirektor des "Stern", Krämer wurde zum gefragten Starfotografen. Im Juni 1999 nahm die Karriere des großen Reporters im Kosovo ein brutales Ende: Am Dulje-Pass wurden er und sein Kollege Gabriel Grüner Opfer eines Heckenschützen.

Was von Krämer für immer bleibt, ist die Macht seiner Bilder. Gemeinsam mit anderen Heranwachsenden hat der vierfache Gewinner des Deutschen Jugendfotopreises ein grandioses Panorama jugendlichen Lebensgefühls erschaffen. Blättern Sie mit der einestages-Fotostrecke im faszinierenden Deutschland-Album.

Zum Weiterlesen:

"Für immer jung - 50 Jahre Deutscher Jugendfotopreis". DruckVerlag Kettler, 2011, 312 Seiten.

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