50 Jahre deutsches Autokino Fummeln, bis der Filmvorführer kommt

Hollywood im Eichenwald: Vor 50 Jahren eröffnete auf einer Waldlichtung bei Frankfurt das erste deutsche Autokino - und wurde zum Tatort der sexuellen Befreiung für die Petticoat-Generation. Hippies, Homevideo und Ölkrise bereiteten der wilden Knutscherei in Papas Schlitten beinahe den Garaus.

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Für Waldbewohner wie Journalisten schien an jenem verregneten Frühlingsabend das Ende alles Irdischen zum Greifen nahe. Lichtblitze zuckten lautlos durch die schwarze Nacht, eine gigantische Deborah Kerr irrlichterte durch die Bäume, gefolgt von einem nicht minder monströsen Yul Brynner. Während sich die Hasen, Eulen und Dachse noch tiefer ins Gehölz zurückzogen, retteten sich die Zeitungsleute mit der therapeutischen Kraft des Wortes: "Es ist alles unheimliche Zauberei", notierte der Redakteur der "Frankfurter Rundschau", von "okkulter Vision" schwadronierte der Korrespondent der "Welt".

Doch war weder ein Meteorit auf Hessen niedergegangen noch schickten sich Außerirdische an, den Planeten zu erobern: Was Mensch und Tier an jenem 31. März 1960 gleichermaßen verstörte, war die Eröffnung des ersten deutschen Autokinos in Gravenbruch bei Frankfurt. Mehr als 1000 Besucher spähten an jenem verregneten Abend durch die beschlagenen Windschutzscheiben ihrer Isettas und Brezelkäfer, um auf der gigantischen Leinwand vor ihnen die Hollywood-Schmonzette "Der König und ich" anzuschauen - für 2 Mark und 75 Pfennige.

Während quietschende Scheibenwischer den Seh-Genuss trübten, schnarrte der Ton in Mono aus einem kleinen Lautsprecher, den die Autofahrer beim Einlass bekommen und durchs Seitenfenster an eine der 600 Stromzapfsäulen angeschlossen hatten - wahrlich kein technischer Hochgenuss. Die Teenager dürfte dies kaum gestört haben: Mitten in der prüden Wirtschaftswunder-Ära, als Kuppeleiparagraph und Tanzschul-Etikette den hormongesteuerten Heranwachsenden das Leben schwer machten, bot ihnen das Autokino eine Heimat für die ersten sexuellen Gehversuche. Hier, in der Abgeschiedenheit der elterlichen Karossen, genossen sie die Zweisamkeit, die ihnen sonst verwehrt wurde.

Exportgut aus Südafrika

Auf Knien dankte die deutsche Jugend den Erfindern des Drive-In-Kinos aus Übersee für ihre neue Freiheit - dabei stammt das erste deutsche Autokino gar nicht aus Amerika, sondern vom Schwarzen Kontinent: Ein deutschstämmiger Südafrikaner namens Hermann Franz Passage exportierte es einst ins Hessische. Bei einer Nostalgietour quer durch die alte Heimat machte der Diplomingenieur aus Pretoria Rast im renommierten Forsthaus Gravenbruch.

Hier, mitten im Wald, entdeckte der Mann ein gigantisches, brach liegendes Wiesengelände - und das auch noch in nächster Nähe zur Autobahn, vor allem aber zu Frankfurt: der damals amerikanischsten, da autogerechtesten deutschen Großstadt, vor dessen Toren noch dazu Zehntausende GI's stationiert waren.

Passage, der in Südafrika bereits 20 Autokinos erbaut hatte, musste nicht lange überlegen: Im Sommer 1959 zog er nach Frankfurt, pachtete die Wiese und trotzte dem Regierungspräsidenten von Darmstadt die Baugenehmigung für das erste Autokino nördlich der Alpen ab, ohne sich weiter um die Proteste der Naturschützer und Forstbeamten zu scheren. 1,5 Millionen Mark investierte Passage, um das Drive-In von Gravenbruch zu bauen. Ein enormes Risiko - denn bis dato hatten sich die Deutschen wenig begeistert vom Autokino gezeigt.

Das Fiasko von Erlangen

Bei einer Autokino-Probevorführung in Erlangen 1954 blieben die Menschen nicht in ihren Wagen sitzen, sondern stiegen aus und hockten sich auf ihre Kühlerhaube, um den Heimatfilm "Schloss Hubertus" unter freiem Himmel weiter anzuschauen - zu lau die Luft an jenem Septemberabend. Resigniert bemerkte einer der Veranstalter, die damals den deutschen Markt testen wollten, dass die Bundesbürger noch nicht so weit seien: "In Deutschland sind die Autos noch nicht, wie in Amerika, die verlängerten Beine der breiten Masse", zitierte der SPIEGEL damals die Negativ-Bilanz.

Auto und Kino, das schien hierzulande lange nicht zusammen zu passen - anders als in den USA, wo bereits 1933 das erste Autokino eröffnet hatte. Ende der fünfziger Jahre gab es bereits 4000 Freilicht-Filmsäle, viele davon gigantische Vergnügungsfabriken inklusive Wäscherei, Schwimmbad und Spielplatz, die US-Teenager und Familien gleichermaßen beglückten.

Doch Diplomingenieur Passage baute darauf, dass die Deutschen schon bald die Vorteile des Drive In erkennen würden: Nicht nur, dass man im Autokino ungestraft knutschen, rascheln, rauchen, reden und die Füße hochlegen konnte - man sparte auch den teuren Babysitter (so schaute sich die Autorin dieser Zeilen als Kleinkind das grandiose "Flammende Inferno" an, während ihre Eltern glaubten, dass sie friedlich auf der Rückbank schlummere!).

"Wie viele Hessen hier im Auto entstanden sind!"

Die Deutschen sollten das Vertrauen Passages nicht enttäuschen: In Scharen brausten sie zu der 1100 Wagen fassenden Waldlichtung in Gravenbruch, um sich dort im Amphitheater-Halbrund vor der 540-Quadratmeter-Leinwand zu vergnügen; schon im ersten Geschäftsjahr bescherte das neuartige Kino der Gemeinde satte 100.000 D-Mark "Lustbarkeitssteuer". Auf Gravenbruch folgten Autokinos in Berlin, Köln und nahezu allen übrigen deutschen Großstädten; bis Anfang der siebziger Jahre sollte ihre Zahl auf 40 hochschnellen.

Sogar in der DDR hielt die Erfindung des Klassenfeindes 1977 Einzug - auf dem Gelände einer ehemaligen Hühnermast-LPG in Zempow. "Die Drive Ins schossen wie Pilze aus dem Boden", erinnert sich Ernst Schneider, der mit 71 Jahren noch immer als Filmvorführer in Gravenbruch arbeitet und die Anfänge des hessischen Autokinos hautnah miterlebt hat.

Es sei vor allem der exotische Reiz, dieser "American Way of Life" gewesen, der die Deutschen neben den GI's nach Gravenbruch gelockt habe. Und natürlich die Möglichkeit, ungestört zu schmusen - ungeachtet der Schilder "Knutschen streng verboten!", die mancherorts vor den Autokinos prangten. "Wie viele Hessen hier im Autokino entstanden sind!", sagt Schneider und lacht. Die Turteltäubchen hätten in der letzten Reihe, der sogenannten "Love Lane" geparkt - oder aber unauffällig an der Seite. "Die haben sich bei uns eben wohlgefühlt", sagt der Filmvorführer diskret.

Scheichs, Nackerte und besorgte Eltern

Andere trieb der Hunger in den Wald: "Wer Lust auf einen gescheiten Hamburger hatte, der ist zu uns gefahren", so Schneider. Eine kinoeigene Bäckerei und Metzgerei versorgte die Zuschauer mit den legendären Gravenbrucher Fleischbrötchen - und das Jahre vor der Eröffnung von McDonalds auf deutschem Boden: eine kulinarische Revolution! Ein Druck auf die an der Zapfsäule angebrachte grüne Kellnerlampe genügte - und schon eilte das Service-Personal heran.

Zudem konnte man im Autokino Dinge erleben, die in normalen Kinos undenkbar waren: So rauschte in Gravenbruch Ende der sechziger Jahre einmal ein Scheich an, um sich mit seinen zehn Frauen einen Film anzuschauen - während seine schwer bewaffneten Leibwächter um die zugehängten Cadillacs patrouillierten. Ein anderes Mal reizte eine gänzlich unbekleidete Dame hinterm Steuer die Spannung zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit im Autokino aus. Und immer wieder kam es vor, dass besorgte Eltern zur Freiluftbühne eilten, um ihre Kinder ausrufen zu lassen - meist ohne Erfolg.

Schon bald nach ihrer Blüte hatten die Autokinos in Deutschland allerdings schon wieder massiv zu kämpfen: Öl- und Wirtschaftskrise, ein verbessertes TV-Programm und der Videorekorder setzten den Parkplatz-Lichtspielen ab den siebziger Jahren ebenso zu wie die Einführung der Sommerzeit, die der Frühvorstellung um 20 Uhr den Garaus bereitete.

"Liebesgrüße aus der Lederhose"

Vor allem jedoch machten die 68er-Hippies der Branche das Leben schwer, indem sie die rigide Sexualmoral aufweichten: Wenn überall ungeniert herumgeschmust werden durfte, hatte das Autokino ausgedient. Mit zünftigen Sexfilmchen à la "Liebesgrüße aus der Lederhose" versuchte man in den achtziger Jahren in Gravenbruch und anderswo gegenzusteuern - ohne Erfolg: Die Besucherzahlen rauschten in den Keller, bald mussten viele Autokinos schließen, auch weil die neuen Multiplex-Lichtspiele ihnen das Wasser abgruben.

Zwar rettete der Unternehmer Walter Jann den Anachronismus Autokino vor dem Untergang, indem er etwa aushandelte, dass die Parkplatz-Lichtspiele auch brandneue Filme erstaufführen durften. Dennoch existieren heute - nach einem kurzzeitigen Boom infolge der Wiedervereinigung - kaum mehr als 20 Autokinos auf deutschem Boden; in den USA sind es noch 350.

Immerhin: Es gibt sie noch. Warum eigentlich? "Der eigene Mythos, der Nostalgie-Faktor hat uns gerettet", resümiert Filmvorführer Ernst Schneider aus dem Autokino Gravenbruch. Der Rentner muss heute keine scheppernden Lautsprecher mehr reparieren - längst kommt der Ton stereo aus dem Autoradio, Frequenz 91,5.

Der Rest jedoch, die legendären Burger, das Kassenhäuschen, die Zapfsäulen, an die man im Winter einen tragbaren Heizlüfter anschließen kann: Fast alles auf der Waldlichtung südöstlich von Frankfurt ist geblieben, wie es einst war - als hätte jemand die Zeit angehalten: kultig, schrullig, unsterblich. Damit auch in ferner Zukunft Mensch und Tier noch etwas zum Staunen haben, sobald die Nacht hereinbricht über Gravenbruch.

Autokinos in Deutschland:

1. Autokino Köln-Porz: Den Moralaposteln zum Trotz 2. Autokino München-Aschheim: Oldtimer-Treff und Grillparty

3. Autokino Stuttgart-Kornwestheim: Verfolgungsjagd für Autofans 4. Autokino Essen-Bergeborbeck: Hupkonzert für Stars

5. Autokino Langenhessen: Kleines Kino-Juwel 6. Autokino Zempow: Romantik im Niemandsland

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