50 Jahre Eichmann-Prozess "Ein Mensch mit mörderischen Trieben"

50 Jahre Eichmann-Prozess: "Ein Mensch mit mörderischen Trieben" Fotos
Getty Images

Ein Monster vor Gericht: Vor 50 Jahren begann in Israel das Verfahren gegen Adolf Eichmann, den Cheforganisator des Holocaust. Gabriel Bach war damals stellvertretender Ankläger. Auf einestages erinnert sich an den Prozess, der sein Leben prägte. Und an die Begegnung mit dem Massenmörder.

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
  • Zur Startseite
    3.7 (17 Bewertungen)

Bis 1938 lebte er in Deutschland, dann floh Gabriel Bach vor den Nazis. Erst nach Amsterdam, dann, 1940, einen Monat, bevor Holland von der Wehrmacht eingenommen wurde, wanderten er und seine Familie nach Palästina aus. Als 20 Jahre später Adolf Eichmann, Cheforganisator des Holocaust, von Mossad-Agenten in Argentinien festgesetzt und nach Israel überstellt wurde, war Bach, damals Staatsanwalt, stellvertretender Ankläger im Prozess.

SPIEGEL: Herr Bach, im Mai 1960 entführte ein Mossad-Team den Cheflogistiker des Holocaust Adolf Eichmann aus Argentinien nach Israel. Sie zählen zu den Israelis, die dann bald mit ihm gesprochen haben. Erinnern Sie sich an das erste Treffen?

Bach: Eichmann wurde in einem Gefängnis in der Nähe Haifas inhaftiert. Ich bekam dort ein Büro und las gerade die Erinnerungen von Rudolf Höß, einem der Kommandanten von Auschwitz. Darin schrieb Höß, dass sie oft Tausend Kinder pro Tag in den Gaskammern getötet haben. Manchmal hätten Kinder gebeten, sie zu verschonen, und es hätten ihm dann die Knie gezittert, wenn er die Kinder trotzdem in die Gaskammern hatte treiben lassen. Später habe er sich dieser Schwäche geschämt, denn Eichmann habe ihm erklärt, gerade Kinder müssten zuerst getötet werden, sie seien mögliche Rächer und könnten die Keimzelle für die Erhaltung der Rasse sein. Und zehn Minuten nachdem ich das gelesen hatte, meldete man mir, Eichmann wolle mich sprechen. Es fiel mir schwer, ihm gegenüber ruhig und gefasst aufzutreten.


Hilflos im Alter: Wenn Eltern ihre Kinder brauchen

Mehr zum Thema im aktuellen SPIEGEL:

Inhalt

Vorabmeldungen

Abo-Angebote

E-Paper

Heft kaufen

SPIEGEL auf dem iPhone und iPad:

So lesen Sie Deutschlands Nachrichten-Magazin mit einem Handstreich - auf dem iPhone und auf dem iPad . Sie können die neue Ausgabe schon ab samstags 22 Uhr kaufen.


SPIEGEL: Welchen Eindruck machte Eichmann auf Sie?

Bach: Wenn ich ihm auf der Straße begegnet wäre, wäre er mir wohl nicht aufgefallen. Aber ein intelligenter Mann. Und wenn ihm etwas nicht passte, wurde sein Blick ungemein aggressiv. Wir haben damals einen psychologischen Test mit Eichmann durchgeführt, und die Ergebnisse anonymisiert an einen Schweizer Gutachter geschickt. Der rief bald an und wollte mehr Material haben, weil er, wie er sagte, noch nie auf einen Menschen mit derart mörderischen Trieben gestoßen sei.

SPIEGEL: Im Prozess gegen Eichmann gewannen Beobachter wie Hannah Arendt den Eindruck, Eichmann sei ein Befehlsempfänger gewesen, in den Worten Arendts ein "Hanswurst".

Bach: Arendt hat viele falsche Dinge verbreitet. Wir haben zahlreiche Fälle gefunden, bei denen sich irgendjemand bei Eichmann dafür eingesetzt hat, bestimmte Juden am Leben zu lassen. Eichmann hätte das tun können, doch stets entschied er, die Leute umzubringen. Er legte sich deshalb sogar mit der Wehrmacht an. Da gab es beispielsweise den jüdischen Radar-Experten in Frankreich, Professor Weiß, und ein Wehrmachtsgeneral hat sich dafür ausgesprochen, ihn nicht zu deportieren, weil er ihn gebrauchen konnte. Eichmann lehnte ab.

SPIEGEL: Gibt es weitere Beispiele?

Bach: Ja. Viele. Frau Koczy war Jüdin und Witwe eines hochdekorierten italienischen Offiziers. Sie saß im Ghetto von Riga fest. Da hat sich ein italienischer Konsul für sie eingesetzt. Die Italiener waren Deutschlands Verbündete, und dennoch schrieb Eichmann, die Frau sei aufgrund seiner Anweisungen in Riga und dürfe nicht zurück. Oder nehmen sie die Situation in Ungarn 1944. Der damalige ungarische Machthaber Horthy sah die Niederlage kommen und verlangte von Hitler, dieser solle einige Tausend jüdische Familien in neutrale Länder ausreisen lassen. Obwohl Hitler zustimmte, versuchte Eichmann das zu hintertreiben, wie wir aus einem Telegramm des deutschen Botschafters in Budapest an Außenminister Ribbentrop wissen. So handelt kein kleiner Befehlsempfänger.

SPIEGEL: Haben Sie Eichmann im Gefängnis vernommen?

Bach: Nein, ich war zunächst sein Ansprechpartner für alle formalen Fragen, etwa wenn es um die Wahl seines Anwaltes ging. Ich habe ausdrücklich nicht mit ihm über seine Verbrechen gesprochen, um nicht später als Zeuge auftreten zu müssen. Die Verhöre übernahm der Polizeioffizier Hauptmann Avner Less. Sie wurden auf Tonband aufgenommen, und ich habe sie abends abgehört und zusammen mit Less dann die Fragen für den nächsten Tag formuliert.

SPIEGEL: Warum wurden gerade Sie mit dieser Aufgabe betraut?

Bach: Ich hatte als Staatsanwalt an wichtigen Verfahren mitgewirkt, und ich spreche Deutsch. Der israelische Justizminister hatte mich daher zum juristischen Berater des sogenannten Polizeibüros 06 ernannt. Es bestand aus rund 30 Polizeioffizieren, die Beweise für die Anklage zusammenstellten.

SPIEGEL: Und Sie arbeiteten alle im Gefängnis?

Bach: Ja, nur zum Schlafen fuhren wir nach Haifa. Jeder der Polizeioffiziere war für ein Land verantwortlich, also einer für Frankreich, für Griechenland oder für die Slowakei und sichtete die entsprechenden Dokumente. Ursprünglich sollte der Eichmann-Prozess wie die Verfahren der Alliierten in Nürnberg geführt werden, also weitgehend ohne Zeugen und auf der Basis von Akten.

SPIEGEL: Aber es sind dann über hundert Zeugen im Prozess gehört worden.

Bach: Das war auch richtig. Ich fand schon damals, dass mindestens ein Zeuge aus jedem Land gehört werden sollte. Viele Überlebenden wollten allerdings nicht über ihre Erinnerungen sprechen. Ich habe ihnen dann gesagt, es ist Eure Pflicht gegenüber der Gerechtigkeit, der historischen Aufklärung und dem jüdischen Volk.

SPIEGEL: Die Auftritte der Zeugen zählten zu den besonders ergreifenden Momenten in dem Prozess.

Bach: Normalerweise hatte ich die Zeugen vorher verhört und wusste, was sie aussagen würden. Aber in einem Falle war das aus organisatorischen Gründen nicht möglich gewesen, und dann erzählt der Mann von der Selektion in Auschwitz. Seine Frau und seine dreijährige Tochter mussten zur Gaskammer. Und dann hat die SS auch den Jungen hinterhergeschickt, und der Mann überlegte noch, ob sein Sohn wohl die Mutter finden würde. Und er schaute ihnen hinterher und das Einzige, was er von seiner Familie dann noch sah, war ein roter Punkt, denn seine Tochter hatte einen roten Mantel an. Und der rote Punkt wurde immer kleiner. So verschwand seine Familie aus seinem Leben, wie er sagte. Zufälligerweise hatte ich meiner Tochter, die damals zweieinhalb Jahre alt war, zwei Wochen vor dem Prozess ebenfalls einen roten Mantel gekauft. Ich bekam dann einfach keinen Ton mehr heraus. Der Richter gab ein Zeichen, ich solle fortfahren, und ich habe dann einige Minuten in den Dokumenten geblättert, bis ich mich wieder in der Gewalt hatte.

SPIEGEL: Der Eichmann-Prozess fand auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges statt. Hat das Ihre Arbeit beeinträchtigt?

Bach: Viele Länder des Ostblocks wie die Volksrepublik Polen oder die Sowjetunion haben nicht kooperiert. Aber mehrere Polen haben uns anonym Material geschickt, unter anderem hat jemand die Liste der Juden abgetippt, die 1942/43 in Auschwitz eingetroffen waren, einschließlich ihrer Registriernummern. So etwas kann man normalerweise bei einem Strafprozess nicht verwenden, denn es war ja kein offizielles Dokument. Doch als ich dann mit den Polizeioffizieren zusammen saß, hatte ich die Idee, wir könnten vielleicht die Authenzität des Dokuments auf andere Weise beweisen. Es gab ja Zeugen, die in Auschwitz waren, die wussten, wann sie dort angekommen waren, und die Nummern waren auf ihre Arme tätowiert. Ich schlug also vor, öffentlich alle aufzurufen, die beispielsweise im Juli 1942 nach Auschwitz gekommen waren. Sie sollten sich bei der Polizei melden. Ich hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da krempelte einer der Polizeioffiziere seinen Ärmel hoch und sagte "Ich bin im September 1943 nach Auschwitz gekommen, und hier seht Ihr meine Nummer, und sie stimmt genau mit der Liste überein". Ich hatte keine Ahnung, dass der Mann in Auschwitz gewesen war. Polizeioffiziere sind bekanntlich nicht besonders weiche Menschen, aber da trat für einige Minuten völlige Stille ein. Das zählt zu den Momenten, die ich nie vergessen kann.

SPIEGEL: Wie haben Sie damals das Verhalten der Bundesregierung Konrad Adenauer erlebt?

Bach: Sehr kooperativ. Die Westdeutschen haben uns alle Akten und Informationen gegeben, die sie hatten. Sie haben auch nicht die Auslieferung Eichmanns verlangt, der ja Deutscher war, und sie haben auch keinen Einspruch gegen das Verfahren erhoben.

SPIEGEL: Da Eichmann aus Argentinien entführt worden war, zweifelten damals viele Beobachter an der Legitimität des Prozesses.

Bach: Wir haben uns vergleichbare Fälle in den USA angesehen, wenn jemand in einem Bundesstaat ein Verbrechen begangen hat und dann in einen anderen floh. Da sind Polizisten über die Grenze gegangen und haben den Verbrecher zurückgeholt. Das Oberste Gericht der USA hat entschieden, dass ein solches Vorgehen die Zuständigkeit des Gerichts nicht beeinträchtigt. Auch in Großbritannien gab es ein entsprechendes Urteil, nachdem die britische Polizei einen Deserteur aus Belgien mit Gewalt zurückgeholt hatte.

SPIEGEL: Die Akten der Bundesregierung erwecken den Eindruck, Israel habe bei der Prozessführung die Bundesrepublik geschont, weil gerade Verhandlungen über westdeutsche Kredithilfen und Waffenlieferungen liefen.

Bach: Es hat niemand aus der israelischen Regierung versucht, uns zu beeinflussen, und wir hätten uns auch nicht beeinflussen lassen.

SPIEGEL: Es geht vor allem um Hans Globke. Adenauer hatte ihn zum Kanzleramtschef berufen, obwohl er einen Kommentar zu den Nürnberger Rassegesetzen mitverfasst und als Referent im Innenministerium an anti-jüdischen Rechtsvorschriften mitgewirkt hatte. Trotzdem wurde er im Prozess nur am Rande erwähnt.

Bach: Unsere Einstellung war: Was immer für die Tätigkeit Eichmanns relevant ist, werden wir im Prozess einbringen, anderes jedoch nicht. Das hätten auch die Richter nicht zugelassen. Die haben sehr darauf geachtet, dass nur Dokumente eingebracht und Zeugen gehört wurden, wenn es einen unmittelbaren Zusammenhang mit Eichmann gab.

SPIEGEL: Sie meinen, Globke war für das Verfahren nicht relevant?

Bach: Wie Sie heute kamen damals israelische Journalisten und warfen uns vor, wir hätten darauf verzichtet, Globke anzugreifen. Denen haben wir gesagt: Ihr könnt Eure Kritik an Globke veröffentlichen, dagegen haben wir nichts. Globke hat nur mit dem Prozess nichts zu tun.

SPIEGEL: Also keine Rücksichtnahme auf Bonner Interessen?

Bach: Es hat nie ein Dokument gegeben, das ich relevant fand und nicht eingereicht hätte.

SPIEGEL: Ein BND-Mann namens Rolf Vogel beobachtete für Adenauer in Jerusalem den Prozess und sprach auch mit Ihnen und den anderen Staatsanwälten. Am 29. Juni 1961 berichtete er von einer "absolut positiven Haltung der Staatsanwälte gegenüber von Herrn Staatssekretär Dr. Globke".

Bach: Ich hatte ganz sicher keine positive Einstellung zu Globke. Ich weiß nicht, wie Vogel dazu kam, so etwas zu schreiben. Vielleicht wollte er gegenüber seinen Auftraggebern damit prahlen, welchen Einfluss er hatte. Vielleicht meinte er auch nur, dass wir uns auf Eichmann beschränkten. Aus seiner Sicht mag das eine positive Einstellung zu Globke gewesen sein.

SPIEGEL: Sie haben im Prozess darauf verzichtet, die Bundesregierung und die westdeutsche Justiz anzuprangern, die ja nur mit wenig Elan die Verfolgung von NS-Verbrechern betrieb.

Bach: Es wäre nicht professionell gewesen, etwas gegen die Bundesregierung vorzubringen. Es ging um Eichmann, nicht um die Bundesrepublik.

SPIEGEL: Sie waren einer von drei Staatsanwälten. Kann es sein, dass Ihre Kollegen Gideon Hausner oder Jakob Bar-Or Absprachen mit der israelischen Regierung getroffen haben, und Sie wurden nicht informiert?

Bach: Das halte ich für ausgeschlossen. Hätte es solche Absprachen gegeben, hätte ich das mitbekommen.

Das Interview führte Klaus Wiegrefe

Artikel bewerten
3.7 (17 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH