50 Jahre Frau Antje Die Käse-Schnitte

50 Jahre Frau Antje: Die Käse-Schnitte Fotos
NZO - Niederländisches Büro für Milcherzeugnisse

Blond, blauäugig, beliebter als Rudi Carrell: Vor 50 Jahren trat erstmals Frau Antje im deutschen TV auf. Binnen weniger Jahre wurde die Werbefigur mit den dicken Zöpfen und Holzschuhen trotz peinlicher Nacktfotos zum Inbegriff der traditionellen Niederlande - dabei war sie eine urdeutsche Erfindung. Von

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Als Ellen Soeters sich auszog, war Holland in Not. Ganz Deutschland kannte die attraktive Blondine nur als brave, freundliche Frau Antje mit den geflochtenen Zöpfen, dem weißen Spitzenhäubchen und der rot-weiß-blauen Tracht. Jene Werbefigur also, die seit einer gefühlten Ewigkeit Käse aus Holland anpries. Ein nationales Symbol. Ellen Soeters war Frau Antje, und Frau Antje war Holland.

Doch jetzt, im Dezember 1984, war Holland nackt. Und damit geriet der Erfolg und das jahrzehntelang akribisch gepflegte Sauberfrau-Image der bekanntesten niederländischen Werbefigur in Gefahr. Als Frau Antje für den deutschen Playboy ihre Trachten fallen ließ, nahmen die Medien diese Steilvorlage für anzügliche Kalauer dankbar an.

"Das ist wirklich kein Käse", textete die "Bild"-Zeitung. "Im durchsichtigen, gepunkteten Hemdchen zeigt Frau Antje Busen und stramme Schenkel." Besorgt fragte sich der Autor, ob die 28-Jährige nun ihren Job verliere. Und der Playboy schrieb: "Wo haben Sie das schmucke Meisje schon einmal gesehen? Im Fernsehen-Werbeblock. Da bringt sie als Frau Antje den besten Käse aus Holland ins deutsche Heim. Wir bringen dafür das Beste von Frau Antje. Guten Appetit allerseits."

"Heute zeige ich Ihnen Käsetoast Hawaii!"

Die Niederlande hatten ihr erstes Playmate und der nationale Molkereiverband seinen größten Skandal. In traditioneller Kleidung, sagte ein Sprecher schmallippig, "finden wir und mit uns Millionen deutscher Verbraucher Frau Antje tausendmal besser." Die Fernsehspots wurden ausgesetzt, die Zusammenarbeit mit Ellen Soeters endete. Gefeuert, schrieben die deutschen Medien. Sie habe den Vertrag schon lange vor dem Fotoshooting aufgelöst, widersprach Ellen Soeters. Als sie wenige Wochen später sogar kurzzeitig in Untersuchungshaft musste, weil ihr Ehemann als Händler in einem Rauschgiftring aufflog, war der PR-Super-Gau perfekt.

Was für ein Unterschied zu dem ersten Auftritt von Frau Antje vor fünfzig Jahren: Im Herbst 1961 begrüßte eine junge Frau mit züchtigem Rock und weißer Schürze die deutschen TV-Zuschauer mit den Worten: "Guten Abend, liebe Hausfrauen. Heute zeige ich Ihnen Käsetoast Hawaii. Wir brauchen dazu vor allem: Holland Edamer. Ja, echter Käse aus Holland eignet sich so gut für warme Rezepte."

Es war der harmlose Auftakt eines beispiellosen Werbeerfolgs. Nicht nur, weil Frau Antje schnell zur Ober-Hauswirtschaftslehrerin der Deutschen aufstieg, das Toast Hawaii zu einem der beliebtesten Party-Snacks machte und massenhaft Heftchen mit Käserezepten verkaufte. Sie ließ den Käseexport in die Bundesrepublik explodieren. 50.000 Tonnen waren es im Jahr 1961, 100.00 im Jahr 1977 - und noch einmal doppelt so viel Anfang der Neunziger.

Diplomatie mit Gouda

Keine andere Werbefigur aus dem Ausland wurde berühmter. Laut Umfragen kannten sie schon bald 90 Prozent der Deutschen. Frau Antje trat in den Siebzigern rund 400-mal jährlich im Rundfunk auf, ihr Name prangte millionenfach auf Werbeblättern, Anzeigen, Plakaten. Auf Messen und Empfängen herzte sie im Blitzlichtgewitter reihenweise deutsche Spitzenpolitiker: Scheel, Brandt, Schmidt, Genscher, Kohl. Neben Außenministern und Kanzlern wirkte sie fast wie eine Botschafterin der Niederlande, auch wenn ihre Diplomatie die des Gouda und Edamer blieb.

Nur: In den Niederlanden selbst kannte anfangs niemand die Käse-Königin. Schon die erste Antje, die Schauspielerin Kitty Janssen, führte ein bizarres Doppelleben. In ihrer Heimat war die heute 81-Jährige eine beliebte Darstellerin, die in etlichen Fernsehserien, Kinofilmen und Theaterstücken auftrat. Doch kaum ein Holländer kennt heute Kitty Janssen als Frau Antje - und kaum ein Deutscher vermutet hinter der ersten Antje eine begabte Schauspielerin.

Vielleicht war dieses deutsch-niederländische Identitätswirrwarr schon in der Geburt von Frau Antje angelegt. Denn ausgerechnet die holländischste aller Werbefiguren ist die Erfindung eines Marketingexperten: Hans Willemse, seit 1960 Direktor des niederländischen Büros für Molkereiprodukte in Aachen, eine Außenstelle des nationalen Molkereiverband NZO.

Geburt einer Kunstfigur

Schon in den dreißiger Jahren hatte der Vorläufer dieses Verbands versucht, seine Produkte besser zu vermarkten. Er entwickelte Werbeplakate mit kaasvroutjes, "Käsefrauchen", deren Körper sich aus dicken Käserollen zusammensetzten. 1954 entwarf der renommierte Schweizer Grafiker Donald Brun eine frischere Variante dieses Logos. Es zeigte ein junges Mädchen in rot-weiß-blauer Tracht, den Nationalfarben. "Ein besonders attraktives Käsemädchen", jubelten die Verbandsfunktionäre damals.

Es war der Auftakt einer großen Werbeoffensive. Den Grillweltmeistern in Deutschland wurde holländischer Käse nun als "doppelt so nahrhaft wie Fleisch" angepriesen. Fortan traten auf Messen auch junge Mädchen in der Tracht des neuen Logos auf. Es gab nur einen kleinen Schönheitsfehler: Die Käsebotschafterinnen hatten keinen Namen.

Zumindest bis zum großen Auftritt des Hans Willemse. Mit einer Düsseldorfer Werbeagentur versuchte er 1960, den namenlosen Blondinen eine einprägsame Identität zu verpassen. "Wir beschlossen", berichtete er später über den Coup seines Lebens, "dem Käsemädchen einen Namen zu geben, der sowohl in Deutschland als auch in den Niederlanden gut klingt." Schließlich taufte er sie Antje.

Eine Tulpe namens Antje

Doch der Kunstgriff sorgte für grenzübergreifende Verwirrung. Nachdem Frau Antje die Deutschen zu Käseessern erzogen hatte, hielten die ihren Name für typisch holländisch. Zur Überraschung der Niederländer, denn der Name ist in ihrer Heimat äußerst selten. Sie wunderten sich zudem über die Tracht: Das spitzenbesetzte, weiße Flügelhäubchen, das zum Markenzeichen von Antje wurde, kommt nur in Volendam am Ijsselmeer vor. Dieser Touristenort ist jedoch berühmt für seine Fischereitradition - mit Käse hatten seine Bewohner wenig zu tun.

Und so pries eine in Holland unbekannte Dame mit nahezu deutschem Namen in der Tracht einer Fischersfrau Käse an. Dem Erfolg haben solche bizarren Werbekapriolen nicht geschadet. Geschickt eroberte Frau Antje die Herzen der Deutschen, indem sie in den Siebzigern gleichzeitig für deutsches Bier und echtem Käse aus Holland Reklame machte. In TV-Spots mit ihr lobte etwa ein Bayer mit Bierkrug: "Der echte Gouda aus Holland, das ist Kaas zur Maß". Und eine Schwäbin mit Weinglas ergänzte: "Des isch das herzhafte Stückle zum würzigen Schlückle."

Auf einmal war Frau Antje überall. Ließ sich auf meterhohen Käserädern durch die Innenstädte kutschieren. Gratulierte Willy Brandt zum 60. Geburtstag. Posierte vor dem Brandenburger Tor. Es gab plötzlich "Frau-Antje-Preise" und Zugverbindungen nach Holland hießen "Frau-Antje-Express". Mit der Zeit wurde die Werbefigur immer moderner, frecher, kokettierender. Schließlich flitzte sie mit Inline-Skates in Holzschuhform durch die Gegend und Rudi Carrell taufte auf einer Hollandgala 2004 eine käsegelbe Tulpenzüchtung "Frau Antje".

Traumjob Käsebotschafterin

Doch der ungeheure Erfolg bereitete einigen Politikern schon früh Kopfzerbrechen. 1982 etwa warnte das niederländische Handelsministerium vor der "ernstzunehmenden Gefahr", dass Frau Antje ein zu rückständiges Bild vermittle. Das Klischee vom Land der sattgrünen Wiesen, kräftigen Kühe und gesunden Milch könne dem Export von Hightech im Wege stehen.

Und tatsächlich: Anfang der Neunziger galt Frau Antje als so fad und verbraucht, dass sie kurzfristig aus der Werbung verschwand. Doch 1999 feierte sie ihr Comeback: Mit Madeleen Driessen wurde erstmals ein Model mit Hochschulabschluss die neue, die fünfte Frau Antje. Für die studierte Physikerin war es "ein Traumjob", erzählt sie im Interview mit einestages. Ihre Eltern hielten es anfangs für einen schlechten Witz.

Bereut hat sie es nie. Sie war stolz, ihr Land zu vertreten, sie reist und moderiert gerne, und auch die Deutschen "sind immer guter Laune, wenn Frau Antje kommt". Sie traf etliche Prominente, Bundespräsident Rau etwa, der ihr zum Spaß auf Niederländisch "Ich liebe dich" ins Ohr geflüstert habe. Oder den holländischen Astronauten André Kuipers, den sie nach seiner Landung aus dem All in der Steppe von Kasachstan mit einem Tablett voll Käsewürfel begrüßte.

Schwerer Abschied

Zwölf Jahre war sie Antje, vor wenigen Monaten war Schluss. Jetzt arbeitet sie noch ein wenig ihre Nachfolgerin Mendy Smits ein, die sie selbst mitausgewählt hat. "Es wird mir schwerfallen", sagt die 39-Jährige, "Antje wird immer eine zweite Persönlichkeit von mir bleiben".

Dabei hat der Abschied auch Vorteile. Sie könnte jetzt offen reden. Einfach sagen, falls sie Gouda immer gehasst hat, falls ihr der ganze Käse schon lange zum Hals raushängt. Schließlich spricht sie als Antje a. D. Stattdessen lacht sie und sagt: "Käse ist doch lecker, das kann man jeden Tag essen." Dann verabschiedet sie sich. Sie muss in einer Stunde weg. Cono Kaasmakers, der Produzent von Beemster hat geladen, zu einer großen Käseparty.

Zum Weiterlesen: Sophie Elpers: Frau Antje bringt Holland, Waxmann-Verlag 2005.

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
Herbert Meier 30.08.2011
Also: 1984 war sie 28, und 1961 trat sie das erste mal, als junge Frau auf. Als 3 Jährige? oder verwechsel ich da was?
2.
Mario Kuhnert 30.08.2011
Wenn Sie den ganzen Artikel lesen, wird Ihnen auffallen das es mittlerweile Antje die VI. gibt. Ergo hat seit 1961, 5x die Frau Antje gewechselt und die Antja von 1984 war sicherlich nicht die von 1961.
3.
Antje vom Brocke 30.08.2011
Das ist ja wie bei Flipper...
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