Die Friedensbewegung 1958 Bürgermacht gegen die Bombe

1968 - Geburtsstunde der Protestkultur in Deutschland? Von wegen. Schon 1958 heizten auf der Straße Hunderttausende der Adenauer-Regierung ein, weil die die Bundeswehr mit Atomwaffen aufrüsten wollte. Die Massendemos wurden zur Geburtsstunde der westdeutschen Friedensbewegung.

ullstein bild

"Denn an uns alle ist die Frage gestellt, ob wir den Untergang aller Kultur und den Selbstmord oder ob wir die Rettung des Friedens, die Rettung unserer Frauen, die Rettung unserer Kinder wollen." Mit diesem dramatischen Appell wandte sich der Hamburger Bürgermeister Max Brauer am 17. April 1958 vom Balkon des Rathauses der Hansestadt an eine unüberschaubare Menschenmenge. Zwischen 120.000 (laut "Bild"), und 200.000 Demonstranten (laut SPD-nahem "Hamburger Echo") lauschten gebannt der flammenden Rede des prominenten Sozialdemokraten.

Auch in anderen deutschen Städten hatte es ähnlich überfüllte Kundgebungen gegeben. In der ganzen Republik gingen die Menschen im April 1958 zu Hunderttausenden auf die Straße, um unter der Parole "Kampf dem Atomtod!" zu demonstrieren. Der Auslöser: Am 25. März 1958 hatte der Bundestag nach einer erregten Debatte und gegen heftigen Widerstand der Opposition mit den Stimmen der CDU/CSU-Mehrheit beschlossen, die erst zwei Jahre zuvor gegründete Bundeswehr mit "modernsten Waffen" auszurüsten, sprich: mit Nuklearwaffen.

Der Atom-Vorstoß der Adenauer-Regierung entsetzte weite Teile der deutschen Nachkriegsgesellschaft und gab den Anstoß für eine Protestbewegung, wie sie die Republik bis dahin nicht gesehen hatte. Zahlenmäßig lässt sich das Engagement durchaus mit den Demonstrationen des Jahres 1968 vergleichen. Allerdings gab es einen großen Unterschied. Waren es 1968 zum überwiegenden Teil jüngere Menschen, die auf die Straße gingen, handelte es sich 1958 eher um einen Querschnitt durch die gesamte Bevölkerung. In Hamburg etwa marschierten Arbeiter und Angestellte, Studenten, Hausfrauen und Rentner in acht langen Demonstrationszügen zum Rathaus. Viele Betriebe hatten ihren Mitarbeitern freigegeben, bei der Hamburger Hochbahn herrschte während der Kundgebung Verkehrsruhe. Eine überwiegende Mehrheit teilte das Anliegen des Protestes, insofern lässt sich 1958 nicht einfach als Vorläufer der "Außerparlamentarischen Opposition" (Apo) der späten Sechziger betrachten.

Herausforderung durch die Straße im Zenit der Macht

Doch unterschied sich der Protest 1958 auch vom Kampf gegen die Wiederbewaffnung und die Gründung der Bundeswehr in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre. Damals hatten die antimilitaristischen Attacken - organisiert von der SPD und, in radikalen Formen, mitunter auch von westdeutschen Kommunisten - zwar Teile der evangelischen Kirche, National-Neutralisten diverser Provenienzen und versprengte Pazifisten mobilisiert. Aber das "Ohne mich!" der Wiederbewaffnungsdebatte war doch eher ein Ausdruck diffuser Ängste vor einem dritten Weltkrieg angesichts des gerade überstandenen Zweiten gewesen.

Denn wann immer Demoskopen nicht nach die Meinung zur Bildung einer neuen Armee abfragt hatten, sondern nach der Angst vor "dem Russen", ergab sich ein anderes Feindbild - das von der Adenauer-Regierung eifrig gepflegt wurde. So musste die gefühlte Ablehnung der neuen deutschen Armee folgenlos bleiben, wie sich bei der Bundestagswahl 1957 mit nicht zu übertreffender Deutlichkeit zeigte: Ein Jahr nach Aufstellung der Bundeswehr triumphierte die CDU/CSU mit 50,2 Prozent. Zum ersten und einzigen Mal erreichte sie die absolute Mehrheit und stand im Zenit ihrer Macht.

Allerdings hatte sich zeitgleich bereits eine Bewegung gebildet, die dann wiederum im Frühjahr 1958 die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung gegen die Pläne der gerade eindrucksvoll bestätigten Regierung mobilisieren konnte. Dies hatte in erster Linie mit der Angst vor der neuen Qualität der atomaren Waffen zu tun, die Bundeskanzler Adenauer auf einer Pressekonferenz am 4. April 1957 mit einem berühmt-berüchtigt gewordenen Ausspruch verharmlost hatte: Taktische Atomwaffen, so Adenauer, seien im Grunde nichts anderes als eine Weiterentwicklung der Artillerie. Zur Modernisierung der eigenen Truppen seien sie unabdingbar, im Übrigen stünde die atomare Bewaffnung der Bundeswehr in Einklang mit der gültigen Nato-Strategie.

Adenauers Kommunikations-GAU

Angesichts der mittlerweile jedem Zeitungsleser bekannten Auswirkungen der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki musste die Verharmlosung der neuen Waffe durch den Bundeskanzler gruseln lassen, ob hinter ihr nun Unbedarftheit oder Täuschungsabsicht stand oder beides. Adenauers Kommunikations-GAU jedenfalls stand mit an der Wiege der Protestbewegung. Seine offensichtlich falschen Aussagen aktivierten tiefsitzende Ängste in der Nachkriegsgesellschaft - und das zu einer Zeit, als bereits allenthalben Spekulationen über einen Zusammenhang zwischen Atomtestexplosionen und Witterungsverhältnissen blühten: Schon im nasskalten Sommer 1956 hatte die Mehrheit der repräsentativ befragten Bevölkerung das schlechte Wetter auf Atombombenversuche zurückgeführt.

Gar nicht zu überschätzen ist die Bedeutung zahlloser prominenter Wissenschaftler, die mit ihren Stellungnahmen den Protest wissenschaftlich-moralisch beglaubigten. Eine der wichtigsten war der Appell einer Gruppe von deutschen Naturwissenschaftlern, bekannt geworden als "Göttinger 18". Die Göttinger 18, unter ihnen die berühmten Physiker Max Born, Werner Heisenberg und Otto Hahn, widersprachen am Adenauers Verharmlosung ausdrücklich und forderten, die Planungen zur atomaren Bewaffnung der Bundeswehr aufzugeben.

Vierstellig dürfte die Zahl der Philosophen, Theologen und Schriftsteller sein, die in den folgenden Monaten mit eigenen Stellungnahmen folgten. Namhafte Persönlichkeiten wie Günther Anders, Ernst Bloch, Karl Jaspers und - vielleicht als wirksamster Anwalt der Atomgegner - der Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer beschworen die Bundesregierung, von ihren Plänen abzulassen. Die Medien stiegen sehr bald ein - von den großen Rundfunkstationen bis zu der Tages- und Wochenpresse. Öffentlichkeitswirksame Bundestagsdebatten folgten, in denen die Redner der sozialdemokratischen Opposition, die das Anliegen der Gegner der Atombewaffnung artikulierten, als klare argumentative Sieger wirkten, während die Zahl der Unterstützer der Regierung in der Öffentlichkeit immer mehr abnahm.

Das Atomzeitalter als Wohlstandsepoche

Man würde die Protestwelle auf den Straßen Westdeutschlands jedoch missverstehen, wenn man sie allein als allgemeinen Ausdruck von Atomangst interpretieren würde. Die Ablehnung galt nämlich allein der atomaren Bewaffnung - nicht der zivilen Nutzung des Atoms. Nuklearwaffen wurden als militärischer Missbrauch ansonsten segensreicher Atomkraft angesehen. Bereits im Sommer 1955 hatte die erste große Uno-Konferenz "Atoms for Peace" in Genf mit 1.200 Delegierten aus 73 Staaten und jeweils 800 Wissenschaftlern und Journalisten stattgefunden. Vor allem die USA propagierten als Epochenbegriff ein friedliches "Atomzeitalter", in dem alle Menschen dank der neuen Energie in Wohlstand leben könnten. Die Möglichkeiten der Anwendung für medizinische Zwecke oder für die Konservierung von Lebensmitteln wurden in Regierungsbroschüren auch in Westdeutschland immer wieder propagiert.

In der Öffentlichkeit war diese Vision weitgehend unbestritten, skeptische Stimmen gegenüber der friedlichen Nutzung der Kernenergie gab es kaum. Vor diesem Hintergrund wurde die SPD zur eigentlichen Atompartei. Während die Bundesregierung auch die militärischen Anwendung rechtfertigte, hatte sich die Sozialdemokratie engagiert auf den Standpunkt des großen Physikers Max Born gestellt: Der hatte in einer großen Rede in der Evangelischen Akademie Loccum bereits im Sommer 1955 erklärt, das Atom schließe "zugleich eine fürchterliche Drohung und eine strahlende Hoffnung in sich ein: die Drohung der Selbstvernichtung der Menschheit, die Hoffnung auf ein 'Paradies auf Erden'". Dieses irdische Atom-Paradies ersetzte gerade für die reformorientierten Sozialdemokraten jenes der klassenlosen Gesellschaft. Was heute kaum noch jemand weiß: Das legendäre Godesberger Programm von 1959, mit dem sich die SPD von alten marxistischen Zöpfen verabschiedete, stellte die Verheißungen friedlicher Kernenergie in den Mittelpunkt der Präambel.

So erklärt sich auch, warum gerade Hamburg - dessen Sozialdemokratie mehrheitlich eher zum rechten Parteiflügel der SPD gehörte - zu einer der Hochburgen des Protestes gegen die Atombewaffnung wurde. Zur Vorbereitung der großen Demonstration am 17. April 1958 traten Herbert Wehner, Willi Berkhan, Irma Keilhack und dreimal der junge Bundestagsabgeordnete Helmut Schmidt in überfüllten Sälen auf. Bürgermeister Brauer selbst, keineswegs zum linken Flügel zählend, fungierte als Schirmherr des Hamburger Landesausschusses der "Kampf dem Atomtod"-Bewegung - ein Engagement, das er noch bis weit in die sechziger Jahre hinein einsam aufrecht erhielt, als die SPD längst ihren Frieden mit Adenauers Politik der Westbindung gemacht hatte.

Friedensbewegte gegen Kalte Krieger

Mit der großen Kundgebung am 17. April 1958 erreichte die Anti-Atomtod-Bewegung ihren Höhepunkt. Nachdem eine "Volksbefragung über Atomwaffen", die in Hamburg am 8. Juni durchgeführt werden sollte, Ende Mai durch das Bundesverfassungsgericht gekippt worden war, flaute der Aktionsdrang merklich ab. Allmählich sprach sich auch herum, dass die atomare Bewaffnung der Bundeswehr angesichts des Widerspruchs anderer Nato-Staaten unwahrscheinlich war. Allerdings sorgte die Fortexistenz des Kalten Krieges für immer neue Konjunkturen von Bewegungen gegen das atomare Wettrüsten. Die Proteste von 1957/58 stehen so am Beginn der Ostermarschbewegung und der jahrzehntelangen Auseinandersetzungen zwischen Friedensbewegten und Kalten Kriegern bis zum Ende der Blockkonfrontation 1990.

Dass die Frage der Atombewaffnung dabei gerade 1968 keine wichtige Rolle im Spektrum der Motive spielte, unterstreicht eher Brüche als Kontinuitäten des Protests.


Axel Schildt ist gebürtiger Hamburger und habilitierte in seiner Heimatstadt über die Sozial- und Kulturgeschichte der fünfziger Jahre. Der 56-jährige Professor für Neuere Geschichte an der Universität Hamburg ist Direktor der Forschungsstelle für Zeitgeschichte.

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Otfried Nassauer, 02.08.2008
1.
Der vorletzte Absatz des Beitrages ist sachlich falsch. Die Regierung Adenauer beabsichtigte damals, nuklearfähige Trägersysteme (nicht Atomwaffen) für die Bundeswehr zu kaufen, die den Einsatz von Nuklearwaffen der USA durch die Bundeswehr ermöglichen würden. Sie setzte dies gegen alle innenpolitischen Widerstände durch. Signifikante Widerstände anderer NATO-Staaten gab es dagegen nicht, denn die USA befürworteten diese Pläne. Die USA hatten bereits im März 1955 mit der Einlagerung atomarer Waffen in Deutschland begonnen. Die deutsche Öffentlichkeit erfuhr von der Existenz atomarer Waffen auf deutschem Boden erst zwei Jahre später am 15. März 1957 durch die US-Streitkräfte. Bereits fünf Tage später kündigte NATO-Oberbefehlshaber General Norstadt überraschend an, dass die atomaren Waffen der USA im Kriegsfall auch den Verbündeten, zum Beispiel der Bundeswehr, übergeben würden. Kurz darauf bekundete Bundeskanzler Adenauer sein Interesse, die Bundeswehr mit atomaren Trägersystemen auszustatten. Vorausgegangen waren interne Gespräche zwischen Bonn und Washington seit dem Herbst 1956. Diese hatten ergeben, dass die Bundesrepublik Trägersysteme kaufen werde, während die USA die nukleare Munition dafür vorrätig halten würden. Adenauer wollte die nukleare Rolle der Bundeswehr und goss doch unfreiwillig Öl ins Feuer: "Unterscheiden Sie doch die taktischen und die großen atomaren Waffen", sagte er im April 1957. "Die taktischen Waffen sind nichts weiter als eine Weiterentwicklung der Artillerie. Selbstverständlich können wir nicht darauf verzichten, dass unsere Truppen auch in der normalen Bewaffnung die neuste Entwicklung mitmachen." Vgl. genauer: http://www.bits.de/public/articles/apuz21-05.htm
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