50 Jahre Mauerbau Der Schein in die Freiheit

50 Jahre Mauerbau: Der Schein in die Freiheit Fotos
Cornelia Haase

Sie weinten und berieten sich stundenlang: Als 1961 in Berlin die Mauer gebaut wurde, entwickelte die Eltern von Cornelia Haase unter Hochdruck einen abenteuerlichen Fluchtplan. Mit gewieften Manövern musste am Ende auch noch das Baby, Cornelias kleine Schwester, aus Ost-Berlin geschleust werden - über eine dunkle Seitengasse. Von

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Fünf Jahrzehnte nach dem Mauerbau bat Cornelia Haase ihre Mutter, von jenen ereignisreichen Tagen im August 1961 in Berlin zu berichten, die sie selbst damals als Sechsjährige miterlebt hatte. In einem Brief, der hier in leicht gekürzter Fassung veröffentlicht wird, erzählt sie ihre berührende Geschichte.

Liebe Conny,

Du willst etwas über unsere Familie während der Zeit des Mauerbaus erfahren. Du warst damals sechs Jahre alt. Dein erster Schultag stand kurz bevor, Du liefst vor lauter Vorfreude schon tagelang mit dem Ranzen auf dem Rücken herum.

Wir wohnten damals in Potsdam-Babelsberg, etwa 20 Kilometer südöstlich von Berlin, ganz in der Nähe des Autobahngrenzkontrollpunktes. In der Nacht, als die Mauer gebaut wurde, war Dein Vater mit Verwandten aus Cottbus in einem Westberliner Kino zu Nachtvorstellung. Das war bis zu diesem Zeitpunkt durchaus möglich.

Ich war mit Dir und Deiner einjährigen Schwester Almut zuhause geblieben, bezog die Betten für die Gäste und wartete auf Vaters Rückkehr. Es war eine klare, kalte Augustnacht und ich registrierte eine ungewöhnliche Unruhe. Dabei waren wir in unserer Gartenstadt eigentlich mit absoluter Nachtruhe verwöhnt.


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An diesem Abend waren jedoch Panzer- und Motorengeräusche zu hören und aus den umliegenden Einfamilienhäusern kamen plötzlich Angehörige der sogenannten Kampftruppen in ihren blauen Uniformen. Im Stillen habe ich sie damals bedauert. Ich dachte, sie hätten eine Übung am sehr frühen Sonntagmorgen. Aber es war eine Mobilmachung, wie sich später herausstellte.

Die Zeit verging, Dein Vater kam nicht, und ich begann, mir große Sorgen zu machen. Ich dachte, dass er in einen Unfall verwickelt gewesen sein müsste. Ich weckte eine Nachbarin, damit sie auf Dich und Deine kleine Schwester aufpasst, schnappte mir das Rad und fuhr zum S-Bahnhof. Dort sah ich unser Auto einsam auf dem Parkplatz stehen. Jetzt war ich zumindest beruhigt, dass es kein Autounfall gewesen sein konnte.

Um das Auto herum standen mehrere "Blaumänner" mit Schäferhunden und sagten mir, dass ich nicht auf die S-Bahn warten solle, sie hätte den Betrieb eingestellt, Westberlin sei abgeriegelt. Als sie mitbekamen, dass ich nur nach dem Auto geschaut habe, an dessen Windschutzscheibe das Arztzeichen klebte, sagten sie mir voller Hass, die guten Zeiten seien für Ärzte nun vorbei und man werde ihnen ihre "Hosen mit der Kneifzange anziehen". In diesem Moment begriff ich, dass etwas Furchtbares geschehen sein musste.

Schon in den zurückliegenden Wochen hatte eine große Spannung in der Luft gelegen. Stündlich meldeten die Westsender den Anstieg der Flüchtlingszahlen. Die Menschen stimmten mit den Füßen ab, doch die Bonzen begriffen nicht, dass die Mehrheit der Bevölkerung keine sozialistische Regierung wollte. Stattdessen bauten sie nun die Mauer und sperrten uns einfach ein. Wir hatten schon das Naziregime ertragen müssen, nun wieder eine Diktatur. Das war schrecklich!

Weil die S-Bahn nicht mehr fuhr, kamen die Gäste und Dein Vater erst im Laufe des Tages zu Fuß aus West-Berlin zurück. Die Cottbuser fuhren nach Hause und wir saßen stundenlang mit Freunden vor dem Fernseher und beratschlagten, wie es weitergehen sollte. So manche Träne floss.

Alle suchten nun noch ein Schlupfloch in der Mauer, aber die Regierung hatte bereits jeden Meter der Staatsgrenze und besonders die Gegend um Berlin mit Stacheldraht abgeschlossen. Wir waren total verblüfft, dass plötzlich so viel Material vorhanden war. Noch nicht mal mit Beziehungen bekam man damals zehn Meter für den Gartenzaun.

Wir hatten schon zuvor lange überlegt, in den Westen zu gehen, denn eigentlich wollten wir nicht, dass ihr in diesem Staat zur Schule geht. Aber Eure Großeltern in Halle waren schon so alt, wir wollten sie nicht im Stich lassen. Dazu kam, dass Dein Vater auch gesundheitlich in keinem guten Zustand war. Im Februar 1961 hatte er eine komplizierte Lungenoperation gehabt und war im August noch immer krankgeschrieben.

Also, die Grenze war dicht, aber es gab noch eine Lücke, an die die Partei nicht gedacht hatte und die sie erst zwei Tage später schließen sollte. Das sollte unser Glück sein!

Dein Vater hatte mit seinem Chef pro forma eine wissenschaftliche Arbeit in Zusammenarbeit mit der Ostberliner Charité angemeldet und aus diesem Grunde einen Autopassierschein zur Durchfahrt durch Westberlin, der auf Russisch Propusk hieß. Der Schein musste aber alle drei Monate neu beantragt werden.

Am 15. August 1961 war das wieder fällig. Diesen Propusk besaßen außer ihm nur noch sein Chef, zwei Kollegen aus dem städtischen Krankenhaus und einige Defa-Schauspieler. Bis zum Mauerbau konnte man immer mit der S-Bahn nach Westberlin fahren und wir durften mit dieser Bescheinigung mit dem Auto über den Grenzkontrollpunkt auf die Autobahn.


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Und das taten wir oft. Die Volkspolizisten dort kannten uns deshalb gut. Sie waren aber auch zum großen Teil Patienten Deines Vaters. Oft wurden wir deshalb einfach durchgewunken. Mit dieser Möglichkeit haben wir auch einigen Freunden und Nachbarn, die nur mit einer kleinen Tasche per S-Bahn geflohen waren, Gepäck und Haushaltsgegenstände in den Westen nachgebracht.

Weil Dein Vater wegen seiner Erkrankung noch nicht arbeitete, wurde er nun von seinem Chef und den Kollegen gebeten herauszufinden, ob der Propusk noch gültig war und verlängert werden würde.

Der Montagvormittag, der Tag nach Beginn des Mauerbaus, war ein wunderschöner, sonniger Augusttag und Dein Vater fuhr los, um die Lage zu erkunden. Du wolltest mit, hattest natürlich Deinen Schulranzen auf. Ich war beim Wäscheaufhängen im Garten, als ihr schon nach wenigen Minuten zurückkamt. Vater hatte sich überlegt, dass es ihn viel Zeit kosten würde, sollte man am Kontrollpunkt Dich nicht wie sonst mit ihm durchlassen. Der Propusk war ja nur auf seinen Namen ausgestellt.

Vor dem Mauerbau konnte er mitnehmen, wen er wollte. Jetzt meinte er, ich solle auch lieber mitkommen, damit Du dann nicht allein von dem Kontrollpunkt durch den Wald laufen müsstest, falls etwas schief ginge. In dem Wald wimmelte es in diesen Tagen vor Russen mit ihren Panzern. Ich zögerte, aber ich ließ mich überreden.

Am Kontrollpunkt ging alles glatt und schneller als sonst. Um keine Zeit zu verlieren, fuhr ich mit Dir zu meiner Tante nach Berlin-Wilmersdorf. Dort wollte uns Vater später wieder abholen. Er fuhr schnell nach Ostberlin und bekam die Auskunft, dass über die Verlängerung des Passierscheins noch keine neuen Bestimmungen vorlägen, er solle warten. Das tat er natürlich nicht, nahm seinen Propusk, der ja noch zwei Tage Gültigkeit hatte, und kam zu uns nach Wilmersdorf.

Wir besprachen, dass ich erst einmal mit Dir dort bleiben sollte, er wollte versuchen, Deine kleine Schwester Almut zu holen - und wenn das nicht gelänge, sollten wir mit dem Zug nach Ostberlin zurückkommen. Mir kam das alles wie ein Film vor, ich war wie gelähmt. Meine Tante machte mir Vorwürfe. Wir hatten für fremde Leute ständig halbe Wohnungseinrichtungen in den Westen geschmuggelt - und jetzt standen wir selber mit leeren Händen da.

Inzwischen organisierte Dein Vater das eigentlich Unmögliche. Er überredete zuerst Bekannte in Westberlin, sich gegen Abend in Ostberlin am Friedrichstadtpalast mit dem Auto aufzuhalten, was zu dieser Zeit noch ging, und auf ein Auto mit Potsdamer Kennzeichen zu warten. Er wusste zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, wer und was für ein Auto das sein könnte, womit Deine kleine Schwester von Babelsberg um Westberlin herum nach Ostberlin transportiert werden sollte.

Er wagte nicht noch einmal am Autobahnkontrollpunkt mit einem Baby zu erscheinen. Den Treffpunkt hatte er sich ausgedacht, weil am Friedrichstadtpalast immer viele West- und Ostautos standen. Was er nicht wusste: Zu dieser Zeit war dort gähnende Leere, weil das Theater umgebaut wurde. Es war die einsamste Stelle in Berlin, doch der Westberliner Wagen wartete dort rührenderweise mehr als zwei Stunden und fuhr ein wenig umher, um nicht aufzufallen.

Was Euer Vater an diesem Tag geleistet hat, zumal er ja noch nicht im Vollbesitz seiner Kräfte war, ist unbeschreiblich. Nachdem er sich von uns verabschiedet hatte, ist er erst nach Gatow (Westberlin) in die Klinik gefahren, wo er im Februar operiert worden war. Er holte sich eine Bescheinigung für eine dringende Wiederaufnahme für den Fall, dass man ihn nicht noch einmal an der Grenze durchlassen würde. Das waren alles Sekundeneinfälle, die im Notfall gar nichts genutzt hätten, aber eine ruhige Überlegung war gar nicht möglich.

Von da aus ist er nach Babelsberg zurückgefahren, hat noch unseren Terrier Till unter fadenscheinigen Vorwänden zum Züchter zurückgebracht und zwei Freundinnen überredet, Deine Schwester Almut von Potsdam aus um Westberlin herum nach Ostberlin zu transportieren.

Die beiden waren sofort bereit, kannten aber den Weg nicht und haben sich mehrfach verfahren. Es hätte für die zwei übel ausgehen können, wenn sie erwischt worden wären. Gott sei Dank haben die Westberliner Freunde von uns ja zwei Stunden geduldig am Friedrichstadtpalast auf den Wagen aus Potsdam gewartet - und dann das Baby in einer dunklen Seitenstraße übernommen. Gerade noch rechtzeitig: Eine Stunde nach dieser Übergabe war dann auch die innerstädtische Grenze für die Westberliner gesperrt.

Gegen 22 Uhr war Deine Schwester Almut bei uns, aber wir wussten nicht, ob und wie Dein Vater es schaffen würde, auch zu uns zu kommen. Im Stillen war ich schon mit der Rückreise beschäftigt. Kurz vor Mitternacht kam er. Diesmal hatten ihn die Grenzbeamten am Autobahnkontrollpunkt nicht mehr durchlassen wollen. Dein Vater hatte gute Ausreden parat, aber seine Geschichte, dass er für eine Operation Blutkonserven aus der Charité holen müsse, haben sie bestimmt nicht geglaubt - und dennoch beide Augen zugedrückt. Die Flucht von Ost nach West war geglückt, aber ich war todunglücklich.

Wenige Kilometer entfernt stand unser Haus mit schönem Garten voller Sachen. Ich hätte auch gern noch ein wenig aufgeräumt und verbotene Zeitungen vernichtet, wenigstens die Fotos gerettet. Stattdessen saßen wir in dem kleinen Zimmer meiner Tante ohne das Allernotwendigste.

Erst zwei Tage später erfuhren wir, dass Euer Vater verhaftet werden sollte und man ergebnislos nach ihm gesucht hatte. Jetzt begriff ich, dass wir trotz aller Schwierigkeiten das einzig Richtige getan hatten.

Liebe Grüße, Deine Mutter

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