50 Jahre Mauerbau "Ich war die Biedere aus dem Osten"

50 Jahre Mauerbau: "Ich war die Biedere aus dem Osten" Fotos
Joe Bergmann

Sie waren wie Schwestern: Der Mauerbau bereitete der engen Freundschaft zwischen Joe Bergmann und Madelaine ein jähes Ende. In einer Nacht-und-Nebelaktion holten Madelaines Eltern am 13. August 1961 ihre Tochter nach West-Berlin. Erst zwölf Jahre später sahen sich die Mädchen wieder - und hatten kaum noch etwas gemeinsam. Von

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Es war Sommer und es duftete nach Blumen und nach frischgemähtem Gras. Wie jeden Morgen kletterte ich über den Zaun, um bei Großmutter zu frühstücken. Ich rief: "Halloooo! Ich bin schon wach!" Aber es kam kein Wort zurück. Ich lief zu ihr in die Küche und sah, wie sie vor dem Radioapparat stand. Ernst sah sie aus, wie noch nie zuvor. Ihre Hände zitterten so, dass die Tasse mit meiner Frühstücksmilch überschwappte. Ich rief: "Oma, Oma, was hast du denn? Geht es dir nicht gut?"

Sie strich mir übers Haar und seufzte: "Die da oben, die machen alles kaputt. Jetzt haben sie die Mauer gebaut, und Opas Schwester ist drüben, und der Onkel Walter." Ich fragte: "Und wer noch Oma?" Dabei starrte ich meine Großmutter an, als wollte ich hören: "Nein, mein Kind, Madelaine nicht." Stattdessen seufzte meine Großmutter einmal tief und sagte: "Ja, komm, trink erst einmal deine Milch." Dann erzählte sie mir, dass Madelaine in einer Nacht-und-Nebelaktion von ihren Eltern in den Westen geholt worden war. Madelaine lebte damals bei ihrer Großmutter direkt neben uns, während ihre Eltern und ihr Bruder bereits nach West-Berlin übergesiedelt waren.


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Ich saß stumm und reglos am Tisch und starrte meine Großmutter an. Ich verstand mit meinen fünf Jahren nicht, was passiert war. Ich spürte nur eine furchtbare Leere in mir. Meine geliebte Freundin, die wie eine Schwester für mich war, war nicht mehr da. Ich kuschelte mich an meine Großmutter und fragte sie: "Aber morgen, morgen kommt sie doch wieder, ja?" Aber sie schüttelte den Kopf und Tränen rollten über ihre bunte Kittelschürze. Dann sagte sie leise: "Nein, mein Kind. Wer weiß, wann wir alle wiedersehen, wer weiß wann?!" Aber male ihr ein schönes Bild, das schicken wir ihr dann mit der Post, in den Westen."

"Die Sehnsucht blieb"

Ich holte mir meine Stifte und ein weißes Blatt Papier. Ich malte darauf den Zaun, der unsere beiden Grundstücke trennte. Eigentlich war er grün angestrichen. Doch ich malte ihn schwarz. Ich malte die Wiese, auf der wir immer gespielt hatten. Die Blumen. Den alten Eichenbaum, unter dem wir immer saßen, wenn es regnete. Nur vergaß ich die Sonne zu malen, denn sie schien seit diesem Tag nicht mehr so wie einst.

Viele Fragen stellte ich meiner Großmutter damals. Es waren Fragen eines fünfjährigen Kindes, die nicht einmal die Erwachsenen beantworten konnten. Meine Großmutter schimpfte unentwegt auf Walter Ulbricht. Und ich fragte immer wieder, warum der so böse sei. Als Antwort bekam ich nur: "Weil er dumm ist und Angst davor hat, dass ihm die Menschen in der DDR davonlaufen." Das war die Revolution bei uns daheim am Küchentisch.

Madelaine und ich malten regelmäßig Bilder und schickten sie uns gegenseitig zu, denn schreiben konnten wir noch nicht. Später wurden aus den Bildern, endlos lange Briefe. Die Sehnsucht blieb. Die Freundschaft hielt. Doch ein Wiedersehen wurde uns wie vielen anderen Deutschen verwehrt. Der Staatsapparat der DDR fragte nicht nach einer Kinderseele! Das habe ich 1961 zum ersten Mal erfahren müssen.

Wiedersehen nach zwölf Jahren

Zwölf Jahre später durften wir uns zum ersten Mal wiedersehen. Madelaines Großmutter war schwerkrank, weshalb die Familie eine Besuchserlaubnis bekam. 24 Stunden durften sie zu uns in den Osten kommen. Wir waren beide 17 Jahre alt und hatten uns vollkommen verändert. Madelaine hatte lackierte Fingernägel und sie trug Make-up im Gesicht. Blond war sie jetzt und nicht mehr das rothaarige kleine Mädchen mit den vielen Sommersprossen im Gesicht wie früher. Sie war das schicke Mädchen aus dem Westen und ich ihre biedere Freundin aus dem Osten, langes schwarzes Haar zu einem Knoten gebunden. Ich schämte mich.

Madelaine hatte mir allerhand schöne Dinge mitgebracht. Die Sache hatte nur einen Haken: Man durfte keine Westsachen mit in die Schule nehmen. Vor allem Plastiktüten mit Werbung waren verboten. Ich sagte ihr das und sie lachte. Wir führten typische Teenager-Gespräche. Madelaine erzählte mir, dass sie die Pille nehme. "Meine Mutter besorgt sie für mich", sagte sie ganz selbstverständlich. Ich fragte: "Hast du einen Freund?" Und sie antwortete: "Ja, klar und du?" Ich schüttelte etwas beschämt mit dem Kopf und sagte: "Das ist zu gefährlich ohne Pille!" Wir mussten lachen. Sie war direkt und sagte, was sie dachte. Ich hingegen war ständig bedacht, ja kein falsches Wort zu sagen. Das wurde uns im Osten so anerzogen.


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Sie erzählte mir von einer Klassenfahrt nach Paris, zum Eifelturm. Ich hingegen hatte nichts zu erzählen. Ich sagte nur traurig: "Soweit komme ich niemals. Höchstens nach Dresden, ins grüne Gewölbe oder nach Berlin, ins Pergamonmuseum. Die lassen hier niemanden heraus!" "Sturköppe, Idioten", schimpften wir im Chor. Wir lagen unserer Wiese unter dem alten Eichenbaum und träumten von damals, als wir noch Kinder waren.

Ein Stück große, weite Welt

Ich besuchte damals die erweiterte Oberschule in der Stadt. Sie, das Gymnasium in West-Berlin. Obwohl wir gleich alt waren, lernten wir ganz unterschiedliche Dinge. Sie durfte Hermann Hesse, Hölderlin und Nietzsche lesen. Ich nicht. Sie schenkte mir eine Schallplatte von den Beatles und ein Poster dazu. Sie erzählte mir von einem Konzert mit den Beatles und den Mädchen vor Begeisterung reihenweise in Ohnmacht gefallen waren. Sie berichtete von Kiwis und unterschiedlichen Brotsorten - mit und ohne Körner. All das waren Dinge, nach denen ich mich auch sehnte. Aber es war alles verboten! Alles was suspekt war, war nicht möglich in der DDR.

An diesem Tag habe ich ein kleines Stückchen von der großen, weiten Welt gesehen. Ich beschloss im tiefsten Innern meines Herzens auszuwandern. "Nur nicht in der DDR bleiben", dachte ich mir. Ich weiß, dass sie mir meine Gefühle genau ansah. Wieder war mir so, als würde mein Herz zerspringen. Ich hatte doch noch so viel zu erzählen. Und nun? Nun hieß es wieder Abschiednehmen.

Ich nahm mir fest vor, nach dem Abitur ins Ausland zu gehen. Doch wo wäre Ausland für einen Bürger der DDR gewesen? Und so blieb ich, wo ich war.

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