50 Jahre Mauerbau Die unsichtbare Todeszone

50 Jahre Mauerbau: Die unsichtbare Todeszone Fotos

Die Mauer kannte jeder. Doch wo während des Kalten Krieges die eigentliche Grenze zwischen West- und Ost-Berlin verlief, wussten nur die wenigsten. Vielen Menschen wurde dies zum Verhängnis - darunter fünf Kindern, die vor den Augen herbeieilender Retter ertrinken mussten. Von

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Es ist ein warmer und wolkenloser Sommertag, als sich Lothar Fritz Freie spät abends noch zu einem Spaziergang im West-Berliner Bezirk Wedding aufmacht. Er sehnt sich nach einem ruhigen Ort und geht in die Richtung der Mauer, die die Stadt in zwei Hälften teilt. Dort angekommen, schlendert er auf einem einsamen, brachliegenden Gelände entlang, als aus der Dunkelheit plötzlich eine Stimme ertönt: "Bürger West-Berlins! Sie befinden sich auf dem Territorium der DDR. Bitte verlassen Sie unser Territorium."

Wahrscheinlich kann sich der 27-Jährige die Ansage nicht erklären, dennoch dreht er um und läuft denselben Weg, den er gekommen war, zurück. Noch einmal hört er eine Stimme, die ihn nun auffordert, stehen zu bleiben. Fritz Freie bekommt Panik und fängt an zu rennen. Er hört einen Schuss, dann folgen weitere Schüsse. Kurz darauf bricht er zusammen.

Einige Tage später erklärt die DDR-Regierung, ein West-Berliner Bürger sei Grenzsoldaten gegenüber ausfallend geworden, man habe ihn nur "unter Anwendung äußerster Mittel" festnehmen können. Dass Lothar Fritz Freie zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr lebt, wird verschwiegen. Erst knapp vier Monate später, als der Körper längst eingeäschert ist und auf einem Ost-Berliner Friedhof liegt, gibt die DDR den Tod offiziell bekannt.

Der Fall ereignete sich im Juni 1982. Es war der letzte von insgesamt zwölf, bei denen West-Berliner oder Westdeutsche auf der Westseite der Mauer ihr Leben lassen mussten, weil sie unerlaubt auf DDR-Gebiet geraten waren. Viele Menschen wussten damals einfach nicht, dass nicht die Mauer die Grenze zur DDR war. Die eigentliche Grenzlinie verlief ein paar Meter davor. Nur: Als West-Berliner konnte man sie nicht sehen. Es gab weder eine Bodenmarkierung noch irgendeine Absperrung. Für Lothar Fritz Freie und andere wurde die unsichtbare Grenze zur tödlichen Falle.

Terra incognita

Die Westalliierten hatte lediglich ein paar Hinweisschilder aufgestellt: "Achtung, Sie verlassen jetzt West-Berlin" war dort zu lesen. Für Unwissende wirkten diese Schilder einige Meter vor der Mauer irritierend: Warum diese Mahnung? Sie hatten doch gar nicht vor, einen Grenzübergang zu passieren. Tatsächlich aber konnte schon ein Schritt hinter das Schild über Leben und Tod entscheiden. Denn die DDR nahm ihre Staatsgrenze sehr ernst und Grenzsoldaten waren dazu angehalten, jeden Übertritt und jedes auffällige Verhalten penibel zu dokumentieren.

Jeder kleinste Konflikt an dieser Linie konnte sich zu einer ernsthaften Krise ausweiten. West-Berliner Polizisten war es daher streng verboten, dieses Gebiet ohne eine Genehmigung zu betreten. Sie bekamen genaue Instruktionen und Karten, aus denen ersichtlich war, wo exakt die “Demarkationslinie” in ihrem jeweiligen Dienstabschnitt verlief. An Ort und Stelle konnten sie den Verlauf anhand von Orientierungspunkten, wie etwa der Linienführung einer Straße, eines Rasens oder eines Hauses bestimmen.

Nicht immer endete ein unbewusster Grenzübertritt so wie im Fall Fritz Freies. Das einfache Parken eines Autos an der Mauer etwa führte manchmal dazu, dass bei der nächsten Transitstreckenfahrt ein teurer Strafzettel am ostdeutschen Grenzübergang bezahlt werden musste - natürlich in Westgeld. Es kam auch vor, dass das Auto von Ostgrenzern beschlagnahmt wurde und der Besitzer es zurückkaufen sollte.

Tödliches Spiel

Besonders tragische Folgen aber hatte das Nichtwissen um die unsichtbare Grenzlinie während der angespannten Jahre des Kalten Krieges für fünf Kinder, die jeweils in Kreuzberg, nahe der Oberbaumbrücke gespielt hatten - dort, wo die Spree in ihrer gesamten Breite zum Osten gehörte. Die Grenzlinie verlief hier an der Kante des Westufers, die Mauer aber stand erst auf der anderen Seite des Flusses.

Die Situation war immer ähnlich: Kinder spielten am Westufer. Irgendwann verlor eines das Gleichgewicht, fiel in die Spree und schaffte es nicht mehr alleine heraus. Schon Minuten später waren zivile Helfer oder West-Berliner Rettungskräfte zur Stelle - doch sie konnten nicht eingreifen. Die Gefahr war zu groß, dass DDR-Grenzer von ihrer Schusswaffe Gebrauch machten, wie sie es bereits bei zwei West-Berlinern getan hatten, die unweit dieser Stelle 1966 an einem Sommertag erschossen worden waren, als sie Abkühlung in der Spree suchten.

Eine Telefonverbindung zwischen den West-Berliner und Ost-Berliner Behörden gab es bis zur Grenzöffnung nicht. Die Helfer mussten daher zunächst die zuständige Alliiertenmacht des West-Berliner Sektors anrufen, die dann mit den Ostbehörden verhandelten. Meist verging eine Stunde, bis endlich ein Boot der Grenztruppen mitsamt Taucher an die Unglücksstelle kam. Die Kinder konnten nur noch tot geborgen werden. Gegen teilweise hohe Devisenbeträge übergab die DDR die Leichen der Kinder an die Angehörigen.

Staats- oder Sektorengrenze?

Zwei Jahre lang verhandelte der West-Berliner Senat mit den DDR-Staatsorganen über eine Regelung zur Soforthilfe bei derartig tragischen Unfällen. Doch jedes Mal scheiterte die Lösung daran, dass die DDR-Regierung die Sektorengrenze als Staatsgrenze verstanden wissen wollte. Erst nachdem 1975 das fünfte Kind ertrunken war, kam es im Jahr darauf zu einer Kompromisslösung: Am Westufer wurden Signalsäulen mit Sprechanlage aufgestellt, die von Helfern bei Unfällen betätigt werden könnten.

Warum aber hatte es überhaupt so weit kommen müssen? Warum gab es an einem der sensibelsten Berührungspunkte zwischen zwei verfeindeten Weltsystemen keine sichtbare Grenzmarkierung? Die Antwort ist schlicht: Es fühlte sich niemand dafür zuständig, weder im Osten noch im Westen.

Der Grund dafür lag in der Nichtanerkennung der DDR durch die Bundesrepublik. Während sich das SED-Regime als eigenständiger Staat verstand, betrachtete die Westseite die Grenzlinie offiziell nicht als eine Staatsgrenze, sondern lediglich als Sektorengrenze zum sowjetischen Sektor, wie es auch innerhalb der West-Berliner Bezirke viele unsichtbare Sektorengrenzen entlang der alliierten Aufteilung Berlins nach l945 gab. Die unterschiedliche Wertung dieser Grenzlinie zeigte sich auch in der Sprachregelung beider Seiten: Was die DDR als "Vorgelagertes Hoheitsgebiet" (DDR-Kürzel: VHG) bezeichnete, war für die Bundesrepublik das "Unterbaugebiet".

Aus ostdeutscher Sicht lag die Verantwortung beim Westen, seine Bürger vor einem Übertreten dieser “Staatsgrenze” zu schützen. Der Westen wiederum befürchtete, dass eine sichtbare Grenzziehung wie ein Eingeständnis aussehen und als Anerkennung der DDR-Staatsgrenze gewertet werden könnte. So nahm man das Risiko von "Unfällen" in Kauf.

Katz und Maus

Dass die Mauer nicht direkt auf der Grenzlinie stand, hatte für die DDR rein praktische Gründe: Ihre Errichtung war nur auf der Ostseite möglich. Auch für spätere Ausbesserungen bedürfte es "feindwärts" noch Platz. Außerdem wäre es technisch sehr aufwändig gewesen, den "Antifaschistischen Schutzwall" genau entlang der Sektorengrenze mit all ihren launischen Ausläufern und Zacken zu errichten, die den alten Berliner Bezirksgrenzen von 1920 entsprachen. Es hätte wesentlich mehr Zeit, Arbeit und Material gekostet. Zudem bot ein begradigter Verlauf mehr Übersicht und Kontrolle.

Das Niemandsland zwischen den beiden Ländergrenzen hätte - wie etwa im Fall Koreas - als neutrale Pufferzone dienen können und womöglich manch tödlichen Zwischenfall verhindert. Doch ohne die westliche Anerkennung der DDR-Staatsgrenze konnte es auch eine solche neutrale Zone nicht geben.

Ihre Todesgefahr verlor die unsichtbare Grenze erst in den achtziger Jahren. Zum einen wegen der politischen Annäherung zwischen Ost und West und zum anderen wegen eines Phänomens, mit dem die DDR zunächst gar nichts zu tun hatte: Aus der politisch motivierten Hausbesetzerszene hatte sich in West-Berlin eine breite Kreativbewegung formiert. Immer mehr junge, experimentierfreudige Menschen waren in die Stadt gekommen. Die Mauer sahen sie nicht mehr nur als ein menschenverachtendes Bauwerk, sondern auch als eine riesige Malfläche. Natürlich war es auch den Mauerkünstlern verboten, DDR-Territorium zu betreten. Doch in der Regel waren sie schnell genug, um sich dem Zugriff der DDR-Grenzer, die über Leitern oder durch kleine Türchen in die Mauer auf die andere Seite kamen, zu entziehen. Die Grenzer waren des Katz- und Mausspiels bald überdrüssig und ließen die immer zahlreicher werdenden Künstler schließlich gewähren.

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
Dirk Wegner, 13.08.2011
Ich kann mich gut als Kind erinnern, wo meine Eltern meine Großeltern besuchten. Es war für mich als gerade mal 7-10 Jähriger (danach waren die Eintrittsgelder für das größte Gefängnis der Welt zu hoch) erdrückend und beklemmend, als die Grenzer uns einmal die Radiokassetten entwedet hatten und ich als kleiner Junge in die Mündungsöffung eines Maschinengewehrs schauen mußte (ich denke das waren wohl die Kalaschnikows). Ich fand es später gut als 89 die Mauer eröffnet wurde und nach 90 endlich diese Mörder angeklagt wurden. Denn auch ein kleines Licht von Grenzschützer ist immer in der Lage Situationen harmlos oder gar nicht existent zu interpretieren. Selbst wenn er einen sadistischen Kompagnon hat und Angst hat vor Verrat des Kammeraden, so kann man immer daneben schiessen. ...wie mein verstorbener Großvater es im zweiten Krieg gemacht hat. Er hat nur Pappkameraden getroffen, nie echte Menschen und Hitler hat ihn dafür auch nicht ins KZ gebracht, da's keiner wußte.
2.
Andreas Heinzgen, 14.08.2011
Zu Bild Nr. 11: Selbstverständlich war es für US-Militärs unproblematisch, auf dem zu Ost-Berlin gehörenden Streifen zu patrouillieren, denn der Vier-Mächte-Status galt für ganz Berlin und die Westalliierten konnten jederzeit ungehindert Kontrollfahrten auch im Osten der Stadt unternehmen. Und das übrigens nicht erst in den 80er-Jahren, sondern seit 1945!
3.
Stefan Soyka, 30.08.2011
Sind Zeitzeugen der deutschen Teilung eigentlich schon so selten geworden, dass ein erkennbar Unbeteiligter sich zu diesem Thema äußern muss? Selbst wenn dieser locker geschriebene Beitrag keine sachlichen Fehler enthält, würdigt er die propagandistische Bedeutung der Berliner Mauer in der Auseinandersetzung des kalten Krieges nicht ausreichend. Die Medien und die Politik im Westen benötigten ja die Mauer geradezu als Beweis, dass auf der anderen Seiten das Böse wirkt. Die Grenze selber wurde bis zuletzt von beiden Seiten mit einer Art von tragischem Realitätsverlust verharmlost: Während für den Westen feststand, dass keine Grenze da sein kann, wo auf der anderen Seite kein anderer Staat beginnt, wurde auf der anderen Seiten gebetsmühlenartig wiederholt, dass es sich bei dem Stacheldrahtverhau mit Stolperdraht und scharfen Hunden um eine normale Staatsgrenze handelt, wie sie zwischen souveränen Staaten üblich ist - ebenso lächerlich. Keiner hat die tödlichen Zwischenfälle an der Mauer begrüßt. Für den Westen waren sie aber - wenn es einmal geschehen war - willkommene Munition in der Propagandaschlacht. Übrigens: Dass auch Grenzsoldaten an der Mauer ihr Leben ließen, habe ich als Westberliner Junge erst nach dem Mauerfall erfahren.
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