50 Jahre Motown Da hat es Pop gemacht

50 Jahre Motown: Da hat es Pop gemacht Fotos
Universal Music

Hits, Hits, Hits: Vor 50 Jahren startete das Plattenlabel Motown von Detroit aus eine Pop-Revolution. Mit schwarzem Soul für weiße Hörer machten Motown-Stars wie Diana Ross, die Jackson Five oder Stevie Wonder das Label zur Legende. Heute dürfen dort auch C-Stars wie Lindsay Lohan trällern. Von Thomas Soltau

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 2 Kommentare
    3.2 (149 Bewertungen)

Eine laue Septembernacht in Detroit 1960. Aus den Autofabriken, die das Bild der Stadt dominieren, dringt das monotone Stampfen der Maschinen - der Sound der "Motor City". Doch in dieser Nacht mischen sich noch ganz andere Töne darunter, für die Detroit bald ebenso berühmt sein wird: Aus einem kleinen Gebäude am West Grand Boulevard erklingt ein neuer Beat, der den Kosmos der Popmusik verändern wird.

Es ist das Haus von Berry Gordy. Im Erdgeschoss liegt das Studio seiner neugegründeten Plattenfirma, im ersten Stock schläft die Familie. Sänger Smokey Robinson und seine Band The Miracles sehen um 4 Uhr früh nicht so aus, als würden sie ausgerechnet hier und heute Welthits einspielen. Doch Label-Chef Gordy kennt kein Pardon. Dem bereits produzierten Track "Shop Around" fehle der nötige Kick, doziert Gordy. So schaffe er es nie an die Spitze der Charts.

Also legen die vier schwarzen Musiker wieder los, spielen eine neue Version ein. Smokey Robinson legt mit seiner Combo einen inbrünstigen, mehrstimmigen Harmoniegesang über den pulsierenden Bass, dazu treibt das Schlagzeug mit Dampf den Song voran. Das ist Soul, ein Beat, der jeden zum Tanzen verführt. Als die Musiker endlich ihre Instrumente einpacken, scheint draußen längst die Sonne.

Gnadenlose Schleiferei für den Erfolg

Die nächtliche Session hat sich gelohnt: Sie wird die Geburtsstunde eines der erfolgreichsten Plattenlabels der Musikgeschichte: Motown. "Shop Around" stürmt am 16. Januar 1961 die Spitze der amerikanischen R&B-Charts und Platz zwei der Billboard-Hot-100-Charts. Viel wichtiger für Geschäftsmann Gordy: Die Platte verkauft sich mehr als eine Million Mal.

Smokey Robinson muss heute bei dem Gedanken lachen, mitten in der Nacht ins Studio beordert zu werden. "Sagen Sie das mal zu Madonna, die erschießt Sie auf der Stelle. Für uns waren diese Sessions im Takt der Nachtschicht nichts Ungewöhnliches", erinnert er sich. "Berry stand vor Motown für die Ford-Werke am Fliessband - das dort gelernte Prinzip übertrug er einfach auf die Musik." Dem Label-Gründer sei es bei allen Entscheidungen stets um Erfolg gegangen - und er habe auch fast immer Recht behalten. "Selbst fertige Singles wurden, wenn sie nicht liefen, vom Markt geholt und dann durch neue Versionen ersetzt - er war da gnadenlos."

Gefürchtet war deswegen auch die Qualitätskontrolle, der Gordy alle Platten in den Freitagskonferenzen des Labels unterzog. Allein der Chef entschied, welcher Song veröffentlicht wurde und welcher nicht. Aus seinem Ziel und seinem Anspruch machte der damals 29-Jährige dabei nie einen Hehl. Über seinem Haus brachte Gordy als Mission-Statement ein Schild mit der Aufschrift "Hitsville USA" an - es sollte alle Künstler daran erinnern, warum sie rund um die Uhr in sein Studio kommen konnten: Hits, Hits, Hits - am besten ohne Pause.

Der Hexenmeister der Popmusik

Und Gordys Besessenheit machte sich bezahlt. Mit gerade mal 800 Dollar Startkapital hatte er 1959 zunächst Tamla Records gründet, 1960 kam das Motown-Label hinzu, dessen Name ein Tribut an seine Heimatstadt war. 28 Jahre später verkaufte Gordy Motown an den Branchenriesen MCA - für 61 Millionen US-Dollar.

Dazwischen lag eine beispiellose, von vielen Neidern begleitete Karriere, in der Gordy zum Hexenmeister des Pop avancierte. Detailversessen sezierte er erfolgreiche Popsongs, um ihr Hitpotential herauszudestillieren. Diese Fähigkeit machte den Musikfanatiker schließlich zu einem der einflussreichsten Pop-Produzenten überhaupt - und Motown Ende der sechziger Jahre zum größten von einem Afroamerikaner geführten Unternehmen in den USA. Bei Motown standen die Top-Stars der Ära unter Vertrag: Smokey Robinson & the Miracles, The Marvelettes, Diana Ross & the Supremes, The Temptations, Martha Reeves & the Vandellas, Stevie Wonder, The Jackson Five - eine Armee begnadeter Künstlern, die das Publikum von Detroit aus mit süßestem Soul bombardierten.

"Jeder wusste, was er zu tun hat", erzählt Smokey Robinson, der 1961 zum Vizechef von Motown aufstieg. "Songwriter, Musiker und Sänger funktionierten wie aufeinander abgestimmte Zahnräder. Wenn unsere Autoren Holland-Dozier-Holland ihre Songs geschrieben hatten, sprang die Maschine an. Bei zwei Songs am Tag alleine von diesem Trio kann man sich vorstellen, dass die Studios ständig besetzt waren."

Schwarze Hits für weiße Hörer

Dabei ging es Berry Gordy noch um mehr als nur um die Qualität der Musik. Er wollte mehr als nur gute Songs machen - er wollte schwarzen Soul an weiße Hörer verkaufen, am besten millionenfach. Und es gelang ihm: "Unter Schwarzen gab es die Redensart, dass Weiße nie lernen würden, zum Takt der schwarzen Musik zu klatschen", erinnert sich ein Mitarbeiter des zweiten großen amerikanischen Soul-Labels Stax. "Was Motown machte, war ganz gerissen. Sie schlugen den weißen Kids den Beat einfach um die Ohren. Das hörte sich für uns bei Stax zwar nicht mehr nach Soul an, aber Mann - es verkaufte sich!"

Nichts überließ Kontrollfreak Gordy auf dieser Mission dem Zufall. Für ihn war klar: Um bei Weißen erfolgreich zu sein, mussten seine Künstler, bewusst oder unbewusst, ihre schwarzen Wurzeln verdrängen. Er ließ sie in Benimmkursen drillen, damit ihre Umgangsformen denen des gehobenen, weißen Zielpublikums der sechziger Jahre entsprachen.

Als Gegenpol zum aalglatten Pop des großen Rivalen entwickelte das Label Stax aus Memphis mit dem Memphis-Soul zur gleichen Zeit eine Variante, die nicht nur auf die weiße Hörerschaft abzielte. Während Motown mit aufgemotzter Lametta-Mucke die Charts stürmt, setzt sich bei Stax Records die abgespeckte Variante durch: erdig, schwül und voller Feuer. Die Protagonisten bei Stax hießen Otis Reding, Sam &Dave oder Issac Hayes. Mit rohem, ungeschliffenen Soul und multikulturellen Bands etabliert sich Stax vor allem bei den schwarzen US-Amerikanern. Nicht zuletzt deshalb, weil Stax das Recht auf die eigene soziale und kulturelle Identität der Schwarzen im Alltag mit gemischtrassigen Bands vorlebte.

Das Ende des zuckersüßen Souls

"Unser Verhältnis zu Künstlern von Stax war immer entspannt", sagt Smokey Robinson. Und fügt grinsend hinzu: "Wir waren ja auch viel erfolgreicher." Tatsächlich war Motown in den gesamten Sechzigern für die breite Öffentlichkeit fast schon das Synonym für schwarzen Soul. Songs wie "Stop! In the Name Of Love", "You Keep Me Hangin' On" von den Supremes oder "Heat Wave" von Martha & the Vandellas wurden zu absoluten Klassikern des Genres - grandioser Soul-Pop ohne Verfallsdatum.

Doch auch die schönste Zeit endet irgendwann. Anfang der Siebziger waren die Charts überschwemmt mit kariösen, zuckersüßen Drei-Minuten-Popperlen, die kaum noch in die Zeit passten. Angesichts des Vietnam-Kriegs und einer aufgeladenen politischen Stimmung in den USA verlangte das Publikum Anfang der Siebziger nach mehr Inhalt anstatt der ewigen Boy-meets-Girl-Platitüden. Und Gordy reagierte: Mit Edwin Starrs Antikriegslied "War" 1970 surfte Motown auch auf dieser Welle. 1971 nahm Soul-Legende Marvin Gaye für das Label sein düsteres Meisterwerk "What's Going On" auf, unter dessen Einfluss die gesamte Black Music in den Siebzigern eine neue Marschrichtung einschlug.

1972 siedelte Berry Gordy mit seiner Firma nach Los Angeles über. Mit Künstlern wie Lionel Richie und seinen Commodores verbuchte Motown weiterhin Charterfolge. Die Blütezeit des Labels hingegen war zu Ende - trotz Stevie Wonders Welterfolg "Happy Birthday" von 1980. Das Komponistenteam Holland-Dozier-Holland hatte das Label bereits Ende der sechziger Jahre verlassen und Gordy aufgrund zurückgehaltener Tantiemen verklagte - damit waren die besten Songschreiber bei Motown von Bord gegangen.

Als sein Unternehmen in den achtziger Jahren immer mehr Verluste einfuhr, verkaufte Gordy Motown an MCA, das heute Universal Music gehört. Unter dem Dach des Major-Labels existiert die Marke Motown noch immer. Neben Vorzeige-Acts wie Erykah Badu produziert Motown heute aber auch C-Künstlerinnen wie Lindsay Lohan - die hätte Berry Gordy wahrscheinlich nicht mal als Sekretärin eingestellt.


Weiter zur Homepage von einestages!

Die Jahrzehnte durchstöbern mit der einestages-Zeitmaschine!

Alle einestages-Zeitgeschichten als praktischen RSS-Feed abonnieren!


Artikel bewerten
3.2 (149 Bewertungen)
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Henning Brand, 13.01.2009
Tja, n Haufen Fotos und Namen - von denen sich die bekanntesten wiederholen. Schade nur das hierbei die Seele der Musik total vergessen wird (was Gordy ja auch nicht wirklich gekratzt hat) - What about the Funkbrothers - Wiso nicht mal n Foto von James 'the Hook' Jamerson & Co ( - so hübsch war Diana Ross nun auch wieder nich'). Motown ging in dem Moment den Bach runter als an der Studiotür den Musikern auf einem Zettel mit den Worten 'Heute gibt's hier nix mehr zu tun' Ihre Kündigung mitgeteilt wurde. Auch das war Motown!
2.
Chris Weber, 26.11.2012
Stimme zu, die Funk Brothers hätten erwähnt und gezeigt gehört. Aber das ist ja trotz des weltweit erfolgreichen Dokumentarfilms über sie fast noch "Insiderwissen." Die Temptations zu vergessen ist aber unverzeihlich... Na ja, wenigstens gab es ein schönes Foto von Gladys und den 3 Pips. Mit Tippfehler.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH