Panini-Alben Eine Tüte Topfschnittkicker, bitte!

50 Jahre Panini-Alben: Eine Tüte Topfschnittkicker, bitte! Fotos
Sammlung Raimund Simmet

Kindheit im Kleberausch: Fußballsammelbilder wecken seit Generationen den Jagdinstinkt in Jugendlichen. Dabei wirken viele Alben von früher heute wie ein Kicker-Kuriositätenkabinett. einestages zeigt die 50 besten Fußballerbilder aus 50 Jahren Sticker-Geschichte - oder sind es doch die peinlichsten? Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 2 Kommentare
    4.4 (19 Bewertungen)

Es gibt Erinnerungen, die verblassen vielleicht, aber sie verschwinden nie. Das erste Fahrrad, der erste Kuss - es sind die wichtigen Wegmarken, die sich so tief einbrennen, dass ihre Bilder immer mal wieder an die Oberfläche des Bewusstseins schwimmen. Scham, Rührung, kindliche Freude. Ausgelöst werden diese Momente meist durch banale Dinge: einen Geruch, einen Song, ein Geräusch.

Für einige braucht es nur das Rascheln einer Zellophantüte, und schon sind die Bilder wieder da: Fußballer mit lustigen Matten und einem gezwungenen Lächeln. Panini. Das erste Album und das warme Gefühl, seine Stars ganz nah bei sich zu haben. Sie zu besitzen. Der Zauber des Hoffens und Bangens, dass in der nächsten Tüte endlich der noch fehlende Spieler versteckt ist, bitte, bitte! Der Wunsch, das Album vollzubekommen.

Sammelalben gehören zum Fußball wie der Ball und die Spieler und die Fans und die Stadien. Sie waren vom Bundesliga-Start 1963 an dabei wie ein treuer Freund, und sie sind es bis heute geblieben. Das Internet kann dem Kult nichts anhaben, weil er zeitlosen Prinzipien folgt und an den Urinstinkten des Menschen rührt. Das Jagen nach Trophäen, das Sammeln, den Wettlauf darum, der Erste zu sein. Das Tauschen, Handeln, Übervorteilen. Und der Stolz. Kein Mann, der sich nicht an das erste Album erinnert, mit dem er dann auf dem Schulhof angeben konnte.

Synonym für Klebebildchen

Die Bildqualität hat sich vielleicht geändert, und die Namen der Anbieter wechselten über die Jahrzehnte - doch sonst blieb alles gleich. Das ist das Erfolgsgeheimnis. Eine Saison oder eine WM oder eine EM, ein Album und eine Herausforderung: es voll zu bekommen. Auch das Prinzip des Anfixens hat die Jahrzehnte überdauert, das (leere) Sammelheft als Beilage irgendwo, am Kiosk, dazu die ersten sechs Sticker.

Die Zahl der Sammler ist deshalb über die Jahrzehnte immer konstant hoch geblieben, ebenso der Altersschnitt. Und weil die Sammelalbenhersteller auch immer eine Nachfrage befriedigt haben nach dem Produkt Fußball, gibt es nun auch erstmals Bilder von Frauenfußballerinnen. Pünktlich zur WM.

Die Premiere fällt ins 50. Jahr der Firmengeschichte von Panini. Die Italiener sind seit Ende der Siebziger in Deutschland zum Synonym für Klebebildchen geworden wie Tempo für Taschentücher - aber was war eigentlich davor? einestages hat mit dem Sammler Raimund Simmet gesprochen - über seine Leidenschaft, weiße Dortmund-Trikots, die Verweigerung von Franz Beckenbauer und die Frage, was er von Frauenfußball hält.

einestages: Herr Simmet, Ihre Leidenschaft sind Klebebilder der Fußball-Bundesliga. Wie viele Sammelalben haben Sie komplett?

Simmet: Ich habe alle. Jedes einzelne, im Original.

einestages: Die Bundesliga gibt es seit 1963. Das sind 48 Jahre! Wie schafft man so was?

Simmet: Das hat keine sechs Jahre gedauert. Dank Ebay.

einestages: Und wir dachten, Sie hätten sich jedes Album mühevoll zusammengesammelt. Tüten gekauft, aufgerissen, immer wieder gehofft.

Simmet: Das habe ich auch getan, aber eben nicht mein Leben lang. Ich habe mit zehn angefangen, das war 1978. Sechs Jahre lang war ich leidenschaftlich dabei. Immer, wirklich immer, wenn ich mal 20 Pfennige von irgendjemandem geschenkt bekam, wurde das gleich in eine Tüte investiert.

einestages: Wie fühlte sich das an, als das erste Album voll war?

Simmet: Das war toll. Ich weiß es noch genau: Ich war so stolz, weil ich mir wirklich nur zwei oder drei Bilder habe schicken lassen müssen vom Verlag. Die anderen hatte ich alle selbst gesammelt. Fast ein Jahr lang.

einestages: Welches Album war das?

Simmet: Mein erstes Album war gleichzeitig das erste Bundesliga-Heft von Panini, "Bundesliga '79". Bergmann-Panini hieß es in diesem Jahr. Bergmann war zuvor über Jahrzehnte Monopolist gewesen in Deutschland, hatte sich dann mit Panini zusammengetan.

einestages: Warum?

Simmet: Bergmann war auf dem absteigenden Ast, das war wohl auch der Grund für die Kooperation mit Panini. Ab Anfang der Achtziger hatte die Bergmann-Qualität abgenommen, die Bilder waren grobkörnig und hatten eine miese Qualität. Das letzte Bergmann-Album erschien 1985, das war an Grausamkeit kaum zu überbieten. Dabei waren die in den Sechzigern und Siebzigern mal richtig gut gewesen.

einestages: Sie haben gesammelt, bis Sie 16 waren. Und dann?

Simmet: ...waren für sehr lange Zeit erstmal andere Dinge wichtig. Fußball hat mich zwar weiter interessiert, aber das Sammeln habe ich aus den Augen verloren. Otto Rehhagel ist schuld, dass ich wieder anfing. Und dann richtig.

einestages: Otto Rehhagel?

Simmet: 2004 habe ich ihn bei der Europameisterschaft gesehen, er war Trainer der Griechen. Und wie üblich klopfte er ein paar Sprüche. Er sei ja "ein alter Hase" und "ein Kind der Bundesliga". Kind der Bundesliga! Ich wollte das überprüfen und besorgte mir das Album der ersten Bundesliga-Saison 1963/64. Und tatsächlich, da war ein Klebebild von Otto Rehhagel als Spieler von Hertha. Mich hat es plötzlich wieder gepackt. Die ganze Faszination, die Erinnerung an die Jugend, die Frisuren.

einestages: Und dann kam Ebay. Das ist doch viel langweiliger, als selbst zu sammeln und bei jeder Tüte zu hoffen, dass das fehlende Bild dort drin ist!

Simmet: Es ist etwas ganz anderes, natürlich. Aber für mich besteht der Reiz nicht mehr darin, Tütchen für Tütchen aufzureißen. Es geht es mir um die Komplettheit - auch wenn mich einige Alben viel Geld gekostet haben.

einestages: Wie viel?

Simmet: Ach, das durfte ich meiner Frau gar nicht erzählen. Teilweise habe ich 300 Euro für ein Album geboten.

einestages: Können Sie überblicken, wie viel Geld Sie insgesamt in die Sammelleidenschaft investiert haben?

Simmet: Die Sammlung hat einen Wert von etwa 10.000 bis 15.000 Euro. Ausgegeben habe ich sicher auch ein paar Tausend. Und jetzt liegen die Alben in einem extra gekauften Schrank in Plastikboxen. Alle chronologisch sortiert und schön nebeneinander aufgereiht.

einestages: Wann immer Menschen sammeln, sind sie auch auf der Jagd nach Raritäten. Welche gab es unter den Klebebildern?

Simmet: Das Bergmann-Album von 1966/67 gibt es in doppelter Ausführung, einmal mit hartem und einmal mit weichem Einband. Wirklich witzig ist, dass Panini 1996 scheinbar die Rechte von Borussia Dortmund nicht hatte und deshalb anstatt des Vereinslogos nur einen gelb-schwarzen Ball auf die Bilder gedruckt hat. Die Trikots der Spieler sind alle weiß übermalt.

einestages: Stimmt es, dass sich Franz Beckenbauer geweigert hat, auf Klebebildern gedruckt zu werden?

Simmet: Das stimmt. Es gibt Bergmann-Alben aus den Siebzigern, in denen der Beckenbauer fehlt. Und er ist nicht der Einzige: Auch Oliver Kahn hat sich offenbar in den Neunzigern mal Panini verweigert.

einestages: Er hat sich damals selbst vermarktet und wollte mehr Geld für die Rechte an seinem Bild. Was ganz anderes: Haben Klebebilder eigentlich schon immer geklebt?

Simmet: Die Panini-Bilder waren seit jeher selbstklebend. Die von Bergmann erst seit 1975. Davor musste man Klebstoff nehmen, und der ist dann manchmal durchs ganze Album gesuppt.

einestages: Sind solche Alben heute noch was wert?

Simmet: Nicht wirklich. Der Zustand des Albums ist bei der Bewertung extrem wichtig. Sind sie zerfleddert: nix mehr wert. Hat jemand mit Kugelschreiber drin rumgeschrieben: nix mehr wert. Wertvolle Alben sind komplett, sauber - und ausschließlich mit Originalbildern bestückt. Wie überall wird auch mit Sammelbildern Schindluder getrieben. Es gibt Betrüger, die ersetzen fehlende Sticker einfach durch farbgescannte.

einestages: Panini hat zur Frauenfußball-WM erstmals Frauenfußball-Sammelbilder raus gebracht - und muss wegen der großen Nachfrage angeblich bereits nachdrucken. Sie haben wahrscheinlich schon alle komplett?

Simmet: Soll ich ehrlich sein? Ich habe noch kein einziges. Ich honoriere die Leistungen der Frauen, aber es juckt mich einfach nicht. Ihr Fußball gefällt mir nicht so gut. Aber mein Sohn klebt die gerade. Und immer, wenn er wieder ein Bild, das noch gehlte, bekommen hat, zeigt er es mir.

Artikel bewerten
4.4 (19 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Ulrich Brückmann 06.07.2011
Was soll denn daran peinlich sein an den alten Panini-Bildern? Die Frisuren und Gesichter spiegeln doch nur den jeweiligen Zeitgeschmack wieder. Damals sahen ALLE so aus. Ich möchte mal wissen, wie der Spiegelredakteur, auf dessen Konto diese Formulierung geht, damals aussah. Wohl mit Vokuhila und Oberlippenbart.
2.
Carlos Abreu 30.11.2013
Was an diesen Bildern peinlich sein soll? Na, gar nichts ist daran peinlich! Wie sehr richtig schreiben, es spiegelt den jeweiligen Zeitgeschmack wieder. Es lohnt sich nicht darüber nachzudenken, es ist typisches Spiegel-Redakteur-Sprech und soll, koste es was es wolle, dem geneigten Leser Intellektualität vermitteln.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH