Kultfilm "Psycho" Iiieek, iiieek, iiieek, iiieek

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Ein Irrer in Frauenkleidern und ein blutiger Mord unter der Dusche? Als "Psycho" 1960 in die Kinos kam, fanden Kritiker den Thriller geschmacklos. Trotzdem wurde Alfred Hitchcocks Werk am Ende sein größter Erfolg - denn der Meister selbst inszenierte die Hochspannung schon vor dem Kino. Von

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Der Duschvorhang wird zur Seite gerissen. Eine Klinge blitzt auf, die Frau kreischt, rasend schnelle Perspektivwechsel, jeder Filmschnitt wie ein Stich mit dem Messer. 53 Sekunden später hängt ihr nackter Körper leblos über dem Rand der Badewanne. Damit hatte wirklich keiner gerechnet, als 1960 "Psycho" in die Kinos kam. Marion Crane, gespielt von Filmstar Janet Leigh, ist tot. Gekillt in der 47. Filmminute. Wie kann ein Regisseur nur so blöd sein, nach der Hälfte seines Films die Hauptfigur abzumurksen? Oder so genial?

Die Presse jedenfalls reagierte erschüttert. Jedoch nicht über den Todeszeitpunkt der Hauptfigur. Der Filmkritiker des "Time Magazine" war davon überzeugt, dass er "einen der chaotischsten, Übelkeit erregendsten Morde", gesehen hatte "der je gefilmt wurde". Und nicht nur die Duschsequenz galt als geschmacklos. Die ganze Story über einen Irren, der in Frauenkleidern mordet und seine Mutter ausgestopft im Haus aufbewahrt, war den Kritikern zuwider. Bosley Crowther von der "New York Times" nannte "Psycho" einen "Schandfleck auf einer ehrenvollen Karriere".

Die Spannung riss das Publikum aus den Sitzen

Was hatte Alfred Hitchcock da nur angerichtet? Er hatte einen absoluten Klassiker der Filmgeschichte geschaffen - und seinen größten kommerziellen Erfolg als Regisseur.

Denn das Publikum war vollkommen anderer Meinung als die Kritiker. Am 16. Juni startete "Psycho" - und schon morgens um 8 Uhr bildeten sich, 15 Jahre bevor Steven Spielbergs "Der weiße Hai" den Begriff Blockbuster prägte, lange Schlangen vor den Kinos. Bei den Vorführungen wurde das Publikum vor Spannung halb wahnsinnig. "Ich sah Menschen nacheinander greifen, aufheulend, schreiend", erinnert sich der Drehbuchautor Joseph Stefano an einen Kinobesuch, "sie reagierten wie Sechsjährige - und das bei einer Vorstellung am Samstagvormittag." Aus einigen Kinos berichteten die Betreiber, dass Zuschauer während des Films aufsprangen und die Gänge des Saals auf- und abliefen, weil sie die Spannung förmlich aus den Sitzen riss.

Die Aufregung um "Psycho" war auch Hitchcocks Marketingstrategie zu verdanken. Er setzte auf das überraschende Ende des Films. Und tat alles dafür, dass niemand es vorher erfuhr. Statt eines normalen Filmtrailers gab in der Vorschau der Meister persönlich eine Führung über das Filmset, in der er viele Anspielungen auf die mysteriöse Story machte. Um die Auflösung der Geschichte auch wirklich geheim zu halten, soll Hitchcock in den USA außerdem alle Kopien der Romanvorlage von Robert Bloch aufgekauft haben.

Nicht einmal die Queen durfte zu spät kommen

Ein weiterer Coup funktionierte sogar noch besser: Hitchcock verbot den Kinobetreibern nach Beginn der Vorstellung, noch Zuschauer in den Saal zu lassen. "Nicht einmal der Bruder des Betreibers, der Präsident der Vereinigten Staaten oder die Königin von England (Gott schütze sie)" verkündete ein Schild vor den Kinos. Der Slogan "Der Film, den Sie nur von Anfang an sehen dürfen … oder gar nicht!" machte die Massen noch neugieriger. Dabei war er eigentlich nur der Tatsache geschuldet, dass Hitchcock Janet Leigh nach der Hälfte sterben lässt. Der Regisseur hatte einfach Angst, dass die Zuspätkommer die ganze Zeit darauf warten würden, dass der größte Star des Films endlich auftaucht.

Im krassen Gegensatz zu der ausgeklügelten Verleihstrategie stand das Budget von "Psycho". Nachdem er 1958 für 2,5 Millionen Dollar "Vertigo" und ein Jahr später "Der unsichtbare Dritte" für 3,3 Millionen Dollar gedreht hatte, wollte Hitchcock mit "Psycho" einen Low-Budget-Film machen. In den fünfziger Jahren feierten die legendären Hammer-Studios gerade erste Erfolge mit ihren Billigproduktionen. Filme wie "Dracula" (1958) oder "Der Hund von Baskerville" (1959) spielten zwar keine Rekordsummen ein, waren aber so kostengünstig produziert, dass sie dennoch beachtliche Gewinne erzielten.

"Was wäre wohl", fragte sich Hitchcock, "wenn man einen wirklich guten Film mit einem niedrigen Budget machen würde?" So drehte er "Psycho" für nur 800.000 Dollar. Statt mit seiner normalen Filmcrew verwirklichte er den Thriller mit dem Produktionsteam seiner Serie "Alfred Hitchcock präsentiert", die er zwischen 1955 und 1965 für das Fernsehen produzierte.

Der Star war nicht da

Dem beschränkten Budget sind einige Elemente zu verdanken, die den Film heute zum Klassiker machen. So drehte Hitchcock den Film hauptsächlich in Schwarzweiß, um Geld zu sparen - und, so erklärte er später, "weil der Film sonst zu blutig gewesen wäre". Auch die legendäre Iiieeek-iiieeek-iiieeek-iiieeek-Tonfolge in der Duschszene ist vermutlich Sparmaßnahmen zu verdanken. Bernard Herrmann komponierte aus Kostengründen den gesamten Soundtrack ausschließlich für Streicher. Ein ganzes Orchester wäre schlicht zu teuer gewesen. Zudem kurbelte Hitchcock den Film in nur 36 Drehtagen herunter.

Für die dreiminütige Duschszene nahm er sich trotzdem volle sieben Tage Zeit. Denn der ebenso plötzliche wie brutale Mord im Badezimmer war, was Hitchcock überhaupt für den Roman eingenommen hatte.

Bei den Aufnahmen zeigte sich Hitchcocks ganze Besessenheit für das Detail. Um etwa das perfekte Geräusch für das zustechende Messer zu finden, ließ Hitchcock den Sound-Ingenieur verschiedene Sorten Melonen mit einer Klinge attackieren - und entschied, dass türkische Wassermelonen am besten klingen. Für das Blut, das den Abfluss hinunterläuft probierte er verschiedenste Substanzen aus, darunter Filmblut (färbte das Wasser nicht kräftig genug ein) und sogar Ketchup (löste sich schlecht auf). Am Ende beschloss er Schokosirup zu benutzen - die Farbe mag am Set zwar irritiert haben, bei einer Schwarzweiß-Produktion ist sie natürlich egal.

Janet Leigh verbrachte für die Szene die gesamte Woche unter der Dusche. Die Schauspielerin wurde aus über 70 Kamerapositionen gefilmt. Die fertige Szene enthält für die damalige Zeit absolut schwindelerregende 50 Schnitte. "Ich war so lange unter der Dusche", erinnert sich Leigh in ihren Memoiren, "dass ich aussah wie eine verschrumpelte Trockenpflaume."

Und wie fand Anthony Perkins die Dreharbeiten zu der Szene, die ihn unsterblich machen sollte? Der Darsteller von Norman Bates war gar nicht anwesend. Als die Sequenz auf dem Gelände der Universal-Studios gedreht wurde, probte er gerade ein Theaterstück in New York. "Es ist ziemlich merkwürdig", erinnert er sich später, "ständig mit dieser Sequenz in Verbindung gebracht zu werden, obwohl da mein Double vor der Kamera stand."

Psychotherapie und merkwürdige Fanpost

Trotzdem sollte die Rolle sein gesamtes späteres Leben überschatten. Der Charakter des Norman Bates als Opfer einer dominanten Mutter hatte so starke Ähnlichkeit mit Perkins' eigener Biografie, dass er sich nach den Dreharbeiten für Jahre in psychiatrische Behandlung begab. Über seine eigene Mutter klagte er öffentlich: "Sie hat mich unsittlich berührt und mir meine Angst vor Frauen verpasst." Der Schauspieler identifizierte sich sogar so sehr mit der Figur, dass er in drei Fortsetzungen von "Psycho" mitspielte, von der er bei einer sogar selbst Regie führte. Als Perkins 1992 an HIV starb, bereitete er sich gerade auf einen fünften Teil vor.

Auch an Janet Leigh ging ihre Rolle in "Psycho" nicht spurlos vorüber: Als sich der grandiose Erfolg von "Psycho" abzeichnete, traf sich Hitchcock mit der Schauspielerin. "Wissen Sie, junge Frau", sagte er zu ihr, "wir können nie wieder zusammenarbeiten." Er meinte, dass sie für das Publikum von nun an für immer Marion Crane bleiben würde. Und er hatte recht. Bis zu ihrem Tod 2004 erhielt sie regelmäßig merkwürdige Fanpost. "Einige schickten mir sogar Tonbänder, auf denen sie erzählten, was sie am liebsten mit Marion Crane anstellen würde." Einige Male musste sogar die Polizei eingeschaltet werden.

Außerdem wagte sich Janet Leigh, nachdem sie die Duschszene in "Psycho" das erste Mal im Kino gesehen hatte, für den Rest ihres Lebens nur noch in absoluten Ausnahmefällen unter die Dusche und badete stattdessen.

Weit vergesslicher als die Fans und Schauspieler von "Psycho" waren die Kritiker. Nur ein halbes Jahr nach seinem Totalverriss zum Filmstart im Sommer 1960 kürte der Filmkritiker der "New York Times" Hitchcocks Thriller zu einem der besten zehn Filme des Jahres.

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insgesamt 2 Beiträge
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1.
Stephan Kochs, 14.06.2010
Wobei ein Hinweis auf den eigentlichen "Erschaffer" der berühmten Szene mit dem Messer nicht ganz unerheblich wäre: Saul Bass. Eben der Graphiker und Urheber unzähliger wegweisender Vorspänne. Quellen: http://www.thelooniverse.com/movies/west/saulbass/saulhitch.html http://de.wikipedia.org/wiki/Saul_Bass http://en.wikipedia.org/wiki/Saul_Bass Und einige Bücher die sich darauf beziehen, die aber nicht im Netz verfügbar sind :-)
2.
Benjamin Maack, 14.06.2010
Sehr geehrter Herr Kochs, Sie haben natürlich recht damit, dass Saul Bass einige der Storyboard-Bilder zu der Szene begesteuert hat. So ist zum Beispiel die Idee für die Einstellung, in der man Bates nur als dunkle Silhouette erkennen kann, von ihm. Dennoch hat er die Zeichnungen nach Ideen von und in enger Zusammenarbeit mit Hitchcock angefertigt. Bei den eigentlichen Dreharbeiten - und dass bestätigen sowohl der Kameraassistent als auch Janet Leigh - war er nicht beteiligt. Insofern würde ich ihn auch nicht als den Erschaffer der Szene bezeichnen. Aber sie haben natürlich recht, dass man ihn in einem solchen Artikel durchaus hätte erwähnen können. Zumal sein "Psycho"-Vorspann unbestritten grandios ist. Und erst der zu "Vertigo"! Herzlich, Benjamin Maack
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