Armut in Großbritannien Keine Zuflucht, nirgends

Elend und Obdachlosigkeit - mit dem Film "Cathy Come Home" rüttelte die BBC 1966 ein Millionenpublikum auf. Seitdem hilft die Initiative Shelter, wo sie kann. Eindrückliche Fotos zeigen die Not in britischen Slums.

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Nick Hedges / Shelter

Eigentlich läuft alles perfekt für Cathy und Reg. Liebevolle Beziehung, Wohnung, Nachwuchs - alles, was ein junges Paar sich wünschen kann. Bis Reg einen Unfall hat. Rund zwölf Millionen Menschen, ein Viertel aller Einwohner Großbritanniens, verfolgten am 16. November 1966 das Programm der BBC. Sie schauten an diesem Mittwochabend zu, wie Reg seinen Job verliert. Wie er und Cathy aus der Wohnung ausziehen müssen. Wie sie in leerstehenden Häusern schlafen, auf der Straße landen, obdachlos und verzweifelt - bis die Behörden Cathy zum Schluss sogar die Kinder nehmen.

"Ein Eispickel ins Hirn", so beschrieb ein Kommentator das Fernsehereignis. Der BBC-Film "Cathy Come Home", ein Mix aus harten Fakten und Spielszenen, konfrontierte die Zuschauer mit unbequemen Wahrheiten. Allein im Großraum London gab es laut BBC zu dieser Zeit über 60.000 Menschen, die ohne Waschbecken und Herd wohnten. Und rund 200.000 Familien ohne passende Unterkunft.

Ein Drittel der Londoner Wohnhäuser sei durch deutsche Bomben zerstört worden, erklärte die BBC. Selbst zwanzig Jahre nach Kriegsende herrschte immer noch Wohnungsnot. Der Fall von Cathy und Reg war fiktiv, aber sehr alltagsnah. "Die Leute waren empört, dass so etwas wirklich passieren konnte", sagte Regisseur Ken Loach 45 Jahre nach Ausstrahlung seines Films in einem Interview.

Gimme Shelter

In der BBC-Zentrale standen nach "Cathy Come Home" die Telefone nicht mehr still. Hauptdarstellerin Carol White bekam noch Jahre später auf offener Straße Geld zugesteckt, weil sie mit ihrer Filmrolle der Cathy verwechselt wurde. Selbst Anthony Greenwood, Minister für das Wohnungswesen, erklärte im Parlament: "Ich begrüße diesen Film sehr. Je mehr das Bewusstsein unserer Bevölkerung durch solche Filme aufgerüttelt wird, desto leichter wird mein Job sein."

Der Film sollte als einschneidendes Ereignis in die britische Fernsehgeschichte eingehen. Zwei Wochen später gründeten Bruce Kenrick und Des Wilson am 1. Dezember 1966 die Initiative Shelter, um Obdachlose aus ihrer Notlage zu retten. Der Erfolg von "Cathy Come Home" verhalf der Arbeit des Projekts zu ungeahnter Öffentlichkeit. Ende der Sechzigerjahre sandte Shelter den Fotografen Nick Hedges in Großstädte in England und Schottland, um die Lebensumstände verarmter Bürger zu dokumentieren.

In diesem Jahr feiert die Initiative ihr 50-jähriges Bestehen. "Die Armut und die schrecklichen Umstände, deren Zeuge ich wurde, erschütterten mich bis ins Mark", erklärt Nick Hedges heute. Der Fotograf ruft diejenigen dazu auf, sich zu melden, die sich oder Bekannte auf seinen Fotos wiedererkennen. Per E-Mail unter stories@shelter.org.uk, per Telefon unter +44 20 7505 2032 oder auf www.shelter.org.uk/shareyourstory.

"Ich hoffe, dass ich nach all den Jahren gute Neuigkeiten von einigen Familien erfahren darf, die ich damals fotografierte", sagt Nick Hedges.

Hier sind seine Bilder.

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Christian Neeb
Philine Gebhardt

Christian Neeb ist Redakteur im Panoramaressort von SPIEGEL ONLINE.

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Joe Weimer, 26.02.2016
1. Kommt ja alles wieder
Was Kriege nicht schaffen, schaffen Controller und die klaffende Schere zwischen Reich und Arm.
Gerhard Meyer, 26.02.2016
2. Vergangenheit
Das war einmal in der Tat so in GB, nur sind die heute weiter als wir in Deutschland. Ich nehme nur die Krankenversicherungen, wonach jeder Brite ab Geburt automatisch und kostenlos krankenversichert ist. Das geht schon über die Löhne, den Erwerb von Haus u. Grund und demokratische Rechte besser als in Deutschland. Ich weis sehr gut von was ich schreibe, meine Tochter lebt in GB. Für unser Land und seine Regierungen muss dass aber ein beschämender Hinweis sein, das die Politik der letzten Jahre von grössten Fehlern geprägt war.
Andreas Quintern , 26.02.2016
3. Erschreckend!
Allerdings sind solche Zustände aktuell z. B. in Bulgarien an der Tagesordnung. Gruß an Herrn Juncker für sein Steuersparmodell aus Luxemburg.
Heinrich Belser, 26.02.2016
4. Armut in England
Mitte der 60er Jahre, hat sich ein Engländer beklagt, daß es Deutschland besser wie England gehe, obwohl sie den Krieg verloren hatten. Er hätte doch nur schauen müssen was der Unterschied ist: Freie Marktwirtschaft statt Sozialismus, wo auch heute noch jede Anstrengung blockiert. So hat Deutschland mit seinem Sozialismus Millionen Arbeitsplätze vernichtet und dadurch 2 Billionen Schulden aufgebaut. Das bedeutet, der Sozialismus ist ein Verlustgeschäft.
Joachim Lehmann, 26.02.2016
5. @ Heinrich Belser
"So hat Deutschland mit seinem Sozialismus Millionen Arbeitsplätze vernichtet und dadurch 2 Billionen Schulden aufgebaut. Das bedeutet, der Sozialismus ist ein Verlustgeschäft." Deswegen hat Großbritannien heute auch (wenn auch nur etwas) mehr Arbeitslose und gemessen am BIP die höheren Staatsschulden.
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