50 Jahre SPIEGEL-Affäre Jagd auf "Libelle"

50 Jahre SPIEGEL-Affäre: Jagd auf "Libelle" Fotos
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Journalisten mit Tarnnamen, gesucht wie Schwerstverbrecher: Vor 50 Jahren stürmte die Polizei den SPIEGEL und nahm führende Redakteure fest. Adenauer erkannte einen "Abgrund von Landesverrat" - doch dann lösten die Lügen seines mächtigsten Ministers die größte Staatskrise der Bundesrepublik aus. Von

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Sie heißen "Libelle", "Fliege" und "Wespe", und fünf Operationsteams mit Tarnnamen wie "Fünfkampf" und "Einstein" sind nun hinter ihnen her. "Sabotage" hat der Militärische Abwehrdienst MAD seine Geheimoperation getauft, die Jagd hat begonnen.

Was sich im Oktober 1962 in der Bundesrepublik zusammenbraut, klingt nach einem Agententhriller aus der Feder von John le Carré, der zu jener Zeit an seinem Welterfolg "Der Spion, der aus der Kälte kam" arbeitet. Und tatsächlich glauben deutsche Staatsschützer auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges einer großangelegten Verschwörung auf der Spur zu sein. Der Plot: SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein ("Libelle") sowie Autoren wie Conrad Ahlers ("Fliege") und Hans Schmelz ("Wespe") sollen brisante militärische Geheimnisse der Bundesrepublik verraten haben.

Doch die penibel geplante Operation beginnt mit einer Panne. Am 26. Oktober eilt um 18.15 Uhr ein älterer Herr im strömenden Regen von einem Düsseldorfer Kaufhaus zu seinem Mercedes, unter dem Arm die Ente für den Sonntagsbraten. Plötzlich wird er von Beamten des Bundeskriminalamts gestoppt. Sie sind sicher, Augstein geschnappt zu haben. Schließlich parkt der Mercedes vor der Düsseldorfer Niederlassung des SPIEGEL und trägt - besonders verdächtig - ein Hamburger Kennzeichen. Das passt ins Bild: Augstein lebt in Hamburg, hat aber noch eine Wohnadresse in Düsseldorf.

Ein Landesverräter im Kleingartenverein?

Nur: Der Verdächtige weigert sich vehement, Augstein zu sein. Er sei Erich Fischer, Anzeigenvertreter des SPIEGEL, beteuert er immer wieder. Beweisen kann er nichts, da er ohne Papiere unterwegs ist. "Sie können sich und uns die Sache bei diesem Mistwetter erleichtern", sagt einer der Fahnder ungeduldig, "geben Sie zu, dass Sie nicht Fischer sind!" Fischer flüchtet sich in Galgenhumor: "Wenn ich ein Geständnis ablege, kriege ich dann weniger?" Fast zwei Stunden dauert es, bis der Irrtum aufgeklärt ist, obwohl der stämmige Fischer dem schlanken Augstein nicht ähnelt und 15 Jahre älter ist.


Heft 38/2012

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So begann der größte politische Skandal im Nachkriegsdeutschland mit einer peinlichen Verwechslung, die eine Kette von weiteren Peinlichkeiten anstieß. Da wurden die Bettchen der Kinder von SPIEGEL-Chefredakteur Claus Jacobi durchwühlt und ihre krakeligen Malereien als Beweismaterial beschlagnahmt. Und da hetzte die Polizei durch ganz Hamburg einem Fahrzeug hinterher, das schließlich in der wenig konspirativen Kleingartenkolonie "Goldkoppel" anhielt. Dort entstieg dem Wagen nicht der angebliche Landesverräter Augstein - sondern ein harmloser Polier.

Mit den intelligenten Verwicklungen in John le Carrés Romanen hatte das wenig gemein; eher ähnelte die Affäre oft einer klamaukigen Räuberpistole. Doch den SPIEGEL-Leuten und vielen Deutschen war kaum zum Lachen zumute: zu massiv waren die Vorwürfe, zu selbstherrlich das Vorgehen der Behörden, zu dreist die Lügen und Halbwahrheiten der beteiligten Akteure.

Die Feinde sammeln sich

Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik war der Staat derart hemmungslos gegen Journalisten vorgegangen. Und noch nie zuvor hatte sich der Unmut der Bürger derart explosiv auf den Straßen der Republik entladen: Eine ungewohnte Allianz aus Konservativen und Linken, aus Studenten und Wissenschaftlern protestierte öffentlich gegen den Angriff auf die Pressefreiheit. Aus der Medienaffäre wurde eine Staatsaffäre; die Regierung Adenauer zerbrach und der mächtigste Mann im Kabinett, CSU-Verteidigungsminister Franz Josef Strauß, musste zurücktreten.

Und das alles wegen einer detailverliebten Titelgeschichte in der Ausgabe 41 vom 8. Oktober 1962: Dort analysierten die Autoren Conrad Ahlers und Hans Schmelz auf 17 Seiten den Zustand der Bundeswehr. Sie und kamen - hier der Einschätzung des Nato-Oberkommandos folgend - zu einem alarmierenden Fazit: Die Truppe sei nur "bedingt abwehrbereit". Es fehle an Waffen, Truppen und vor allem an der richtigen Strategie; die gerade abgehaltene Nato-Übung "Fallex 62" habe gezeigt, dass die westdeutschen Linien bei einem Angriff des kommunistischen Ostens schnell zusammenbrechen würden.

Dennoch schätzten selbst SPIEGEL-Redakteure den Artikel als langatmig und nicht besonders brisant ein. Ähnliches war schon zuvor in einer anderen Heftgeschichte und einem Bericht einer Sonntagszeitung zu lesen gewesen - ohne erkennbare Folgen. Auch diesmal blieb anfangs alles ruhig. Keine Debatte, keine Dementis. Doch in der Ferne formierten sich die Gegner.

Ein erstaunlich schneller Gutachter

Einer von ihnen war der rechtsgerichtete Würzburger Völkerrechtsprofessor Friedrich August von der Heydte. Er war unter anderem Mitglied eines reaktionär-klerikalen Vereins zur Rettung des christlichen Abendlandes. Nun sah er seine Mission offensichtlich darin, das Abendland vor dem SPIEGEL zu schützen. Am 11. Oktober zeigte er das Magazin bei der Bundesanwaltschaft wegen Landesverrats an.


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Doch schon einige Tage zuvor war die Bundesanwaltschaft von selbst tätig geworden. Um zu prüfen, ob Staatsgeheimnisse veröffentlicht worden waren, hatte sie über Umwege Gutachter Heinrich Wunder beauftragt. Wunder saß ausgerechnet in der Strafrechtsabteilung von Strauß' Verteidigungsministerium - jenem Ministerium also, das wegen des Artikels öffentlich blamiert worden war. Konnte er da unabhängig urteilen?

Zudem hatte der Oberregierungsrat, erst seit kurzem im Amt, noch nie ein militärisches Gutachten erstellt. Dafür gelang ihm sein erstes außerordentlich schnell. Gut eine Woche nach Erscheinen des SPIEGEL-Artikels glaubte er, 41 verratene Staatsgeheimnisse identifiziert zu haben. Dazu zählte er selbst den Namen eines Schauspielers, der bei der "Fallex"-Übung nichts anderes gemacht hatte, als den Verteidigungsminister zu mimen.

"Publizistischer Terror"

Wunder konnte die Messlatte so tief anlegen, weil juristisch schwammig blieb, was im Zweifelsfall ein Staatsgeheimnis war; selbst das Zusammenfügen von öffentlich bekannten Einzelinformationen konnte als Landesverrat ausgelegt werden. Zudem hatte der Gutachter einen Dienstherrn, der hinter den Kulissen massiv politischen Druck ausübte. Erbost schimpfte Strauß nach Lektüre des Artikels über den "publizistischem Terror" des SPIEGEL - und erkannte die Demütigung dennoch als Chance.

Jetzt konnte er versuchen, das Magazin, das ihm bereits mehrmals ernste Probleme bereitet hatte, dauerhaft mundtot zu machen. Strauß‘ Staatssekretär Volkmar Hopf besuchte am 20. Oktober zusammen mit Gutachter Wunder die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe. Dort leistete Hopf mit einer Lüge Überzeugungsarbeit: Die Amerikaner, schwadronierte er, seien über den SPIEGEL-Bericht "äußerst bestürzt" gewesen und hätten gar gedroht, die Bundesrepublik fortan nicht in Nato-Geheimnisse einzuweihen.

Das wirkte. Die zuständigen Bundesanwälte waren überzeugt, am 23. Oktober erließ ein Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof Haftbefehle und Durchsuchungsbeschluss. Potentielle Gegner der Aktion wurden vom Verteidigungsministerium übergangen, vor allem FDP-Justizminister Wolfgang Stammberger, aber auch der BND und der Verfassungsschutz; Hopf und die Bundesanwälte trauten in dieser Sache nur den eigenen Leuten: dem BKA und dem Bundeswehr-Geheimdienst MAD.

Ein Redakteur im Wandschrank

Doch nach der peinlichen Verwechslung am 26. Oktober in Düsseldorf gerät die ganze Aktion unter zeitlichen Druck. Was, wenn der falsche Augstein den richtigen Augstein warnt? Es gilt loszuschlagen. Sofort.

Um 21.30 Uhr stürmen Polizisten unter Leitung von Kriminaloberkommissar Karl Schütz in die Hamburger SPIEGEL-Zentrale, in der noch an der nächsten Ausgabe gefeilt wird. Mannschaftswagen der Schutzpolizei umstellen das Pressehaus, schon bald sind die 117 Räume und 3000 Quadratmeter Bürofläche besetzt. Telefonieren ist verboten, die Arbeit erstirbt, alle Zimmer sollen geräumt und versiegelt werden. Die Nachrichtenmacher sind von der Außenwelt abgeschnitten.

Es beginnt ein Katz- und Mausspiel: Mitarbeiter protestieren, ein Redakteur versteckt sich in einem Schrank und kann nach draußen telefonieren. Aufnahmen von der Besetzung entstehen, der Fotograf gibt den delikaten Film rechtzeitig einer Laborhelferin, die ihn später in ihrem BH aus dem Gebäude schmuggelt. Chefredakteur Jacobi (Augstein war schon außer Haus) droht mit Schadensersatzforderungen und verhindert das Schlimmste: Unter Aufsicht darf die aktuelle Ausgabe fertiggestellt werden. Allerdings müssen die Druckfahnen erst dem Ermittlungsrichter vorgelegt werden - eine verfassungswidrige Vorzensur.

"Etwas außerhalb der Legalität"

Von der Besenkammer bis zur Kaffeeküche wird alles untersucht. Schon bald stoßen die Ermittler an Grenzen. Theoretisch müssten sie Millionen Dokumente prüfen: Bücher, Aktenordner, Fotos, jedes Blatt Papier. Schließlich wird in Augsteins Safe ein Exposé mit Notizen über Gespräche mit einem Bundeswehr-Offizier gefunden. Doch zu einer Verurteilung wegen Landesverrats reichte das am Ende nicht.

Einen Monat blieb der SPIEGEL besetzt. Das Heft konnte nur erscheinen, weil "Stern" und "Zeit" ihren Konkurrenten mit Büroräumen aushalfen. Herausgeber Augstein saß zu diesem Zeitpunkt längst in Untersuchungshaft; der so intensiv Gesuchte hatte sich am Tag nach Beginn der Durchsuchung freiwillig gestellt.

Aus seiner Zelle verfolgte er, wie sein Widersacher Strauß langsam taumelte. Denn bei der Verhaftung von Ahlers, Hauptautor der brisanten Titelgeschichte, hatte der Bayer den Bogen überspannt. Ahlers machte am 26. Oktober in Spanien Urlaub. Mitten in der Nacht wurde er in Torremolinos festgenommen - durchaus "etwas außerhalb der Legalität", wie selbst CSU-Innenminister Hermann Höcherl meinte.

Augstein in Kuba?

Doch Strauß mimte den Unschuldigen. Mit der Blitzverhaftung habe er nichts zu tun, beteuerte er im Bundestag. In Wirklichkeit hatte er den deutschen Militär-Attaché in Madrid zu nächtlicher Stunde angeraunzt, Ahlers sei sofort festzusetzen. "Ich handle in diesem Moment auch im Namen des Herrn Bundeskanzler", behauptete Strauß. Frei erfunden, ebenso wie sein Hinweis in einem zweiten Gespräch, Augstein befinde sich bereits im kommunistischen Kuba, wo die Sowjetunion gerade einen dritten Weltkrieg zu provozieren schien.

Erst nachdem der Minister tagelang von der SPD in die Mangel genommen worden war, rückte er scheibchenweise mit der Wahrheit raus - und löste ein politisches Erdbeben aus. Die FDP, sowieso brüskiert, weil ihr Justizminister in der ganzen Geschichte übergangen worden war, forderte nun lauthals den Rücktritt des CSU-Mannes. Aus Protest traten alle fünf FDP-Minister am 19. November zurück. Adenauer musste eine neue Regierung bilden und ließ Strauß fallen.

Das Manöver rettete dem alten Strategen seine Kanzlerschaft. Dabei hatte auch Adenauer vor Abschluss aller Untersuchungen den SPIEGEL harsch vorverurteilt, als er im Bundestag von einem "Abgrund von Landesverrat" sprach. Augstein habe am Verrat verdient, sagte er unter Buhrufen der SPD, und fügte mit fast kindlichem Zorn hinzu: "Es gibt Leute, die ihm dabei geholfen haben, indem sie Annoncen hineingesetzt haben. Die Leute stehen nicht sehr hoch in meiner Achtung."

Doch Anzeigenkunden sprangen wegen dieser Behauptung kaum ab. Im Gegenteil - am Ende profitierte das Heft tatsächlich von der Affäre: Die Auflage schnellte in die Höhe, der SPIEGEL war plötzlich international bekannt. Strauß hatte mit seiner Machtversessenheit alle Chancen auf die Kanzlerschaft verspielt und seinem verhassten Widersacher Augstein ungewollt zum größten Triumph verholfen.

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1.
Jan-Michael Wehe, 17.09.2012
Das nach solchen Leute Gebäude benannt sind.
2.
Christoph Piller, 17.09.2012
Aber Hallo Da fühlt sich aber jemand ganz groß. Ich habe selten einen so selbstverliebten, großspurigen Artikel gelesen. Ja, der Spiegel ist toll, FJS ist ein Idiot und so weiter und so fort. jetzt im Ernst, reißt euch ein bisschen zusammen und schreibt das alles nochmal Neutral!
3.
Sun Tzee, 17.09.2012
Seit ich lesen kann die gleiche selbstverliebte Leier. Ist irgendwann mal gut mit dieser "Affäre". Wenn man den Spiegel liest, meint man ja, der 20. juni war ein Klacks dagegen. Jetzt kriegt Euch endlich mal ein mit dieser Opa Geschichte aus den 50ern. Das interessiert doch heute keine Sau mehr.
4.
Carsten Thonack, 17.09.2012
Liebe Vorredner: Wenn Ihr das alles schon so genau wisst, warum lest Ihr es dann? Darf man nur noch über Sachen berichten, die Ihr noch nicht gelesen habt? Herrje, wir sind hier auf "einestages", da wird nun mal über geschichtliche Ereignisse berichtet. Und dass ein Chefredakteur von einem machtbesessenen Minister einfach so weggesperrt wird, IST ein Skandal. Ich bin jedenfalls froh, dass wir keinen Kanzler Strauss hatten.
5.
Wolfgang Prestel, 17.09.2012
Ist eigentlich der Name der damaligen Ermittlungsrichters, der die Zensur ausübte, allgemein bekannt? Und der Name der Richter, die den Haftbefehl erließen und in Kraft ließen? Diese Namen sollte man mal nennen.
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