50 Jahre SPIEGEL-Affäre "Mein lieber Rudi!"

50 Jahre SPIEGEL-Affäre: "Mein lieber Rudi!" Fotos
DER SPIEGEL

Hunderte Briefe und Päckchen gingen für den inhaftierten Rudolf Augstein ein - mit Freiheitsstatuen, Aquarellen, Schnaps. Wildfremde wollten für ihn in den Knast gehen, Freunde schmiedeten Fluchtpläne, Prominente drückten die Daumen. einestages zeigt die rührendsten und bizarrsten Solidaritätsbriefe. Von

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Annemarie Bredehorn kann nicht mehr richtig schlafen. Sie ist wütend. Verzweifelt. Empört. Und das alles wegen eines wildfremden Mannes, den sie nie getroffen hat - der ihrer Meinung nach aber völlig zu Unrecht in Untersuchungshaft sitzt: dem SPIEGEL-Herausgeber und vermeintlichen Landesverräter Rudolf Augstein.

Also setzt sich Bredehorn am 27. Januar 1963 an ihre Schreibmaschine und tippt an den damals berühmtesten Journalisten der Bundesrepublik einen sehr zornigen, emotionalen Brief.

Sie müsse sich in Selbstdisziplin üben, beginnt sie, um sich nicht überwältigen zu lassen von "aufkommenden, primitiven Hassgedanken für diejenigen, die Sie in diese unwürdige Situation gebracht haben". Als sie in den Nachrichten erstmals von der Verhaftung hörte, habe sie spontan gedacht: "Wie die SS-Banditen, die nachts kamen, weil ihre Taten das Tageslicht scheuten."

"Ich verabscheue das Unrecht"

Damit nicht genug. Anschließend breitet sie dem Inhaftierten ihr Seelenleben aus:

"Die erste Zeit nach Ihrer Verhaftung war schrecklich. Ich wagte vor 24 Uhr nicht ins Bett zu gehen, um die Nachrichten nicht zu verpassen. Um 7 Uhr stellte ich erneut das Radio an. Am Tage schleppte ich mein Transistorgerät mit mir herum. Ab 18.30 Uhr hielt ich mich in der Nähe des Fernsehgeräts auf, um eventuell von Irrtum und Freilassung zu hören. Ich kaufte sämtliche maßgebliche Illustrierte, welche über die SPIEGEL-Affäre schrieben. Ich war zuletzt nervlich so erledigt, dass ich mich ernstlich prüfen musste, ob mein Gebaren nicht in Fanatismus ausartet. Nein, fanatisch will ich nicht sein. Aber: Ich verabscheue nichts mehr auf dieser Welt als das Unrecht."

So fühlten viele. Und es war diese ungezügelte Empörung, mit der im unpolitischen und wohlstandsverwöhnten Deutschland niemand gerechnet hatte, weder die Regierung, noch die SPIEGEL-Redakteure. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik, Jahre vor Dutschke und den Studentenprotesten, gingen Tausende auf die Straße, weil sie die Verhaftung von Journalisten als Angriff auf die Meinungsfreiheit empfanden.

In Stuttgart klebten sich Demonstranten deshalb symbolisch ihren Mund mit Heftpflaster zu, Hunderte Professoren und Wissenschaftler, darunter auch viele Konservative, setzten sich in den folgenden Monaten öffentlich für das Magazin ein. Die größte Demonstration fand am 31. Oktober 1962 in Hamburg statt, als etwa 4000 Menschen durch die Innenstadt zogen. Einige von ihnen skandierten vor dem Untersuchungsgefängnis lautstark: "SPIEGEL tot - Freiheit tot!"


Heft 38/2012

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Natürlich gab es auch Gegenstimmen, die glaubten, das Magazin sei diesmal zu weit gegangen und habe die innere Sicherheit gefährdet. Auf einmal debattierte das ganze Land über die Affäre - und die Staatsmacht lauschte misstrauisch mit.

So auch im November 1962 in Wuppertal-Barmen. In Scharen strömten die Menschen zu der Podiumsdiskussion "Spieglein, Spieglein an der Wand - wer ist Verräter in unserem Land?" Der große Festsaal im Gewerkschaftshaus war bis auf den letzten Platz besetzt, die Stimmung aufgeladen.

Was die Redner, darunter der renommierte Bremer Rechtsanwalt Heinrich Hannover und der aus der DDR ausgewanderte Schriftsteller Gerhard Zwerenz damals nicht wussten: Polizisten in Zivil protokollierten den Gesprächsverlauf. Ihr Bericht wurde später auch an den NRW-Landesverfassungsschutz weitergegeben.

"Für so blöd habe ich Adenauer nicht gehalten!"

Wer Zwerenz 50 Jahre später auf die SPIEGEL-Affäre anspricht und fragt, warum er in Wuppertal gesprochen habe, spürt immer noch seine ehrliche Entrüstung. "Was für eine unsägliche Sache! Für so blöd habe ich Adenauer nicht gehalten", schimpft er los.

Dann erklärt er: "Ich war damals gerade aus der DDR ins westdeutsche Exil geflohen, und jetzt erlebte ich ausgerechnet dort dasselbe noch einmal. Das war ein Schlag für mich. Ich habe gedacht, ich müsste konsequenterweise direkt weiterexilieren." Die Aktion gegen den SPIEGEL habe er als Polizeiwillkür und "Versuch eines beginnenden Staatsstreichs" empfunden und sich gefragt: "Wenn das möglich ist, was kommt dann?"

So ähnlich redete er auch damals, und zog Vergleiche zur "Versklavung" durch das System Ulbricht, während Rechtsanwalt Hannover Parallelen zu Deutschland um 1933 erkannte. Als ein dritter Redner, Chefredakteur einer Regionalzeitung, dagegen Stellung bezog und Zwerenz bizarrerweise eine "Einsargung der Demokratie" vorwarf, kam es laut Polizei-Protokoll zu "tumultartigen Szenen". Dem Redner wurde erst das Wort entzogen, dann durfte er weitermachen.

Haarsträubende Zusendungen

Wie in Wuppertal stritten die sonst so nüchternen Deutschen überall erregt über die Grenzen der Meinungsfreiheit. Menschen, die bisher noch nie einen Leserbrief verfasst hatten, griffen auf einmal zu Stift und Papier. Beim SPIEGEL gingen während Augsteins 103-tägiger Haft Hunderte Briefe und Telegramme ein. Das deutsche Volk, schrieb eine Leserin, sei endlich "aus seinem satten Dahinträumen" gerissen worden und habe gezeigt, dass es "Zähne und Krallen" habe.


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Je tiefer sich Augstein-Gegner Strauß in Widersprüche verstrickte, desto mehr Post trudelte beim SPIEGEL-Herausgeber ein, besonders zur Weihnachtszeit. Selbstgemalte Karten waren darunter, aber auch Zuschriften von Prominenten wie Hamburgs zweitem Bürgermeister Edgar Engelhard ("ich drücke Ihnen die Daumen") oder Filmregisseur Wolfgang Liebeneiner. Der renommierte Theaterregisseur Gustaf Gründgens war ebenfalls von der Unschuld des Häftlings überzeugt. Er ärgere sich zwar regelmäßig über den SPIEGEL, doch für die Demokratie sei das Magazin "unentbehrlich".

Doch nicht alle Zusendungen waren derart politisch, manches war auch haarsträubend unpassend. Da bewarb sich eine Krankenschwester mit vermeintlichem Schreibtalent um eine Stelle als Redakteurin, und die bisher unauffällige Schülerzeitschrift "par" ("Pennäler am Rhein") hoffte auf ein Exklusivinterview aus der Zelle. Manche wollten einfach auch nur ein signiertes Foto des Journalisten.

Für Augstein in den Knast

Andere Schreiber sorgten sich hingegen mit rührender Naivität um den Häftling. Ein Ingenieur spendete zehn Mark "zur Wiedererlangung der Demokratie", ein Bildhauer entwarf extra eine "Bonner Freiheitsstatue", war mit der ersten Version aber so unzufrieden, dass er gleich eine zweite nachbaute. Aus Koblenz kam das Angebot eines Mannes, sich für Augstein über Weihnachten "als Bürgschaft" in den Knast zu setzen, und ein Frankfurter wollte dem Verlag bei Transportschwierigkeiten "unbeschränkt" seinen VW-Bulli zur Verfügung stellen. Dafür wolle er sogar unbezahlten Urlaub nehmen.

In seiner Zelle bekam der Herausgeber diese Welle der Solidarität nur gedämpft und gefiltert mit. Augsteins Privatsekretärin Eike Laakmann und Chefsekretärin Sabine Schappien sondierten die Post. Sie trennten Wichtiges von Unwichtigem und ertranken dennoch fast in der Flut an Zusendungen. Leicht verzweifelt schrieben sie am 20. Dezember 1962:

Lieber, guter Chef!

Hier stapeln sich Wunderkerzen, große, kleine, dicke, dünne Bücher, Freiheitsstatuen, Muschelenten, Schallplatten, Schnapsflaschen (an die wir - Ehrenwort - nicht herangehen), Schokoladentafeln und viele, viele liebe Wünsche aus allen Himmelsrichtungen. Wie lange sollen wir denn noch diesen großen Haufen für Sie hüten? Wir möchten Sie jetzt endlich wiederhaben, denn es ist so trostlos - keiner schimpft mehr mit uns.

"Meine Moral ist unbeugsam"

Der "liebe, gute Chef" dürfte derweil andere Sorgen als Muschelenten gehabt haben. Eingreifen durfte er aus der Haft in den Redaktionsalltag nicht. Wie würde es also mit seinem Heft weitergehen? Doch was in ihm vorging und inwiefern ihn die lange Haft zermürbte, ließ er kaum durchblicken.

Nach außen gab er sich kämpferisch. Seinem Verlagsdirektor Hans Detlev Becker schrieb er etwas floskelhaft: "Wir werden das Schiff durch den Sturm bringen." Und in dem einzigen, schriftlichen Interview aus der Haft mit der französischen Zeitschrift "Paris Match" antwortete er auf die Frage nach seiner Moral: "Meine Moral ist hervorragend." Dann erschien ihm selbst dieses starke Wort zu schwach, so dass er "hervorragend" strich und durch "unbeugsam" ersetzte.

Josef Augstein dagegen vermutete sogar noch nach der Entlassung, sein Bruder leide unter einer "Haftpsychose", weil er die Bundesanwaltschaft nicht mehr angreife, obwohl die den SPIEGEL "wie einen kommunistischen Spionagering" behandelt habe. Und noch während der Haft glaubten auch engste Kollegen wie Conrad Ahlers, ihrem Chef immer wieder Mut in Briefen zusprechen zu müssen.

Du darfst den Kopf nicht hängenlassen. Wir tun hier alles, um die Vorwürfe zu entkräften und um ein gutes Heft zu machen. Alle besonnen Kollegen bemühen sich, das Blatt unter folgenden Gesichtspunkten zu gestalten: 1.) den Inhaftierten nicht zu schaden 2.) keine neuen Vorbehalte gegen den SPIEGEL zu erzeugen 3.) das geschäftliche Interesse im Auge zu behalten und 4.) die Zugkraft des Blattes zu bewahren.

Am Ende ging dieses Kalkül auf. Der SPIEGEL erschien trotz der besetzten Redaktionsräume und der Abwesenheit seines führenden Kopfes regelmäßig und steigerte sogar seine Auflage. Am 7. Februar 1963 wurde Augstein, um 15 Pfund abgemagert, aus der U-Haft entlassen.

Wieder wurde der Verlag mit Post und manch bizarren Vorschlägen überflutet. Was Augstein jetzt dringend brauche, sei "ozonreiche Waldluft", schrieb etwa ein Mann aus Frankfurt und bot dem rehabilitierten Landesverräter seine private Jagdhütte im Rothaargebirge an. Fast verschwörerisch fügte er hinzu: "Ob Sie dort unter dem Namen Schulze oder Schmidt wohnen, ist Ihnen überlassen."

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