Die erste "Sportschau" "Ich hatte eiskalte Hände"

"'n Abend allerseits!" Im Juni 1961 wurde die erste "Sportschau" gezeigt - ohne Fußball. Zum 50. Geburtstag des deutschen Heiligtums 2011 erinnerte sich Kultmoderator Heribert Faßbender an Mikrofone auf morschen Dächern, Postkarten aus dem Gefängnis - und wie er Günter Netzer ins Erste holte.

WDR

Ein Interview von


einestages: Herr Faßbender, heute vor genau 50 Jahren ging die "Sportschau" auf Sendung…

Faßbender: …aber fragen Sie mich bitte nicht, ob ich mich an die erste Sendung erinnern kann. Ich war zu der Zeit bei der Bundeswehr, die Berlin-Krise lief auf ihren Höhepunkt zu, und ich habe sicher nicht die "Sportschau" geguckt.

einestages: Bilder von der Bundesliga wurden in der "Sportschau" erst ab 1965 gezeigt, obwohl diese schon zwei Jahre zuvor gegründet worden war.

Faßbender: Bis zum 3. April 1965 wurde die "Sportschau" nur sonntags ausgestrahlt, anfangs ohne Fußball. Aber die wenigsten wissen heute noch, dass man von 1963 bis ins Frühjahr 1964 sehr wohl Bilder von der Bundesliga im deutschen Fernsehen sehen konnte, nur eben nicht in der "Sportschau".

einestages: Wo denn dann?

Faßbender: Im zweiten Programm der ARD, auf Frequenzen, die später das neugegründete ZDF bekam. Die Sendung hieß "Bundesliga" und lief am Samstagabend nach 22 Uhr. Ich habe dort manchmal auch kommentiert - als 22-jähriger, fernsehunerfahrener Jurastudent.

einestages: Sie selbst waren damals Radiomann und haben über die Bundesliga für den WDR-Hörfunk berichtet. Wie kam es, dass Sie auch Fernsehen machten?

Faßbender: Ich war ein Bundesliga-Radioreporter der ersten Stunde, mit dem ersten Spiel zwischen Schalke 04 und dem VfB Stuttgart. Das war im August 1963 in der baufälligen "Glückaufkampfbahn". Man musste über eine Hühnerleiter aufs Dach, auf einem schmalen Bretterverschlag nach vorne, und da stand dann ein Mikrofon. Danach hat mich dann der erste Sportchef des WDR-Fernsehens, Hugo Murero, gefragt, ob ich nicht auch für die Bundesliga-TV-Sendung arbeiten wolle.

einestages: Sie waren erst als Radioreporter im Stadion und sind dann ins Studio, um zu moderieren?

Faßbender: Ja, und weil es schnell gehen musste, hat mir der WDR einmal sogar einen ganz besonderen Chauffeur geschickt. Ich wohnte in einem Studentenwohnheim in Köln, mittags rief der Mann von der Pforte an und sagte: "Da draußen steht ein Porschefahrer, der will dich nach Münster fahren." Ich sollte an diesem Tag Preußen Münster gegen den FC Schalke 04 kommentieren. Es war wichtig, nach dem Schlusspfiff schnell zu sein, zumal es zwischen Münster und dem Kamener Kreuz noch keine Autobahn gab. Nach Spielschluss kamen wir zwangsläufig in den Stau, aber der Porschefahrer fuhr souverän an allen vorbei, bis wir an der Spitze waren. Der Mann war der spätere langjährige ADAC-Präsident Otto Flimm, ein Kölner Schnapsfabrikant.

einestages: 1982 wurden Sie WDR-Sportchef und damit auch Leiter der "Sportschau". Es war auch der Beginn der berühmten "'n Abend, allerseits"-Begrüßung.

Faßbender: Nicht ganz. Vorher hatte ich als Leiter des Düsseldorfer Landesstudios seit Januar 1980 für den WDR eine landespolitische Sendung moderiert, "Blickpunkt Düsseldorf", im Regionalprogramm. Die lief sinnigerweise direkt im Anschluss an die "Sportschau". "'n Abend, zusammen" schien mir zu salopp als Begrüßung, da bin ich auf das "'n Abend, allerseits" verfallen. Und von Anfang an gab es eine bemerkenswerte Resonanz. Selbst der damalige Ministerpräsident Johannes Rau hat mich mal so begrüßt. Ich habe diese Formulierung dann mit in die "Sportschau" gebracht.

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Die erste "Sportschau": "Ich hatte eiskalte Hände"

einestages: Resonanz gab es auch in den Medien, allerdings nicht immer positive.

Faßbender: Einige Kollegen haben sich später ausgiebig mit der Formulierung beschäftigt. Völlig übertrieben, wie ich fand. Es war doch nur eine Begrüßungsfloskel, aber mit Wiedererkennungswert. Ich wäre blöd gewesen, mich davon abbringen zu lassen.

einestages: Sie kamen vom Radio und moderierten plötzlich vor Millionen Fernsehzuschauern. Eine andere Welt - waren Sie aufgeregt?

Faßbender: Ich habe das nie so empfunden. Wer vom Hörfunk kommt, tut das oft mit der Hybris, dass einem im Fernsehen nichts passieren kann.

einestages: Warum das?

Faßbender: Der Radioreporter muss mit Hilfe der Sprache für den Hörer die Wirklichkeit erst schaffen und jede Situation überbrücken können. Im Fernsehen wird die Wirklichkeit durch die Bilder geliefert - man muss sie dann "nur" noch kommentieren. Auf Fotos, die unmittelbar vor einer Sendung oder danach gemacht wurden, sehe ich allerdings ganz schön mitgenommen aus. Ich weiß auch, dass ich eiskalte Hände hatte, wenn ich einem Studiogast die Hand gab.

einestages: Die "Sportschau" war seit den sechziger Jahren die Fernsehinstitution, regelmäßig wollten bis zu 15 Millionen Zuschauer ab 18 Uhr die Ausschnitte der Bundesliga-Spiele sehen.

Faßbender: Und das nur in der alten Bundesrepublik. Können Sie sich noch erinnern, wie viele Spiele wir damals gezeigt haben?

einestages: Nicht alle?

Faßbender: Drei! Anfangs sogar nur zwei. Das war vom DFB so reglementiert. Und auf die Partien mussten wir uns auch schon am Montag festlegen. Es konnte also auch mal vorkommen, dass wir uns für drei Spiele entschieden, in denen dann fünf Tage später insgesamt zwei Tore fielen.

einestages: Warum wollte der DFB nicht, dass mehr Spiele gezeigt wurden?

Faßbender: Die Begründung des Verbandes war: Mehr Fußball im Fernsehen verhindere Stadionbesuche, schade also den Vereinen. Unsere Argumentation war, dass die Berichte Appetithäppchen seien und diese im Gegenteil Menschen in die Stadien locken würden. Der DFB sah das anders. Und so dauerte es bis zum 11. Dezember 1984, ehe wir das erste Bundesliga-Spiel live im deutschen Fernsehen zeigen durften, Borussia Mönchengladbach gegen Bayern München.

einestages: Immerhin war der Anteil des Fußballs noch nicht so hoch wie heute und Platz für andere Sportarten.

Faßbender: Samstag war in der Regel schon Bundesliga-Tag, aber es blieb immer auch Zeit beispielsweise für ein Handball- oder Basketballspiel. Und Pferdesport, weil wir mit dem Moderator Adi Furler einen sehr eifrigen Verfechter hatten, der gelernter Jockey war…

einestages: …und der dann auch den "Galopper des Jahres" in der "Sportschau" kürte.

Faßbender: Das stimmt, aber der Galopper hat in der Geschichte der "Sportschau" keine ganz so große Rolle gespielt wie zum Beispiel das "Tor des Monats". Die Idee hatte mein Kollege Klaus Schwarze von einer Englandreise mitgebracht. Für das "Tor des Monats" gab es stellenweise hunderttausende Einsendungen. Alles Postkarten. Es waren mitunter so viele, dass sie vorübergehend in dem Kölner Gefängnis Klingelpütz ausgezählt wurden.

einestages: Von Gefangenen?

Faßbender: Von Gefangenen. Die Siegereinsendungen wurden dann in Säcke verfüllt, und der Torschütze zog im Studio den Gewinner des Hauptgewinns. Ein gigantischer Erfolg. Man kann sich gar nicht mehr vorstellen, dass das "Tor des Monats" zwischenzeitlich auch mal umstritten war.

einestages: Warum?

Faßbender: In der ARD gab es immer mal wieder Skepsis, nach dem Motto: Mensch, das machen wir jetzt schon so lange, das ist doch nicht mehr originell. Hintergrund war, dass das "Tor des Monats" Spielraum für andere Beiträge wegnahm. Aber wir in Köln beim WDR haben mit dem "Tor des Monats" weitergemacht. Denn hätten wir dieses Spiel aus dem Programm genommen, wäre möglicherweise sofort das ZDF zur Stelle gewesen oder die Privaten.

einestages: Heute wird jedes Spiel von zwölf Kameras eingefangen, denen nichts entgeht. Wie war das in den Achtzigern in der "Sportschau"?

Faßbender: Noch sehr einfach, auch wenn die Filmrollen nicht mehr aus den Stadien erst in die Kopierwerkstatt gebracht und dann von Hand geschnitten und geklebt werden mussten. Wir hatten als Standard drei Kameras pro Spiel. Aber bei den kleinen Senderanstalten mussten wir immer mal wieder um die Drittkamera betteln, denn für die war das eine Kostenfrage. Der Pay-TV-Sender Premiere fing 1991 mit acht Kameras an und konnte den Fußball viel rasanter inszenieren.

einestages: Wenn wir über die "Sportschau" sprechen, müssen wir auch über die private Konkurrenz reden. RTL brach 1988 erstmals das Monopol der ARD. Die Rechte wurden damals von einer Bertelsmann-Agentur gekauft - und gesplittet. Immerhin: Die "Sportschau" war noch mit im Boot.

Faßbender: Gegen RTL sahen wir immer gut aus. Wir haben parallel gesendet und hatten im Schnitt drei- bis viermal so viele Zuschauer. Dann machte RTL noch den Fehler und dehnte die Sendung auf drei Stunden aus. Wir sendeten dagegen immer zur heiligen "Sportschau"-Zeit von sechs bis sieben, wo nicht mal die Erbtante anrufen durfte. Für "Anpfiff" erfolgte bald der Abpfiff.

einestages: RTL plus konnte Ende der Achtziger noch nicht von allen Haushalten in Deutschland empfangen werden. "Anpfiff" wirkte trotzdem jünger als die "Sportschau".

Faßbender: Das ist Geschmackssache. War es jünger, wenn der RTL-Moderator ein Foto von mir auf seinem Moderationstisch stehen hatte?

einestages: Sat.1 entriss Ihnen dann 1992 komplett die Bundesliga-Rechte. Wie fühlt man sich nach einem so epochalen Bruch?

Faßbender: Als Mitglied der Sportrechtekommission von ARD und ZDF hatte ich das kommen sehen und meine Redaktion darauf vorbereiten können. Dennoch war es für uns ein schwerer Schlag. Es gab alle möglichen Krisensitzungen mit den Intendanten. Wir haben die Möglichkeit der Kurzberichterstattung von den Spielen geprüft. Gutachten und Schutzschriften waren vorbereitet. Aber dann wäre das Tischtuch zwischen uns und dem DFB erstmal zerrissen gewesen. Die "Sportschau" ohne Fußball hat trotzdem überlebt.

einestages: Warum?

Faßbender: Wir hatten ja schließlich mehr als 50 andere Sportarten, über die wir sonst nur in der Sonntags-"Sportschau" berichteten. Wir fielen nicht von 100 auf null. Trotzdem wurden wir regelrecht kaputtgeschrieben, weil einige Zeitungskollegen die "Sportschau" mit Fußball gleichsetzten. Wir haben den Markennamen "Sportschau" auch für ein großes Publikum erhalten, indem wir Länderspiele lunter dem Label "Sportschau live" zeigten und andere Übertragungen als "Sportschau extra".

einestages: Wichtige Kollegen wechselten aber doch lieber zu den Privaten.

Faßbender: Wie zum Beispiel Reinhold Beckmann. Für den WDR war er ein Verlust, weil er vor allem ein sehr guter Filmemacher war. Bei Premiere konnte Beckmann produktionstechnisch aus dem Vollen schöpfen. "ran" dagegen hatte mir zu viel Firlefanz, die Showtreppe, das Publikum. Das barg von Anfang an die Gefahr, dass die Fernsehzuschauer dessen überdrüssig wurden. Und das passierte dann ja auch. 2003 konnten wir für relativ günstiges Geld wieder in die Bundesliga-Rechte einsteigen.

einestages: Aber die Rückkehr der "Sportschau" war bis zum Schluss alles andere als sicher. Sie mussten lange zittern,…

Faßbender: …und als wir dann den Zuschlag bekamen, hatten wir ganze sechs Wochen Zeit, bis die neue Saison losging. Aber da hat der WDR, der ja manchmal auch als schwerfälliger Tanker bezeichnet wurde, grandios reagiert. In Tag- und Nachtschichten wurde ein Studio gebaut, das heute zu den technisch modernsten in Europa gehört. Die einzige Frage, um sich alle rumgedrückt haben, war aber: Machen wir das mit Publikum oder ohne?

einestages: War es wieder die Angst, ohne Publikum als langweilig abgestempelt zu werden?

Faßbender: Für mich war immer klar: Wir machen die "Sportschau" für viele Millionen Zuschauer zu Hause und nicht für dauerklatschendes Studiopublikum. Dafür brauchen wir keine Showtreppe.

einestages: Die "Sportschau" ist auch eng mit dem Namen Günter Netzer verbunden. Bei der WM 1998 gab er sein Debüt als ARD-Experte neben Gerhard Delling. Stimmt es, dass Sie es waren, der ihn ins Erste geholt hat?

Faßbender: Das haben wir im Team gemacht. Der Vorschlag kam vom SWR-Kollegen Volker Kottkamp, der im Gegensatz zu uns in Köln das Schweizer Fernsehen empfangen konnte. Dort hatte Netzer als Studioexperte einen guten Job gemacht. Aber die Schweiz war für die WM in Frankreich nicht qualifiziert.

einestages: War Netzer nicht schon zu lange weg gewesen?

Faßbender: Diese Stimmen gab es. Daher haben wir auch über andere Kandidaten nachgedacht, auch über Uli Hoeneß. Der hätte das bestimmt gut gekonnt. Uli und ich haben telefoniert, aber wir kamen gemeinsam zu dem Ergebnis, dass er das neben seiner Arbeit bei Bayern zeitlich nicht schaffen würde. Wir wollten ja eine Dauerlösung über die WM hinaus. Das Duo Delling und Netzer wurde von Anfang an ein Riesenerfolg.

einestages: Nach 50 Jahren "Sportschau" – lieben die Menschen eigentlich den Fußball oder die Sendung?

Faßbender: Die Leute lieben den Fußball und die „Sportschau“, weil die "Sportschau" den Fußball optimal präsentiert. Im Mittelpunkt stehen die Spiele und Spieler, nie der Moderator.



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