50 Jahre Starfighter-Kauf Witwenmacher mit Stummelflügeln

Der Starfighter war der spektakulärste Kampfjet der Sechziger: Kein anderes Flugzeug war so schnell und stieg so hoch wie die F-104 - doch 116 Piloten kamen mit ihm ums Leben. Nicht nur deshalb wurde der "fliegende Sarg" zum Skandal für die Bundeswehr. Von

Von Thomas Thiel

Karl Ascherl

Wenn Hubert Peitzmeier sich an den Starfighter erinnert, gerät er schnell ins Schwärmen: "Das Flugzeug war eine Augenweide, man flog einfach gerne mit dieser Schönheit." Der Mann weiß, wovon er spricht. Von 1968 bis 1975 flog Peitzmeier 1132 Stunden im Kampfjet mit dem offiziellen Namen F-104, der 1959 die Zukunft der deutschen Luftverteidigung sein sollte.

Mittlerweile ist der 65-Jährige pensioniert, die Leidenschaft für "seine" F-104 ist noch so stark wie vor 40 Jahren. Und Peitzmeier ist kein Einzelfall: Der schlanke, langgestreckte Rumpf, die kleinen Tragflächen und das elegant geschwungene Seitenruder der Starfighter betörten eine ganze Generation von Piloten.

Zu verdanken hatten die ihren Lieblingsflieger dem Luftfahrt-Enthusiasten Franz Josef Strauß. Voller Dynamik übernahm der 1956 das Bonner Verteidigungsministerium. Und schnell hatte er eine prestigeträchtige Mission ausgemacht: Die Düsenjägerflotte der Bundeswehr, die der neue Minister für "völlig veraltet" befand, sollte modernisiert werden.

Radikaler Entwurf mit unfassbarer Beschleunigung

So begann die Suche nach Ersatz für die bisher in den Diensten der Luftwaffe stehenden Jets vom Typ F-86 Sabre. Besonders angetan hatte es den Bonner Findungsexperten der Jäger F-104 der amerikanischen Lockheed-Werke. Ein nagelneuer, radikaler Entwurf des Starkonstrukteurs Clarence Johnson. Mit seinen kurzen Flügelstummeln am lanzendünnen Rumpf wirkte das Flugzeug wie ein galaktischer Marschflugkörper.

Er war halb so schwer und doppelt so schnell wie die Generation amerikanischer Kampfjets, die er ablösen sollte, der glamouröse Projektname Starfighter passte also bestens. In 15 Kilometer Höhe kam das Superding auf ein Spitzentempo von Mach 2,2, auch im Tiefflug war bei Bedarf noch Überschallgeschwindigkeit drin. Das Triebwerk reagierte dabei extrem spontan selbst auf den kleinsten Impuls des Piloten. Aufgrund ihrer kurzen Flügel war die F-104 zwar nicht sehr wendig, aber wenn es im Luftkampf brenzlig wurde, konnte man sich auf die eigene Geschwindigkeit verlassen: "Dank unserer überragenden Beschleunigung konnten wir den anderen Flugzeugtypen davonfliegen", so Peitzmeier.

Seine aerodynamisch optimierte Konstruktion machte ihn außerdem weniger anfällig für Winde und Böen als seine Vorgänger. Der Flieger lag stabil wie ein Brett und war eine perfekte Abschussplattform für Waffen. Zudem schob das mächtige Triebwerk den Jet schneller in die Höhe als jedes andere Kampfflugzeug vor ihm: Eine Spezialversion konnte sogar bis in die Stratosphäre auf 36 Kilometer Höhe klettern. "Doch selbst die Standardmaschinen hatten Steigleistungen, die einen schwindelig machten", erzählt Peitzmeier. "Wir konnten noch nach oben gehen, wenn andere Jets schon vom Himmel fielen."

Vom Prestigeprojekt zum absoluten Albtraum

Dieser Euphorie konnte sich auch Strauß nicht entziehen. Schon nach Besichtigung erster Baumuster stellte der CSU-Mann den Amerikanern einen Großauftrag in Aussicht. Nur noch ein paar geringfügige Änderungen an der elektronischen Ausrüstung, so kalkulierten sie im Bonner Verteidigungsministerium, und mit der Überlegenheit der gefürchteten sowjetischen Mig-Jäger würde es bald zu Ende sein.

700 Jäger wurden sofort bestellt, später noch einmal 216, damit hatte die Bundeswehr laut Verteidigungsministerium "eine der bestausgerüsteten Luftwaffen der Welt". Und der Lieferant hatte mit mindestens 4 Milliarden Mark einen fetten Rüstungsauftrag in die Bücher bekommen. Angeblich unter kräftigem Schmiergeldeinsatz, wie bald schon die Runde machte - jedoch im Fall Strauß nie bewiesen werden konnte.

Überhaupt dauerte es nicht lange, und "der ganze Stolz unseres Ministers", so ein Strauß-Beamter über das Projekt, mutierte zum Alptraum. Schon bald nach der Indienststellung 1961 häuften sich die Abstürze. Beim Trainingsflug zur Premierenfeier bohrten sich gleich vier F-104 auf einmal in den Boden - alle Piloten starben. Es war der Auftakt einer beispiellosen Unfallserie.

Keine Toleranz für Fehler der Piloten

Denn bei aller Überlegenheit auf dem Papier war der Starfighter im Flugbetrieb eine echte Diva. "Die F-104 war ein ehrliches Flugzeug, aber sie verzieh keine Fehler", erklärt Peitzmeier, der 1987 als Major aus dem Dienst ausschied. Besonders beim Starten und beim Landen galt es, die Geschwindigkeit im Auge zu behalten und vorauszudenken - der Nachbrenner drückte die Piloten mit etwa 29.000 PS in ihren Sitz, während das Flugzeug in 13 Sekunden von 0 auf 350 Stundenkilometer beschleunigte.

Doch die extremen Leistungswerte des Starfighter waren nicht das einzige Problem, auch bei der Wartung der Maschinen lag einiges im Argen. "Anfangs mussten wir viel improvisieren", erinnert sich Manfred Scharf, der die Einführung der Starfighter Anfang der sechziger Jahre auf dem Fliegerhorst Memmingen als Triebwerkmechaniker miterlebt hat. "Uns fehlten Ersatzteile", berichtet Scharf. "Um ein Flugzeug einsatzfähig zu machen, mussten wir oft andere kaputte Maschinen ausschlachten."

Hangars gab es anfangs auch nicht: Die High-Tech-Vögel standen auf dem Rollfeld und waren so Wind und Wetter schutzlos ausgeliefert. "Vor allem die Feuchtigkeit tat der Elektrik der F-104 nicht gut", erklärt der Triebwerkmechaniker. "Ventile haben deshalb nicht geschaltet, Steuereinheiten funktionierten nicht, Triebwerke fielen aus." Da fiel es schwer, den Nato-Wert von 70 Prozent einsatzfähiger Flugzeuge zu halten.

Eine bemannte Rakete für den Kalten Krieg

Und die Liste der hausgemachten Problemstellen war damit noch lange nicht zu Ende. Bis es zur ersten Auslieferung der Maschinen kam, hatten die Bundeswehrplaner derart viele Zusatzwünsche angemeldet, dass der Starfighter um seinen Charakter gebracht wurde. Um den leichten Jäger aus dem sonnigen Kalifornien für Nachteinsätze und das Schmuddelwetter Europas fit zu machen, war viel schwere Extraausrüstung installiert worden. Ins Gewicht ging vor allem, dass er zusätzlich als Jagdbomber, Aufklärer und Marineflieger zu dienen hatte.

Die Überfrachtung des ursprünglich filigranen Abfangjägers war wohl auch der politischen Situation geschuldet: Der Kalte Krieg schien kurz davor, in einen heißen Konflikt zu münden. 1961 baute die DDR die Berliner Mauer, ein Jahr später stand die Welt während der Kuba-Krise am Rande eines Atomkriegs. Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß wollte die neuen, teuren Kampfflugzeuge so schnell wie möglich im Einsatz sehen.

So wundert es nicht, dass der Starfighter am Ende auch Nuklearwaffen transportieren können sollte, knapp tonnenschwere Atomsprengsätze von der 50-fachen Stärke der Hiroshima-Bombe. Auf fünf Bundeswehr-Starfighter-Basen parkten deswegen jeweils sechs deutsche F-104 mit US-Bomben an Bord in ständiger Alarmbereitschaft, wenn auch von den Amerikanern martialisch bewacht. Zur Abschirmung gehörte eine gelbe Warnlinie rund um den Stellplatz; schwerbewaffnete US-Sicherheitsmänner hatten den Auftrag, auf jeden zu schießen, der unberechtigt diese Linie überschritt.

Knapp jeder dritte Starfighter bohrte sich in den Boden

Das Starfighter-Projekt war monströs geworden - und wurde zunehmend zum Politikum. Weil bei der Beschaffung laut Bundesrechnungshof "miserabel" verhandelt worden war, gingen die Nachrüstungsaktionen voll zu Lasten der deutschen Regierung. Kostenpunkt: 750 Millionen Mark - zusätzlich zu den eigentlichen Anschaffungskosten der Flieger.

Immerhin wurden unabhängig vom politischen Wirbel ab Mitte der sechziger Jahre die Vorraussetzungen für Flugzeuge und Piloten verbessert. Nach seinem Amtsantritt 1966 fand der neue Inspekteur der Luftwaffe, Johannes Steinhoff, schnell eine Devise, um zumindest die Krise der Luftwaffe in den Griff zu bekommen: "fliegen, fliegen, und nochmals fliegen!" Er verordnete mehr Trainingsflüge und straffte dazu die Organisation am Boden, stellte Hunderte von zivilen Technikern aus der Luftfahrtindustrie ein und sorgte für mehr Nachschub an Ersatzteilen. Schon 1967 gingen die Absturzzahlen deutlich zurück und pendelten sich in den nächsten Jahren auf internationalem Durchschnitt ein.

Bis in die achtziger Jahre hinein blieb der Starfighter das Rückgrat der deutschen Luftwaffe. Ab 1982 wurde er schrittweise durch die neuentwickelten "Tornados" ersetzt. Die letzte F-104 quittierte 1991 den Dienst. 916 Maschinen hatten bis dahin das eiserne Kreuz der Bundeswehr auf dem Rumpf getragen. Endgültig zähmen ließ sich der Starfighter nicht: 292 Flugzeuge stürzten ab, knapp jeder dritte Starfighter bohrte sich in den Boden. 116 Piloten starben.

Doch vielleicht macht auch diese unbändige Kraft den Reiz des Starfighters aus. Noch heute gibt es eine große Fangemeinde, sind F-104 begehrte Gäste auf Flugshows. Im Internet werden alle Maschinen mit Foto dokumentiert, die je in Diensten der Luftwaffe und der Marine standen. Das ist übrigens die neue Lebensaufgabe von Hubert Peitzmeier. Es fehlen ihm nur noch 45.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Philip Söhngen, 17.03.2009
1.
So ging dann auch der alte Witz: "Wie kommt man günstig an einen Starfighter?" - "Man kauft sich einen Acker und wartet"
B. Hentschel, 17.06.2009
2.
Ein wenig sehr euphorisch der Artikel - hier gibt es einen weitaus kritischeren: http://www.antimanifest.de/ararhass.htm
Stefan Jansen, 17.06.2009
3.
Die Bit-Pop Band Welle:Erdball hat dem Starfighter einen (zu Recht eher kritischen - aber genialen!) Song gewidmet: http://www.youtube.com/watch?v=Wn5pIY-j2To In dem Artikel kommt meines Erachtens zu wenig heraus wie skandalös der Starfighter eigentlich war!
Mark Ehrentheit, 17.06.2009
4.
Viele fielen. Aber meist wegen menschlichen Versagens. Und es starben laut Insiderinformationen (habe 2 Expiloten der F-104G in der Familie) mehr der Piloten am Hodenkrebs (starkes Radar zwischen den Beinen) als an Abstürzen (schwere Kontollierbarkeit). Die Quote "Abstürze pro Flugstunde/Start" ist beim "Witwenmacher" auch besser als beim Vorgänger F-86. Der ist nur nicht so viel geflogen. Längere Dienstzeit und Kalter Krieg halt. Zum Thema Lockheed-Affäre/Korruption: Bin ziemlich eng mit dem damaligen Testfluggruppenleiter. Was Strauß da gemaggelt hat, weiß ich nicht. Zuzutrauen ist ihm alles... Also war das Tödliche am Starfighter die schnell aufgeblasene Flotte mit Piloten, die die Grenzen der Physik nie einzuschätzen lernten. Bin weit davon entfernt, eine überzüchtete Tötungsmaschine zu glorifizieren, aber auch die sollte man sachlich demontieren!
Werner Hoppe, 17.03.2009
5.
Erinnerungen werden wach! In den Jahren 1972 - 1976 war ich im MFG2 als 1. Wart an der F-104G tätig. Es war einfach nur ein schöner Vogel, eine "kontrolliert zum Absturz gebrachte Rakete", zumindest im Normalfall.
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