50 Jahre "Zar"-Bombe Die Alles-weg-Maschine

50 Jahre "Zar"-Bombe: Die Alles-weg-Maschine Fotos

Wo die explodierte, wuchs kein Gras mehr: Vor 50 Jahren mündete das Wettrüsten der Supermächte in einem bedrückenden Experiment. Als Antwort auf die erste US-Wasserstoffbombe "Ivy Mike" zündeten die UdSSR den "Zar" - und verursachten die bis heute stärkste Explosion der Menschheitsgeschichte. Von

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Der Anruf kam am 30. Oktober 1961 um zwölf Uhr Mittags: Alle Funkgeräte rund um das Testgebiet waren ausgefallen. Andrej Sacharow war erleichtert. Die Unterbrechung der Verbindungen bedeutete, dass die größte Atombombe der Welt funktioniert hatte. RDS-220, heute bekannter als die "Zar"-Bombe, war explodiert.

Nur drei Monate vorher war Sacharow, einer der führenden Köpfe des sowjetischen Atomwaffenprogramms, überraschend aus seinem Sommerurlaub zurückbeordert worden. Er sollte an einem eilig einberufenen "Treffen der Partei- und Regierungsführer mit den Atomwissenschaftlern" teilnehmen.

Es war eine unerwartete Zusammenkunft. Schließlich herrschte schon seit drei Jahren ein Kernwaffentest-Moratorium zwischen den drei großen Atommächten Großbritannien, USA und Sowjetunion. Die Absprache war auf Initiative der UdSSR getroffen worden. Nun teilte Nikita Chruschtschow, Parteivorsitzender und Ministerpräsident der Sowjetunion, den Führern der KPdSU mit, dass die Experimente wiederaufgenommen werden sollten.

Amoklauf des Kreml-Chefs

Grund dafür war eine historische Begegnung zwischen Chruschtschow und dem US-Präsidenten John F. Kennedy wenige Wochen zuvor. Am 3. Juni 1961 hatten sich die beiden mächtigsten Männer der Welt im Musikzimmer der US-Botschaft in Wien getroffen. Wie Kennedy später berichtete, lief der für sein aufbrausendes Benehmen berüchtigte Kreml-Chef sofort "Amok" und stellte erneut sein Berlin-Ultimatum, das er 1958 erstmals formuliert hatte. Die Westmächte sollten aus der von den Alliierten geteilten Stadt abziehen, um "eine normale Lage in der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik zu schaffen". Als der US-Präsident ablehnte, drohte Chruschtschow: "Wir wollen keinen Krieg, wenn Sie ihn uns aber aufzwingen, wird es einen geben."

Um seine Drohung zu untermauern, hatte Chruschtschow die wichtigsten Genossen aus Wissenschaft und Politik um sich versammelt. Er plante ein Statement, das die Welt von der Macht und Schlagkraft der Sowjetunion überzeugen sollte. Sacharow selbst unternahm am Tag dieses Treffens einen verzweifelten Versuch, Chruschtschow von seinem Plan abzubringen.

Der fähigste Bombenbauer der UdSSR ließ dem Kreml-Chef eine Notiz zukommen: "Meinen Sie nicht", schrieb er darin, "dass die Wiederaufnahme der Versuche den Gesprächen über den Versuchsstopp, der gesamten Abrüstung und der Friedenssicherung in aller Welt nur schwer zu behebenden Schaden zufügen wird?" Der impulsive Chruschtschow wischte die Bedenken des Physikers weg, indem er ihn vor den versammelten Gästen mit einer Schmährede bedachte. Sie endete mit den Worten: "Ich wäre ein Schwächling und nicht Vorsitzender des Ministerrats, wenn ich auf solche Leute wie Sacharow hören würde."

Die Über-Bombe

Der Wissenschaftler steckte in einem ausweglosen Dilemma: Als einer der führenden Atomphysiker der UdSSR hatte er Entscheidendes zu der Entwicklung der sowjetischen Bombe geleistet. Im festen Glauben daran, dass nur ein Gleichgewicht der atomaren Kräfte die Welt vor der totalen Zerstörung bewahren könne, hatte er als Antwort auf die Wasserstoffbombe "Ivy Mike", die die Amerikaner 1952 auf einer Insel im Pazifik zündeten, ebenfalls eine Wasserstoffbombe mit einer Sprengkraft im Megatonnenbereich erdacht.

Gleichzeitig beschäftigte ihn der ethische Aspekt von Kernwaffenversuchen, vor allem deren Langzeitwirkung. Durch seine Untersuchungen war er zu einer schockierenden Erkenntnis gelangt: Egal, wie abgelegen das Testgebiet sein mochte, die freigesetzte Strahlung eines Atomtests blieb in der Welt und schädigte die Menschen, ob durch Krebserkrankungen oder Veränderungen des Erbguts. Sacharow hatte eine beängstigende Gleichung aufgestellt: Jede Megatonne atomarer Sprengkraft fordert langfristig 10.000 Menschenleben. Und nun plante Chruschtschow insgesamt 59 Tests innerhalb von zwei Monaten - zwölf davon im Megatonnenbereich.

Die propagandistische Krönung der Testreihe war die "Zar"-Bombe, die Sacharow selbst im Auftrag des Kremls konstruiert hatte. Auch wenn sie ihren Spitznamen damals von den Amerikanern erhielt, war RDS-220 bald schon auch in der Sowjetunion unter diesem Namen bekannt. Denn er reihte die schreckliche Konstruktion in den Reigen überdimensionierter Erfindungen der russischen Geschichte ein: Die Zarenglocke, mit rund 20 Tonnen Gewicht und mehr als sechs Metern Höhe eine der größten Glocken, die je gegossen wurden. Und die Zarenkanone, ein fast 40 Tonnen schweres Geschütz, das im 16. Jahrhundert entstand und Projektile mit 89 Zentimetern Durchmesser verschießen konnte.

Halbe Kraft, volle Wucht

Ursprünglich sollte die "Zar"-Bombe eine Sprengkraft von 100 Megatonnen entfalten. Nach Sacharows Berechnungen hätte sie somit eine Strahlung abgeben, die über die Jahrzehnte eine Million Leben fordern würde. Deswegen erwirkte Sacharow, dass die Kraft der "Zar"-Bombe auf die Hälfte gedrosselt wurde.

Trotzdem blieb sie eine Kernwaffe furchteinflößender Superlative. Ihre Sprengkraft entsprach dem Äquivalent von rund 50 Millionen Tonnen TNT. Würde man diese enorme Menge an Sprengstoff zu einem Würfel pressen, hätte dieser eine Kantenlänge von rund 300 Metern - die Höhe des Pariser Eiffelturms.

Die "Zar"-Bombe selbst war mit 27 Tonnen Gewicht, einer Länge von acht Metern und einen Durchmesser von mehr als zwei Metern so groß, dass der Frachtraum der Tupolew TU-95 modifiziert werden musste, um den Koloss aufzunehmen.

Eine Explosion der Superlative

Das Testgebiet lag etwa 900 Kilometer nordöstlich vom Militärflughafen Olenya, eine unwirtliche, arktische Insel Namens Nowaja Semlja, 80.000 Quadratkilometer von Steinen und Flechten beherrschte Tundra. Bereits seit 1955 wurden dort Atomwaffen gezündet, die 104 Familien, die dort gelebt hatten, waren von der Regierung umgesiedelt worden.

Um 11.29 Uhr wurde die Bombe in 10.500 Metern Höhe über Nowaja Semlja abgeworfen. Ein Fallschirm drosselte den Sturz des Kolosses, um dem Flugzeug genug Zeit zu geben, die Gefahrenzone zu verlassen. 188 Sekunden später, erreichte RDS-220 4000 Meter Höhe. Der Zünder entfachte das Inferno.

Der Lichtblitz war so hell, dass er trotz dichter Wolkendecke noch in tausend Kilometern Entfernung zu sehen war.

Die Druckwelle riss den Luftstrom unter den Flügeln der Tupolew ab, die zum Zeitpunkt der Explosion 45 Kilometer von Ground Zero entfernt war. Das Flugzeug stürzte tausend Meter in die Tiefe, bevor es von den Piloten wieder abgefangen werden konnte.

Der Feuerball dehnte sich bis in eine Höhe von zehn Kilometern aus. Der Atompilz wuchs auf eine Höhe von 64 Kilometern.

In einem Radius von 55 Kilometern machte die "Zar"-Bombe alles dem Erdboden gleich. Noch in 270 Kilometern Entfernung fühlten Beobachter die Hitze der Bombe auf ihrer Haut. In Norwegen und Finnland, mehr als tausend Kilometer entfernt, zerbrachen Fensterscheiben. Die Druckwelle der Explosion konnte noch bei ihrer dritten Umrundung des Erdballs gemessen werden.

Wenige Tage später hielt Adlai Stevenson, der amerikanische Botschafter bei den Vereinten Nationen, eine Rede vor dem Sicherheitsrat. "Die Welt", stellte er fest, "hat einen großen Schritt zurückgetan, hin zu Anarchie und Unheil."

Und die USA marschierten fortan eilig mit. Allein in den sechziger Jahren führte die USA 384 Atomtests durch. Die Sowjetunion kam auf 173 Versuche. Immerhin: 1963 beschlossen die drei größten Atommächte, auf weitere überirdische Experimente zu verzichten, um die Atmosphäre nicht weiter mit Strahlung zu verseuchen - und auch ein Feuerball wie der, den die "Zar"-Bombe am 30. Oktober 1961 in den Himmel brannte, erschütterte unseren Planeten nie wieder.

In einer früheren Version des Textes hieß es, Chruschtschow und Kennedy hätten sich am 3. Juni 1958 in Wien getroffen. Richtig ist der 3. Juni 1961. Wir haben den Fehler korrigiert. Die Redaktion.

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1.
Andreas Neumann, 30.10.2011
Auch wenn es politisch nicht korrekt ist haben wir der Atombombe in Europa siebzig Jahre Frieden zu verdanken. Ohne diese Bedrohung wäre der Kalte Krieg in einem konventionellen Krieg eskaliert. Ich persönlich bin deshalb sehr froh, dass es Atombomben gibt!
2.
Ronald Friedmann, 31.10.2011
Es bleibt eine Tatsache, daß es die US-Regierung war, die 1950 auf der Entwicklung der Wasserstoffbombe bestand. Gegen den Widerstand namhafter Wissenschaftler, die von der Washingtoner Adminstration in ein spezielles Beraterkomitee berufen worden waren. In diesem Zusammenhang ist eine Äußerung von Hans Bethe interessant, der sich 1954 in einem damals geheimen Essay auch zu der Frage äußerte, ob Entwicklung und Bau der Wasserstoffbombe notwendig und unvermeidbar waren: "Der Vorschlag (des Beraterkomitee) bestand darin, Verhandlungen mit Rußland mit dem Ziel aufzunehmen, daß beide Länder sich verpflichten, die Wasserstoffbombe nicht zu entwickeln. Wenn es möglich gewesen wäre, ein solches Abkommen zu erreichen und umzusetzen, dann wäre die Welt weit entfernt von der Gefahr, vor der sie heute steht. Weder wir noch vermutlich die Russen wußten, wie eine Wasserstoffbombe gemacht wird. In diesem gesegneten Zustand der Unwissenheit hätten wir bleiben sollen. ... Viele Menschen werden behaupten, daß Rußland eine solches Abkommen akzeptiert und dann gebrochen hätte. Das glaube ich nicht. Thermonukleare Waffen sind so kompliziert und komplex, daß niemand sicher sein kann, daß er die richtige Lösung gefunden hat, bevor er ein solches Gerät getestet hat. Aber es ist allgemein bekannt, daß der Test einer Bombe von solchen Ausmaßen sofort festgestellt werden kann. Das heißt, auch ohne Inspektion vor Ort würde es jede Seite sofort erfahren, wenn die andere Seite das Abkommen gebrochen hat. Es ist schwer zu sagen, ob die Russen unabhängig von uns die Wasserstoffbombe entwickelt hätten. ... Nach dem wir angekündigt hatten, daß wir die Sache betreiben würden, hatten die Russen keine andere Wahl mehr als dasselbe zu tun. Auf dem Gebiet der Atomwaffen haben wir seit dem Ende des Krieges sowohl quantitativ als auch auch qualitativ die Vorgaben gemacht. Rußland mußte uns folgen oder zu einer untergeordneten Macht werden. Zusammenfassend muß ich feststellen, daß die Entwicklung der Wasserstoffbombe eine Katastrophe war. ... Wir hätten einhalten und vor jedem neuen und unumkehrbaren Schritt sehr gründlich die Folgen bedenken müssen."
3.
Markus Niebisch, 31.10.2011
Hab mal gelesen, dass man sich keine Sorge machen muss, dass so eine Waffe ernsthaft in einen Krieg eingesetzt wird. Es ist einfach viel billiger viele "kleine" Wasserstoffbomben flächig zu schmeissen. Yeah schöne neue Welt O.o
4.
angelika moll, 30.10.2011
....was bleibt, ist die Angst! Angst vor Extremisten, welche solche Waffen bauen könnten und anschliessend auch anwenden würden! Zuviele glauben an die Mär der 77 Jungfrauen!
5.
Martin Müller, 31.10.2011
@Andreas Neumann: Das Verdacht, das dies so ist liegt nahe. Dennoch bleibt zu bedenken, das in einer Welt ohne atomare Waffen wir vielleicht auch einen Weg gefunden hätten diesen Krieg zu vermeiden. Insofern stehen sich zwei Hypothesen gegenüber. Es ist immer leicht, aus der Zukunft über die Geschichte zu reden und Gründe für ihre Entwicklung zu suchen. Dennoch bleibt es spekulativ, zu vielfältig sind die möglichen Wege. Das Bedrohnungspotential war für Deutschland nie die russische Atombombe, sondern die Französische. Diese sollten in Deutschland einschlagen um ggf. vorrückende sowjetische Panzer zu stoppen. Es ist gut, das wir dieses Kapitel nun mehr oder weniger hinter uns haben und auch Schritte weg von einer "friedlichen" Nutzung der Atomenergie machen. Die langfristigen Konsequenzen sind einfach zu unüberschaubar um von einer sinnvollen und gefahrlosen Nutzung ausgehen zu können. @angelika moll Lass Dir doch keine Angst einjagen. Sicherlich ist dieses Szenario immer wieder diskutiert und in der Presse veröffentlicht worden. Aber, ist es nicht eher wahrscheinlich das Indien oder Pakistan irgendwann durchdrehen oder das - wie im Falklandkrieg fast geschehen - eine der Mini-Artommächte (UK, FR) in einem lokalen Krieg ihr Altmetall einsetzt?
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