Todestag von Buddy Holly Der erste Heilige des Pop

Es war die Urtragödie der Rockmusik: Am 3. Februar 1959 stürzten gleich drei blutjunge Popstars gemeinsam mit dem Flugzeug ab. Der gewaltsame Tod von Buddy Holly, Richtie Valens und The Big Bopper traf Teenager weltweit wie ein Hammerschlag - und begründete den modernen Kult des Rock'n'Roll-Märtyrers.

Von Ralf Klee und


Ralph E. Smiley war nicht zum Lachen zumute. Dem Gerichtsmediziner bot sich ein schrecklicher Anblick. Vor ihm lag ein junger Mann in einer zerrissenen gelben Lederjacke. Sein Schädel war gespalten, Blut war aus beiden Ohren ausgetreten. Smiley notierte die Verletzungen, nahm Fingerabdrücke und listete schließlich auf einem Zusatzformular die persönliche Gegenstände von Charles Hardin Holley auf.

Der 22-jährige Musiker, den die Welt nur unter dem Künstlernamen Buddy Holly kannte, war Anfang Februar 1959 mit einigen Kollegen auf Tournee durch den Mittleren Westen der USA gewesen, mit einer illustren Runde von Musikgrößen, ja Pionieren des Rock'n'Roll. Mit on Tour war der 28-jährige Jiles Perry Richardson Junior, genannt "The Big Bopper". Der war 1957 als DJ des texanischen Radiosenders KTRM bekannt geworden, als er fünf Tage, zwei Stunden und acht Minuten hintereinander Platten aufgelegt hatte - Rekord. Als Musiker hatte er mit dem Song "Chantilly Lace" einen Megahit gelandet.

Dann war da noch das 17-jährige Wunderkind Richard Steven Valenzuela, Künstlername "Ritchie Valens". Valens, von mexikanischer Abstammung, war erst wenige Monate im Musikgeschäft, galt aber bereits als Mitbegründer des hispanischen "Chicano-Rock'n'Roll". Er hatte sich mit Songs wie "Oh Donna" und "La Bamba" in die Herzen der Teenager gesungen.

Lubbocks Antwort auf Elvis

Doch der am hellsten strahlende Stern der Truppe war Buddy Holly. Ein Musikagent hatte ihn 1954 bei einer Radioshow in dessen texanischer Heimatstadt Lubbock entdeckt, wo er als Opener für Bill Haley und Elvis Presley aufgetreten war. Seinen ersten Plattenvertrag erhielt er bei Decca, für die er Songs wie "Blue Days, Black Nights" und "Love me" einspielte. "Young Singer Is Lubbock's Answer To Elvis Presley", titelte die Lokalpresse euphorisch.

Der Durchbruch gelang Holly 1957 mit Produzent Norman Petty. Der ließ ihn ungestört komponieren und unterstützte seine Versuche mit dem Overdubbing, dem Überlagern mehrerer Tonspuren. Solo wie auch mit seiner Begleitcombo "The Crickets" feierte Holly nun Erfolge und schuf nebenbei mit der Besetzung Leadgitarre, Rhythmusgitarre, Baßgitarre und Schlagzeug die Standardformation des Rock. Seine Songs "That'll Be the Day" und "Peggy Sue" stürmten die Billboard-Charts. Stellte man damals ein Fernsehgerät an, wurde man vom schlaksigen Buddy Holly und seiner Hornbrille begrüßt, drehte man am Rundfunkempfänger, hörte man das markante Südstaaten-Timbre, die starken Vokalverzerrungen und Schluckauf-Intonationen. Wollte man sich abends in der Milchbar entspannen, tönte aus der Musikbox unweigerlich "I feel blue - without Peggy, my Peggy Su-u-ue".

Magenwärmer für die Ekstase

Feeling blue - ein wenig deprimiert sein. Das war auch die Grundstimmung im Tourbus im Februar 1959. Zu schlecht das Wetter, zu anstrengend die Tournee. Eine Kältewelle hatte den Mittleren Westen der USA fest im Griff. Mit defekter Heizung kämpfte sich der Bus täglich über verschneite Straßen an seine Ziele in Iowa, Wisconsin und Minnesota, die Rock'n'Roller im Inneren in dicke Decken gehüllt. Als "The Winter Dance Party" wurden ihre Auftritte auf den Plakaten angekündigt, "Frozen Finger Tour" wäre treffender gewesen: Drummer Carl Brunch wurde tatsächlich mit Frostbeulen ins Krankenhaus eingeliefert.

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Drei Sterne - verglüht: Der Tag, an dem die Musik starb

Die "Tanzparty" entwickelte sich zu einer Konzertreise, die Holly und seinen Kollegen alles abverlangte. Täglich mussten sie auf der Bühne stehen, die Haare perfekt mit Pomade frisiert, und das immergleiche Programm abspulen, ohne so unterkühlt zu klingen, wie sie sich in Wirklichkeit fühlten. Also mussten hochprozentige Magenwärmer her, um die Provinz-Backfische in immer gleich aussehenden Ballrooms in Ekstase singen zu können. Das ging an die Substanz.

Nach dem Gig im Surf Ballroom von Clear Lake in Iowa hatte Holly schließlich genug. Entnervt und kurz entschlossen charterte er für sich und seine Bandmitglieder Waylon Jennings und Tommy Allsup ein viersitziges Sportflugzeug. Das sollte ihnen die Ochsentour im Bus zum nächsten Auftritt in der Nähe des 600 Kilometer entfernten Örtchens Fargo in North Dakota ersparen.

Verhängnisvoller Platztausch

Dann aber stiegen statt Jennings und Allsup der Big Bopper und Ritchie Valens bei Holly in die rotlackierte Beechcraft. Valens hatte die Mitfluggelegenheit per Münzwurf gegen Tommy Allsup gewonnen, der grippekranke Bopper hingegen hatte Waylon Jennings um den Tausch gebeten. "Ich hoffe, euer Bus friert ein", scherzte Buddy Holly in Richtung Jennings, als er von dieser Platz-Rochade erfuhr. "Und ich hoffe, euer Flugzeug stürzt ab", frotzelte der zurück - ein Dialog, der Jennings noch lange verfolgen sollte.

Dann ließ der 21-jährige Pilot Roger Peterson den Motor des Kleinflugzeugs an. Trotz eines schweren Schneegestöbers und fehlender Nachtflugerfahrung hatte er sich für einen Start entschieden. Wenige Minuten nach dem Take-off bohrte sich die Maschine mit der Kennung N 3794N in ein Maisfeld nahe der Stadt Mason City.

Dem Bergungsteam bot sich am nächsten Morgen ein Bild des Schreckens: Überall auf dem Schnee verstreut lagen Wrackteile, dazu Koffer, zerfetzte Ausrüstungsgegenstände und die schlimm zugerichteten Leichen. Die Retter entdeckten auch den Tachometer. Die Nadel war bei knapp 170 Meilen pro Stunde stehengeblieben.

Urtragödie der Popmusik

Drei junge Stars, tot auf einen Schlag - so eine Tragödie hatte es bis dahin noch nicht gegeben. Das dramatische Ende der drei Hoffnungsträger des gerade im Durchstarten begriffenen Rock'n'Roll traf Musikfans auf der ganzen Welt wie ein Hammerschlag - es war, als sei die Zeit angehalten worden. So ging der 3. Februar 1959 als rabenschwarzer Tag, ja als Urtragödie in die an Katastrophen und Tragödien reiche Geschichte der Popmusik ein.

Der "Tag, an dem die Musik starb", wie es der Songwriter Don McLean - zum Zeitpunk des Absturzes 13 Jahre jung - später in seinem Klassiker "American Pie" ausdrückte, war auch die Geburtsstunde des Kults um die Märtyrer des Rock'n'Roll, der die Popmusik in den folgenden Jahrzehnten prägen sollte. Die drei toten Stars aus dem Maisfeld in Iowa wurden zu den ersten Heiligen des Pop, denen bald illustre Namen folgten: Keith Moon, Brian Jones, Janis Joplin, Jim Morrison, Jimi Hendrix, Kurt Cobain, Michael Hutchence.

Die säkulare Seligsprechung begann schon lange vor McLeans Hommage von 1971. Eddi Cochran, selbst einer der großen Rock'n'Roll-Hoffnungsträger der Fünfziger, besang noch in ihrem Todesjahr die "Three Stars". Und noch Jahrzehnte später widmeten Musiker den drei Verunglückten musikalische Nachrufe - der britische Glam-Rocker Alvin Stardust etwa brachte 1984 zum 25. Todestag den Song "I feel like Buddy Holly" heraus, in dem er mächtig auf die Tränendrüse drückte.

Großfahndung nach Demobändern

Auch deutsche Künstler nahmen sich der US-amerikanischen Musiklegende an - der Sänger und Entertainer Bernd Begemann gab den guten, aber zu späten musikalischen Rat: "Buddy, nimm lieber den Bus" und die Berliner Punkrock-Band "Die Ärzte" fragte in einem ganzen Song besorgt nach dem Verbleib von "Buddy Hollys Brille".

Als "Ärzte"-Frontmann Farin Urlaub den Song 1985 komponierte, befand sich die Lesehilfe des toten Stars in einem Polizeirevier in Iowa. Jahre später wurde die wohl bekannteste Brille der Welt an Hollys Witwe übergeben und 1998 schließlich auf einer Auktion angeboten. Holly Heimatgemeinde Lubbock erhielt für 80.000 Dollar den Zuschlag und präsentiert sie seither mit anderen Exponaten in einer eigenen Buddy-Holly-Ausstellung.

Bis heute werden regelmäßig Gegenstände aus Hollys persönlichem Besitz auf Auktionen offeriert, ob nun sein Führerschein oder die Uhr, die er beim Absturz trug - Buddy ist ein lukrativer Evergreen, mit dem sich bis heute Geld verdienen lässt. Vor allem natürlich mit Hollys Musik. Die Wrackteile der Unglücksmaschine waren kaum geborgen, da suchten geschäftstüchtige Plattenmanager in den Musikstudios bereits nach unveröffentlichten Pressungen und Demobändern, die man zügig auf den Markt werfen konnte.

Ein Theater für den toten Star

Aber auch mit der uramerikanischen Lebensgeschichte des Charles Hardin Holley ließen sich einige Dollar verdienen. Biographien erschienen, Theaterstücke wurden geschrieben, 1978 kam "The Buddy Holly Story" in die amerikanischen Kinos. Selbst ein Musical ("Buddy") entstand und wurde zum Welterfolg. 1989 im englischen Plymouth uraufgeführt, lief es von 1994 bis 2001 in Hamburg in einem eigenen Theaterbau vis-à-vis der Landungsbrücken.

So bewegt Buddy Holly tatsächlich bis heute die Massen. Aus Anlass seines 50. Todestages wurde Ende Januar 2009 im Surf Ballroom in Clear Lake, wo Holly und seine Kollegen ihr letztes Konzert gaben, die Veranstaltungswoche "50 Winters Later" eröffnet. Filme über das Leben der Rock'n'Rock-Pioniere werden gezeigt, Kunstwerke ausgestellt, ein Symposium mit der Witwe Hollys und der Familie Valenzuela abgehalten.

Und natürlich wurde auch kräftig in die Saiten gegriffen, zahlreiche Gruppen traten auf. Mit dabei war auch Tommy Allsup, dem vor einem halben Jahrhundert die vermeintlich falsche Seite einer Münze das Leben rettete.

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Manfred Szarka, 03.02.2009
1.
Schöner Beitrag. Eine Ergänzung: Dion von Dion & The Belmonts war ja mit auf der Tour. Wie Dion schon einige Male in Interviews erzählt hat, wurde auch er von Buddy Holly gefragt, ob er einen Platz in der Maschine wolle. Dion lehnte ab, weil im der Preis zu hoch war. 36 Dollar. So viel zahlten seine Eltern Miete für ihre Wohnung in der Bronx. Dion hatte sich mit Holly auf der Tour, im eiskalten Bus, angefreundet. Holly gab ihm denn auch seine Gitarre zur Aufbewahrung bevor er sich in das Flugzeug begab. Auf seiner LP Deja Nu erinnert Dion an die fatale Winter Dance Party Tour. Er nennt sich Hugh The Radiator. Dion kann übrigens auf eine 50jährige Künstlerkarriere zurückblicken. Vor zwei Jahren war er mit einem Blues Album sogar für den Grammy nominiert. Schönen Gruß von Manfred aus Erding
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