Anonyme Alkoholiker in Deutschland "Die einzige Möglichkeit in diesem Scheißleben"

1953 brachten GIs die Idee der Anonymen Alkoholiker nach München, eine Selbsthilfegruppe mit spirituellem Programm. einestages erinnert an zwei Mitglieder der ersten Stunde, ihre Hoffnungen, ihre Erfolge - und ihr tragisches Ende.

Corbis

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Es war eine kurze, fast verschämt wirkende Notiz, die das Leben von Manfred, Max, Harry und Hunderten anderen Deutschen veränderte. Am 31. Oktober 1953 stand auf Seite zehn der "Süddeutschen Zeitung" unter der Rubrik "Was Sie heute wissen müssen" die Anzeige: "Die Vereinigung Alcoholics Anonymous hält morgen, 14 Uhr, im Hotel Leopold ihre erste Versammlung ab."

Der dürre Satz dürfte den meisten Deutschen vor sechs Jahrzehnten nichts gesagt haben. Die Anonymen Alkoholiker (AA), in den USA bereits 1935 gegründet, waren damals noch weit davon entfernt, eine der erfolgreichsten Selbsthilfeorganisationen der Welt zu werden - mit heute geschätzt zwei Millionen Mitgliedern in 150 Ländern. Und die Deutschen verspürten nach den Nöten der Nachkriegszeit wenig Lust, sich in der Wirtschaftswunderzeit den Alkoholkonsum ausreden zu lassen. Umso erstaunlicher, dass sich doch einige von der kryptischen Anzeige angesprochen fühlten. Unter ihnen Werner, der später über das historische Treffen schrieb:

"Es war kurz nach 14 Uhr, als eine Gruppe amerikanischer Soldaten ihr erstes Meeting begann. Etwa 25 Leute waren gekommen, darunter vielleicht zehn Deutsche. Einer der Amerikaner, sein Name war Bob, erklärte den neuen deutschen Freunden ein Programm, das bereits vielen tausend alkoholkranken Menschen in USA, Kanada und auch in europäischen Ländern Genesung und Nüchternheit gebracht hatte. Woche für Woche trafen sich zunächst drei deutsche Alkoholiker mit ihren amerikanischen Freunden. Sie hießen Max, Heinrich und Kurt. Bob sprach nur Englisch, und Max übersetzte Satz für Satz."

Mit den regelmäßigen Gesprächsrunden, "Meetings" genannt, begann auch ein besonderes Kapitel der deutsch-amerikanischen Freundschaft: Das einstige Misstrauen zwischen Siegern und Besiegten des Weltkriegs hatte derart nachgelassen, dass sie nun in einem sensiblen, nahezu intimen Bereich zusammenarbeiten konnten: dem Kampf gegen die Alkoholsucht.

Die Amerikaner waren den Deutschen darin weit voraus. Während in der Bundesrepublik Alkoholismus höchstens als ein Problem der Unterschicht angesehen wurde, hatten in den USA der trinksüchtige Chirurg Bob Smith und der Börsenmakler Bill Wilson 1935 die Anonymen Alkoholiker gegründet.

Das Treffen der beiden hoffnungslosen Trinker, die nach ihrer Genesung fast wie Heilige verehrt wurden, soll aus purer Not zustande gekommen sein: Makler Wilson fürchtete einen erneuten Rückfall, nachdem seine Geschäfte schlecht gelaufen waren. Er spürte, dass ihn nur das Gespräch mit einem anderen Alkoholiker vom Trinken abhalten konnte. Nach etlichen Telefonanrufen wurde ihm der gescheiterte Chirurg Smith vorgestellt. Sechs Stunden redeten die beiden Männer. Es war der Beginn einer lebenslangen Freundschaft und einer Selbsthilfe-Philosophie mit einer simplen Kernthese: der Zwang zum Trinken schwindet, wenn man sich offen mit anderen Betroffenen austauscht - und das am besten anonym, wenn soziales Prestige und Beruf keine Rolle spielen. Im Zeitalter von Internetforen eine Selbstverständlichkeit, damals ein kaum etablierter Ansatz.

Mit Spiritualität gegen die Sucht

Nachdem Smith und Wilson, so will es die offizielle AA-Gründungsgeschichte, binnen weniger Wochen gemeinsam ihre Sucht bezwungen hatten und die "Washington Post" über die erstaunlichen Erfolge der neuen Selbsttherapie berichtet hatte, nahm die Zahl ihrer Anhänger sprunghaft zu: Schon 1941 gab es in den USA Dutzende lokale Gruppen mit etwa 8000 Mitgliedern, und nach dem Kriegsende verbreiteten die GIs die Philosophie der Organisation mit dem einprägsamen Logo, "AA", in der ganzen Welt. In der Bundesrepublik ging es anfangs nur schleppend voran. Richard, einer der Männer der ersten Stunde, erinnert sich an das Jahr 1954:

Es kam eine schwierige Zeit. Wir waren jetzt sechs Mitglieder und blieben es. Wir hatten keinen Meeting-Raum und trafen uns wöchentlich in Max' Wohnzimmer. Max, ein arbeitsloser Diplom-Ingenieur, von der Zwangsräumung bedroht und mit einer Frau verheiratet, die sich aus ihrer verwüsteten Ehe in Taubheit geflüchtet hatte, gehörte zu den wenigen Glücklichen, die beim ersten Kontakt mit den Anonymen Alkoholikern von der Lebensphilosophie des Programms ergriffen wurden. Er blieb trocken und wurde unser Sponsor.

"Sponsor", eine Art Leiter einer AA-Gruppe, war nur ein Teil einer inzwischen eigenständigen Sprache und Kultur der neuen Organisation. Es ging nicht einfach darum, irgendwie "das erste Glas stehen zu lassen", wie es im Jargon hieß, sondern um Essentielleres: Einsicht, Läuterung, Wiedergutmachung, Spiritualität. Schon 1939 hatten die beiden US-Gründer daher das "Big Book" herausgeben, eine in der ersten Auflage auf außergewöhnlich dickem Papier gedruckte programmatische Fibel mit den Lebensgeschichten ehemaliger Abhängiger - heute eines der am meisten verkauften Bücher der Welt.

"Noch mal in diesem Scheißleben vom Suff loszukommen"

Darin findet sich auch ein geistig-spiritualistische Kernprogramm ("Die zwölf Schritte"), der Versuch eines Fahrplans aus der Abhängigkeit. Das hat der Organisation oft die stets zurückgewiesene Kritik eingebracht, sie sei in Wahrheit eine Art biblische Sekte. Denn neben dem Eingeständnis, "dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind und unser Leben nicht mehr meistern" können, finden sich hier auch solche Sätze: "Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann."

Glaube und einfache, leicht esoterische Weisheiten ("Schritt vier: Wir machten eine gründliche und furchtlose Inventur in unserem Inneren") gegen die Sucht - das schien bei vielen irgendwie gut zu funktionieren. Auch bei Max, dem deutschen Gründer der AA in München. Jahrzehntelang lang soll er getrunken haben, er verlor Beruf, Ansehen, Würde, schlief unter Isarbrücken. Doch ab 1953 avancierte der arbeitslose Ingenieur in München zunehmend zum Hoffnungsträger. Für Menschen wie Manfred etwa, der Ende der fünfziger Jahre versucht hatte, sich mit Gas umzubringen, und deshalb in der Psychiatrie Haar saß:

"Da war ich unter diesen mehr oder minder Halbirren und traf auf einen verdrossen alten Mann, der ziemlich schweigsam herumsaß. Es stellte sich heraus, dass auch er wegen Alkoholismus in Haar war, und sinngemäß sagte er mir: (…) 'Da gibt es einen Mann in München, Max, der macht eine AA-Gruppe. Das ist die einzige Möglichkeit, um in diesem Scheißleben noch mal vom Suff loszukommen.' Er schrieb mir die Adresse von Max auf einen kleinen Zettel auf, den ich ziemlich achtlos in die Tasche steckte."

Psychiatrie, Rückfall, Psychiatrie

Zunächst schenkte Manfred, wie er später erzählte, der flüchtigen Begegnung keine Beachtung. Er hatte sich längst aufgegeben. Nach einer erneuten Einweisung in die Psychiatrie fand seine Frau aber den Zettel in der Tasche. Verzweifelt wendete sie sich an Max, der Manfred bald in der Klinik aufsuchte:

"Auf den ersten Blick war Max ein ziemlich vierschrötiger Mann. Nicht sehr groß, mit einer Stirnglatze und einer schiefen Nase, die so aussah, als wäre sie irgendwann einmal im Suff schief geschlagen worden. Er war nicht sehr redselig an diesem ersten Tag, an dem wir uns sahen. Er rauchte an seiner kleinen Pfeife, die er ganz umständlich anzündete und hörte sich an, was meine Frau und ich uns gegenseitig vorzuwerfen hatten. (…) Ich fragte: 'Was soll ich tun, um aus diesem verdammten, ewigen Suff herauszukommen?' - Er sagte: 'Sie brauchen nichts weiter zu tun, als zunächst den Wunsch zu haben, den Alkohol loszuwerden. Dann werden Sie es eines Tages schaffen.'"

Manfred blieb skeptisch. Doch bei seinem ersten AA-Treffen traf er Harry, seinen alten Trinkkumpanen - gesund, gepflegt und elegant gekleidet wie ein Bankdirektor. Harry war seit zwei Jahren trocken. Das gab Manfred den entscheidenden Anstoß. Während des Spanien-Urlaubs 1963 hatte auch er es offenbar geschafft - er war seit einem Jahr abstinent.

"Ich fing sofort wieder an zu saufen"

"Für mich war dieses eine Jahr eine Fixzahl. Bei den AA wurde immer gesagt, dass dies ein erstrebenswerter Zeitpunkt sei, da nach einem Jahr das alkoholische Denken nachlasse. Ich war überglücklich und schrieb jubelnd eine Karte: 'Lieber Max, ich bin ein Jahr nüchtern, vielen Dank dafür!' Nach dem Urlaub (…) machte ich (von dem Stapel Post), den Brief auf, der ganz oben lag. Herausfiel ein dünnes Stück Papier, auf dem lapidar stand: 'Lieber AA-Freund, hierdurch teilen wir Dir mit, dass der Gründer der deutschen AA, Max, gestorben ist.'

Er hatte meine Karte also nicht mehr bekommen. Max, der mein Sponsor war, den ich - auch wenn es sentimental klingt - lieben gelernt hatte wie einen Vater. Mich hat das furchtbar mitgenommen, und ich fing sofort wieder an zu saufen, obwohl ich dieses Fixjahr erreicht hatte."

Später Durchbruch

Zehn Jahre lang war der deutsche AA-Gründer nüchtern geblieben, er hatte sich wieder hochgearbeitet bis zu einer leitenden Stelle als Ingenieur, bevor er einem Herzinfarkt erlag. Ausgerechnet im Jahr seines Todes schaffte die Organisation in Deutschland den Durchbruch. In Frankfurt und Hamburg wurden weitere Gruppen gegründet, erstmals erschien eine regelmäßige Publikation, der deutsche "Reader's Digest" berichtete und schon bald diskutierten auch Mediziner die vermeintlichen Vorzüge und Nachteile des Ansatzes.

Und Manfred? Er trank und trank. Wegen Max. Oder war das nur ein billiger Vorwand? Er brauchte seine Zeit, aber als er 1972 bei einer Münchner Sitzung über sein Vorbild Max redete, war er schon lange wieder abstinent.



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Bernhard Kerder, 01.11.2013
1.
Wer sich selbst gegenüber definiert Alkoholiker zu sein hat den ersten Schritt hin zu einem trockenen Leben getan. Damit weitere Schritte folgen, ist es nötig, sich das immer wieder zu vergegenwärtigen und dazu ist AA hilfreich. Über seine Sucht, sein nasses und trockenes Leben zu berichten hift jedem der das tut - damit hilft man sich selber - SEBSThilfegruppe at it's best! AA kennt zum Glück keine Patentrezepte sondern nur Hnweise und den riesigen Fundus der Meetingbeiträge der Betroffenen. Übrigens, ein Sponsor leitet keine Gruppe, er begleitet und unterstützt einen anderen Alkoholiker der trocken werden oder bleiben möchte. Und schön wäre gewesen zu erwähnen, dass es die Schwester-Selsthlfegruppen der Angehörigen "Al-Anon" und für Kinder alkoholbelasteter Familien "Alateen" gibt. Trockene, gute 24 Stunden! :-)
Bernhard Kerder, 01.11.2013
2.
Un noch eins, AA ist keine Therapie im herkömmlichen Sinne, schon gar keine kommerzielle Angelegenheit! Und keiner wird in AA zu irgendwas angehalten oder gar gezwungen, z.B. auch nicht nach 3 Monaten vor einer Gruppe einen Vortrag zu halten.
Bernhard Kerder, 01.11.2013
3.
... und noch was: Gute professionelle Suchttherapeuten weisen auf immer wieder auf die AA hin, in positivem Sinne. Wenn Mediziner oder andere aus dem Suchthilfebereich kritsch zu AA stehen, dann liegt es vielleicht daran, dass AA mindestens genauso gut "wirkt" wie die professionell (und mit Geld am Leben haltenen) Angebote, aber kein Prestige und Arbeitsplätze, gar gut dotierte Posten bietet? Dass professionelle Therapie hilfreich ist sei nicht abgestritten, aber die da die meisten Mediziner und Therapeuten selbst keine Alkoholiker finden sie häufig keinen wirklichen Zugang zur individuellen Problematik oder Lebenslage des Alkholikers. Da ist das Gepräch unter Menschen die wissen und verstehen und nachfühlen können wovon die Rede ist, eben weil sie es selbst so oder so ähnlich selbst erlebten, ungemein hilfreicher!
Jürgen Schiffmann, 01.11.2013
4.
Die AA können nur was für gläubige christliche Alkoholiker sein. Die Hälfte des 12-Schritte Programm beruht auf Götterglaube: Zum Glauben kommen, dass nur eine Macht, die größer als man selbst ist, die eigene geistige Gesundheit wiederherstellen kann. Den Entschluss fassen, seinen Willen und sein Leben der Sorge Gottes, wie ihn jeder für sich versteht, anzuvertrauen. Die Bereitschaft, Verhaltensweisen, die das Leben behindern, von Gott entfernen zu lassen. Demütig darum bitten, dass Gott sämtliche persönliche ?chronische das Leben behindernde Verhaltensweisen? beseitigt. Durch ?Gebet und Besinnung? versuchen (bzw. die Verbindung suchen), eine tiefe bewusste Beziehung zu Gott, wie ihn jeder für sich selbst versteht, zu verbessern und um die Erkenntnis beten, seinen Willen zu sehen und die Kraft, ihn umzusetzen. Nach der nun erfahrenen ?spirituellen Erweckung? versuchen, die Botschaft (wie der Einzelne die Schritte für sich genutzt hat und weiter danach lebt) an andere Betroffene weiterzugeben und seinen Alltag nach den Grundsätzen der jeweiligen Zwölf-Schritte-Gruppe auszurichten. https://de.wikipedia.org/wiki/Zw%C3%B6lf-Schritte-Programm#Zw.C3.B6lf_Schritte
Peter Grolig, 04.11.2013
5.
60 Jahre begleiten uns die AA durchs Leben - zumindest ein paar glückliche, die Kontakt zu den AA bekamen. 60 Jahre, in denen der Staat offenbar nichts auf die Reihe gebracht hat um Menschen vor der Alkoholsucht zu bewahren. Im Gegenteil. Ich habe noch gut in Erinnerung, wie kläglich der Staat und auch die Gesellschaft versagt haben als in den 1970er Jahren das Drogenproblem die Jugend traf. Auch heute noch scheinen sowohl Staat als auch Gesellschaft nicht willens zu sein daran etwas zu ändern. Alkohol gehört geächtet, die Werbung im Fernsehen und im Kino gehört sofort verboten. Schulen müssen verpflichtet werden statt Religion z.B. ein Anti-Sucht-Programm zu lehren. Wo sind die Anlaufstellen für süchtige Jugendliche? Gibt es das auch in kleinen Städten - sogenannten Provinz-Orten? Hier ist die von der Politik im Stich gelassene Gesellschaft gefragt.
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