60 Jahre Bundesrepublik Der vergessene Vater des Grundgesetzes

Erst Emigrant, dann Entscheider im Hintergrund: 1934 floh der überzeugte Sozialdemokrat Hans Simons aus Deutschland. 13 Jahre später kehrte er als Berater für politische Nachkriegsstrategien der USA zurück - und wurde zur Schlüsselfigur für die Entstehung des Grundgesetzes.

Gerhard E. Simons

Von Philipp Heß


Ein letztes Mal schweifte sein Blick aus dem Fenster des Poelzig-Baus über das zerstörte Frankfurt am Main. Am 15. Mai 1949 verließ Hans Simons zusammen mit seinem Vorgesetzten, dem Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte in Europa, General Lucius D. Clay, das Hauptquartier der amerikanischen Militärverwaltung und wenig später auch Deutschland. Die Arbeit war getan, die westlichen Besatzungszonen hatten nach langen Verhandlungen eine demokratische Verfassung erhalten und er, Simons, hatte seine Mission erfüllt.

Es war das beste Ergebnis, das die Alliierten und die Deutschen hatten bekommen können, wird er später resümieren. Er konnte das beurteilen, denn mit maßvollem Druck, diplomatischem Geschick und Gespür für das Machbare hatte er die schwierigen Verhandlungen zwischen den Alliierten und den Deutschen über das deutsche Grundgesetz begleitet, hatte vermittelt und unerbittlich auf Einigung gedrungen - und war dabei selbst bescheiden im Hintergrund geblieben. Seine Herkunft und markante Wechselfälle seines Lebens hatten ihn für diese entscheidende Rolle offenbar prädestiniert.

Demokrat ohne Republik

Schon einmal hatte Hans Simons seine Sachen gepackt, um Deutschland zu verlassen. Das war im Sommer 1934. Damals waren viele seiner Kollegen und Freunde in frühen Konzentrationslagern des NS-Regimes verschwunden. Als politisch Andersdenkende passten sie nicht in die neue deutsche Volksgemeinschaft. Nachdem die Gestapo auch seine Wohnung durchsucht hatte, verließ Simons sein Heimatland. Der Politik- und Staatswissenschaftler folgte - nach einem ungewissen Jahr im Schweizer Exil - einem Ruf an die University in Exile in New York, dem Zufluchtsort vertriebener Wissenschaftler aus Europa.

Auf der Überfahrt in seine neue Heimat erinnerte sich Simons an das turbulente Leben, das hinter ihm lag, die Erlebnisse in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges und wie er nach einem Kopfschuss in einem Lazarett aufgewacht war, die Verhandlungen in Versailles, die er als Sekretär seines Vaters, des Reichsgerichtspräsidenten und Reichsaußenministers Walter Simons, begleitet hatte, und an den Völkerbund, dieses Fanal der Hoffnung für eine friedliche Welt. Simons war davon fest überzeugt gewesen. Dem Völkerbund hatte er seine Dissertation gewidmet, als Mitglied der Deutschen Liga für den Völkerbund hatte er versucht, auch seine Mitmenschen davon zu überzeugen.

In den zwanziger Jahren lehrte Simons an der vom liberalen Geist geprägten Deutschen Hochschule für Politik in Berlin, daneben arbeitete er für verschiedene Ministerien der preußischen Ministerialbürokratie, bis er schließlich in Liegnitz Regierungspräsident der preußischen Provinz Schlesien wurde. Der sogenannte Preußenschlag, bei dem Franz von Papen 1932 im Handstreich die Regierung absetzen und sich selbst zum Reichskommissar für Preußen ernennen ließ, bedeutete den Anfang vom Ende der ersten deutschen Demokratie. Mit der Vertreibung der Demokraten aus allen öffentlichen Ämtern wurde auch für Hans Simons die "Wiederherstellung der Sicherheit und Ordnung im Gebiete des Landes Preußen" zum Finale seiner bis dahin engagierten Arbeit für eine rechtsstaatliche Republik.

Im Dienst Amerikas

Angekommen in den USA fand sich Simons in seiner neuen Exilheimat schnell zurecht und lernte innerhalb kurzer Zeit die englische Sprache. 1940 nahm er die Staatsbürgerschaft der USA an, doch seine alte Heimat verlor er dabei nicht aus dem Blick: Nebenamtlich betätigte er sich im Office of Secret Services (OSS), dem Nachrichtendienst des amerikanischen Kriegsministeriums als Berater für politische Nachkriegsstrategien der USA für Europa.

Simons war klar, dass den USA bei der Gestaltung der politischen Nachkriegsordnung eine besondere Rolle zukäme - wie schon nach dem Ersten Weltkrieg. In einem Aufsatz von 1943 unter dem Titel "Die Bedingungen der Bedingungslosen Kapitulation" erklärte er, dass Deutschland zwar zum schnellstmöglichen Zeitpunkt eine souveräne Regierung und Verwaltung erhalten sollte, eine Kontrolle durch die Besatzungsorgane müsse aber auf unbestimmte Zeit durchgeführt werden.

Als das "Dritte Reich" am 8. Mai 1945 aufhörte zu existieren, war an eine souveräne Regierung allerdings zunächst nicht zu denken: Die Städte lagen in Trümmern, aber auch das politische Bewusstsein und jeder Sinn für Partizipation und Demokratie waren aus dem Vokabular der Deutschen herausmarschiert oder ausgebrannt worden. Versorgungsnot und Verdrängung bestimmten den Nachkriegsalltag, die Suche nach einer demokratischen Verfassung sicher nicht.

Als Amerikaner zurück in Deutschland

Die dünne Schicht derjenigen, die sich mit der Frage nach der Verfassung des künftigen Deutschlands beschäftigten, waren Berufspolitiker, die sich nicht mit dem NS-Regime arrangiert hatten, auf Anweisung der Westmächte versammelt im Parlamentarischen Rat. Viele Mitglieder des Rates hatten bereits in der Weimarer Republik politische Ämter inne gehabt, wie der ehemalige Reichstagsabgeordnete Theodor Heuss, ein früherer Kollege von Hans Simons an der Deutschen Hochschule für Politik.

Durch seine Arbeit beim OSS mit dem Thema vertraut, wurde Simons im Sommer 1947 von General Lucius D. Clay zum Chef der Governmental Structures Branch im Office of Military Government for Germany (OMGUS) ernannt. Der Emigrant mit deutschen Wurzeln wurde zum Verbindungsoffizier zwischen der US-Militäradministration und dem Parlamentarischen Rat. Seine Kenntnisse von Land und Leuten, aber auch seine persönliche Bekanntschaft mit Mitgliedern des Rates noch aus Weimarer Zeiten, machten ihn zum geeigneten Akteur im Hintergrund. In zahlreichen Gesprächen mit den Konstrukteuren des Grundgesetzes sollte er die Autorität der amerikanischen Militärverwaltung durchsetzen.

Simons stand so an der Spitze der alliierten Delegation, die dem Parlamentarischen Rat am 10. April 1949 das Besatzungsstatut übergab. Er betonte dabei, dass es sich um eine "Entscheidung von weltpolitischer Bedeutung" handele, und dass "nachteilig erscheinende Einzelheiten" nicht für die Erarbeitung des Grundgesetzes ausschlaggebend sein dürften. Bereits ein knappes Jahr zuvor hatte der stets nach Kompromissen suchende Vermittler mit Erfolg das lange Ringen um die Namensgebung der zukünftigen Verfassung beendet: Nach einer Besprechung mit dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Karl Arnold zeigte sich Simons bereit, die Bezeichnung Grundgesetz anzunehmen, wenn diese den Zusatz "vorläufige Verfassung" in Klammern erhalte.

Kleine Schritte

Die Erarbeitung des Grundgesetzes selbst war von kontroversen Ansichten im Parlamentarischen Rat geprägt - eine besondere Herausforderung für Simons, die er mit viel Geduld zu meistern versuchte. Als ehemaliges Mitglied der SPD gewann er schließlich beim konservativen Flügel des Rates Einfluss, vor allem auf Anton Pfeiffer (CSU), Leiter des Verfassungskonvents im August 1948 auf Herrenchiemsee. Pfeiffer ließ sich von Simons überzeugen, dass die neue Verfassung den Deutschen ein großes Stück neuer Freiheit zurückgeben könnte.

Es waren immer nur kleine Fortschritte, die mit solchen Einzelgesprächen erzielt werden konnten; ein Scheitern der Verhandlungen war jederzeit möglich. In eindringlichem Ton mahnte Simons deshalb, "dass nun bald die Zeit gekommen sei, wo man mit den Vertretern des Parlamentarischen Rates einmal ganz deutlich werden müsse". Unmissverständlich gab er zu erkennen, dass die Alliierten allmählich die Geduld verloren. Trotzdem entschieden sie sich für Kompromisse.

Bei einer finalen Sitzung mit Carlo Schmid (SPD), Anton Pfeiffer (CSU) und Konrad Adenauer (CDU) am 23. April 1949 konnte Simons die beteiligten Parteien schließlich auf eine baldige Beschlussfassung verpflichten - obwohl alle drei bis zu diesem Zeitpunkt noch ganz unterschiedliche Auffassungen bezüglich des Termins vertraten.

Das langwierige Ringen um eine "vorläufige Verfassung" endete am 8. Mai 1949 um 23.55 Uhr. Das Grundgesetz konnte verabschiedet werden. Dem deutsch-amerikanischen Vermittler, der nicht locker gelassen hatte, dankte Theodor Heuss mit dem Bundesverdienstkreuz. Dauerhaft in Deutschland bleiben wollte Hans Simons aber nicht. Zurück in den USA wurde er Präsident der New School for Social Research in New York und arbeitete als internationaler Bildungsexperte für Indien und Lateinamerika, bevor er nach kurzem Ruhestand 1972 starb.



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