60 Jahre Bundesrepublik "Die Leute hielten den Atem an"

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WDR

Wutanfälle und Bombendrohungen: ARD-Moderatorenlegende Friedrich Nowottny erinnert sich an die Stars der ersten Großen Koalition, die Affäre um Kanzlerspion Günter Guillaume und das seltsame Verhalten von Politikern vor der Kamera. Von

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SPIEGEL: Herr Nowottny, als Sie 1967 nach Bonn kamen und die Sendung "Bericht aus Bonn" machten, befand sich das Land in einer Rezession und wurde von einer Großen Koalition regiert - ähnlich wie heute. Wie war die Stimmung damals?

Nowottny: Vor 42 Jahren gab es weniger als 500.000 Arbeitslose, das haben wir aber schon als tiefgreifende Erschütterung empfunden. Das Haushaltsdefizit lag bei 10,6 Milliarden Mark, machte also immerhin mehr als 13 Prozent des Haushaltsvolumens von fast 80 Milliarden aus. Man war unsicher und auch immer noch geprägt von den Erinnerungen an die Weltwirtschaftkrise der dreißiger Jahre. Die hatten viele der Handelnden ja noch selbst erlebt.

SPIEGEL: Heute haben viele Bürger den Eindruck, die Politiker wissen nicht so genau, was sie tun sollen, um der Krise Herr zu werden. War das damals anders?

Nowottny: Die Lage ist jetzt unübersichtlicher. Ich habe nachgedacht, wann die Unsicherheit je so groß war wie heute, mir ist nur die Kuba-Krise eingefallen, in der es um Krieg und Frieden zu gehen schien.

SPIEGEL: Viele Wirtschaftswissenschaftler bewerten die Arbeit der ersten Großen Koalition nicht so positiv.

Nowottny: Ich finde - auch im Rückblick -, sie hat die Chancen, die sie hatte, gut genutzt. Die haben doch eine Menge gemacht. Es gab den gescheiten SPD-Professor Karl Schiller als Wirtschaftsminister. Und Franz Josef Strauß von der CSU, der war nach dem Urteil von Leuten, die davon etwas verstehen, einer der herausragenden Finanzminister der damaligen Zeit. Die Spannung, die sich zwischen den beiden ergab, führte dazu, dass überzeugendere Lösungen gefunden wurden als heute. Und sie haben ihre Politik damals auch besser verkauft.

SPIEGEL: Plisch und Plum waren die Spitznamen von Schiller und Strauß. Eine ihrer Erfindungen hieß "Mittelfristige Finanzplanung", genannt Mifrifi, eine andere "Konzertierte Aktion". Haben die Bundesbürger die Politiker damals besser verstanden - oder haben sie einfach auf die Weisheit von Plisch und Plum vertraut?

Nowottny: Im Wahlkampf 1969 war ich mit Schiller in Dortmund unterwegs. Da standen vielleicht 20.000 Leute auf einem Riesenplatz. Schiller redete fast eine Stunde zum Thema Wechselkurse. Die spielten damals eine gewaltige Rolle. Es war ein strahlender Herbsttag, und diese 20.000 Menschen waren still wie in einer Kirche. Sie hörten zu, verstanden wenig und jubelten. Auch die Journalisten hatten Schwierigkeiten zu folgen. Aber Schiller trug so überzeugend vor, dass die Leute gesagt haben, Alternativen kann es gar nicht geben.

SPIEGEL: Auf die Große Koalition folgte 1969 die sozial-liberale Regierung mit Willy Brandt an der Spitze.

Nowottny: Ostpolitik, Ölkrise, Koalitionszerfall, Stichworte nur - oft voller Dramatik. Das Spannendste war das konstruktive Misstrauensvotum am 27. April 1972. In den Fabriken ruhte die Arbeit, Frauen und Männer unterbrachen ihre Einkäufe, große Menschentrauben versammelten sich vor Radios und Fernsehgeräten.

SPIEGEL: Nach Übertritten von FDP- und SPD-Abgeordneten zur Union schien es, als habe die sozial-liberale Koalition im Parlament die Mehrheit für ihre Ostpolitik verloren.

Nowottny: Deutschland stand still während dieser Abstimmung, und dann der Jubel in den Betrieben, als das Misstrauensvotum niedergestimmt worden war - eine unglaubliche Geschichte, die sich so wohl nie wiederholen wird.

SPIEGEL: Erst später stellte sich heraus, dass zwei Abgeordnete, die das Votum gegen Brandt zu Fall brachten, gekauft waren. Und die Abstimmung, die der Kanzler als großen Triumph empfand, änderte auch nichts daran, dass ihm eine klare parlamentarische Mehrheit fehlte.

Nowottny: Alle Fraktionen einigten sich deshalb auf Neuwahlen, und so kam es zu der legendären "Willy-Wahl" am 19. November 1972. Mit der höchsten Beteiligung überhaupt, 91,1 Prozent, und mit dem damals unglaublichen SPD-Wahlslogan: "Deutsche, wir können stolz sein auf unser Land". Das muss man sich mal vorstellen, ein Sozialdemokrat sagte das. Die Leute hielten den Atem an.

SPIEGEL: Im Laufe seiner Kanzlerschaft wirkte Brandt immer entrückter. Wie haben Sie ihn als Interviewpartner erlebt?

Nowottny: Was Sie "entrückt" nennen, war wohl eine Schutzreaktion darauf, dass man ihn jahrelang kübelweise mit Dreck beworfen hatte, als Emigranten, als unehelichen Sohn, als Vaterlandsverräter. Daraus erwuchs die Fähigkeit, Dinge an sich ablaufen zu lassen. Im Umgang mit Journalisten war er sehr zurückhaltend, er fiel keinem um den Hals. Ich erinnere mich vor allem an dieses peinliche Interview, das ich mit ihm gemacht habe.

SPIEGEL: Wann war das?

Nowottny: Nach dem ersten deutschfranzösischen Gipfel mit Brandt und dem französischen Präsidenten Georges Pompidou 1970 hier in Bonn. Ich hatte Regierungssprecher Conrad Ahlers gesagt: "Drei Fragen, drei Antworten, eine Minute dreißig". Ahlers geht zu Brandt, und ich sehe schon von weitem: "Onkel Willy", im Vollbesitz dieses Überstaatsmännischen, das man nach so einem Gipfeltreffen offenbar mit auf den Weg nimmt, fällt das Gesicht runter bis zum Gurt. Ich stelle also meine Fragen, und Brandt antwortet nur mit Ja und Nein. Einmal hat er, glaub ich, noch gesagt, das werde er hier nicht erzählen. Es war schrecklich.

SPIEGEL: Wie viel hatten Sie als Berichterstatter denn mit Günter Guillaume zu tun, Brandts engem Mitarbeiter, der ein Spion der DDR war?

Nowottny: Wir kannten den alle und schätzten ihn als guten Organisator. Der hat für mich mal Willy Brandts Wahlzug angehalten.

SPIEGEL: Wieso das?

Nowottny: Weil Freitag anstand und damit der "Bericht aus Bonn". Wir waren in Stuttgart, und über Nacht reiste der Zug nach Norddeutschland. Damals war die RAF schon aktiv, wir fuhren von Bombendrohung zu Bombendrohung. Ich hatte den Studiofahrer nach Koblenz bestellt. Es war vereinbart, dass Brandts Zug dort hielt. Irgendwann kam dann die Nachricht, wir haben wieder eine Bombendrohung, wir fahren nicht über Koblenz.

SPIEGEL: Und da trat Guillaume in Aktion?

Nowottny: Der hat das mit der Bahn geregelt. Der Zug blieb auf freier Strecke stehen, ein grauer VW der Bahnpolizei wartete schon auf mich. Ich musste einen steilen Hang runter, dort fing mich ein Bahnpolizist auf. Oben winkte Guillaume noch kurz, schloss die Tür, und weiter ging die Fahrt.

SPIEGEL: Wie war Ihre Reaktion, als Guillaume im April 1974 aufflog?

Nowottny: Ich war mit meiner Frau und unseren beiden kleinen Kindern auf dem Rückweg aus dem Urlaub. Wir fuhren gerade in die Tiefgarage eines Hotels in Ulm, als die Meldung von der Festnahme Guillaumes kam. Ich habe laut gelacht, weil ich mir vorstellte, wie der in Handschellen abgeführt wurde. Aber dann wurde mir plötzlich klar, wie sich alle die Merkwürdigkeiten erklärten, die mir in den Wochen zuvor um Willy Brandt herum aufgefallen waren.

SPIEGEL: Welche Merkwürdigkeiten?

Nowottny: Der Kanzler war plötzlich vollkommen abgeschirmt, den gab es für uns nicht mehr. Ich weiß noch, wie wir über das Presseamt, den Büroleiter, den Fraktionschef versuchten, an Willy Brandt ranzukommen. Nichts. In unserer Not schrieben wir eine Notiz und übergaben sie dem bekannten Herrn Guillaume.

SPIEGEL: Da hatte der Verfassungsschutz den Mann schon lange als Spion im Visier, ihn aber im Kanzleramt belassen, um weitere Beweise zu sammeln.

Nowottny: Das war ein wohl gehütetes Geheimnis, von dem wir alle nichts wussten. Also schrieb ich: "Lieber Herr Guillaume, wir brauchen dringend ein Interview mit dem Bundeskanzler." Guillaume ging mit dem Zettel zu Reinhard Wilke, Brandts Büroleiter, und Wilke, sonst ein sehr netter und auch hilfsbereiter Mensch, kriegte einen irrsinnigen Wutanfall, kam rüber gerannt und pfiff mich an, warum ich mich an den Guillaume gewandt hätte. "Sie müssen doch unsere Not verstehen", antwortete ich, aber er brummelte nur und verschwand.

SPIEGEL: Und? Haben Sie Ihr Interview bekommen?

Nowottny: Natürlich nicht. Brandt war wie vom Erdboden verschwunden.

SPIEGEL: Sie haben im "Bericht aus Bonn" einen frecheren Befragungsstil eingeführt als in den betulichen Adenauer-Jahren üblich. Gab es da Ärger?

Nowottny: Dazu fällt mir noch eine Begebenheit mit Willy Brandt ein. In einer Wahlnacht habe ich ihm mal angekündigt: "Herr Brandt, gleich werde ich sagen: ,Meine Damen und Herren, die Vorsitzenden der hier versammelten Parteien haben mich beauftragt, den Wählerinnen und Wählern, die sie jeweils gewählt haben, in ihrem Namen auf diesem Wege herzlich zu danken. So sparen wir etwa drei Minuten.'" Ich tat das, und Brandt war stocksauer.

SPIEGEL: Bonn ist eine kleine Stadt. War das Verhältnis zwischen Politikern und Journalisten dort vertrauter als heute in der Millionenstadt Berlin?

Nowottny: Der ehemalige Wirtschaftsminister Wolfgang Clement, der in Berlin oft eine schlechte Presse hatte, hat einmal gesagt, in Bonn wäre es ihm anders ergangen, weil man sich häufiger traf. Da ist was dran. Politiker, die sich nicht fair behandelt fühlten, konnten die Reporterin oder den Reporter leichter am Kragen fassen und sagen, was du da geschrieben hast, war großer Mist. Parlament, Kanzleramt, Redaktionsbüros lagen fußläufig beieinander.

SPIEGEL: Heute spielt die äußere Erscheinung beim Medienauftritt von Politikern eine wichtige Rolle. Auch Angela Merkel inszeniert sich sorgfältig. War das damals schon so?

Nowottny: Ja. Helmut Schmidt hatte immer einen kleinen Kamm in der Hand, den man kaum sehen konnte, mit dem fuhr er sich schnell noch durchs Haar. Außerdem bestand er stets darauf, im Studio auf eine ganz bestimmte Art plaziert zu werden, mit dem Hinweis, er höre auf der anderen Seite schlecht. Er hörte wirklich schlecht, dennoch war das wohl nicht die ganze Wahrheit. Ich hab mal zu ihm gesagt, Herr Bundeskanzler, Ihr Berater hat Ihnen doch gesagt, dass dort Ihre Schokoladenseite ist.

Aber davon mal abgesehen: Wenn Sie mich fragen, wer von den vielen Politikern, mit denen ich es zu tun hatte, der Kompetenteste und der Präziseste war, dann sage ich ohne zu zögern: Helmut Schmidt.

SPIEGEL: Helmut Kohl ist lange als "Birne" verspottet worden. Warum wurde der Mann so unterschätzt?

Nowottny: Weil die meisten in ihrer unglaublichen Arroganz geglaubt haben, da kommt wirklich so etwas wie eine Birne. Adenauer hielt man für den Vater des Vaterlandes, Ludwig Erhard für den Retter von Ökonomie, Aufschwung und Wachstum. Kiesinger war ein Zwischenereignis der deutschen Geschichte, Brandt der große überhöhte Staatsmann, der das Land nach Osten öffnete. Und Helmut Schmidt war der Mann, der die Republik souverän durch schwierige Zeiten gesteuert hat.

SPIEGEL: Woran dachte man bei Helmut Kohl?

Nowottny: Lange nur an seinen Weinkeller. Er war der erste Normalfall auf dem Stuhl des Bundeskanzlers, einer, von dem man nicht viel erwartete. Und dann ist er in die Geschichte eingegangen als jemand, dem es gelungen ist, nach vielen Irrungen und Wirrungen die Wiedervereinigung zu stemmen. Und Helmut Kohl hat immerhin 16 Jahre regiert - zwei Jahre länger als Konrad Adenauer.

SPIEGEL: Mit den Grünen zog 1983 eine neue Partei in den Bundestag ein. Empfanden Sie die als Bereicherung?

Nowottny: Da war ich mir nicht sicher. Andererseits merkte ich in meiner eigenen Familie, dass sich bei jungen Leuten etwas entwickelte. Meine Tochter kam nachts nicht nach Hause, und als ich nach ihr fragte, sagte meine Frau streng: "Sie blockiert das Verteidigungsministerium, Tor vier."

SPIEGEL: Wie haben Sie reagiert?

Nowottny: Ich fuhr zu Tor vier, da hockten Tausende von jungen Leuten und sangen Lieder. Der Morgen dämmerte, plötzlich steht dahinten eine auf, meine Tochter. Unglaublich, das hat mich sehr berührt. Man musste die Grünen mit ihrem Schlabberlook nicht mögen, aber sie haben die politische Landschaft vorübergehend geprägt, und sie haben ihr gut getan.

SPIEGEL: Herr Nowottny, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten Karen Andresen und Hartmut Palmer.


Dieses Interview ist erschienen im neuen SPIEGEL GESCHICHTE "Ein deutsches Wunder - Sechzig Jahre Bundesrepublik"


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