60 Jahre Bundestag Als Bonn an die Spree zog

Vor sechzig Jahren trat der Bundestag zum ersten Mal zusammen. Das einzige direkt vom Volk gewählte Verfassungsorgan der Bundesrepublik war ein kleines, idyllisches Parlament am Rhein. Bis zum 19. April 1999. Dann wurde alles anders. Oder nicht?

Dominik Baur

Von Dominik Baur


Wenn Wolfgang Thierse von seinem Büro in den Plenarsaal geht, tritt er jedes Mal über eine Linie auf dem Boden. Steinplatten markieren hier den einstigen Verlauf der Mauer. "Jeden Tag gehe ich über die Grenze, mehrmals", sagt der Vizepräsident des deutschen Bundestags. "Und immer wieder fällt es mir dann ein. Das ist noch heute ein irres Gefühl, wenn man so lange die Spaltung erlebt hat."

Der Reichstag, das war für den heute 65-Jährigen schon immer ein besonderer Ort. In den sechziger Jahren konnte er ihn als Germanistikstudent von der Ostberliner Humboldt-Universität aus sehen. Von hinten. Und oben drauf wehte immer eine deutsche Fahne. "Es war ein Sehnsuchtsobjekt - so nah und so unerreichbar." Als Thierse dann 1988 zum ersten Mal zu einem Verwandtenbesuch in den Westen durfte, fuhr er mit der S-Bahn an dem geschichtsträchtigen Bau vorbei. "Plötzlich sah ich das Reichstagsgebäude von der anderen Seite. Da hätte ich beinahe geheult."

Dass der ostdeutsche SPD-Politiker einmal zum täglichen Grenzgänger würde, war jedoch auch nach dem Fall der Mauer keine Selbstverständlichkeit. Dazu musste erst einmal der Bundestag, seine neue Wirkungsstätte, nach Berlin umsiedeln. Diesem Umzug war eine der leidenschaftlichsten Debatten in der Geschichte dieses Parlaments vorausgegangen. Zwölf Stunden lang diskutierten die Abgeordneten am 20. Juni 1991 im Plenarsaal des Bonner Wasserwerks, wohin der Bundestag ausgewichen war, während sein altes Gebäude eingerissen und komplett neu geplant und errichtet wurde. Um 21 Uhr 49 gab Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth das Ergebnis bekannt. Mit einer Mehrheit von gerade einmal 18 Stimmen hatte der Bundestag den Umzug von Parlament und Regierung nach Berlin beschlossen.

Die Debatte war von zwei Rednern eröffnet worden - Norbert Blüm sprach für die Bonn-Befürworter, Wolfgang Thierse plädierte für den Umzug. Thierse kann den Stolz auf seine Rede von damals nicht verhehlen. Bis tief in die Nacht hat er daran gefeilt. "Und ich stehe noch heute zu jedem Argument." Und vielleicht, ja vielleicht hat seine Rede ja dazu beigetragen, ein paar der Wankelmütigen zu überzeugen. "Es gab bis zuletzt viele Unentschlossene. Die meisten Abgeordneten dachten, es geht für Bonn aus. Auch ich habe fest damit gerechnet, dass es schiefgeht."

"Warum soll sich bei uns was ändern?"

"Ich hätte das schon als eine bitterböse Niederlage empfunden, eine Entscheidung gegen die wirkliche Wiedervereinigung Deutschlands, eine Entscheidung gegen die jahrzehntelangen Versprechen der westdeutschen Politik, dass Berlin die Hauptstadt bleibt und de facto wieder wird", sagt Thierse, der sich damals oft über seine neuen "Mitbürger" geärgert hat. "Da war ja diese Grundstimmung im Westen: Warum soll sich bei uns was ändern, nur weil nebenan der kommunistische Laden zusammengebrochen ist?"

Heute, zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer, erscheint es unverständlich, wieso so viele Parlamentarier trotz Wiedervereinigung an einem erklärten Provisorium festhalten wollten. Teils war es die Anhänglichkeit ans beschauliche Bonn, teils die enormen Kosten eines Umzugs, teils der Verweis auf die erfolgreiche Geschichte der "Bonner Republik", die so manchen zaudern ließ. Schließlich stand Bonn für "eine der glücklichsten Epochen der republikanischen Tradition in Deutschland" (Blüm).

Mitunter gab es auch abstruse Vorbehalte gegenüber Berlin, als stehe die Stadt, die auch Hauptstadt von Kaiserreich und Nazi-Deutschland war, für ein Anknüpfen an deutsche Großmachtsphantasien. Doch diese Diskussion ist Vergangenheit. "Es gibt keinen Abgeordneten mehr", sagt Thierse, "der nicht findet, es sei eine 100 Prozent richtige Entscheidung gewesen. Allen gefällt es hier."

Symbol für die Widersprüchlichkeiten der deutschen Geschichte

Rückblende. Es ist der 9. November 1918, dieses so vielfältig entscheidende Datum in der deutschen Geschichte. Gegen 14 Uhr tritt ein Mann auf den Balkon des Reichstags, ein Abgeordneter der Sozialdemokraten. Mitte 50, Glatze, Spitzbart. Es ist Philipp Scheidemann. "Arbeiter und Soldaten", setzt der SPD-Politiker an und spricht dann vom Ende des grauenhaften Kriegs, von vergossenem Blut und einem abgedankten Kaiser. Die Rede dauert nur wenige Minuten. Scheidemann schließt mit den Worten: "Es lebe die deutsche Republik."

Es ist nicht nur die militärische Niederlage im Ersten Weltkrieg, sondern auch der Kampf der Reichstagsmehrheit für eine Demokratisierung Deutschlands, der schließlich in den Beginn der ersten deutschen Republik mündet. Nach glücklosen Gehversuchen in der Frankfurter Paulskirche 1848/49 hatte mit der Wahl des ersten Reichstags 1871 die eigentliche Geschichte des deutschen Parlamentarismus begonnen. Nun begann an selber Stelle die Geschichte der deutschen Demokratie.

In den großen Momenten des Aufbruchs und des Untergangs der ersten deutschen Republik war das Parlament jedoch nicht im Reichstag. Die Verfassung wurde in Weimar beschlossen, das Ermächtigungsgesetz gegenüber dem Reichstagsgebäude in der Kroll-Oper. Und doch ist das Gebäude ein Symbol. Ein Symbol, das die Widersprüchlichkeiten der deutschen Geschichte vereint: Wilhelm II., der vom "Reichsaffenhaus" sprach, Scheidemanns Proklamation der Republik und den Reichstagsbrand; der Soldat der Roten Armee, der auf dem berühmten, nachgestellten Foto die Sowjetfahne auf der Kriegsruine hisst, und Ernst Reuter, der am 9. September 1948 vor dem Gebäude steht und seine berühmteste Rede hält: "Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft, nicht preisgeben könnt!"

"Mit Verlaub, Herr Präsident ..."

Nach dem Zweiten Weltkrieg, Berlin war nun die Ruine, die der Reichstag schon seit dem Brand 1933 war, nahm der deutsche Parlamentarismus woanders seinen Lauf. Auf Drängen der Westalliierten erarbeitete der Parlamentarische Rat ab September 1948 in Bonn widerstrebend das Grundgesetz. Als vorläufige Verfassung sollte es eigentlich nur bis zu der Vereinigung mit dem Ostteil Deutschlands dienen.

Als einzig gewähltes Verfassungsorgan sah der Rat einen "Volkstag" vor, der erst relativ spät den Namen "Bundestag" erhielt. Mit seinem Zusammentreten am 8. September 1949 beginnt die erste Erfolgsgeschichte eines deutschen Parlaments. In Bonn, einem Universitätsstädtchen am Rhein, das zwar auf eine fast 2000-jährige Geschichte zurückblicken konnte, aber außer durch seinen berühmten Sohn Beethoven bislang in der Welt kaum aufgefallen war.

Hierhin sollte nun das Volk fünfzig Jahre lang seine Vertreter schicken. Hier wurden die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die soziale Marktwirtschaft beschlossen, der Weg in Nato und EU bereitet, Willy Brandt erklärte seine Ostpolitik, die Notstandsgesetze wurden verabschiedet, 14 Jahre Konrad Adenauer und 16 Jahre Helmut Kohl überdauert, langweilige Debatten wurden geführt und spannende Reden gehalten; und Joschka Fischer sprach die an den Bundestagsvizepräsidenten Richard Stücklen gerichteten Worte: "Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch."

Kuppel statt Baldachin

Und im anderen Deutschland, im thüringischen Eisfeld lauschte in den fünfziger Jahren ein Junge am Radio begeistert den Übertragungen aus dem Bundestag. "Mit einer mir heute eigentlich gar nicht mehr erklärbaren Faszination habe ich die Reden gehört", erzählt Wolfgang Thierse. "Und ich weiß noch genau, welche Redner mir besonders gefallen haben: Thomas Dehler, Carlo Schmid, Herbert Wehner, selbst Kiesinger habe ich als tollen Redner in Erinnerung."

Heute gehört er selbst zu den bekanntesten Bundestagsgesichtern. Und in der großen Stunde, als das Parlament schließlich sein neues Heim bezog, war er sogar der Hausherr. Am 19. April 1999 nahm er als Bundestagspräsident aus den Händen von Sir Norman Foster den 50 Zentimeter langen Schlüssel zum Reichstagsgebäude entgegen. Der Architekt hatte sich zwar von etlichen seiner Pläne verabschieden müssen - so wollte er einen gigantischen Baldachin über einem kuppellosen Reichstag errichten -, schuf aber schließlich ein Parlamentsgebäude, das schnell zu einem der größten Besuchermagneten Berlins wurde.

Die unaufgeregte Republik

Es ist die 33. Sitzung der 14. Legislaturperiode, zum ersten Mal regiert Rot-Grün auf Bundesebene, und im Kosovo tobt der Krieg - an dem Einsatz ist auch die Bundeswehr beteiligt. Fast alle 672 Abgeordneten sitzen in dem neuen Plenarsaal, als Thierse in seiner Eröffnungsrede von "tragischer geschichtlicher Dialektik" spricht und eine Verbindung zwischen Krieg und Umzug herstellt. Beide hätten eine gemeinsame Ursache: "Das Ende des Kommunismus. Es hat uns das Glück der deutschen Einheit beschert, aber eben nicht - wie es doch vieler Menschen Hoffnung 1989 und 1990 war - das goldene Zeitalter des Friedens, sondern neue, alte Gewalt."

Und es ist noch mehr passiert seither. Da war der 11. September, nach dem Soldaten nun auch nach Afghanistan geschickt wurden. Dann kam die Agenda 2010. Eine Frau wurde Kanzlerin, eine ostdeutsche noch dazu. Schließlich hat sich mit der Linken vermutlich langfristig eine fünfte Kraft im Bundestag etabliert. Und jetzt ist auch noch Finanzkrise.

Und trotzdem: Wer vor der neuen "Berliner Republik" Angst hatte, davor, dass die Deutschen jetzt größenwahnsinnig würden, der kann sich bislang beruhigt zurücklehnen. Das neue Deutschland ist noch die alte, unaufgeregte Bundesrepublik aus Bonn. Nicht umsonst trägt der Bundesadler, der im Plenarsaal hinter dem Bundestagspräsidium prangt, den Spitznamen Fette Henne. Anders als etwa sein amerikanischer Artgenosse wirkt er auf angenehme Weise - harmlos.



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