60 Jahre Bundesverdienstkreuz Die Blechlawine

60 Jahre Bundesverdienstkreuz: Die Blechlawine Fotos
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Diktatoren? Nazi-Schergen? Steuerflüchtlinge? Ausgezeichnet! Mehr als 240.000-mal wurde das Bundesverdienstkreuz seit seiner Einführung 1951 verliehen. einestages zeigt die peinlichsten Würdenträger aus 60 Jahren. Von

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Einen Orden bekommt man nicht einfach so. Schon gar nicht vom Bundespräsidenten. Zumal Bütefisch noch nicht einmal ein bekannter Mann war. Die Düsseldorfer Staatskanzlei wollte den Vorschlag daher sorgfältig prüfen, den ihr die Herren vom Bundesverband der Deutschen Industrie angetragen hatten: Der Bundespräsident, so ihr Wunsch, möge den Essener Manager Heinrich Bütefisch mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik ehren, weil er im Aufsichtsrat der Ruhrchemie AG in Oberhausen "Hervorragendes geleistet" habe.

Das Düsseldorfer Ordensreferat fragte, wie üblich, beim Verfassungsschutz und beim Justizministerium nach, ob gegen einen Heinrich Bütefisch etwas vorliege - und empfahl dem Bundespräsidenten schließlich im Frühjahr 1964, die Auszeichnung zu befürworten. Heinrich Lübke unterzeichnete die Verleihungsurkunde und schickte den Orden nach Düsseldorf, wo Wirtschaftsminister Gerhard Kienbaum dem ihm unbekannten Bütefisch die Plakette am seidenen Band um den Hals hängte.

Ganze 16 Tage konnte sich Bütefisch über die Ehrung freuen. Dann wurde das Kreuz wieder abgeholt. Bütefisch war inzwischen kein Unbekannter mehr. Als Erster erkannt hatte ihn ein anonym gebliebener Mann aus Süddeutschland, der sich beim Präsidialamt meldete und dort auch gleich erklärte, wo er diesen Bütefisch schon einmal gesehen hatte: bei einem Prozess in Nürnberg im Jahre 1948 - auf der Anklagebank. Das Tribunal der Alliierten hatte den Chef der mitteldeutschen Leunawerke der IG Farben wegen "Ausbeutung der Arbeit von KZ-Insassen" im Zweigwerk Auschwitz zu sechs Jahren Haft verurteilt.

Bundespräsident Lübke hatte mit dem ehemaligen SS-Sturmbannführer Bütefisch versehentlich einen verurteilten Kriegsverbrecher ausgezeichnet.

Irrtum nicht ausgeschlossen

Es war das erste Mal in der bundesdeutschen Ordensgeschichte, dass ein Bundespräsident die Auszeichnung zurückverlangte. Aber es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein, dass das rot emaillierte und golden gefasste Metallkreuz zurück an den Absender ging. Als hätte die Behörde es vorhergesehen: Neun Monate nachdem Bundespräsident Theodor Heuss (FDP) der Bundesrepublik zu deren zweitem Geburtstag am 7. September 1951 den "Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland" stiftete, war der Erlass zur Auszeichnung um eine wichtige Passage ergänzt worden.

"Erweist sich ein Beliehener", so der 1952 eingefügte Passus, "durch sein späteres Verhalten, insbesondere durch Begehung einer entehrenden Straftat, der Auszeichnung unwürdig oder wird ein solches Verhalten nachträglich bekannt, so kann ihm die Befugnis zum Tragen des Verdienstordens entzogen werden." Eher selten wurde dieser Umstand wie bei Bütefisch öffentlich. Die Ordenskanzleien achteten auf Diskretion und behandeln Aberkennungsverfahren bis heute grundsätzlich vertraulich.

Nicht erklärt wurde in dem neuen Passus, wo genau die Unwürdigkeit begann, oder wie viel Wohltat am deutschen Volk ein früheres oder auch späteres Vergehen aufwiegen konnte. Denn im Gegensatz zum Fall Bütefisch hatte das Alliierten-Urteil gegen den Industriellen Friedrich Flick - immerhin sieben Jahre Haft wegen Förderung des NS-Regimes und Ausplünderung besetzter Gebiete - im Jahr zuvor einer Verleihung nicht im Wege gestanden.

Rund 243.000-mal ist die mehrstufige Ehrung - im Volksmund schlicht "Bundesverdienstkreuz" genannt - in den vergangenen 60 Jahren verliehen worden. Und so finden sich denn auf der langen Liste aller bisherigen Ordensträger neben ehemaligen SS-Schergen und Steuerflüchtlingen auch so namhafte Persönlichkeiten wie etwa die Diktatoren Fulgencio Batista und Nicolae Ceauescu.

Das Kreuz mit den Orden

Dabei war das Ansinnen, das Bundespräsident Heuss 1951 mit der Ordensstiftung verband, durchaus edel - nämlich jene Leistungen zu würdigen, "die im Bereich der politischen, der wirtschaftlich-sozialen und der geistigen Arbeit dem Wiederaufbau des Vaterlandes dienten". Allein die Umsetzung barg ihre Tücken - und die begannen schon bei den insgesamt acht verschiedenen Ordensrängen.

Die Messlatte war gelegt, nachdem der hessische Bergarbeiter Franz Brandl am 19. September 1951 als Erster das bundesdeutsche Kreuz tragen durfte. Dafür, dass er bei einem Zechenunglück zwei Kameraden das Leben gerettet hatte, erhielt Brandl das "Verdienstkreuz am Bande" - die siebthöchste Auszeichnung, die der Staat zu vergeben hatte, vor der etwas schlichteren "Verdienstmedaille".

Darüber rangieren die klingenden Titel "Verdienstkreuz 1. Klasse", "Großes Verdienstkreuz", "Großes Verdienstkreuz mit Stern", "Großes Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband" und noch weiter oben das "Großkreuz" bis ganz hinauf zur "Sonderstufe des Großkreuzes", das verdienten Staatsoberhäuptern vorbehalten ist.

Gastgeschenke zum Tauschen

Deutschen Bundespräsidenten wird der höchste Staatsorden gleich zu Beginn ihrer Amtszeit überreicht - quasi auf Bewährung. Dafür obliegt ihnen die schwierige Aufgabe, in allen anderen Fällen über verdient und unverdient zu entscheiden: Wobei dies angesichts der großen Zahl der Verleihungen häufig genug gelungen scheint.

Der Deutsche nimmt es gern, das "Ordenskreuz aus seines Präsidenten Hand", wie schon 1962 der SPIEGEL feststellte: Dem "renommierbeflissenen Wohlstandsbürger" gelte es als "Aushängeschild gesellschaftlichen Prestiges" - vergleichbar mit dem Auto in der Garage oder dem Bungalow im Grünen.

Mindestens ebenso beliebt ist der Orden in Diplomatenkreisen - als nettes Mitbringsel. Bei Staatsbesuchen etwa gilt der Ordenstausch als ein Gebot der Höflichkeit. Vermutlich war es auch dieser internationale Brauch, der selbst Bedienstete von Monarchen und Ehefrauen von Staatsoberhäuptern in die Ehrung mit einbezog - und die Vielzahl südamerikanischer Diktatoren auf der Liste der Verdienstkreuzträger erklärt.

Die großzügige Ausschüttung des gestanzten Metalls aber war nicht nur ein Phänomen der fünfziger und sechziger Jahre. Erst Ende 2010 wurde bekannt, dass es offenbar seit Mitte der Neunziger unter den Bundestagsfraktionen eine Absprache darüber gab, pro Legislaturperiode eine bestimmte Zahl von Orden - mehr oder weniger unabhängig von tatsächlichen Verdiensten - auf die Abgeordneten zu verteilen.

Ein kniffliger Fall

Der erste Chef des Bundespräsidialamts, Manfred Klaiber, pries den Orden seinerzeit als "die persönliche Bindung der Tüchtigsten an den Staat".

Offenbar aber war auch eine berufliche Bindung an den Staat nicht von Nachteil: Unter den Ausgezeichneten fanden sich anfangs vor allem überproportional viele Beamte, von denen nicht wenige bereits dem NS-Regime gedient hatten.

Insofern spiegelte die Häufigkeit von Ordensträgern mit brauner Vergangenheit wohl schlicht die gesellschaftliche Realität der jungen Bundesrepublik wider: eine gewisse Kontinuität im Personal, wie sie besonders heftig an der Person Hans Globkes diskutiert wurde. Der Kommentator der Nürnberger Rassegesetze war Adenauers Staatssekretär im Bundeskanzleramt - und auch ein Bundesverdienstkreuz-Träger.

Bei Hans Ernst Schneider indes lag die Sache etwas anders. Der war erst 1983, im Alter von 74 Jahren, vom damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse geehrt worden. Schneider hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine eindrucksvolle Karriere als Hochschulrektor in Aachen hinter sich, er hatte zweimal in Germanistik promoviert und hatte zweimal die gleiche Frau geheiratet. Und auch das Bundesverdienstkreuz war nicht seine erste Auszeichnung.

Der Anlass für Zweitheirat und -promotion hatte mit der zweiten Identität zu tun, die er sich zugelegt hatte. Der ehemalige SS-Offizier und Träger des Kriegsverdienstkreuzes 2. Klasse lebte nach dem Zweiten Weltkrieg unter einem neuen Namen: Hans Schwerte. 1995 flog der Schwindel auf. Den Bundesorden schickte er daraufhin zurück.

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insgesamt 18 Beiträge
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1.
Jens Niederhut 05.09.2011
Bei Bütefisch hat die Düsseldorfer Staatskanzlei wegen angeblicher Eilbedürftigkeit nicht beim Verfassungsschutz nachgefragt, beim Justizministerium sowieso nicht. Ordentliche Prüfung hat also gerade nicht stattgefunden. Bei einem ehem. Vorstandsmitglied der IG Farben (das wusste man immerhin) hätte man aber ruhig mal genauer hinschauen können, soviel hätte man auch 1964 schon wissen müssen.
2.
Mathias Völlinger 05.09.2011
Dies ist doch nichts neues. Unsere BRD war anfänglich doch weiterhin ein Nazistaat, ohne Greueltaten, weil die Alliierten auch noch da waren. Gegründet von erbärmlichem Gesindel. Ich betrachte das Jahr 1968 als das wirkliche Gründungsjahr unserer Republik.
3.
Hans Hoch 06.09.2011
Was fällt mir dazu ein? Hat jemand der bei der Stasi war, schon unser BVK bekommen? Hat Günter Grass einen solchen Orden. Es sind einige aufgeführt,die waren SS-Obersturmführer,also kleine Oberleutnants.Sie waren bestimmt nicht gefährlich, wenn sie bei der Waffen-SS waren. Heminghway hat auch Kriegsgefangene ermordet. Man soll die Bälle flach halten
4.
Harry Redner 05.09.2011
alles alte Kamellen - keine alte Kamelle ist der Umstand, daß der Spiegel keineswegs (immer) eine Sperrspitze des investigativen Journalismus war: einfaches Beispiel der Fall Werner Höfer. Die Vita Höfers war seit 1962 bekannt, aber es hat bis 1987 bedauert, bis man es für opportun befand den Fall erneut zu beschreiben. Guter Journalismus geht anders.
5.
Karsten Meyer 05.09.2011
Wenn man sich andere Staaten ansieht, also zum Beispiel Großbritannien, dann wird man dort feststellen, das es dort ähnlich aussieht. So hat der rumänische Diktator Nicolae Ceaușescu 1978 den KBE ("Knight of the british Empire") verliehen bekommen. Unter den Friedensnobelpreis-Trägern findet sich sicher auch die eine oder andere umstrittene Persönlichkeit wie etwa Henry Kissinger. Aber vielleicht sollte man sich an den Briten ein Vorbild nehmen, denn die ernennen gerne Schauspieler, Musiker und andere Künstler zu KBE, DBE, OBE, CBE oder MBE.
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