TV-Sendestart im Flakbunker Hier kommt das erste deutsche Fernsehen

TV-Sendestart im Flakbunker: Hier kommt das erste deutsche Fernsehen Fotos

Die Glaswolle rieselte von der Decke, die Ansagerin wurde halbohnmächtig: Am 25. Dezember 1952 nahm das deutsche Fernsehen seinen regulären Sendebetrieb auf. einestages über die ersten Stunden eines neuen Mediums - und den Aufstieg einer jungen Schauspielerin zu Deutschlands erster Tele-Ikone. Von

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Für die Tochter eines Hamburger Zigarrenhändlers und Hobbymagiers wird jener Abend des ersten Weihnachtstags 1952 zur schönen Bescherung. Die sonst so adrette Zauberhafte schwitzt wie Emmentaler im Sonnenschein. Auf ihrem resedagrünen Sonntagskleid mit Schulterpolstern und schwarzen Applikationen breiten sich an diesem christfestlichen Donnerstagabend zusehends dunkle Nassflecken aus, und die am Rückenteil befestigte Klammern, die die Figur betonen sollen, tragen dazu bei, dass der Zierlichen schwummrig wird.

Zwei Vorkriegsscheinwerfer heizen die 45 Quadratmeter des auf plüschiges Wohnzimmer drapierten "Studios" im alten Hamburger Flakleitbunker auf dem Heiligengeistfeld auf 42 Grad hoch. Gnadenlos rieselt Glaswolle, die als Dämmmaterial gegen Außengeräusche verwendet worden war, auf die Halbohnmächtige. "Es hat gejuckt wie bei einem Krätzekranken", wird die vor der Kastenkamera agierende 24-jährige Irene Koss später sagen. Doch die Tele-Schönheit verkneift es sich, zu kratzen oder in Ohnmacht zu fallen.

Immerhin befindet man sich an diesem achten Christfest nach Kriegsende in der Geburtsstunde des offiziellen Fernsehprogramms. Vier Tage, nachdem die DDR aus Berlin Adlershof auf Sendung gegangen ist, nimmt nun auch der Nordwestdeutsche Rundfunk seinen regelmäßigen Sendebetrieb auf. Und deshalb hält das Fräulein Irene die 158 Sendeminuten stocksteif durch, nicht zuletzt weil es auch noch mittig durch einen großen Ring blicken muss, den sich der Ausstatter als zusätzlichen Hingucker ausgedacht hat.

"Guten Abend, meine Damen und Herren"

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die ausgebildete Schauspielerin Irene Koss in den zwei Probejahren vor dem Mattscheiben-Ernstfall Weihnachten 1952 ihren "Guten Abend, meine Damen und Herren"-Text lediglich vor drei Zuschauern aufgesagt - Kameramann, Redakteur, Regisseur. Nun lampenfieberte sie am offiziellen Fernseh-Premierenabend einer unübersehbaren Gefolgschaft vor den 4152 lizensierten und im Durchschnitt 1200 Mark teuren Guckkästen - allein 1632 davon in Kneipen aufgestellt - entgegen.

Die meisten, die das in 625 Zeilen bei 25 Bildwechseln pro Sekunde flimmernde Medium begutachten wollten, fanden sich vor den Schaufenstern der Elektrogeschäfte ein. Die sie erwartende Programmfolge: Gongschlag, Ansprache des Intendanten, Fernsehspiel über die Entstehung des Lieds "Stille Nacht", ein "Max und Moritz"-Tanzspiel, Absage durch die nette Irene mit dem biedermeierschen Grillparzer-Sinnspruch: "Eines nur ist Glück hienieden, eins: des Innern stiller Frieden." Basta. Danach gab es bis zum nächsten Abend nur noch das grafische Sendestandbild.

So mancher, der zum Programmstart vor seinem Fachgeschäft als Premierengast ausdauerte, hatte das Opernglas mitgebracht. Hören konnte er vom Programm eh nichts, wegen "Lärmbelästigung" war Tonübertragung nach draußen auf die Straße verboten.

"Janz schön mit der Hopserei"

Noch schneller, als ihr die von Maskenbildner Franz aufgetragene grelle Schminke übers Gesicht lief, rannte nach Sendeschluss die zarte und von den Klammern befreite Irene nach dem donnernden "Herrschaften, et is vollbracht!" des berlinernden Herrn Regisseur Hanns Farenburg in ihre Winzlingsgarderobe. "Ich habe mich gekratzt wie ein Affe...direkt unanständig", einnerte sich die Primadonna als Ansagerin des deutschen Fernsehprogramms noch Jahrzehnte später. "Und die Haare klebten ganz widerlich im Nacken..."

An diesem Abend beschloss Irene Koss, das künftige "Lächeln Deutschlands", sich von ihrer fein gewellten Mähne zu trennen. Ihr Kurzhaarschnitt wurde später der Frisurhit der Fünfziger, als schon unfassbare 10.000 Fernsehempfänger - besonders feudal: die 2200 Mark teuren Fernsehtruhen "mit eingebautem Aquarium", wie Robert Lembke lästerte - mit brachialem Stolz in die Mitte der Familien aufgenommen waren. Der Fernsehapparat als das neue Lagerfeuer der aufkommenden Wirtschaftswunderjahre.

Gleich nach dem Programmauftakt unterm Tannenbaum allerdings hatte Irene Koss - Abendgage: 20 Mark - noch nicht so recht an das Prestige-Wunder glauben wollen. "Die Resonanz war, wenn ich mich recht erinnere, noch ziemlich mau", erzählte sie dem Autoren kurz vor ihrem Tod 1996 in ihrer Münchner Wohnung. "Ich glaube, es war am ersten Sendeabend Herr Farenburg, der zwei, drei Freunde antelefonierte und uns noch vor dem Nachhausegehen deren Urteil mitteilte: 'Is ja janz schön jewesen mit der Hopserei, aber in det Radio is ville mehr jefällig...'" Die Hamburgerin Koss gurgelt tief diesen Satz.

Sechs Heiratsanträge und eine Beschwerde

Die ungelernten Medienkritiker jener Tage bekamen drastischen Beistand vom Bundestagspräsidenten Hermann Ehlers, der umgehend an den NWDR-Intendanten telegrafierte: "Sah Ihr Fernsehprogramm. Ich bedaure, dass die Technik uns kein Mittel gibt, darauf zu schießen..." Manche warnten davor, dass die strahlende Neuerwerbung Haustiere töten könnte, andere - durchaus Tele-Visionäre! - argwöhnten, dass der Mensch vor dem Kasten vereinsamen werde. Und Deutschlands Bierbrauer forderten, dass es nur zwei-, höchstens dreimal in der Woche überhaupt einen Sendeabend geben dürfe, weil sie um den Umsatz ihres Gerstensafts fürchteten.

Irene Koss' Skepsis über die Fernseh-Zukunft hielt ein paar Wochen an. Nun ja, das Kasten-Flimmern konkurrierte mit so edlen Kintopp-Schinken wie "Im weißen Rössl" oder "Meuterei am Schlangenfluss", Kanzler Adenauer richtete seine Anliegen ans Volk lieber durchs Dampfradio. Und wer den VfB Stuttgart, Deutscher Fußballmeister 1952, kicken sehen wollte, musste sich schon in die Ländle-Metropole bemühen.

"Doch dann kam ich eines Nachts nach Hause und dachte zuerst, jemand hätte mir ein Findelkind vor die Tür gestellt." Mit Verzögerung realisierte Irene Koss, dass sie einen Wäschekorb voll mit Fanpost in ihre Hamburger Zweizimmerwohnung schleppen durfte. "Sechs Heiratsanträge waren dabei. Und eine Beschwerde, dass man bei den Ansagen nie meine Beine sehen konnte." Das Fernsehfräulein, Deutschlands erste Tele-Ikone, zeigte sich mit gebotener Scham dennoch erfreut über solcherlei Ansinnen: "Es hätte sich ja auch jemand über meinen zu kleinen Busen beschweren können." Kurze Besinnung der Tele-Pionierin, dann: "Nein, das war ja damals wirklich noch nicht möglich."

Koch, Kuli, Kinderstunden

Zehn Jahre blieb die Koss dem Medium treu, das sie rein optisch zu einem halben Menschen machte. Ihre klare, selten stark betonende Stimme - und die eher sexy angelegte von Co-Ansagerin Angelika Feldmann - führte die rasant wachsende Fernsehgemeinde zur - live übertragenen! - Krönung von Elizabeth II. ein, bei der selbst der Kameramann Frack tragen musste, in die "Bunten Abende" von Frankenfeld und Kulenkampff, zum Toast-Hawaii-Geschmurgel eines hocheitlen "Ihr lieben Leute da draußen am Empfang"-Fernsehkochs Clemens Wilmenrod. Und die kossschen TV-Kinderstunden trafen auf die helle Begeisterung der lieben Kleinen. Ruhm, scheibchenweise.

Doch dann lockte ein Mann die allerseits angebetete Irene Koss nach München: Sammy Drechsel, Fernseh- und Rundfunk-Tausendsassa sowie Kabarettregisseur. Zum Medium "Bildzerlegung", wie die Flimmerbilder in den Babyschuhen auch mal genannt wurden, kehrte die Koss, die schon mit zwei Silbernen Ottos von "Bravo" ausgezeichnet war, nur zu ganz seltenen Gastauftritten zurück. Sie bekam zwei Töchter und schrieb das Kinderbuch "Schnurzelpurz". Nachdem Ehemann Sammy gestorben war, arbeitete Irene Koss als guter Geist hinter den Kulissen der Münchner Lach- und Schießgesellschaft. 1996 wurde Deutschlands erstes Fernseh-Idol auf dem Münchner Nordfriedhof beerdigt – Grabstelle Nummer 244.

Ach ja, so viel noch - am 25. Dezember 1952 versprach NWDR-Intendant Werner Pleister in seiner Ansprache an das noch nicht zahlreich vorhandene Fernsehvolk: "Wir werden weniger unterhaltend sein als die Amerikaner und zeigen, dass es auch ohne Hypnose und Dauerberieselung geht."

Scheibenkleister, Herr Pleister. Das wissen wir Fernbedienten heute nun wirklich besser.

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1.
Peter Thomsen 26.12.2012
Ich lese wohl nicht recht. Da "nahm das deutsche Fernsehen seinen regulären Sendebetrieb auf. einestages über die ersten Stunden eines neuen Mediums"? Damals war das deutsche Fernsehen bereits 16 Jahre alt! Blenden Sie die dreißiger Jahre absichtlich oder aus Unwissenheit aus? Im letzten Fall gehen Sie mal in ein Museum, zum Beispiel Technik-Museum Berlin. Dort sehen Sie TV-Empfänger und TV-Kameras aus einer Zeit, als das wirklich erste deutsche Fernsehen seinen Betrieb aufnahm. Sogar die erste TV-Programmzeitschrift können Sie dort nachlesen!
2.
Lorenz Frank 27.12.2012
Die Information zu Bild 9 kann nicht stimmen: Im Jahre 1952 gab es noch keine magnetische Bildaufzeichnung, erst 6 Jahre später, am 09.12.1958 nahm der SWF Baden-Baden die erste MAZ in Europa in Betrieb. Quelle: http://web.ard.de/ard-chronik/index/6017?year=1958&month=12 Entweder stimmt das Datum nicht oder es war eine Testsendung vorab. Die gezeigte Kamera ist eindeutig eine Fernsehkamera, somit scheidet eine Filmaufzeichnung, die später abgetastet wurde, ebenfalls aus.
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