60 Jahre Formel 1 "Kann man einen Sport lieben, der seine Besten umbringt?"

Der Teamchef war Holzfäller, die Fahrer Mitte vierzig und die Autos? Rohrrahmen für Lebensmüde! Die Anfänge der Formel 1 waren chaotisch und improvisiert. Der Fotograf Rainer Schlegelmilch war mit seiner Kamera immer dabei. Bei einestages erinnert er sich an wilde Jahre mit großen Stars - und Tote mit großen Namen.

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Ein Interview von


Ab 1962 stand er an der Strecke, immer wieder. 30.000 Fotos hat der Fotograf Rainer W. Schlegelmilch allein von Michael Schumacher gemacht - und unzählige weitere von allen Stars der Formel-1-Geschichte. Schlegelmilch, der in Frankfurt am Main lebt, wurde zum Auge der Rennserie und zum Zeugen von Triumphen und Tragödien. Mit einestages sprach er über die ersten Jahrzehnte der Formel 1, über die Nähe zum Tod und die Distanz des Fotografen.

einestages: Herr Schlegelmilch, die Formel 1 wird 60 Jahre alt und man liest jetzt mal wieder, wie sehr sich die Serie doch verändert hat. Gibt es denn etwas, das sich nicht verändert hat?

Schlegelmilch: Die Autos haben immer noch vier Räder, auch wenn es Versuche mit sechs Rädern gegeben hat. Die Autos haben immer noch Otto-Motoren, auch wenn es zwischendurch mal Turbinentriebwerke gab. Der Sechsrad-Tyrrell oder Lotus' goldenes Auto - das sind letztlich alles Experimente geblieben. Versuche, aus der Masse hervorzustechen. Oder das Reglement auszutricksen. Aber auch heute arbeiten ja noch 100 Ingenieure gegen die Regeln, die wenige Ingenieure aufgestellt haben.

einestages: Der Kontrast zwischen den Fahrern damals und heute könnte aber größer nicht sein.

Schlegelmilch: Die Piloten damals wurden nicht wie heute regelrecht herangezüchtet. Es gab Naturtalente oder Fahrer, die Geld hatten.

einestages: Das wiederum gibt es doch heute auch noch. Fahrer, die Geld von Sponsoren mitbringen und deren fahrerische Qualitäten zweifelhaft sind.

Schlegelmilch: Ja, aber die fuhren in den fünfziger und sechziger Jahren mit einem deutlich erhöhten Risiko, sie haben sich allzuoft totgefahren. Was zählte, war der Männermut. Und für die Talentierten gab es auch kein Sichtungssystem. Der große Jim Clark fuhr auf Anraten seiner Freunde ein Tourenwagenrennen und war dort so überlegen, dass dann Rennstallchefs wie Colin Chapman oder Ken Tyrrell aufmerksam wurden.

einestages: Deren Rennställe wirken im Rückblick eher improvisiert.

Schlegelmilch: Natürlich, das waren kleine Rennställe, geleitet von Rennbegeisterten. Tyrrell hatte eine Holzhandlung, der war Holzfäller von Beruf. Ihm fehlten Sponsoren, er bekam irgendwann mal das Benzin umsonst, später die Reifen, so fing das an. Diese Pioniere der Formel 1 hatten auch nicht mehr als drei oder vier Mechaniker...

einestages: ... und ihre Autos waren Geschosse für Lebensmüde.

Schlegelmilch: Der Unterschied zu den heutigen Autos ist gigantisch, damals bestanden sie aus dünnen Rohrrahmen mit einer Aluhaut außen drum, da waren die Räder dran montiert und oben der Motor reingehängt. Die gefährlichsten Dinger, die man sich vorstellen kann. Heute steigen die Fahrer nach vier Überschlägen aus und fragen, ob ihre Spaghetti "al dente" sind. Das normale Alter der Fahrer war übrigens zunächst zwischen Anfang dreißig und Ende vierzig. Heute geht es teilweise mit 19 los, mit dreißig ist man dann quasi ein alter Mann.

einestages: Wie konnte die Formel 1 60 Jahre lang überleben?

Schlegelmilch: Weil sie neben großen Teams wie Ferrari oder Mercedes auch immer die Fahrer berühmt gemacht hat. Mit der Fahrer-WM haben sich ganze Völker identifiziert. Es gibt Länder wie Schweden, die haben nur einen eigenen Grand Prix ausgerichtet, weil Ronnie Peterson als Schwede mitfuhr, das war 1973 bis 1978. In Deutschland hat sich eine Zeit lang niemand für die Formel 1 interessiert, dann kam Michael Schumacher. Außerdem hat Bernie Ecclestone einen großen Anteil. Er hielt die Serie immer zusammen, sie hat ihn reich gemacht aber die Rennställe auch. Ecclestone hat einfach früh erkannt, welche finanziellen Möglichkeiten die Fernsehvermarktung bietet. Das System funktioniert bis heute, auch wenn seine ehemaligen Kollegen, die Teamchefs, immer rummaulen.

einestages: Juan Manuel Fangio gilt als die erste Lichtgestalt der Serie. Der Argentinier wurde fünfmal Weltmeister mit vier verschiedenen Teams.

Schlegelmilch: Und vor allem: Er ist mit 44 noch Weltmeister geworden. Der hätte vom Äußeren durchaus auch als Lkw-Fahrer durchgehen können. Es war zu seiner Zeit noch nicht so wichtig, ob jemand vor einer Saison fünf oder zehn Kilo abhungern konnte. Den Argentinier José Froilán González nannten sie den "Pampas-Stier". Es kam nur auf die Fahrfähigkeit und die Motorleistung an, von Feinabstimmung war man weit entfernt.

einestages: War Fangio der beste Fahrer oder fuhr er die besten Autos?

Schlegelmilch: Das beste Auto wird vom besten Fahrer besetzt - weil der sich das Auto aussuchen kann, das war eigentlich schon immer so. Fangio ist ja mit vier verschiedenen Autos Weltmeister geworden. Daran können Sie erkennen, dass es jede Menge Firmen gab, die den besten Fahrer haben wollten und viel Geld für ihn ausgaben. Obwohl wir natürlich von ganz anderen Dimensionen als heute reden.

einestages: Von welchen Dimensionen?

Schlegelmilch: Jacky Ickx zum Beispiel sagte mir, er hätte als Vizeweltmeister von Ferrari etwa 200.000 Mark bekommen. Ayrton Senna hingegen wurde richtig reich. Der Teamchef Ron Dennis konnte ihn nicht dazu überreden, einen richtigen Vertrag zu machen, weil Senna 1993 mit seinem Ford-Motor bei McLaren nicht sehr happy war. Senna sagte deshalb, er wolle statt eines Jahresvertrags für jedes Rennen eine Million. Egal ob er ankam oder nicht. Und er hat die Million bekommen.

einestages: Was für ein Typ war Fangio?

Schlegelmilch: Es gibt Menschen, die sind einfach überall, wo sie auftreten, sofort der Mittelpunkt. Bernie Ecclestone ist so einer, obwohl er von kleiner Statur ist. Und bei Fangio war es genauso. Der hat mich nachhaltig beeindruckt, seine ganze Gestik, das war die Aura des Weltmeisters. Und er hatte Augen wie ein Adler, das weiß ich heute noch. Eine beachtliche Ausstrahlung. Heute hat man das nicht mehr so oft.

einestages: Die Serie, die Fangio dominierte, war allerdings sehr chaotisch.

Schlegelmilch: Es waren eben die Anfänge. Indianapolis war damals teilweise im Kalender, einfach weil man gern in den USA ein Rennen haben wollte. Und den Konstrukteuren sollte ja auch was geboten werden. Es gab Rennen in Tripolis oder Casablanca und auch einmal auf Kuba. Da wurde der Fangio sogar entführt. Alles war ein bisschen wilder. Einen Zusammenhalt unter den Fahrern wie damals wird man aber auch nirgendwo mehr finden.

einestages: Warum?

Schlegelmilch: Niemand konnte sicher sein, dass er die anderen am Montag nach einem Rennen noch sehen würde. Es konnte ja schnell vorbei sein.

einestages: Die Sechziger wurden zum Jahrzehnt von Jim Clark, den viele als den vielleicht talentiertesten Fahrer der Geschichte bezeichnen.

Schlegelmilch: Für mich gibt es in dieser Epoche nur ein paar Giganten, und Clark gehört sicher dazu. Er war sportlich überlegen, hatte eine starke Persönlichkeit, war selbstbewusst und gleichzeitig sympathisch. Er ist dann 1968 leider tödlich verunglückt. Auf ihn folgte Jackie Stewart, der fuhr 99 Rennen und stieg danach nie wieder in ein Rennauto. Es reichte ihm, er sagte, er habe das lange genug riskiert und wollte es seiner Familie nicht zumuten. Niki Lauda in den Siebzigern war eher der rationale Typ, aber eben auch eine wahnsinnige Erfolgsgeschichte.

einestages: Clark starb und vor und nach ihm noch viele weitere, darunter auch Jochen Rindt 1970. Man könnte fast denken, die Toten hätten der Formel 1 am Ende sogar genutzt.

Schlegelmilch: Man kann es so sehen, aber man muss nicht. Die Todesnähe dieses Sports war immer ein gewisser Kitzel für den Fan. Ich habe mir aber auch manchmal gedacht: Kann, darf man sich für einen Sport begeistern, der seine Besten umbringt? Das ging mir bei Clark so, später auch bei Gilles Villeneuve oder Ayrton Senna. Aber es macht den Sport eben paradoxerweise auch irgendwie faszinierend.

einestages: Immerhin begann die Formel 1 in den Siebzigern sicherer zu werden.

Schlegelmilch: Jackie Stewart hat sich damals sehr engagiert. Die Rennstreckenbetreiber sollten angehalten werden, sich des Themas anzunehmen. Es gab auf der Strecke in Montjuïc, Spanien, Sicherheitsplanken. Aber die waren nicht mal festgeschraubt, das hat man dann erst beim ersten Unfall gemerkt. Nach und nach gab es Fortschritte. Den ersten kleine Operationsraum direkt neben der Strecke haben übrigens noch ein paar Fahrer finanziert.

einestages: Wie nah sind Sie als Fotograf dem Tod gekommen?

Schlegelmilch: Der gefährlichste Moment meines Lebens war Jerez 1990. Martin Donelly raste im Lotus auf mich zu, ich stand hinter einer Leitplanke. Das Auto brach nach dem Aufprall auseinander, aber die Leitplanke hielt. Staub und Dreck wirbelten um mich herum, aber mir passierte nichts. Mit zittrigen Händen habe ich das Objektiv gewechselt, ich dachte ganz instinktiv, ich muss ja jetzt fotografieren. Donnelly lag, nur an seine Sitzschale angeschnallt, auf der Straße. Mit 26 Knochenbrüchen. Aber er hat überlebt, und ich auch. Es gab auch mal eine junge Fotografin, die hatte damals seit zwei Jahren fotografiert. Sie stand am Hockenheimring und drehte sich kurz zu ihrer Fototasche um. Da krachte ein Porsche raus - und sie war querschnittsgelähmt. Ein Jahr später hat sie Selbstmord begangen, sie hat's nicht mehr ertragen. Ich habe offensichtlich Schwein gehabt. 49 Jahre lang.

Zum Weiterlesen:

Dieter Streve-Mülhens, Rainer W. Schlegelmilch: "The Great Challenge".



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