60 Jahre Menschenrechts-Erklärung Mrs. Roosevelts Gespür für das Mögliche

60 Jahre Menschenrechts-Erklärung: Mrs. Roosevelts Gespür für das Mögliche Fotos
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Sie war die Mutter der Menschenrechte: Amerikas Ex-First Lady Eleanor Roosevelt boxte 1948 die Grundprinzipien des modernen Völkerrechts durch. Es war eine Sternstunde der Menschheit - die ihre Wirkung erst in unserer Epoche zu entfalten begann. Von Julia Driesen

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Keine Party, keine Pressekonferenz, kein Medienrummel - für eine Zeitenwende begann alles wenig feierlich. Die meisten Pariser lagen in dieser kalten Dezembernacht des Jahres 1948 längst in ihren Betten, als sich Eleanor Roosevelt von ihrem Platz im nüchtern hergerichteten Saal des Palais de Chaillot am rechten Seineufer erhob. Mit ein paar Schritten hatte die die Witwe von US-Präsident Franklin Delano Roosevelt das Rednerpult erreicht. "Wir stehen an der Schwelle eines großen Erfolges in der Geschichte", rief die großgewachsene 64-Jährige der Generalversammlung der Vereinten Nationen zu.

Minuten zuvor hatten die Delegierten aus 58 Mitgliedsstaaten über die Resolution 217 A (III) abgestimmt. Mit 43 Ja-Stimmen, ohne Gegenstimmen und bei acht Enthaltungen hatten sie die "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" angenommen. Und so traten an diesem historischen 10. Dezember 1948 um 3 Uhr morgens Mitteleuropäischer Zeit 30 Artikel, die die Welt verändern sollten, in Kraft - nicht als verbindliches Recht zwar, aber als ständige Mahnung, dass nicht nur Staaten, Institutionen oder bestimmte Gruppen Rechte besitzen, sondern jedermann, unabhängig von Alter, Nationalität, Geschlecht oder Rasse.

"Alle Menschen", zitierte Eleanor Roosevelt aus Artikel 1 der Erklärung, "sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen". Als sie geendet hatte, erhoben sich die Delegierten zum ersten und letzten Mal in der Geschichte der Vereinten Nationen zu einer Standing Ovation für eine der ihren.

Drei Mal auf dem Cover von "Time"

Dieser historische Moment im Palais de Chaillot war ein Triumph der Menschlichkeit - und der Eleanor Roosevelt. Sie vor allem war es gewesen, die über zwei lange Jahre die Verhandlungen zur Durchsetzung des revolutionären Dokuments vorangetrieben hatte und so zur eigentlichen Mutter der Menschenrechtserklärung geworden war. Einer ihrer schärfsten politischen Widersacher, der republikanische Senator Arthur Vandenberg, gab nach der Verabschiedung zu Protokoll, er nehme alles zurück, was er je über Eleanor Roosevelt gesagt habe - "und glauben Sie mir, das war eine Menge".

Es war eine Sternstunde selbst für ein an großen Momenten nicht eben armen Leben. Eleanor wurde 1884 in eine der führenden Familien Amerikas hineingeboren, ihre Eltern gehörten zum wohlhabenden New Yorker Jetset. Theodore Roosevelt, der 25. US-Präsident, war ihr Onkel; ihr Ehemann Franklin Delano Roosevelt ("FDR") führte die USA als vier Mal wiedergewählter Präsident aus der großen Depression und durch den Zweiten Weltkrieg. Drei Mal schaffte sie es auf das Titelblatt des "Time Magazine", elf Jahre in Folge kürten die Amerikaner Eleanor Roosevelt zur am meisten bewunderten Frau der Vereinigten Staaten.

Ihre Kindheits- und Jugendjahre allerdings verliefen keinesfalls ungetrübt. Die Mutter, eine umschwärmte Schönheit, hänselte sie, weil ihre schlaksig geratene Tochter nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprach. Der Vater war alkohol- und drogenabhängig. Mit 10 Jahren war Eleanor Vollwaise; die Mutter starb an Diphtherie, der Vater an einem epileptischen Anfall infolge eines Selbstmordversuchs - Eleanor landete in einem Mädchenpensionat in England.

Pressekonferenzen nur für weibliche Reporter

Für soziale Reformen engagierte sie sich schon als junge Frau, aber die Hochzeit mit FDR, einem Cousin fünften Grades, 1905 machte dem vorerst ein Ende. Sechs Kinder wurden geboren; die energiegeladene Eleanor war - vorerst - vor allem die Frau an der Seite ihres Mannes. Doch nach dem Ersten Weltkrieg schlug ihr soziales Engagement in politische Aktivität um - Eleanor organisierte Kampagnen gegen die in den Südstaaten noch verbreitete Lynchjustiz an Schwarzen und wurde zur Vorreiterin der demokratischen Frauenbewegung - 1928 wurde sie bei einer Demonstration für streikende Arbeiter gar verhaftet.

Die entscheidenden Anstöße für ihr politisches Coming-out waren zwei private Tiefschläge: 1918 flog eine Affäre ihres Mannes mit ihrer eigenen Sekretärin auf - Eleanor entschied sich gegen eine Scheidung, führte fortan aber zunehmend ihr eigenes Leben. Und als FDR 1920 an Polio erkrankte, drehten sich die Kräfteverhältnisse in der Ehe endgültig um: Der einst strahlende Bonvivant ging nun schmerzgeplagt an Krücken und wäre ohne das einstige hässliche Entlein an seiner Seite niemals Präsident geworden. Sie sei "Roosevelts Augen, Ohren und Beine", bemerkten Zeitgenossen.

Folgerichtig ging Eleanor Roosevelt nach dem Einzug ihres Mannes ins Weiße Haus 1933 daran, die Rolle der First Lady neu zu erfinden. Als erste Präsidentengattin beschränkte sie sich nicht mehr auf Repräsentation, sondern machte selbstbewusst Politik - und wurde so zum erklärten Vorbild für moderne Politikerfrauen wie Hillary Clinton. Wöchentlich lud Eleanor etwa zu eigenen Pressekonferenzen ein, zu denen nur Reporterinnen zugelassen waren - bald stand in jeder Tageszeitung mindestens eine Berichterstatterin auf der Gehaltsliste. Auch sie selbst feierte als Journalistin Erfolge: Als Radiokommentatorin und mit einer täglichen Zeitungskolumne erreichte sie in den dreißiger Jahren Millionen Menschen. Auf dem Höhepunkt ihrer Popularität druckten 90 Tageszeitungen ihre Kolumne "My Day".

Naivität und Frechheit, elegant vereint

Als FDR am 12. April 1945, keine vier Wochen vor Kriegsende, starb, war Eleanor trotz aller Tiefen am Boden zerstört. "The story is over", ließ sie die Reporter wissen. Doch Harry Truman, der neue Mann an der Spitze der Vereinigten Staaten, wollte auf ihre Urteilskraft und Durchsetzungsfähigkeit, ihr Kombination aus visionärer Kraft und Gespür für das Mögliche nicht verzichten. Also schickte er Eleanor Roosevelt als US-Delegierte zu den Vereinten Nationen - die unkonventionelle und als fortschrittlich ausgewiesene Witwe, so Trumans Hoffnung, könne vielleicht einen Draht zu den schwierigen Sowjets aufbauen, ohne die bei der Uno nichts lief.

Eine kluge Wahl, denn international standen die Zeichen für Kooperation und das gemeinsame Bekenntnis zu humanitären Idealen 1948 denkbar schlecht - das Zeitalter des Kalten Krieges war angebrochen. Im Jahr zuvor hatte Winston Churchill in einer berühmt gewordenen Rede in Fulton, Missouri, das Wort vom "Eisernen Vorhang" geprägt; die Blockade Berlins durch die Sowjets und die Luftbrücke der Amerikaner demonstrierten, was das in der Praxis bedeuten konnte.

Dass es dennoch zur Menschenrechtserklärung kam, war vor allem dem Schock über die Verheerungen des Zweiten Weltkrieges und die Ausmaße des Nazi-Terrors, speziell des Holocausts, zuzuschreiben. Zwölf Männer und Frauen waren es, die von der Uno beauftragt wurden, Grundsätze zu erarbeiten, die der Wiederholung solcher Menschheitsverbrechen vorbauen würden. Eleanor Roosevelt, die selbst nie ein College besucht hatte, wurde Vorsitzende des exklusiven Gremiums und erwies sich rasch als gewiefte Verhandlungsführerin. Ein Mitarbeiter des Außenministeriums merkte bewundernd an, selten habe er "Naivität und Frechheit so elegant vereint" gesehen.

Der Standard, an dem Politik gemessen wird

Sie selbst sah die Sache nüchterner: "Ich bin froh, dass ich mich selbst nicht so wichtig finde", schrieb sie einer Freundin, leicht genervt von den Allüren ihrer männlichen Kollegen. Die wiederum litten schon mal unter der strengen Disziplin und hohen Taktzahl, die die energiegeladene Eleanor vorgab: Die Länge der Sitzungen verletzten sämtliche Forderungen der Menschenrechtserklärung, stöhnte ein Kommissionskollege über die Verhandlungsführung der Vorsitzenden.

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, für die Eleanor Roosevelt dann mitten in der kalten Dezembernacht des 10. Dezember 1948 stehenden Applaus erhielt, war ein historischer Meilenstein. Ihre hehren Prinzipien waren völkerrechtlich nicht bindend - richtig. Mächtige führen die die Menschenrechte fortan bloß im Munde - zutreffend. Auf der ganzen Welt werden die Menschenrechte nach wie vor hunderttausend- und millionenfach verletzt - ohne Zweifel.

Und dennoch: Es war die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die einen Standard im Umgang mit Menschen setzte, an dem sich Politik seither messen lassen muss - überall. Diese Deklaration machte es möglich, dass Soldaten inzwischen zum Schutz der Menschenrechte in Kriege geschickt werden - und nicht, um sie zu verletzen. Und dieses Dokument legte den Grundstein dafür, dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit heute vor internationalen Gerichten geahndet werden - und Menschenrechtsverletzer ins Gefängnis wandern.

Das allerdings hat Eleanor Roosevelt nicht mehr erlebt. Sie starb am 7. November 1962 im Alter von 78 Jahren in New York. Da war sie längst die "First Lady of the world".


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insgesamt 3 Beiträge
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1.
Robert Groenewold 09.12.2008
Ein sehr schöner Artikel über Eleanor Roosevelt. Gratulation an die Autorin. Allerdings sollte, wenn schon die Affäre von F.D. Roosevelt mit Eleanors Sekretärin Lucy Mercer hingewiesen wird, auch nicht verschwiegen werden, dass Eleanor Roosevelt ihrerseits im Jahre 1929 eine Liebesbeziehung mit ihrem Leibwächter Earl Miller begann. Auch wenn dies 11 Jahre nach Eleanors Entdeckung von FDRs Affäre geschah und mutmaßlich als "Reaktion" darauf - die Fairness gebietet es, es zumindest zu erwähnen.
2.
Bernd Metzger 09.12.2008
Die Übersetzung des UN-Plakats aus den 40er Jahren lautet nicht: "Wir, die Menschen der Vereinten Nationen" sondern "Wir, die Völker der Vereinten Nationen. In den Vereinten Nationen sind nicht die Menschen der Welt, sondern die Staaten der Welt Mitglieder, stimmberechtigt usw. Das macht einen großen Unterschied.
3.
Ted Mag 11.12.2008
Theo Mag Zu der Zeit(1948)als sich Eleanor Roosevelt so prominent fuer die Menschenrechte international einsetzte konnten Schwarze in den USA nicht eimal waehlen. Sie waren im wesentlichen Sklaven, obwohl sie nicht so bezeichnet wurden. Nordamerikanische Eingeborene waren aehnlich entrechtet in den USA. Mrs. Rossevelt haette sich zuerst mal fuer diese Amer1kaner einsetzen sollen, bevor sie auf die Weltbuehne trat. Es ist schade, dass der Artikle dies nicht erwaehnt. Es waere wichtig, dass man die Menschenrechts-Erklaerung von Mrs. Roosevelt in diesem Umfeld sieht. Die US Bundesregierung sah die Behandlung der Schwarzen zu der Zeit als Sache der einzelnen Bundesstaaten an mit den bekannten Folgen. Dies war die Entschuldigung fuers Nichtstun der amerikanischen Regierung. Mrs. Roosevelt hat sich wenig verdient gemacht um die Menschenrechte.
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