60 Jahre "Neue Deutsche Wochenschau" Nachrichten von der Rolle

Sensationen, Sport und schlüpfrige Schenkelklopfer: Vor 60 Jahren startete die "Neue Deutsche Wochenschau". Ihre Beiträge hielten die Menschen in der Ära vor dem Massen-TV auf dem Laufenden - von der Wahl der Miss Grapefruit, bis zu einem Bericht, der die Angst vor dem Dritten Weltkrieg schürte.

Hans-Jürgen Rieck

Die Arbeit bei der Wochenschau war die Hölle am Dienstag, dem gefürchteten Hauptkampftag. Manchmal konnte man sein eigenes Wort nicht verstehen. Ratternde Schneidetische, jaulende Töne, laute Sprachbänder vor- und rückwärts abgespielt. Der Redakteur saß neben der Cutterin und meckerte, die Cutterin gab Widerworte. In einem Zug wurden Storys geschnitten und vertont, das neugedrehte Material und das aus dem Archiv. Am Texttisch rang der Redakteur um gute Formulierungen für den Kommentar, während der Tonmeister nebenan im Tonstudio dem Streifen nach dem Mischplan der Cutterin Geräusche, Musik, Sprache hinzufügte. Denn am Freitag musste ausgeliefert werden, in den Kinos warteten die Vorführer dann schon ungeduldig auf die Filmrolle mit den Aktualitäten.

In den fünfziger und sechziger Jahren brummte das Geschäft mit den Wochenschauen. Im Westen der Republik gab es gleich mehrere Anbieter: "Welt im Film", "Welt im Bild", "Ufa-Wochenschau", "Blick in die Welt", "Fox Tönende Wochenschau", "Zeitlupe", "Ufa dabei" und natürlich die "Neue Deutsche Wochenschau", kurz "NDW". Auch die DDR-Bürger mussten auf ihre Wochenschau nicht verzichten, wenngleich die von der Obrigkeit streng zensiert wurde. Bei ihnen hießen die wöchentlichen Kino-Nachrichten "Der Augenzeuge" und wurden von der DEFA produziert.

Ältere Kinogänger werden sich erinnern - vor dem Spielfilm gab es damals immer einen kurzen Kulturfilm - "Das Leben der Blindschleiche" zum Beispiel oder "Die Geigenbauer von Mittenwald". Dann kam eine Wochenschau, angekündigt von laut schmetternder Musik und mit harter Kommentarstimme aus dem Off. Sie bot jede Woche wieder einen Strauß aufregender, auch bunter Geschichten - in etwa wie die "Tagesthemen" heute, aber oftmals besser und sorgfältiger gemacht.

Viele Katastrophen, wenig Politik

Die Wochenschau war das Phänomen einer Zeit, in der die Tür zum dunklen Kinosaal noch den Eintritt in eine andere Welt voller faszinierender Eindrücke versprach. In der Vor-TV-Ära waren es Wochenschauen, die den Zuschauern bewegte Bilder von kleinen wie großen Sensationen brachten, von Naturkatastrophen und Staatsstreichen, Fürstenhochzeiten und niedlichen Tierbabys, gewalttätigen Demonstrationen und händeschüttelnden Politikern, aufregenden Prozessen und Fußballweltmeisterschaften. Und es war die Wochenschau, die Berichte aus aller Welt brachte, zu einer Zeit, als ferne Länder noch nicht einen Mausklick oder ein Billigfliegerticket entfernt waren.

Die Geburtsstunde der "Neuen Deutschen Wochenschau" schlug Ende 1949 in der stillen Heilwigstraße Nr.116 im Hamburger Nobelstadtteil Harvestehude. Das stilschöne Haus, das sich der Kunst- und Kulturhistoriker Aby Warburg 1926 für seine Bibliothek hatte bauen lassen, beherbergte nun die Redaktion und Produktion der "NDW". Mehrere Dutzend Frauen und Männer schufteten hier, um Woche für Woche mit erbarmungsloser Pünktlichkeit ein 300 Meter langes 35-mm-Filmband fertigzustellen: viel Unterhaltung, viele Sensationen und Katastrophen, wenig Politik, etwas Menschliches und ein bisschen Humor.

Die erste Ausgabe der "NDW", die am 3. Februar 1950 in die Kinos kam, begann mit dem pompösen Markenzeichen: Ein sich drehender Globus, umschlungen von Filmband mit dem Schriftzug "NEUE DEUTSCHE WOCHENSCHAU". Dann erschienen kostümierte Eingeborene aus Afrika, die sich wild nach dem einfältigen Song "O la la" verrenkten; der Kommentar dazu lautete: "Wenn die Jungs wüssten, was sie in Europa verdienen könnten." Den wilden Kerlen folgten junge Frauen, lustwandelnd am Strand Kaliforniens. "Eine Parade, gegen die auch vom pazifistischen Standpunkt aus nichts einzuwenden ist", witzelte die Stimme aus dem Off, "und trotzdem ein kriegerisches Ereignis, der bitterernste Kampf um den Titel einer Grapefruit-Königin, natürlich in Kalifornien - leckeres Früchtchen." Abgesehen von dem heute deplatziert wirkenden Humor war "NDW"-Ausgabe Nr. 1 vollgepackt mit Botschaften: Stapellauf in eine bessere Zukunft, Absage an den Kommunismus, dazu reichlich Sport. Politik gab's nur dosiert.

Lokführer als Filmkurier

Chefredakteur Manfred Purzer und seine Mannschaft versuchten, sich gegen die starke und höchst lebendige Konkurrenz durchzusetzen. Sie experimentierten, probierten, stritten um Formate und Themenmischungen, um zu einem unverwechselbaren "NDW-Stil" zu finden. Ihr Kapital war der Stab an gut ausgebildeten, äußerst zähen und hochbezahlten Kameramännern. Mit ihren Helfern, den "Stativkutschern" und viel schwerem Gepäck sprangen diese in die Autos, wenn etwas passierte, und versuchten immer von neuem, einen besonderen Blick auf die Welt hinzubekommen.

"Die aktuelle Story galt etwas in der Redaktion", erinnert sich NDW-Kameramann Hans-Jürgen Rieck, der 40 Jahre dabei war. "Ich denke noch an die Szene mit Chruschtschow an der Berliner Mauer, das Bild ging um die ganze Welt." Schon damals zählte Tempo, das in der analogen Welt allerdings viel schwerer zu erreichen war: "Der Filmversand, die Post war zu langsam", erinnert sich Rieck, "darum haben wir manchmal den Lokführer gebeten, ob er die Büchsen mitnimmt, oder den freundlichen Piloten von der Lufthansa."

Im Rückblick sind die Wochenschauen nicht nur eine bewegte Chronik der Ereignisse selbst, sondern auch der Art und Weise, wie sie wahrgenommen wurden. Die "NDW" Nr. 24 machte Mitte 1950 mit einem Ereignis auf, das die Deutschen damals zutiefst beunruhigte: dem Krieg im fernen Korea. Sie zeigte Bilder, die in ihrer Intensität den nur allzu bekannten Szenen aus dem Zweiten Weltkrieg ähnelten: feuernde Artillerie, marschierende Truppen, Verwundete, Gefangene in Lagern, Trümmer, startende Flugzeuge. Tiefe Eindrücke, die bei den Deutschen die Furcht vor einem Dritten Weltkrieg verstärkten.

Ende ohne Pauken und Trompeten

Immer wieder wurde die Wochenschau zur Berichterstatterin bei weltpolitischen Dramen. Der Berliner "NDW"-Kameramann Eric Onasch etwa wurde Zeuge des 17. Juni 1953. "Ich wollte zum Brandenburger Tor. Aber ich kam nicht durch vor Rowdys und Verwundeten", erzählt er. "Die eine Gruppe hat mich gezwungen, meinen Wagen als Krankenfahrzeug zu benutzen. Ich hab gleich reagiert und die Leute ins Krankenhaus gebracht. Das Columbiahaus brannte dann nieder, die Kollegen am Potsdamer Platz brachen plötzlich zusammen hinter der Mauer. Das lief gleich am nächsten Tag in den Kinos."

1960 baute die "NDW"-Redaktion ein leerstehendes Offizierskasino am Hamburger Stadtrand zur Produktionsstätte mit einem eigenen Kinosaal um. 17 Jahre lang vibrierte das Haus an der Sieker Landstraße unter dem hektischen Tun von 120 Redakteuren, Kameramännern, Cutterinnen, Tonleuten und Archivaren, die alles daran setzten, jede Woche ihre zehn oder elf Minuten langen Filme mit immer neuen Storys und Aktualitäten auf den Weg zu bringen. Doch die Zeit ging über das traditionsreiche Medium Wochenschau hinweg. Zum Jahresende 1977 wurde die "Neue Deutsche Wochenschau" eingestellt - ohne Paukenschlag, ohne Trompeten, ohne Abschiedsfete", wie sich die damalige Archivleiterin Mechthild Meyer-Rix erinnert: "Sie ist ganz einfach eingegangen."

Ihre Spuren sind dennoch unauslöschlich. 17 Millionen Meter Filmmaterial mit 3000 Wochenschauen enthält das gigantische Hamburger Archiv, ein einzigartiges nationales Film-Gedächtnis - aneinandergereiht sind es 7000 Stunden Zeitgeschichte. Alle Fernsehsender, öffentlich-rechtliche wie kommerzielle, finden hier Material, das für historische Sendungen genauso eingesetzt wird wie für die aktuellen Nachrichten. "Alle Macht den Archivaren", sagt der langjährige "NDW"-Archivleiter Wilfried Wedde, "sonst wird die Nachwelt nichts erfahren."



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