Tupperparty-Pionierin Geschäftsfrau in Schüssel-Position

Tupperparty-Pionierin: Geschäftsfrau in Schüssel-Position Fotos
Tupperware

Vor 60 Jahren erfand Brownie Wise die Tupperparty. Die charmante Kunststoffkönigin scheffelte Millionen für das Unternehmen und revolutionierte nebenbei das Selbstverständnis vieler Hausfrauen. Sie feierten mit Wise ihren Erfolg auf exzessiven Tupper-Orgien - bis der Firmengründer die Party abrupt beendete. Von Sarah Levy

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Knapp 2000 Frauen und einige Männer saßen wie erstarrt auf ihren Stühlen. "Falls hier irgendjemand aufstehen und Brownie Wise folgen möchte, dann verlassen Sie bitte jetzt den Saal", ertönte es durch ein Mikrofon. Keiner im Publikum sagte etwas, niemand stand auf. Die Frauen wussten, was sie Brownie Wise zu verdanken hatten - der Frau, die sie zu erfolgreichen, selbstbewussten Kleinunternehmerinnen, zu "Tupperladies", gemacht hatte. Aber keine von ihnen folgte Brownie Wise, der Tupperkönigin.

In den fünfziger Jahren wuchs das amerikanische Unternehmen Tupperware zu einem millionenschweren Plastik-Imperium heran - dank eines innovativen Produkts und dank Brownie Wise. Die Erfinderin der Tupperpartys rekrutierte Tausende Hausfrauen, Mütter und Ehefrauen für den Verkauf der pastellfarbenen Plastikbehälter und verhalf dem Firmengründer Earl Silas Tupper zu Millionenumsätzen.

Brownie Wise war keine gebildete Frau. Die alleinerziehende Mutter arbeitete hart, um für sich und ihren Sohn den Lebensunterhalt zu sichern: als Sekretärin, freie Journalistin und als Vertreterin von Haushaltsprodukten. Als eine der Ersten erkannte die charmante Südstaatlerin, dass man Nutzen und Benutzung der bunten Tupperware-Plastikbehälter dem Käufer direkt demonstrieren musste. Nur so, das hatte Wise auf ihren Verkaufstouren beobachtet, könne sich der normalen Hausfrau der "Tupperware Burp", das rülpsende Schließgeräusch der luft- und wasserdichten Plastikschüssel, erschließen.

Das Produkt mit den Füßen treten

Auf sogenannten Patio Parties warf die charismatische Wise ihrem weiblichen Publikum mit Flüssigkeiten gefüllte Behälter zu, stellte sich mit einem Fuß auf die harte Plastikschale und überzeugte so ihre Kundinnen von der Einzigartigkeit der Tupperware-Produkte. Auch Earl Tupper, der bisher an der erfolgreichen Vermarktung seiner Kunststoffware gescheitert war, überzeugten Brownie Wises unschlagbare Verkaufszahlen und ihr gewinnender Charme. Er machte sie zur Leiterin der Verkaufsabteilung und zur Vizepräsidentin von "Tupperware Home Parties" mit Firmensitz im US-Bundesstaat Florida, Tupper selbst leitete die Produktion in Massachusetts.

"Wenn wir die Menschen aufbauen", lautete Brownie Wises Credo, "werden sie das Unternehmen aufbauen." 1951 begann die Rekrutierung der "Tupperladies": Hausfrauen, Mütter und Ehefrauen, die - herausgeputzt in schicken Hüten, Stöckelschuhen und weißen Handschuhen - sich und die Tupperware-Produkte selbstbewusst präsentierten und im ungezwungenen Rahmen eines Kaffeeklatschs oder einer Dinnerparty ihre Freundinnen, ihre Nachbarn und Verwandten zum Kauf von Tupperware-Produkten anregten.

Ein innovatives Konzept, das - neben der Möglichkeit, der häuslichen Sphäre zeitweise zu entkommen - den Frauen neue Chancen eröffnete: Mit jedem verkauften Produkt verdienten die Beraterinnen an ihrem Erfolg. Mit diesem Geschäftskonzept hatten erstmals auch Frauen mit geringer Bildung eine Chance, sich als Geldverdiener zu behaupten. Das Tupperlady-Dasein war nicht nur mit der Rolle der Hausfrau und Mutter zu vereinbaren, es brachte den Frauen erstmals auch Anerkennung für ihre häusliche Arbeit.

Kostspielige Geschenke für die Tupperladies

"Faith, respect, and sorority" - Glaube in das Unternehmen, Anerkennung und schwesterlicher Zusammenhalt lautete Brownie Wises Zauberformel, mit der sie ihre Jünger für das Unternehmen begeisterte. Ihre Anhängerinnen vergötterten die Tupperkönigin - und Wise inszenierte sich als solche: Sie kleidete sich extravagant, wohnte in einem glamourösen Haus in der Nähe des Tupperware-Anwesens in Kissimmee, Florida, fuhr ein pinkes Cabrio und hielt sich einen pink-gefärbten Kanarienvogel in ihrem Büro. Für die Tupperladies war Brownie Wise ein Idol, ihre Geschichte ein modernes Aschenputtel-Märchen. Bereitwillig folgten sie Wise in die Tupperware-Familie.

Tausende von ihnen pilgerten Jahr für Jahr zum Tupperware-Hauptquartier in Florida, um die "Tupper Magic", wie Brownie Wise das Zusammengehörigkeitsgefühl nannte, mit aufwendigen Partys zu zelebrierten. Das Anwesen selbst hatte Wise wie ein Märchenland gestalten lassen: 400 üppig bepflanzte Hektar mit Lagunen, Palmen und dem "Tupper-See", in dem sich das strahlend weiße Tupperware-Hauptquartier spiegelte. Besucher wandelten über meditative Pfade, die von römisch anmutenden Säulen und Pavillons gesäumt wurden, vorbei an Gedenktafeln, die besondere Leistungen von Tupperware-Mitarbeitern hervorhoben, und landeten am "Poly-Teich", an dem sie Wünsche äußern und in Form kleiner Kunststoff-Kügelchen versenken konnten.

Auf den jährlichen Versammlungen wurden die verkaufsstärksten Tupperladies ins Rampenlicht gezerrt und mit kostspieligen Geschenken überhäuft. Im Jahr 1954 gruben Hunderte Frauen unter dem Motto "Grab nach Gold" auf einem Feld nach versteckten Schätzen: in Plastik verpackte Nerzstolen, Diamantenringe und Miniaturautos, die die glücklichen Finderinnen gegen Modelle in Originalgröße umtauschen durften. Brownie Wise wusste, wie sie ihre Verkäuferinnen an die Marke Tupperware binden und motivieren konnte. Eine Investition, die bald Früchte trug: 1954 verbuchte Tupperware Umsätze von 25 Millionen Dollar. Als erste Frau zierte Brownie Wise das Cover des Magazins "Business Week".

Harter Abschied für Brownie Wise

Earl Tupper, der Erfinder von Tupperware, erschien selbst nie auf den Jahresfeiern. Der Firmengründer, der mit guten Ideen und harter Arbeit seinen persönlichen amerikanischen Traum verwirklicht hatte, glaubte an Fleiß und die Qualität seines Produkts. Seine zurückhaltende Persönlichkeit stand in starkem Kontrast zu Brownie Wises extravagantem, modernen Lebensstil und ihrer offensiven Marketingstrategie.

Tupper störte sich daran, dass Brownie Wise im Fokus seiner Marke stand - mehr noch als seine Produkte. Den Freiraum, den er seiner Vizepräsidentin bereitwillig gegeben hatte, konnte der traditionsbewusste Earl Tupper nicht mehr überblicken, die bis zu 48.000 Dollar-teuren Jahresfeiern brachten das Fass zum Überlaufen. 1958 feuerte der Gründer seine Tupperkönigin. Nach sieben Jahren an der Spitze des Unternehmens musste Brownie Wise ihre selbst erschaffene Tupperfamilie verlassen.

Auf der jährlichen Versammlung der Tupperladys im Jahr 1958 wurde Brownie Wises Abschied von Tupperware nicht erklärt. Stattdessen verteilte die Geschäftsführung 2000 Ausgaben der lokalen Zeitung mit einer Anzeige von Brownie Wises neuem Unternehmen "Cinderella Cosmetics". "Falls hier irgendjemand aufstehen und Brownie Wise folgen möchte, dann verlassen Sie bitte jetzt den Saal", forderte der Vorsitzende Hamer Wilson die Menge auf. Keine der Tupperladys tat es. Die Loyalität der Frauen gehörte Tupperware - dafür hatte Wise selbst gesorgt.

Kurze Zeit später ließ Earl Tupper Brownie Wise aus der Firmenchronik tilgen, auch in seiner Autobiographie findet sich kaum ein Wort über seine erfolgreichste Verkäuferin. Weniger als ein Jahr nach Wises Ausstieg verkaufte Tupper sein Unternehmen für 16 Millionen Dollar. Brownie Wise startete mehrere Versuche, ihr Verkaufstalent für andere Unternehmen zu nutzen - keinem aber brachte sie eine vergleichbare Hingabe entgegen wie den bunten Plastikbehältern mit dem rülpsenden Schließgeräusch.

1984, ein Jahr nach dem Tod des Erfinders Earl Tupper, lief das Patent für sein Kunststoff-Design aus. Der bis dahin einzigartige "Tupperware Burp-Verschluss" wurde seither massenhaft kopiert. In Deutschland feiert das Unternehmen in diesem Jahr 50-jähriges Jubiläum. Noch heute zelebrieren weltweit Millionen von Tupperware-Beraterinnen und Berater alle zwei Sekunden Brownie Wises Erfolgskonzept - die Tupperparty.

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1.
Reinhard Kupke 24.09.2012
So geht das eben wenn intovertierte Männer ohne Selbstbewußtsein das Sagen haben und dann mit starken Frauen konfrontiert werden.
2.
Franz Schneider 24.09.2012
Ein amerikanischer Traum, aus einer Zeit wo man noch mit echten Produkten, nicht mit strukturierten Derivaten, Geld machte. Und ein Beispiel für die Schönheitsfehler selbst solch einer Traumstory. Wie ein Begriff wie "Sorority" missbraucht wird um schlicht zum Umsatz machen zu animieren. Und wie die Erfolgsfrau ratzfatz gefeuert wurde. Stelle ich mir traumatisch vor. Ende schlecht alles schlecht.
3.
thorsten krach 25.09.2012
Tupperware: Mehr oder weniger nützliche PE-Produkte in regressiv-konservativem Design zu stark überhöhten Preisen.
4.
Jens Schuetz 25.09.2012
__So geht das eben wenn intovertierte Männer ohne Selbstbewußtsein das Sagen haben und dann mit starken Frauen konfrontiert werden.__ Ohne den "Selbstbewusstseinslosen" waere die Frau im Berufsleben nichts gewesen (angedeutet durch das was sie in den naechsten Jobs geleistet hat) Ohne ihn haetten viele einen anderen Job suchen muessen oder haetten nie ein Einkommen gehabt. Es war seine Firma und warum soll er nicht feuern duerfen wer er will? Wuerden sie sich ihre Firma wegnehmen lassen oder jeden Angestellten machen lassen was er will? Warum wurde die Dame gefeuert? Steht im Artikel. Einfach mal lesen. Das sie hier ein Mann vs Frau reindeuten wollen sagt einiges ueber sie aus, aber nichts ueber die wahren Hergaenge.
5.
Sylvia Antweiler 25.09.2012
Tatsächlich mal eine praktische und haltbare "Erfindung".. Meine "Tupperschüsseln/schalen stammen aus den späten 60ern. Das Design und die Farben sind, für heutige Maßstäbe, schlichtweg grauslich. Aber nach ca. 40 Jahren sind sie so gebrauchsfähig wie neu.
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