Vinyl-LP Diese Scheibe ist ein Hit!

Vinyl-LP: Diese Scheibe ist ein Hit! Fotos
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Digital? Ganz egal! Das Fundament der Popkultur ist aus schwarzem PVC. 1948 wurde die Langspielplatte erfunden - und revolutionierte die moderne Gesellschaft. Die Vinylscheibe verhalf dem Rock'n'Roll zum Durchbruch und begründete die DJ-Kultur. Dann wurde sie selbst zum Musikinstrument. Von

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Das subtile Spiel von Klavierlegende Vladimir Horowitz schwoll gerade zu einem raunenden Tosen an, wogende Bässe verwoben sich mit klirrenden Kadenzen zu einem mächtigen Crescendo - da machte es "klack". Die Stahlnadel des Grammophons hatte nach gerade einmal vier Minuten das Ende der Schellackschallplatte erreicht und die aufgewühlten Zuhörer vor dem dramatischen Höhepunkt ins akustische Nichts fallen lassen. Als sechs gewechselte Schallplatten und fünf musikalische Unterbrechungen später endlich der Schlussakkord von Brahms' 2. Klavierkonzert ertönte, hatte einer der Zuhörer an diesem Herbstabend 1945 endgültig genug.

Und so beschloss Dr. Peter Goldmark, Elektroingenieur bei der US-Plattenfirma CBS und begeisterter Klassikliebhaber, einen neuartigen Klangträger zu entwickeln - mit wesentlich längerer Spieldauer und besserem Sound als die seit Jahrzehnten übliche Schelllackplatte. Nach drei Jahren Forschungsarbeit präsentierte Goldmark seine Erfindung schließlich der Öffentlichkeit: Am 21. Juni 1948 drehte sich in New York die erste Langspielplatte aus rauscharmem Polyvinylchlorid auf dem Plattenteller.

Die Vinyl-LP war eine echte Revolution - für die Musikindustrie, der das "schwarze Gold" (Branchenjargon) satte Gewinne bescherte, genau wie für Klangfanatiker, die den warmen analogen Ton bis heute allen digitalen Musikkonserven vorziehen. Mehr noch: Die Scheibe mit der extralangen "Microgroove"-Rille veränderte fundamental unsere Gesellschaft. In kongenialer Partnerschaft mit dem Radio eroberte sie die Jugend der Welt und verhalf dem Rock'n'Roll zum Durchbruch: Auf dem Plattenteller des Dr. Goldmark drehte sich das Fundament des Pop-Zeitalters.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Doch zunächst schien der Fortschritt vor allem technologischer und ästhetischer Natur. Als die Deutsche Grammophon 1951 die erste deutsche Langspielplatte veröffentlichte - ein Violinkonzert von Felix Mendelssohn Bartholdy - ging den Klassikfans das Herz auf. Die Spieldauer von 20 bis 30 Minuten, genug für einen Opernakt oder sogar eine Symphonie, war eine Sensation - kaum noch vorstellbar in Zeiten, in denen Mozarts Gesamtwerk locker auf den MP3-Player passt.

Goldmarks genialer Trick war die Entdeckung der Langsamkeit. Während die Schellackplatte mit 78 Umdrehungen pro Minute wild auf dem Plattenteller wirbelte, kreiste die Langspielplatte aus PVC mit 33 1/3 Umdrehungen beinahe gemächlich um ihr Zentrum - entsprechend später erreichte die Nadel das Ende der Scheibe. Dazu ermöglichte das neuartige Vinyl deutlich schmalere Rillen und verlängerte damit noch einmal den Musikgenuss. Die Erfindung der Stereoschallplatte 1958 durch die Firma Mercury machte die LP endgültig zum konkurrenzlosen Klangerlebnis - im gleichen Jahr wurden Herstellung und Verkauf von Schellackplatten in Deutschland eingestellt.

Kult wurde Vinyl mit der Einführung der Single. Ab 1949 brachte der Plattenriese RCA die kleinen schwarzen Scheiben mit nur 17 Zentimeter Durchmesser und einem Song auf jeder Seite auf den Markt. Die Single war das perfekte Produkt für die musikhungrige Jugend. Die Single war leicht, handlich, nahezu unzerbrechlich - und machte so die eigene Wunschmusik mobil. Dank tragbarer Miniplattenspieler konnten die Hits von Elvis, Chuck Berry oder den Everly Brothers zum Petticoat-Swingen mit in den Park oder an den Strand genommen werden. Abends ging es auf den "Record Hop" - Tanzveranstaltungen, bei denen statt Live-Band ein Mann im großkarierten Sakko am Plattenspieler einheizte - die ersten Anfänge der DJ-Kultur.

Exzesse im Partykeller

Ein rundes halbes Jahrhundert lang lebten Jugendliche im Rhythmus, den die Vinylscheibe auf dem Plattenteller vorgab - für Generationen ist ihre eigene Geschichte mit dieser oder jener Schallplatte verbunden. Ein Album aus dem Regal gezogen und das abgegriffene Cover betrachtet - schon ist sie da, die Erinnerung. Wie herrlich war es, mit dem Bruder damals auf dem Teppichboden liegend mucksmäuschenstill dem "Dschungelbuch" oder dem "Sängerkrieg der Heidehasen" vom Plattenteller zu lauschen oder bei Kindergeburtstagen erste Tanzeinlagen zu Boney M. oder Abba zu wagen.

Und dann die erste selbstgekaufte Platte! Der Kauf war wie ein Initiationsritual. Mit einer LP wurde man zum ernstzunehmenden Menschen - mitunter auch gleich zum Rebellen, wenn zu Mutters Entsetzen langhaarige Lederträger mit Tätowierungen und martialischem Gesichtsausdruck vom Cover blickten. Heute ist die Scheibe mit Kratzern von Exzessen im Partykeller übersäht, aber jedes "Tak, tak, tak" auch wie ein Zeitzeugenbericht aus der eigenen Vergangenheit: Die Erinnerung an den Kumpel, der damals das Bierglas auf der brandneuen Beatles-LP zerdepperte, hat sich für immer nicht nur in die Platte, sondern auch in das Gedächtnis eingegraben.

Eine Schallplatte aufzulegen, hat etwas Zeremonielles. Keine Chance, sie nebenher beim Joggen oder Autofahren zu hören - das Medium verlangt eine Auszeit vom Multitasking. Ganz vorsichtig wird das gute Stück aus Hülle und Inlet gezogen, die Finger nur am äußersten Rand, um es nicht zu beflecken; dann wird die schwarzglänzende Scheibe auf den Plattenspieler gelegt wie eine Opfergabe auf den Altar. Und die Cover - aufwendig gestaltete Kunstwerke, manchmal aufklappbar oder mit Postern, Aufklebern und dergleichen bestückt; nicht selten von bekannten Künstlern gestaltet - Andy Warhol etwa, der für Velvet Underground das berühmte Bananen-Cover entwarf und für die Rolling Stones das "Love you live"-Doppelalbum illustrierte. Gemessen an den kleinen CD-Plastikhüllen hatte das LP-Cover noch Format, von Downloads ganz zu schweigen.

Das Vinyl lebt!

Seit die CD in den Achtzigern das digitale Musikzeitalter einläutete und die Zahl computerkompatibler Tonträgerformate von MP3 über SACD bis DVD Audio seither immer unüberschaubarer wird, klingelt angeblich auch das Sterbeglöcken für's Vinyl. Klar - das Plattenhören und -kaufen ist in der Ära beliebig und fast umsonst reproduzierbarer Digitalmusik inzwischen eine Leidenschaft von Minderheiten. Doch die Nachfrage nach der Langrille steigt wieder. Nach dem Tiefststand Mitte der neunziger Jahre, als in Deutschland nur noch 400.000 LPs verkauft wurden, stieg der Verkauf bis 2003 laut Bundesverband Musikindustrie wieder auf eine Million Exemplare.

Vorbei sind die dürren Jahre, als sich Plattenfans bei Sammlerbörsen und auf Flohmärkten mit Second-hand-Vinylglück eindecken mussten. Viele kleine Labels haben inzwischen die Nische Vinyl entdeckt und bringen Musik exklusiv auf schwarzen Scheiben auf den Markt. Aber auch Musikriesen wie Universal oder Deutsche Grammophon reagieren und veröffentlichen wieder verstärkt auf Vinyl - zum Jubiläumsjahr der schwarzen Scheibe lässt Universal eigens 80 Vinylklassiker von Jimi Hendrix bis Nick Drake nachpressen. Und so bieten auch die großen Medien-Supermärkte inzwischen wieder lange Regale mit den schmalen Plattenhüllen im Format 30 mal 30 Zentimeter - "Saturn" in Köln etwa hat derzeit 30.000 LPs im Sortiment. Und bei spezialisierten Online-Vinylhändlern gibt es mittlerweile fast alle Titel auf LP, vom brandneuen Madonna-Album bis zur alten Sinatra-Aufnahme. Kein Wunder, dass auch Presswerke die Kapazitäten erweitern.

Das Vinyl lebt also. Was wäre auch der DJ ohne Pose am Plattenteller, ohne den körperlichen Einsatz beim Scratchen und Juggeln. Wie unsexy ist es, eine vorprogrammierte Playlist vom Laptop abzunudeln? Inzwischen hat die Platte und ihr Spieler ohnehin das profane Dasein als bloßes Wiedergabemedium hinter sich gelassen und sich höhere Weihen als echtes Musikinstrument erarbeitet. Längst haben Songwriter, Arrangeure und Komponisten die Poesie des Plattenspielerklangs für sich entdeckt. Künstler wie Brite Philip Jeck oder der Deutsche Claus van Bebber etwa entwickeln schon seit den siebziger Jahren Musikformen, für die sie ausschließlich Schallplatten und Turntables verwenden. Aber auch im musikalischen Mainstream benutzen HipHopper und Indie-Bands das Geräuschearsenal der Vinylplatte gern als Stilmittel.

Und auch wenn es altmodisch wirken mag, Musik auf Plastikfladen gepresst aufzubewahren und analog abzuhören - die Schallplatte hat nicht nur nostalgischen Wert, sie ist ein riesiger Kulturschatz: 560 Billionen Platten gibt es heute auf unserem Planeten, schätzt der Vinylexperte Robert Suchy, Geschäftsführer des High-End-Plattenspielerherstellers Clearaudio. Vieles bekommt man anders als auf Vinyl gar nicht zu hören, denn nur der geringste Teil ist digitalisiert. So besteht das Gedächtnis des 20. Jahrhunderts zu einem nicht so kleinen Teil aus PVC. Das ist nicht schlecht, denn im vergleich zur CD ist die Vinylscheibe um einiges haltbarer - ganz abgesehen davon, dass die Daten aus der Rille nicht mit einem falschen Knopfdruck oder einem Festplattencrash verlorengehen können.

Ein Turntable wird sich auch in 50 oder 100 Jahren noch in irgendeinem Keller auftreiben lassen.

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insgesamt 9 Beiträge
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1.
Thorsten Richartz 20.06.2008
Recht schöner Beitrag, aber ich kann mir nicht erklären, wie ein Festplattencrash eine CD zerstört :-) Eins vielleicht noch, es gibt seit einiger Zeit im DJ-Bereich digitale Systeme, wie Rane Serato oder Traktor von Native Instruments, die Vinylhaptik mit Computern verbindet. Das könnte vielleicht in den nächsten Jahren für sinkende Vinylverkäufe sorgen. Gerade im Bereich der 10" oder 12" Maxisingles könnten diese Systeme bald führend sein.
2.
Holger Krüssmann 20.06.2008
Ich kann dem Lob von TR nur beipflichten; jedoch mit einer inhaltlich klitzekleinen, quantitativ aber riesigen Korrektur bzw. einer Nachfrage zum Zitat: "560 Billionen Platten gibt es heute auf unserem Planeten, schätzt der Vinylexperte Robert Suchy, Geschäftsführer des High-End-Plattenspielerherstellers Clearaudio." Da ist der Kollegin wohl ein (häufig gepflegter) Übersetzerfehler unterlaufen. Der Mensch ist US-Amerikaner - und bei denen sind die Billions das, was bei uns die Milliarden sind. Sicher - beides steht für eine kaum vorstellbare Riesenmenge. Aber ganz so riesig eben doch nicht.
3.
Michael Butschek 20.06.2008
Wie aus Legende Wahrheit wird. Ich kann mich nicht erinnern - und ich habe in den 70er Jahren selbst Disco gemacht -, dass Schallplatten aus dem Westen in der DDR "verboten" gewesen wären. Es gab sie einfach nicht. Wer Beziehungen hatte, der hatte auch Schallplatten. Und dagegen hat niemand etwas gehabt. Das Kolportieren verallgemeinerten Halbwissens ist mehr als ärgerlich.
4.
Kenneth Cambridge 21.06.2008
Der Artikel enthält m.E. noch weitere nicht ganz richtige Angaben, zu denen ich folgendes sagen möchte: Die unzerbrechliche Schallplatte hat sicherlich mehrere Väter. Bereits in den 20er Jahren, gab es Versuche, Platten aus unzerbrechlichem Material zu produzieren. Diese Bestrebungen wurden von der damaligen Musikindustrie massiv bekämpft, weil sie Umsatzeinbussen durch unzerbrechliche Platten befürchtete. Erst nach dem 2.Weltkrieg, war die Zeit reif. Die Einführung der Vinylplatte, markiert -neben Magnetbandaufzeichnung und UKW-Rundfunk- den unter dem Schlagwort "High-Fidelity" vermarkteten Modernisierungsschub, den die Phono-Technik Ende der 40er Jahre erfahren hatte.Auch wurde die Stereo-Schallplatte nicht 1958 "erfunden", sondern hatte bei der Markteinführung als ausgereiftes System im Jahre 1956 bereits ein Vierteljahrhundert Entwicklung hinter sich.
5.
René Böke 21.06.2008
Nur die halbe Wahrheit? Sehr eigenartig und schade, daß mit keiner Zeile das Füllschriftverfahren erwähnt wird. Es wurde 1944 bis 1948 von Eduard Rhein entwickelt, 1949 wurde ihm dafür ein Patent erteilt. Meines Wissens ist dieses Verfahren - neben der Mikrorille, die ja in dem Artikel angesprochen wird - maßgeblich für die lange Spieldauer der Schallplatten. Meiner Meinung nach ein wenig USA-Hurra-lastig, der Artikel.
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