Stalin-Verehrung Der rote Imperator

Stalin-Verehrung: Der rote Imperator Fotos
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Folter, Schauprozesse und hunderttausende Hinrichtungen: Mit blutiger Gewalt brachte Josef Stalin ab den zwanziger Jahren den Machtapparat der jungen Sowjetunion unter seine Kontrolle. Dennoch verehren viele Russen den grausamen Diktator 60 Jahre nach seinem Tod wie einen Volkshelden. Von

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Es ist nicht so, dass in Russland jemand bestreiten würde, dass der sowjetische Diktator für eine grausame Gewaltherrschaft stand. Schon früh war Stalin selbst in der Führung seiner eigenen Partei, der Bolschewiki, Vorläuferin der KP, umstritten. Dass die Zahl seiner Opfer unvorstellbar groß ist, räumen inzwischen auch ehemals führende russische Kommunisten ein.

Und doch sorgt der tote Machthaber im Russland dieser Tage für lebhaften Auseinandersetzungen. Seine Verehrer wie der Schriftsteller Alexander Prochanow rühmen den "mystischen Sieg" des Staatsführers von 1945 und das sowjetische "rote Projekt" als epochemachend. Regelmäßig gewinnen sie dabei Fernsehdebatten gegen Liberale, die verzweifelt vor Stalin-Nostalgie warnen. 60 Jahre nach seinem Tod geht von dem brachialen Staatschef für viele Russen eine späte Faszination aus.

Verrechnet

Dabei hatte schon Lenin vor ihm gewarnt. Was der Vorsitzende der Bolschewiki-Partei am 24. Dezember 1922 in einem Brief an den Parteitag der Bolschewiki über Josef Stalin schrieb, ließ Abgründe erahnen: "Genosse Stalin hat, nachdem er Generalsekretär geworden ist, eine unermessliche Macht in seinen Händen konzentriert, und ich bin nicht überzeugt, dass er es immer verstehen wird, von dieser Macht vorsichtig genug Gebrauch zu machen."

Da hatte Stalin längst noch nicht die unumschränkte Macht im erst fünf Jahre alten Sowjetstaat. Der Erste Weltkrieg und der Bürgerkrieg hatten das Land zerrüttet. Die allein herrschenden Kommunisten waren in rivalisierende Gruppen gespalten. Als herausragende Figur zeigte sich damals ein brillanter Rhetoriker aus einer jüdischen Gutsbesitzerfamilie: Lew Bronstein, er selbst nannte sich Trotzki. Der Menschenkenner Lenin warnte auch vor ihm. Trotzki habe "ein Übermaß von Selbstbewusstsein und eine übermäßige Vorliebe für rein administrative Maßnahmen".

Es war diese Einschätzung, die Stalin den Aufstieg ermöglichte: Kaum jemand rechnete damit, dass sich der Autodidakt Stalin gegen Trotzki durchsetzen würde. Auch Lenin nicht. Nach Lenins Tod 1924 war Stalin nicht mehr aufzuhalten: Mit einem einfachen Kniff isolierte er Bronsteins Anhänger, die "Trotzkisten". Immer wieder wies er auf deren diktatorische Methoden hin, etwa ihr im Volk verhasstes Konzept der "Militarisierung der Arbeit".

Im Moskau der zwanziger Jahre profilierte sich Stalin mit wortgewaltigen Schwüren auf die Demokratie. Seine Macht festigte er über den Parteiapparat, in den er vor allem junge Russen aufrücken ließ. Die Partei, die Lenin hinterlassen hatte, war ein chaotischer Haufen. Sie wurde beherrscht von politischen Abenteurern, die im russischen Volksleben kaum verwurzelt waren. Die Schicht der staatlichen Verwalter und regionalen Machthaber hingegen war bestechlich und habgierig. Mit den einen wie den anderen war kein Staat zu machen. Stalin wollte durchgreifen. Seine Konsequenz war grausam: Hunderttausende wurden in den späten dreißiger Jahren unter seiner Herrschaft von willfährigen Gerichten zum Tode verurteilt, Millionen in Lager verschleppt, Ungezählte kamen dort um.

Iwan, der Schreckliche

Was ihn dabei wohl angetrieben haben könnte, machte ein Film deutlich, der auf den ersten Blick gar nichts mit Stalin zu tun zu haben schien: "Iwan der Schreckliche". Stalin hatte den Film mitten im Zweiten Weltkrieg von Regisseur Sergej Eisenstein drehen lassen. Er spielt im 16. Jahrhundert und zeigt das Leben des russischen Zaren Iwan IV., dem der Westen wegen seiner sadistischen Neigungen den Beinamen "der Schreckliche" gegeben hatte.

Ähnlich wie Stalin hatte Iwan IV. auf dem Weg zur Alleinherrschaft vor einem Problem gestanden: den korrupten, selbstherrlichen Bojaren-Fürsten, Vasallen, denen er nicht trauen konnte. Stalin war fasziniert von der historischen Parallele. Die Zuschauer erlebten einen Zaren als begnadeten Volksführer, bedrängt von arglistigen Fürsten und Verrätern. Im russischen Vorspann heißt es, das Werk handle "von einem Menschen, der als erster unser Land einte und einen mächtigen Staat schuf".

Mit Terror und Wellen blutiger Säuberungen hatte auch Stalin den Machtapparat unterworfen. Wo Widerstand nicht nachzuweisen war, ließ er ihn erfinden, wurden Geständnisse mit Folter wie am Fließband produziert. Schauprozesse gegen führende Männer aus Partei und Staat hatten dem gesamten Land ab 1935 signalisiert, dass es gegen Stalins Politik weder offenen noch verdeckten Widerspruch geben durfte. Allein am 12. Dezember 1938 hatte Stalin 3167 Todesurteile bestätigt. Und selbst die für den Terror verantwortliche sowjetische Geheimpolizei war von den Säuberungen nicht verschont geblieben - wie einst die Opritschnina, die Sicherheitsgarde Iwans.

Das Schwert des Diktators kreiste auch über der Armee-Führung. In wenigen Jahren waren mehr als 10.000 Offiziere hingerichtet, drei von fünf Marschällen und 15 Armeekommandeure verhaftet worden. Den 1929 emigrierten Erzfeind Trotzki hatte 1940 der Eispickel eines sowjetischen Agenten im sonnigen Mexiko direkt ins Hirn getroffen.

Industrialisierung zum Sieg

Was auf den ersten Blick wie der vollendete Wahnsinn eines Paranoikers aussah, hatte System: Wie Zar Iwan versuchte Stalin, sich einen ihm ergebenen Dienstadel zu schaffen. Ein Zaren-Revival war Stalins Herrschaft indes nicht. Vielmehr eine Modernisierungsdiktatur.

In einer Rede vor Werkdirektoren, Ingenieuren und Funktionären hatte Stalin im Februar 1931 in Moskau die Essenz seiner Politik erläutert. Seine mehr als 700 Zuhörer, vorwiegend Männer jüngeren und mittleren Alters, die in Zügen durch die verschneiten Weiten des Landes in die Hauptstadt gereist waren, hörten gespannt das Programm, das sie erfüllen sollten.

Das "alte Russland", so Stalin, sei "wegen seiner Rückständigkeit fortwährend geschlagen worden", von "mongolischen Khans, schwedischen Feudalen und englisch-französischen Kapitalisten". Seine Schlussfolgerung: Das Land müsse daher "in kürzester Zeit seine Rückständigkeit beseitigen". Begründung: "Wir sind hinter den fortgeschrittenen Ländern um 50 bis 100 Jahre zurückgeblieben. Wir müssen diese Distanz in zehn Jahren durchlaufen. Entweder bringen wir das zuwege, oder wir werden zermalmt."

Zehn Jahre später überfiel die modernste Militärmaschinerie der Welt, Hitlers Wehrmacht, die Sowjetunion. Deutsche Panzer zermalmten Getreidefelder, Sturzkampfbomber attackierten Industriebetriebe russischer Städte.

Doch die Sowjetunion siegte: Verblüfft mussten die Deutschen im April 1945 mit ansehen, wie die Rote Armee mit 6000 Panzern auf Berlin vorrückte, um dem Deutschen Reich den Todesstoß zu versetzen.

Möglich geworden war dies durch Stalins gigantische Industrialisierung - und den hohen Preis, den die Opfer der Stalinschen Politik dafür bezahlten: Die zwangsweise Kollektivierung der Landwirtschaft trieb der Industrie Arbeitskräfte zu und verurteilte Millionen von Bauern zum Hungertod. Lagerhaft für mehrfach in der Fabrik verspätete Arbeiter war nach 1939 die Regel, nicht die Ausnahme. Du bist nichts, das sowjetische Imperium ist alles - das war die unausgesprochene Devise des Stalinschen Regimes. Das Prinzip schien zu funktionieren: Nach dem Sieg 1945 reichte der sowjetische Machtbereich vom Pazifik bis zur Lübecker Bucht.

Einsamer Tod

Um sein Riesenreich zu kontrollieren, brachten ihm Mitarbeiter in der Nachkriegszeit täglich Akten und Berichte per Flugzeug zu einem der Gartenhäuser, auf die sich der Machthaber gern zurückzog. Selbst im Schlafzimmer, wo neben dem Bett ein kleiner brauner Schreibtisch stand, arbeitete er sich durch die Dokumente.

Während der Diktator oft für mehrere Wochen oder Monate etwa die Abgeschiedenheit des abchasischen Gagra an der kaukasischen Schwarzmeerküste bevorzugte, regierten im fernen Moskau seine Bürokraten und rühmten ihn mit heuchlerischem Personenkult. Hinterlistig, feige und intrigant, in ihrer Selbstsucht nur gebremst durch den Faktor Angst, solange Stalin lebte.

Einen Nachfolger hatte der "Woschd", der Führer, wie er sich auch nennen ließ, nicht aufgebaut. Es war einsam um ihn geworden, als er am 5. März 1953 auf seiner Datscha in Kunzewo bei Moskau an den Folgen eines Schlaganfalls starb, die Leber von Gelagen ramponiert.

An Stalin aufrichten

Während große Teile der Bevölkerung, die in ihm eine strenge Vaterfigur sahen, weinten, widmete sich die Moskauer Elite dem, was sie am besten konnte: Dem Flechten von Intrigen und Entfachen von Machtkämpfen. Drei Jahre nach Stalins Tod begann die öffentliche Abkehr von seinem Kurs, 38 Jahre nach seinem Tod löste sich das Sowjetimperium auf.

Die heute Faszination des Diktators - 60 Jahre nach seinem Tod - gilt denn auch nicht dem Kommunisten Stalin, sondern dem Begründer des Imperiums. Der Grund dafür, vermutet Wladimir Solowjow, liberaler TV-Moderator beim staatlichen Kanal "Rossija" (Russland), liege wohl in der "niederschmetternden Gegenwart".

Angesichts von umfassender Korruption in Regierung und Verwaltung, von Machtmissbrauch und sozialer Ungerechtigkeit, so Solowjow, wachse bei vielen Russen das Bedürfnis, sich an Stalin aufzurichten. Dessen persönliches Eigentum bestand im Wesentlichen aus einigen Uniformmänteln. Denn selbst seine Datschen gehörten nur dem Staat.

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1.
Olaf Nyksund 04.03.2013
Leider ist die Verehrung des Verbrechers Dschungaschwili kein auf Russland begrentzes Phänomen; auch an der im Text erwähnten Lübecker Bucht gibt es Enthusiasten des Diktators, mitunter aus den führenden Reihen der Politik? http://www.abendblatt.de/region/norddeutschland/article566965/Luebecker-Linkspartei-Chef-feierte-Stalins-Geburtstag.html
2.
Solnzevo Wolkow 05.03.2013
NUn, wir mögen es mit "befremden" wahrnehmen. Doch zum Glück geht der Autor am ende auf die Thematik ein. Denn sogerne auch gegen Putin gehetzt wird, für viele Russen ist er ein kleiner Stalin, der nach den Jelzin-Jahren wieder etwas Ordnung in den Staat brachte. Nun regieren eben seine Vasallen die Provinzen, Städte und Dörfer. Als kleineres Übel zu selbsternannten Regionalfürsten für viele normale Leute das bisschen Sicherheit, für das man auch keine Alternative sieht. Denn ohne Machtapparat den man kontrolliert, keine Kontrolle über das Land!
3.
David Meskhi 05.03.2013
"Während der Diktator oft für mehrere Wochen oder Monate etwa die Abgeschiedenheit des abchasischen Gagra an der kaukasischen Schwarzmeerküste bevorzugte" Dem Autor muss ich widersprechen, man sieht wie "gut" sich manche Autoren mit der geo-politischen Lage auskennen oder was ich noch schlimmer finde absichtlich versuchen politische Desinformation zu vertreiben. Hier handelt es sich nicht um abchasische Gagra oder kaukasische Schwarzmeerküste. Schade dass der Artikelverfasser das Land Georgien "vergessen" hat zu erwähnen.
4.
Werner Haertel 05.03.2013
Der Autor weist mit Recht darauf hin, dass die Sowjetunion unter Stalin ihren Prozess der Industrialisierung in nur zehn Jahren durchlaufen hat; dazu wäre zu ergänzen, dass dieser Vorgang auch in den Staaten Westeuropas Millionen Opfer gekostet hat, z.B. durch die Kinderarbeit im 19. Jahrhundert. Dass die unter großen Opfern aufgebaute sowjetische Schwerindustrie dann die Rote Armee in die Lage versetzt hat, den Hitlerfaschismus zu besiegen, verdient ebenfalls Erwähnung.
5.
Clemens Klein 05.03.2013
Überaus passendes Zitat von Gustave LeBon: "Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen mißfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht, stets ihr Opfer."
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