68er-Aufstand Sturm auf Springer

68er-Aufstand: Sturm auf Springer Fotos
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Barrikaden, Pflastersteine, ausgebrannte Fahrzeuge: Aufgehetzt von der "Bild"-Zeitung schoss der Hilfsarbeiter Josef Bachmann am 11. April 1968 den Studentenführer Rudi Dutschke nieder. Das Attentat löste die "Osterunruhen" aus - die größten Straßenschlachten, die die BRD bis dahin gesehen hatte. Von

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Es sind über 2000 Menschen, die am Abend des 11. April 1968 in West-Berlin von der Technischen Universität nach Kreuzberg ziehen. Ihr Ziel ist der Sitz des Axel-Springer-Verlages unmittelbar an der Mauer. Die Demonstranten sind aufgewühlt; "Springer, Mörder!", skandieren sie. Der Rechtsanwalt Horst Mahler und Bernd Rabehl vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund, SDS, marschieren an der Spitze; Fritz Teufel, Dieter Kunzelmann, Bommi Baumann und andere Kommunarden sind dabei. Die Stimmung ist explosiv.

Rudi Dutschke, der charismatische Kopf der Studentenbewegung liegt bewusstlos - von drei Kugeln getroffen - im Krankenhaus; die Ärzte kämpfen um sein Leben. Für seine Freunde und Genossen ist klar, wer für das Attentat vor allem verantwortlich ist: Axel Springer und seine Zeitungen. Der Verleger kontrolliert über 70 Prozent der Tagespresse in West-Berlin. "Stoppt den Terror der Jungroten jetzt", war zuvor in der Bild-Zeitung zu lesen gewesen. "Man darf auch die ganze Drecksarbeit nicht der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen." Die "Berliner Morgenpost" hatte empfohlen: "Störenfriede ausmerzen." Nahezu täglich hetzen die antikommunistischen Frontstadtblätter gegen "Polit-Gammler", die "FU-Chinesen" oder die "rote SA".

Es ist Gründonnerstag, die meisten Polizisten haben sich in den Osterurlaub abgemeldet, nur 200 Polizisten sind rund um das 19 Stockwerke hohe Springer-Haus postiert. Die "konkret"-Journalistin Ulrike Meinhof stellt ihr Auto für eine Barrikade zur Verfügung und reicht Steine nach vorne. Am nächsten Tag erklärt sie bei einer Versammlung: "Wirft man einen Stein, so ist das ein strafbare Handlung. Werden tausend Steine geworfen, ist das eine politische Aktion." Ein paar Demonstranten gelangen bis in das belagerte Gebäude; doch dann erblicken sie in der Vorhalle, wie sich Bernd Rabehl erinnert, "die geballte Macht der Arbeiterklasse": Drucker und Setzer mit schweren Schraubenschlüsseln bewaffnet, wild entschlossen ihre Arbeitsplätze zu verteidigen. Rabehl: "Wir gingen durch die Drehtüre gleich wieder raus."

Ein Agent Provocateur verteilt "Molotow-Cocktails"

Bei den allermeisten Demonstranten fehlt die Entschlossenheit, das Haus wirklich zu stürmen. Sie ziehen zur Ausfahrt der Druckerei, bauen dort Barrikaden, die von der Polizei beiseite geschoben werden. Peter Urbach, ein Agent Provocateur des Berliner Landesamtes für Verfassungsschutz, verteilt "Molotow-Cocktails" genannte kleine Brandbomben. Ein paar Militante greifen zu. Als sich die Lage gegen Mitternacht beruhigt, sind ein paar Springer-Fahrzeuge ausgebrannt, die meisten jedoch konnten mit Verspätung ihre Zeitungen ausliefern. Auf der "Bild" prangt die Schlagzeile: "Terror in Berlin!"

Der Mann, der den Marsch auf das Springer-Hochhaus verursacht hatte, war erst am Morgen des 11. April mit dem Zug von München nach West-Berlin gereist. Der Hilfsarbeiter Josef Bachmann, 23, der ein Bild Adolf Hitlers in seinem Zimmer zu hängen hatte, wollte - angeregt durch den Mord an Martin Luther King - den bekanntesten Protagonisten der Studentenbewegung ausschalten.

Auf seiner Suche nach Rudi Dutschke fand er in der Wohnung der Kommune 1 Rainer Langhans, der ihm riet, im nicht weit entfernten Zentrum des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, SDS, nachzufragen. Bachmann ermittelte auf dem Einwohnermeldeamt die Adresse des SDS-Zentrums, Kurfürstendamm 140, und wartete dort. "Es kann natürlich mal irgendein Neurotiker oder Wahnsinniger mal 'ne Kurzschlusshandlung durchführen", hatte Dutschke kurz zuvor einem Reporter die Frage beantwortet, ob er sich um seine Sicherheit sorge. Er wohnte zumindest nicht mehr im SDS-Zentrum, sondern mit Frau und Tochter bei dem Theologie-Professor Helmut Gollwitzer.

Sturm auf das Springer-Hochhaus

Ins SDS-Zentrum kam er an diesem Tag nur, weil er Material für einen Artikel abholen wollte, den er dem "konkret"-Redakteur Stefan Aust versprochen hatte. Außerdem wollte er Nasentopfen für seinen Sohn Hosea Ché kaufen. Es war kurz nach 16.30 Uhr als Bachmann auf Dutschke zuging, der mit seinem Fahrrad am Rand des Kurfürstendamms stand. Er fragte: "Sind Sie Rudi Dutschke?" Der sagte nach kurzem Zögern. "Ja." Bachmann zog eine Pistole, rief "Du dreckiges Kommunistenschwein!" und drückte ab. Dutschke lief in den Kopf getroffen ein paar Schritte und stürzte hin; Bachmann schoss ihm aus nächster Nähe noch einmal in den Kopf und die Schulter.

Als die Nachricht vom Attentat auf Dutschke und dem Sturm auf das Springer-Hochhaus sich verbreitete, sprang der Funke von West-Berlin nach West-Deutschland über. Am Karfreitag versammelten sich in Hamburg auf der Moorweide 2000 Demonstranten. Der Studenten-Aktivist Jens Litten rief: "Unser bisheriger Protest gegen die autoritär-faschistischen Tendenzen konnte diese nur bloßlegen. Jetzt müssen wir jedoch einen offenen Kampf gegen sie beginnen."

Die Demonstranten zogen zum Sitz des Springer-Verlages und versuchten die Lieferfahrzeuge zu stoppen. Die Polizei brach mit Gummiknüppeln und Wasserwerfern die Blockade. Der Hamburger Senat traf sich am Ostersamstag zu einer Sondersitzung. In 27 Städten kam es an den Ostertagen 1968 zu Protesten und teilweise zu Straßenkämpfen, die an die Weimarer Republik erinnerten. Solche Szenen hatte die 19 Jahre junge Bundesrepublik bislang nicht erlebt. Rund 20.000 Polizisten wurden in der gesamten Republik aufgeboten, um die "Osterunruhen" niederzuschlagen. Gegen 827 Beschuldigte wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet.

"Gestern Dutschke, morgen wir"

"Wir schrien unsere Wut heraus, viele von uns warfen zum ersten Mal bedenkenlos Steine", erinnerte sich die Frankfurter Studentin Inga Buhmann später. "Wir alle fühlten uns getroffen, unsere Empörung war grenzenlos. Als wir beim Springer-Hochhaus angekommen waren, war der Zorn nicht mehr zu bändigen."

"Gestern Dutschke, morgen wir", skandierten Demonstranten in München. Ein Polizeihauptwachtmeister konterte zum Vergnügen seiner Kollegen: "Hoffentlich noch heute." In der bayerischen Landeshauptstadt kamen der Fotograf Klaus-Jürgen Frings, 32, und der Student Rüdiger Schreck, 27, zu Tode. Frings wurde von einem Stein am Kopf getroffen, Schreck von einem stumpfen Gegenstand. Ihre Todesumstände wurden nie genau aufgeklärt.

Sogar im Ausland kam es zu Protestaktionen. In Rom schleuderten Italiener Molotow-Cocktails in Porsche- und Mercedes-Vertretungen, In London schützten mehrere hundert Bobbies die Büros des Springer-Verlages; Demonstranten riefen "Sieg Heil!" An Ostern 1968 bekamen brave Bürgerkinder politischen Nachhilfeunterricht. In Esslingen hetzten ordnungsliebende Bürger Schäferhunde auf Demonstranten, in Frankfurt knüppelten berittene Polizisten mit langen Latten auf Protestierende ein. "Der Gegenschlag der Staatsgewalt", hieß es im SPIEGEL, "von der Polizei im Namen des Rechtsstaats mit Gummiknüppeln durchgeführt, war ungleich brutaler." - als die Gewalt der Demonstranten.

Springer flüchtete in die Schweiz

Es waren an Ostern 1968 nicht mehr nur Studenten, die auf die Straße gingen. In München zählten nur weniger als ein Drittel der 110 Festgenommenen zum akademischen Nachwuchs. Die Revolte hatte nun Lehrlinge, Schüler und Dissidenten aller Schichten in ihren Bann gezogen. Gleichzeitig eskalierten die Schüsse auf Dutschke die Konfrontation zwischen der Neuen Linken und dem Staat. Die Gewaltspirale hatte bereits am 2. Juni 1967 ihren Anfang genommen, als ein West-Berliner Polizist den Studenten Benno Ohnesorg erschoss. Bei den Osterunruhen radikalisierte sich der militante Teil der Bewegung weiter und ging einen Schritt in Richtung Terrorismus.

"Wirklich ein High", war die Blockade des Berliner Springer-Hochhauses für Bommi Baumann: "Als ich vor den Flammen gestanden bin, ist mir klar geworden: Hier kannst du was erreichen." Vier Jahre später zählte Baumann zu den Gründern der terroristischen Gruppe "Bewegung 2. Juni". In Ost-Berlin dichtete Wolf Biermann ein Lied mit dem Titel "Drei Kugeln auf Rudi Dutschke, ein blutiges Attentat." Darin heißt es "Die Kugel Nummer Eins kam aus Springers Zeitungswald." Das Fazit der bitteren Moritat des heutigen Kulturkorrespondenten des Springer-Blattes "Welt": "Wenn wir uns jetzt nicht wehren, wirst du der Nächste sein."

Axel Springer, der am Tag des Attentats aus den USA zurückkehrte, flüchtete in die Schweiz statt in West-Berlin seinen Mann zu stehen. Als er dann in die Frontstadt zurückkehrte, sagte er zu seinem Generalbevollmächtigten Christian Kracht: "Ich habe keine Lust mehr. Suchen Sie einen Käufer. Es muß aber mindestens eine Milliarde rausspringen."

Josef Bachmann, der kurz nach den Schüssen auf Dutschke, selbst von einem Polizisten angeschossen und festgenommen worden war, gelang es Ende Februar 1970, bei seinem siebten Versuch, Selbstmord zu begehen. Im Gefängnis erstickte er sich mit einer Plastiktüte, die er sich über den Kopf zog. Dutschke musste nach dem Attentat mühsam wieder Sprechen und Lesen lernen. "'Vietnam' war eines der ersten Worte", kolportiere sein chilenischer Vertrauter Gaston Salvatore später, das er wieder gelernt habe. Nach einer Irrfahrt durch die Schweiz, Italien und Großbritannien, wo die Familie wieder ausgewiesen wurde, ließen sich Dutschke, Gretchen und ihre beiden Kinder 1970 im dänischen Arhus wieder. Am Weihnachtsabend 1979 starb Rudi Dutschke dort an den Spätfolgen des Attentats. Zu Hause erlitt er einen epileptischen Anfall und ertrank in der Badewanne.

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