68er-Protestplakate Revolution reloaded

68er-Protestplakate: Revolution reloaded Fotos
Ernst Volland

Viele Plakate der frühen Friedens- und Anti-Atom-Bewegung sind längst Ikonen der Zeitgeschichte. Jetzt erleben sie bei Demos eine Renaissance. Der Künstler Ernst Volland zeigt auf einestages seine besten Arbeiten von damals - viele wirken verblüffend aktuell. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
  • Zur Startseite
    4.0 (9 Bewertungen)

Kürzlich kam meine erwachsene Tochter Janna zu mir mit einer Bitte: Sie wolle zu einer Demo gegen Atomkraft und dort als Sandwich-Girl gehen, also mit einem Plakat vorn und einem zweiten auf dem Rücken. Die passenden Motive dafür meinte sie in meinem Atelier zu finden.

"Sieht das nicht etwas ulkig aus, im Digitalzeitalter als 180 Zentimeter lange Litfaßsäule in einem Demonstrationszug mitzumarschieren?", fragte ich sie, ohne zu erwähnen, dass mich ihr Interesse an meinen Plakaten natürlich sehr freute. "Warum? Die Plakate sind doch hochaktuell", meinte sie. "Von wann ist zum Beispiel das Motiv 'Ist das die Zukunft unserer Kinder?'"

"Das ist aus dem Jahr 1976, zehn Jahre vor Tschernobyl", antwortete ich.

"Oh, das war ja sechs Jahre vor meiner Geburt."

Ich erzählte ihr, dass ich das Plakat damals nicht nur entworfen hatte, ich hatte es auch selbst gedruckt und vertrieben - ohne jeden Auftrag. Es sei mein künstlerischer Beitrag zur politischen Bewegung gewesen. Damals, im Jahre 1976, war die Anti-Atomkraft-Bewegung gerade dabei, sich in Deutschland zu formieren.

Festung Brokdorf

Am 13. November 1976 war ich um 3 Uhr in der Nacht aufgestanden. Mit Gleichgesinnten fuhr ich in einem Bus von Berlin an die Elbe. Das genaue Ziel unserer Reise befand sich etwa fünf Kilometer südlich von Brunsbüttel: der Bauplatz des Atomkraftwerks Brokdorf. Er lag direkt an der Elbe. Aus allen Teilen der Bundesrepublik waren AKW-Gegner angereist, um gegen den Bau des Kraftwerks zu demonstrieren.

Der Protest ging durch alle Bevölkerungsschichten. Bauern aus der Marsch setzten sich auf ihre Trecker. Bewohner der umliegenden Orte wanderten mit Demonstranten über die Wiesen bis zum Bauzaun. Über ihren Köpfen kreisten Polizeihubschrauber, manchmal bedrohlich nahe in nur fünf Metern Höhe.

Direkt am Bauzaun, der mit einem Wassergraben umgeben war, suchte der harte Kern der Demonstranten die direkte Auseinandersetzung mit der hochgerüsteten Polizei. Es gab Schwerverletzte auf beiden Seiten. Die Polizei setzte Wasserwerfer, berittene Beamte und Hunde ein, um uns Demonstranten auseinanderzutreiben. Nass und müde verließen wir am späten Nachmittag die Umgebung der Festung Brokdorf.

Der Rauch der Tränengasgranaten schmerzte in den Augen. Nicht weit vom Bauplatz, in sicherer Entfernung, hatten freiwillige Helfer, meist Anwohner, mobile Versorgungsstände aufgebaut, an denen man sich mit Decken wärmen und heißem Tee erfrischen konnte. Die Stimmung war prächtig. Ich verteilte einige meiner selbstentworfenen Postkarten, notierte Adressen von Anti-AKW-Gruppen und versprach, weiteres Material zu schicken. Einige Plakate hatte ich zuvor schon im Ort geklebt.

Auftragsarbeiten - Nein danke

Nach Brokdorf veränderte sich die Republik. Die Zahl der Mitglieder im Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz stieg auf 300.000; es entstanden Hunderte neuer Bürgerinitiativen. In Wyhl am Rhein etwa, in der Nähe des Kaiserstuhls, konnten Demonstranten durch jahrelanges, beharrliches Engagement ein geplantes Kernkraftwerk verhindern.

Die neuen politischen Bewegungen formierten sich schließlich zu einer eigenen Partei. Noch während der Gründungsphase der Grünen, 1979, bat mich der Landesverband Nordrhein-Westfalen, zu seinen drei Kernthemen "Alternative Energien - Ja bitte"; "Schnüffel - Nein danke" und "Paragraphenflut - Nein danke" Plakate zu entwerfen. Es blieb meine einzige Parteiarbeit. Ich wollte lieber frei arbeiten und unabhängig bleiben. Meine Arbeiten verkaufte ich an mobilen Ständen bei politischen Veranstaltungen, über Buchläden oder privat.

Es war mit wichtig, den Produktionsablauf von Anfang bis Ende selbst zu bestimmen. Die Arbeiten sollten unzensiert ans interessierte Publikum gelangen. Außer um die Atomkraft ging es mir um Themen wie Umweltzerstörung, reaktionäre Politiker und die Friedensbewegung. Was es bedeutete, frei und ohne Auftraggeber zu arbeiten, sollte ich auch zu spüren bekommen: Etliche Male wurden meine Arbeiten von der Polizei beschlagnahmt, es gab Ermittlungsverfahren, Hausdurchsuchungen, Morddrohungen.

"Die Bundesrepublik gegen Volland"

Der von mir entworfene Aufkleber "Öffentlicher Dienst" beschäftigte sogar das Gericht. Er klebte an der Scheibe eines Autos, das einem Schauspieler gehörte, und war für die Polizei Grund genug, das komplette Fahrzeug zu beschlagnahmen. Nach etlichen Ermittlungsverfahren wurde in Köln 1976 der Prozess "Die Bundesrepublik gegen Volland" aufgerufen. Man wollte das Motiv "Öffentlicher Dienst" grundsätzlich verbieten, da man in der Benutzung des Bundesadlers "die Verletzung eines deutschen Hoheitszeichens" sah.

Der Versuch endete mit einem Freispruch. Mein Anwalt hatte beweisen können, dass die im Plakat aufgeführten Berufe Schleimer, Duckmäuser, Schnüffler und Kriecher nicht existieren und damit für jedermann offensichtlich sei, dass es sich bei dieser Arbeit um eine Satire handelt. Und die Satire darf nach Tucholsky alles.

Während ich von vergangenen Zeiten erzählte und mich an meine ersten Arbeiten erinnerte, schaute meine Tochter auf die im Atelier auf dem Boden ausgebreiteten Plakate. Schließlich hatte sie sich entschieden: Sie wollte das Motiv mit dem Reaktor und der Frage nach der Zukunft - obwohl der Entstehungszusammenhang schon eine ganze Generation zurücklag. "Und das Plakat 'Horrorleben' von 1979 nehme ich auch", meinte sie. "Das Problem der Endlagerung ist ja auch nicht gelöst."

Zum Weiterschauen:

Plakate von Ernst Volland sind in der Ausstellung "Visuelle Revolten. Schnitte durch die Plakatszene um 1968" vom 20. Januar 2011 bis 11. März 2012 im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Münster zu sehen.

Die Hamburger Kunsthalle, Hubertus Wald Forum, zeigt vom 11. Februar bis 22. Mai 2011 die Ausstellung "UNSCHARF. Nach Gerhard Richter" mit Fotografien, Gemälden, Installationen und Filmen von 23 Künstlern - darunter Ernst Volland.

Den Katalog aller Plakate, Postkarten, Aufkleber etc. von Ernst Volland können Sie per E-Mail anfordern.

Artikel bewerten
4.0 (9 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Josefine Bode 19.03.2012
Verblüffend aktuell, in der Tat Abgesehen vom Thema Atom ist alles noch ebenso brisant. Staatliche Schnüffler die gewählte linke Abgeordnete überwachen aber jahrelange, braune Mordkampagnen übersehen. Konzerne die die Demokratie dominieren, Umweltzerstörung, usw.. Das Unangenehme ist dass nach Jahrzehnten diese Problem immer noch ebenso virulent sind, also all die Zeit weiter wirkten. Und Gauck, unser neuer ideologischer Steuermann im höchsten Amt, hat damals schon nicht verstanden was diese Protestiererei soll. Geschweige denn heute....
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH