70 Jahre Bob Dylan Der Große Vorsitzende des Folk

70 Jahre Bob Dylan: Der Große Vorsitzende des Folk Fotos
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Ganz am Anfang war es Missachtung, und auch später war Michael Kloft eher von Siouxsie and the Banshees oder Joy Division fasziniert als von Bob Dylan. Zum 70. Geburtstag des Meisters erinnert sich der SPIEGEL-TV-Autor bei einestages, wie ihn der einst so Geschmähte doch noch in seinen Bann zog - und nicht wieder losließ. Von Michael Kloft

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Am Anfang war es Missachtung. Sätze wie "Gott schütze die Königin, sie ist kein menschliches Wesen" oder "Wir sind völlig leer, aber das ist uns egal" der Sex Pistols erschienen wahrhaftiger und mutiger zu sein als die verschwurbelte Poesie Bob Dylans - eines an sich selbst und seinen Beziehungsproblemen leidenden Protestsängers, der Mitte der siebziger Jahre langweilige Schallplatten ("Hard Rain") und öde Filme ("Renaldo und Clara") herausbrachte. Das dachte ich.

Die Bonner Republik wurde von einem alles besser wissenden Kanzler und einem ungelenken Oppositionsführer beherrscht. Die "Bleierne Zeit" erschien einem heranwachsenden Jugendlichen nicht ganz so bleiern. Ein Zappa-Konzert machte mehr Spaß als ein Ostermarsch, "Harold and Maude" besaß mehr Seele als ein Klaus-Wildenhahn-Film. Vom Vietnam-Krieg und der Unterdrückung der schwarzen Amerikaner war in dieser Welt kaum etwas zu spüren. Warum also musste ein Mann mit Mundharmonika unsere Ohren foltern? Das dachte ich.

Die Aufregung um die erste Dylan-Tournee durch die Bundesrepublik stieß 1978 auf wenig Verständnis. Als die Radiosender "Baby Stop Crying" spielten, war die Überraschung groß, wie modern der Mann sein konnte. Doch sofort setzte eine heftige Abstoßungsreaktion ein. "Street Legal" musste im Plattenladen bleiben, die ersten Alben von Magazine, Devo und Siouxsie and the Banshees faszinierten ungleich mehr mit den rohen Riffs von John McGeoch ("Shot by both Sides"), den abgründigen Liedern der Gebrüder Mothersbaugh und Casale ("Mongoloid") und der schneidenden Stimme von Siouxsie Sioux ("Love in a Void"). Die Empörung altgedienter Dylan-Fans über die "Las Vegas Shows" in der Dortmunder Westfalenhalle amüsierte eine Weile. Enttäuschung über den Sündenfall des angebeteten Meisters mit Wimperntusche und Chorgesang schien durchaus eine gerechte Strafe für Betonköpfe zu sein, die humorlose Phrasen droschen und Mao-Bibeln verkauften. Das dachte ich.

Dylan? Beschwörungsformeln von Joy Division!

Kurze Zeit später fegte der Postpunk den muffigen Bombast der siebziger Jahre hinweg. Texte und Gesang von John Lydon und Ian Curtis, die industriellen Klänge der "Fab four" von "Throbbing Gristle" entfernten sich mit Lichtgeschwindigkeit von der Schrammelmusik des Barden aus Minnesota - und verglühten binnen kurzem. Bob Dylan entfernte sich im falschen Zug zur Religion, die "Public Image Limited" so wuchtig in ihren Liedern geißelte. Wichtiger als Lieder über die christliche Wiedergeburt, Jesus und das Seelenheil waren Beschwörungsformeln von Joy Division, dass die Liebe uns zerreißen wird und man besser zu live gespielten Liedern aus dem Radio Stakkato tanzen kann. Das dachte ich.

In der musikalischen Wüstenei der achtziger Jahre blieb Dylan eine gelegentlich schimmernde Fata Morgana. Inmitten all der bunt toupierten Marktschreier störten die Grunzlaute des knorrigen Predigers nicht mehr. Der Mann im langen schwarzen Mantel steckte schließlich quer im Hals der Neunziger. Dylans akustischer Schlag an die Himmelstür von MTV war das letzte Aufbäumen eines Dinosauriers, der den Meteoriteneinschlag des Punk nun schon so lange überlebt hatte. Das dachte ich.

Dann kam der 13. Juli 1996. Neil Young sollte ein Freiluftkonzert in Hamburg geben. Der alte Fahrensmann aus der Ära des politischen Aufbruchs produzierte im Gegensatz zu Dylan immer noch erfrischende Rockmusik, überschritt Grenzen da, wo der Geistesgenosse allen Erwartungen den Rücken kehrte. Rost schläft niemals, warnte der Kanadier und erkannte in Johnny Rotten einen Gleichgesinnten. Das Album "Mirrorball" mit Pearl Jam hatte Young im Jahr zuvor den Weg zur Frischzellenkur für alternde Stars gewiesen, der gemeinsame Auftritt in der Berliner Waldbühne war der Beweis. Das dachte ich.

Der Widerstand brach wie die Mauern von Jericho

Zu dumm, Bob Dylan war auf der Trabrennbahn in Bahrenfeld als Vorprogramm angekündigt. Auf hinterer Position in Fluchtstellung verharrend gab es kein Entrinnen mehr. Der Musiker betrat mit einem rosafarbenen Anzug die Bühne und begann, über ein Mädchen mit einem Hut aus Leopardenfell zu singen, das um des teuren Kleidungsstücks willen geliebt wird. Bei "Sag hallo, wenn Du sie siehst" entfaltete sich die betörende Magie seiner Kunst. "All along the Watchtower" ging bis zu diesem Moment als Jimi-Hendrix-Klassiker durch, doch sein Schöpfer ließ die verschlüsselte Botschaft bis in die hinterste Ecke leuchten. Der Widerstand brach wie die Mauern von Jericho, Neil Young wirkte plötzlich nur noch wie ein greiser König, der sich auf jünger schminkt.

Über 20 Jahre der Missachtung verwandelten sich binnen weniger Minuten in Bewunderung. Vielleicht war Dylans christliche Phase nicht nur für ihn eine Zeit der Läuterung gewesen?

Es folgten grandiose Alben und unvergessene Auftritte. Die nicht enden wollende Tournee machte immer seltener Station in Hamburg. So kam die Ankündigung, dass Bob Dylan am 26. Juni 2011 im Stadtpark gastieren würde, wie ein langersehnter heftiger Regenguss in der Dürre. Die Platten bringen ihn schon vorher zurück, darunter eine Schwarzpressung, aufgezeichnet am 20. Juni 1978 im Londoner "Earls Court". Mascara und Chormädchen sitzen hörbar perfekt, die Musik sprengt die Vorstellungskraft. Die "Masters of War" kommen in schwerer Rüstung elektrisiert daher, und die Anti-Kriegs-Ballade nimmt in eine Rockhymne verwandelt mühelos den imaginären Kampf mit den jungen Anarchisten von "PIL" auf, die ein halbes Jahr später nicht nur das einige Meilen weit entfernte "Rainbow Theatre" ins Wanken bringen werden. Tanzbar das Publikum wiegend gibt "Blowin' in the Wind" die eindeutige Antwort auf die Frage, wer den längeren Atem haben wird.

Vorwurfsvoll wurde unlängst die Abwesenheit des fast 50 Jahre alten Klassikers bei den Konzerten in Peking und Shanghai als Verrat an der guten Sache beklagt. Der Künstler hat den Vorwurf der Unterwerfung unter die Zensur zornig zurückgewiesen. Die Dylan-Astrologen veranstalten sicherlich eines Tages ein wichtigtuerisches Seminar dazu, übersehen aber schon jetzt, dass die Chinesen den Inbegriff der westlichen Musik in Strauß-Walzern und Bohlen-Schnulzen zu erkennen glauben. Vielleicht hat sich der nimmermüde Yü Gung aus dem Gleichnis des Großen Vorsitzenden Mao seit 70 Jahren als Bob Dylan verkleidet, und das späte Erscheinen im Reich der Mitte entpuppt sich irgendwann als eine revolutionäre Tat von geschichtlichem Ausmaß. Die Musik jedenfalls versetzt seit Jahrzehnten Berge.

Lang lebe Bob Dylan!

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1.
Ursula Sickmann 23.05.2011
Bravo! See you in HH
2.
Fritz Grüner 23.05.2011
Was soll denn das ewige Hochgejuble ? Außer den Kritikern hat dieser Rumnöler nie eine große Fangemeinde gehabt - wieso auch ?
3.
Jürgen A. Sabarz 23.05.2011
Wer ist denn eigentlich, bitteschön, dieser Michael Kloft? Rasselt massenhaft Namen runter um Qualifikation vorzutäuschen - typisches name calling Gehabe. Wer so lange braucht wie Herr Kloft, um die Qualitäten von Dylan zu erkennen, hat einen schweren kulturellen Defekt. Auch solche Leute gibt´s beim SPIEGEL. Schönen Tach noch, Herr Kloft. Sie waren spät dran mit Ihrer Schreibe. Hätten sich besser einen auf die Stones runtergeholt - mit Bob Dylan haben Sie nichts zu tun! Gruß Jürgen Sabarz
4.
Frank Monden 23.05.2011
Hm, so ganz erschlossen hat sich mir nicht, was den Autor nun so begeistert hat. Für ein normal denkenden Menschen sind diese verklausolierten Sätze wohl nicht so zugänglich.
5.
stefan weidle 23.05.2011
Ein sehr schöner Artikel, Herr Kloft, zeigt er doch, daß jeder, der sich intensiv mit Rockmusik beschäftigt, irgendwann auf irgendeine Weise bei Dylan landet ? auch wenn er nicht von Anfang an dabei war, da einer späteren Generation zugehörig. Dylan bildet sozusagen das Epizentrum der bebenden Bässe: Man kommt auf die Dauer nicht an ihm vorbei. Und ich war übrigens 1978 beim Konzert in Dortmund. Und komme, wenn ich's irgend schaffe, nach Hamburg.
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