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"Casablanca" Propagandakrieg in "Rick's Café"

"Casablanca": Propagandakrieg in "Rick's Café" Fotos
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Diese Filmtränen waren echt! Als "Casablanca" 1942 in die Kinos kam, berührte das Melodram die Welt mit der Romanze zwischen Bogart und Bergman. Beim Dreh weinten viele Schauspieler jedoch aus einem ganz anderen Grund: Sie spielten in dem Anti-Nazi-Film ihr eigenes Schicksal nach. Von

Sie singen das Lied mit stolzgeschwellter Brust, Gläser mit Champagner in den Händen, Hakenkreuze auf ihren schwarzen Uniformen:

"Es braust ein Ruf wie Donnerhall,

wie Schwertgeklirr und Wogenprall:

Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!"

Doch dann mischt sich in "Rick's Café Américain" eine andere Melodie in den Gesang der Deutschen. Es ist die "Marseillaise" - und gesungen wird sie von all jenen in der Bar, die durch den Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Von all den Verfolgten und Entwurzelten, den Franzosen und Deutschen, den Ungarn, Polen, Spaniern, Österreichern, die in Casablanca Schutz vor den Schergen Hitlers suchen oder hoffen, von dort nach Amerika fliehen zu können. Immer lauter wird das Lied. Sie singend zitternd, mit bebenden Stimmen und ernsten Gesichtern. Sie singen mit Tränen in den Augen. Sie singen, bis die Wehrmachtsoffiziere verstummen. Sie singen die Nazis nieder.

Es ist eine der berühmtesten Szenen aus dem Film "Casablanca". Dan Seymour war am Set, als sie gedreht wurde. Der Amerikaner spielte in der Hollywood-Romanze eine kleine Rolle als zwielichtiger Geschäftsmann. An diesen Tag erinnerte er sich noch Jahre später. Denn als er um sich blickte, bemerkte der Schauspieler, dass die Hälfte seiner Kollegen am Set tatsächlich weinte. "Mir wurde plötzlich klar, dass sie alle Flüchtlinge waren."

Liebesschwüre und Propaganda

70 Jahre nachdem "Casablanca" in die Kinos kam, ist der Klassiker bekannt für vieles: Für seine unmögliche Romanze zwischen Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann. Für das Liebeslied "As Time Goes By", mit dem der Barpianist Sam schmerzliche Erinnerungen an Paris in den beiden Liebenden weckt. Oder dafür, dass die Dialoge mehr unsterbliche Filmzitate hergeben, als jedes andere Hollywood-Drehbuch. Etwa Bogarts "Ich seh' dir in die Augen, Kleines", Bergmanns "Küss mich, küss mich als wäre es das letzte Mal" oder die Ansage des korrupten französischen Polizeichefs Renault: "Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen."

2002 wählte das American Film Institute "Casablanca" auf Platz eins einer Bestenliste der größten Liebesfilme. Vor "Vom Winde verweht" und der "West Side Story". Über die Qualitäten des Films als eines der ganz großen Melodramen Hollywoods wird manchmal vergessen, dass "Casablanca" zum Zeitpunkt seiner Entstehung 1942 auch als Propagandafilm gegen die Nazis dienen sollte - und dass sich auf dem Set die traurige Realität des Zweiten Weltkrieges mit dem Dargestellten auf einmalige Art vermengte.

Denn wie die sich unter französischem Protektorat befindliche Stadt Casablanca, wurde auch Hollywood im Zweiten Weltkrieg ein Sammelbecken für die Heimatlosen. Michael Curtiz, Regisseur von "Casablanca", hatte zuvor mit Abenteuerfilmen wie "Robin Hood" und "Unter Piratenflagge" Errol Flynn zum Star aufgebaut und war damals der wichtigste Filmemacher der Warner-Studios. Sein richtiger Name war Manó Kertész Kaminer und er hatte nicht vergessen, dass auch er einst als jüdischer Emigrant nach Hollywood gekommen war. So setzte er durch, dass in "Casablanca" etliche Nebenrollen mit Schauspielerinnen und Schauspielern besetzt wurden, die in Europa nicht nur eine große Karriere im Filmgeschäft oder am Theater zurücklassen mussten, sondern auch ihre gesamte Habe.

Flüchtlinge spielten plötzlich Nazis

Bedeutende europäische Stars spielten in "Casablanca" plötzlich Rollen ohne jeden Anspruch oder auch nur eine einzige Dialogzeile: einen Taschendieb, einen Flüchtigen, der gleich am Anfang des Films von hinten erschossen wird oder ein altes Ehepaar, das an einem Tisch der Bar Englisch übt, um für seinen Neustart in Amerika vorbereitet zu sein:

"Liebchen… äh, Sweetness-Heart, what watch?", fragt der alte Herr seine Frau.

"Ten watch."

"Such much?"

Es könnte eine urkomische Szene sein, wenn die alte Dame nicht Ilka Grüning gewesen wäre, die in Berlin eine wichtige Schauspielschule geleitet hatte und der Mann Ludwig Stössl, ein bedeutender österreichischer Theaterregisseur und Schauspieler. Wie vielen anderen machte die Sprachbarriere ihnen die große Karriere in Hollywood unmöglich.

Eine besondere Ironie des Schicksals ist, dass etliche Flüchtlinge aus Deutschland wegen ihres deutschen Akzents während des Zweiten Weltkriegs in Hollywood fast ausschließlich Rollen als Nazis fanden. Unter den singenden Wehrmachtsangehörigen in "Rick's Cafe" befand sich etwa Hans Heinz von Twardowski, der wegen seiner Homosexualität aus Deutschland flüchten musste. Den Befehlshaber Major Strasser spielte der deutsche Filmstar Conrad Veidt, unter anderem bekannt aus dem Stummfilmklassiker "Das Cabinet des Dr. Caligari". Veidt war ein entschiedener Gegner der Nazis, der Deutschland verlassen musste, weil seine Frau Jüdin war.

Vom Filmstar zum "feindlichen Ausländer"

Es waren aber nicht nur die kleinen Rollen in "Casablanca", deren Besetzung vom Krieg beeinflusst wurde. So verlieh MGM laut Aljean Harmetz seinen Star Ingrid Bergman aus Kalkül an den Konkurrenten Warner: In ihrem "Casablanca"-Buch "Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen" schreibt die amerikanische Filmjournalistin, der Studio-Chef David O. Selznick habe befürchtet, dass Schweden dazu gezwungen werden könnte, den Achsenmächten beizutreten. Dies hätte die Schwedin in eine unangenehme Lage bringen und Produzenten davor zurückschrecken lassen können, sie einzusetzen. Auch der Österreicher Paul Henreid hatte Angst - obwohl er bereits seit Jahren in Hollywood arbeitete - durch den Anschluss Österreichs plötzlich als "feindlicher Ausländer" zu gelten. So nahm er die Rolle von Bergmans Ehemann, dem tschechischen Widerstandskämpfers Victor László, nur an, um seine Position zu stärken. Denn eigentlich wollte er Helden spielen und ahnte schon, dass die "Casablanca"-Zuschauer nicht ihn und Bergman als das Traumpaar des Films in Erinnerung behalten würden.

Aber eigentlich dachte beim Dreh des Films niemand darüber nach, dass "Casablanca" von irgendwem erinnert werden könnte. In der ersten Augustwoche des Jahres 1942, in der die Romanze abgedreht wurde, wurden in den Warner-Studios noch sechs weitere Filme fertiggestellt. Kurz nach dem Kriegseintritt der USA versuchten die Studios, möglichst viel Stoff vorzuproduzieren. Denn es war offensichtlich, dass die Ressourcen bald knapp werden würden. Bereits wenige Wochen nach Kriegseintritt hatten sich fünf Prozent der Schauspieler und Handwerker Hollywoods freiwillig zur Armee gemeldet, bis 1944 sollten es 22 Prozent werden.

"Casablanca" war kein großer Film. Mit knapp über einer Million Dollar Budget war er die zweitbilligste Produktion unter den sieben Filmen, die in der Woche abgedreht worden waren - und er entstand unter den strengen Beschränkungen der Kriegswirtschaft.

"Wird er dazu beitragen, den Krieg zu gewinnen?"

Die 1942 gegründete Propagandabehörde Office of War Information (OWI) hatte Hollywood ein strenges Spardiktat auferlegt. Die Lieferungen von Rohfilm wurden 1942 um 25 Prozent und ein Jahr später sogar um die Hälfte gekürzt, weil Zellulose ein Bestandteil von Schießpulver war. Massenszenen waren verboten, weil sie die Möglichkeit zu terroristischen Anschlägen boten. Für die Kulissen eines Films sollten nicht mehr als 5000 Dollar aufgewendet werden - eine Einschränkung, die dafür sorgte, dass für "Casablanca" lediglich "Ricks Café" neu errichtet wurde. Dass der Bau allein dieser Kulisse bereits unzulässigerweise 9200 Dollar verschlang, zeigt wie unzumutbar diese Auflage war. Immerhin: In einer besonders patriotischen Pressemitteilung verkündete Warner begeistert, dass die Romanze der "erste wichtige Film dieses Kriegsjahrgangs" sei, bei dem alle Kostüme aus Baumwolle angefertigt wurden - auch Ingrid Bergmans Garderobe, die normalerweise aus Seide und Wolle hergestellt worden wäre.

Eine weitere Einschränkung führte zu einer Improvisation, die heute noch viele zum Schmunzeln bringt: Wegen strikter Verdunkelungsmaßnahmen war es dem Filmteam verboten, nachts am Flughafen zu drehen. So baute man einen behelfsmäßigen Flugzeughangar in eines der Studios. Um dennoch ein Gefühl von Weite zu erzeugen, wurde ein perspektivisch verkleinerter Sperrholzaufsteller in Form eines Flugzeuges auf dem Rollfeld positioniert - der wirkte jedoch so unecht, dass der Regisseur Curtiz sich nicht nur genötigt sah, die gesamte Szene in Nebel zu hüllen, sondern auch noch Kleinwüchsige engagierte, die aussehen sollten, als wären sie Flugzeugmechaniker, die an dem Mini-Modell arbeiten.

Auch inhaltlich griff das OWI in die Filme ein. Die erste Frage, die die Behörde an die Macher eines Filmes richtete, lautete: "Wird er dazu beitragen, den Krieg zu gewinnen?" Dass diese Frage eher Formalität war, lässt sich leicht an der Antwort ablesen, die sich Warner zurechtgelegt hatte, um "Casablanca" zu rechtfertigen: Der Film, hieß es, leiste unter anderem einen Beitrag zur Völkerverständigung, indem er die Norweger (Ingrid Bergman spielte die Norwegerin Ilsa Lund) als ein mutiges Volk darstelle.

Doch auch wenn die Propagandawirkung von "Casablanca" und den vielen weiteren Anti-Nazi-Filmen, die während des Zweiten Weltkriegs in den USA entstanden, sich eher in Grenzen gehalten hat, trug Michael Curtiz Romanze immerhin dazu bei, die Situation der Emigranten in Hollywood zu verbessern. Der Regisseur und einige der Schauspieler spendeten einen Teil ihrer Gage dem European Film Fund, einer 1938 gegründeten Organisation zur Unterstützung der in Hollywood gestrandeten Kreativen.

Als "Casablanca" am 29. August 1952 in Deutschland in die Kinos kam, war von dem Hintergrund, vor dem der Film entstanden war, nur wenig zu sehen. Die Version, die dem heimischen Publikum zugemutet wurde, war ein um 25 Minuten gekürzter, vollkommen sinnentstellter Liebesfilm. Alle Nazis wurden mitsamt der legendären Gesangsszene in "Rick's Café" aus dem Film getilgt. Und aus dem Widerstandskämpfer Victor László wurde ein norwegischer Atomphysiker, der rätselhafte Delta-Strahlen entdeckt hat.

Es sollte weitere 25 Jahre dauern, bis deutsche Zuschauer in dem Film die "Marseillaise" erklingen hörten. Im Oktober 1977 strahlte die ARD die ungekürzte Fassung des Films aus - und Deutschland durfte endlich sehen, wie Hollywoods Emigranten die Nazis niedersangen.

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Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 19 Beiträge
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1.
Walter Vogel, 29.08.2012
Ich weiß nicht, wie oft ich Casablanca schon gesehen habe. Was für ein Film! Aber ich würde gerne mal die deutsche "verstümmelte" Version von 1952 sehen. Gibt es die irgendwo als Bonusmaterial auf DVD o.ä.?
2.
Olaf Möller, 29.08.2012
"Casablanca" war und ist für mich für immer einer der besten Filme meines Lebens. Rührend, spannend, auch ironisch - einfach nur gut. Eine wahre Preziose in schwarz/ weiß. Eine nachbearbeitete Version in Farbe oder gar ein "remake" wären wohl ein echter Alptraum. Aber diese Version von 1952 interessiert mich auch - ich wüßte gern, wie die sich darstellt. Könnte nicht ein Kultursender (ARTE, Phoenix, 3sat o. ä.) einmal beide nacheinander bringen ? Dazu/ dazwischen einen instruktiven Kommentar eines Filmfachmenschen/ Historikers mit Erläuterungen zum Entstehen dieser Version ? Hallo Spiegel-TV ! Wie wäre es ?
3.
Andreas Kofahl, 29.08.2012
...und natürlich NUR im Original sehen. Normalerweise sehe ich das nicht so eng (der Pate ist im Original nicht besser z.B) aber Casablanca ... Im Original kommen die ganzen deutschen Akzente rüber und man lernt: "He's looking at you kid!" und nicht "I look into you eyes darlin" :)
4.
nils gronmeyer, 29.08.2012
Na, mir reichte die "verstümmelte" Version von "Notorious/Berüchtigt" von Hitchcock ( Mit C. Grant/Bergman) . Einfach nur grausam wie feige man damals war um den Deutschen ja nicht eine (böse) Nazigeschichte aufzutischen. Das Resultat war gruselig - im Vergleich zum Orginal. Aber noch in den 60ern wurden einige Folgen ( The Saint / Avengers ) unter diesem Aspekt gar nicht erst gezeigt... > >Aber ich würde gerne mal die deutsche "verstümmelte" Version von 1952 sehen. Gibt es die irgendwo als Bonusmaterial auf DVD o.ä.? >
5.
Constanze Meng, 29.08.2012
Nicht ganz... Er sagt zu ihr: "Here's looking at you, kid." ;)
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